Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1924 Nr. 18

Spalte:

397-398

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Raschke, Hermann

Titel/Untertitel:

Die Werkstatt des Markusevangelisten 1924

Rezensent:

Dibelius, Martin

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

397

Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 18.

398

werden und bedürfen nicht der Erklärung als Beeinflussungen
durch sonstige ähnliche Erscheinungen (indische
! S. 53, 83). Diese These in der vorliegenden
Arbeit überzeugend durchgeführt zu haben, verdient Bewunderung
und Dank.

Bonn. F. Horst.

Raschke, Hennann: Die Werkstatt des Markusevangelisten.

Eine neue Evangelienthcorie. Jena: Eugen Dicderichs 1924
(IV, 330) gr. 8°. Om. 7—; geb. 8.50.

Die Untersuchung will die These erweisen, daß das
Markus-Evangelium das Evangelium Marcions sei und
will zugleich von dieser These aus einen Schlüssel zu
dem geheimen Sinn des Buches finden. Die These liegt
auf der Ebene der wissenschaftlichen Diskussion (wenn
ich sie auch nicht für diskutabel im Sinn des üblichen
Sprachgebrauchs halte), angesichts der Beweisführung
aber, die dem Verf. zu seiner Einzeldeutung verhilft,
sehe ich keine Möglichkeit, mich mit ihm über die
Methode der Interpretation zu verständigen.

Beim Beweis seiner These geht R. natürlich von der
Notiz bei Hippolyt Refut. VII 30 aus, die Marcions
Evangelium auf das Markus-Evangelium zurückführt;
er hebt jedoch nicht hervor, daß man es in Hippolyts
Syntagma augenscheinlich anders las. Er versucht dann
weiter die Angaben Tertullians über das Evangelium des
Marcion zu diskreditieren und kritisiert ausführlich die
Belege, die Epiphanius über die Lukas-Redaktion durch
Marcion macht.

Hier muß R. zu offenbaren Gewaltsamkeiten seine Zuflucht
nehmen, um uns glauben zu machen, daß Epiphanius zwar Marcions
Evangelium mit dem Buch des Lukas verglich, Marcion aber gar nicht
dieses, sondern den Markus bearbeitet hatte. Wenn Epiphanius dabei
unzweifelhafte Lk.-Worte anführt, so muß R. zu allerlei Aushilfen
greifen, gerade weil er nnmtximTtiv nicht mit „tilgen", sondern mit
„verstümmeln" übersetzt. Das „verstümmelte" Gleichnis vom Feigenbaum
, das Epiphanius im Evangelium des Marcion vielleicht (?) fand,
— das soll die Geschichte von der Verfluchung des Feigenbaums bei
Mk. sein, weil es Lk. 13 nicht sein darf. Und die Verstümmelung der
Sabbatheilung Lk. 13, von der Epiphanius spricht, will R. auf die
Sabbatgeschichten des Mk. beziehen. Die Veränderung an der Em-
mausgeschichte aber, die Epiphanius zitiert, geht nach R. auf die zwei
Verse des unechten Mk.-Schlusses 16,12.13!

Noch schwieriger wird R.s selbstgestellte Aufgabe,
wenn er sich daran macht, den Marcionitismus des
Mk.-Evangeliums positiv zu erweisen. Hier müssen
phantastische Interpretationen wie die gnostische Identifizierung
von Kleid (in der Geschichte von der Blut-
füssigen) und Leib oder die Beziehung des Jünglings
Mk. 14, 51 und seines Gewandes auf Geistnatur und
Scheinleib aushelfen. Und den letzten Fingerzeig gibt
ein etymologisches Rätsel; der Wasserträger Mk. 14,13
soll angeblich in Beziehung zum Evangelisten stehen;
der Krug heißt aramäisch markos, die Diminutivform
ueQuiiiov also, wie sie an jener Stelle genannt wird,
offenbar — markion!

Aus dieser Skizzierung ergibt sich, daß für R. das
Mk.-Evangelium ein kunstvolles Buch mit wundersamen
Geheimnissen ist — eine Voraussetzung, die zu dem
literarischen Charakter des Werkes in offenbarem Widerspruch
steht. Und es zeigt sich weiter, daß R. jenen
Geheimnissen auf dem Wege etymologischer Entzifferung
beizukommen gedenkt. Damit ist in der Tat der
Charakter des Kommentars, der die zweite Hälfte des
Buches füllt, umschrieben. Wie Arthur Drews geheime
Zeichen der jeweiligen Konstellation in jeder Perikope
bei Mk. entdeckt, so findet R. ebenso geheime topographische
Andeutungen. Und wie bei Drews gelegentlich
Sternbilder zur Deutung verwendet werden, die in
der entsprechenden Zeit noch gar nicht dominieren, so
etymologisiert R. nicht bloß biblische Namen, sondern
auch solche, die in den Texten nicht vorkommen. Die
Sprünge vom Griechischen ins Aramäische oder umgekehrt
, die dabei ebenfalls nötig werden (s. o. Marcion
= xe()diiiov), komplizieren die Sache erheblich und weisen
diesen ganzen wilden Wortetanz doch schließlich als

das aus, was er ist: eine phantastische Spielerei, die
niemand einer antiken Volks Überlieferung zutrauen
wird. R. aber versichert: „Im A.T. sind die Ätiologien
und Topologien Accidens, im Evangelium dagegen Substanz
" (S. 18) und: „Die Namen der Städte und Landschaften
.... sind das Material zu den verschiedenen
Handlungen und Wundertaten Jesu Christi" (S. 21).

Die Geschichte von der Jüngerberufung Mk. 1,16—20 wird in
Befolgung dieses Kanons also interpretiert: Der Ortsname fehlt;
er muß. gefunden werden. In der Tat liegt er in dem Wort von den
Menschenfischern verborgen. Denn jram. sajada heißt der Einfänger,
Fischer, Bethsaida ist also der Fischer- oder auch der Menschen-
Ei nf an ger-Ort, der überdies noch neto« ti)y IhdXaamtv — aram. NT^JID
des Sees liegt. Bethsaida hieß zu Ehren der Kaiserin Julia; da diese
aber eigentlich Livia hieß und den Namen Julia erst nach des Kaisers
Tod erhielt, so muß auch die Stadt Julia erst Livia geheißen haben. Livia
geht nun aber für den Aramäer zurück auf ft}^> ,sich zugesellen,
nachfolgen' und so ist Livia der Ort der Nachfolge. In Wirklichkeit
heißt Bethsaida nicht nach der Kaiserin Julia, sondern wie Josephus
Ant. XVIII, 2,1 deutlich sagt, nach der Tochter des Kaisers (Augu-
stusl), jener berüchtigten Prinzessin. Da diese nie Livia hieß, so
hat auch Bethsaida nie diesen Namen geführt; und zum Oberfluß darf
bemerkt werden, daß in der ganzen Perikope die Namen Bethsaida,
Julias (oder Livia) überhaupt ' nicht vorkommen!! Auf ähnliche
Weise wird aus der Erzählung von des Petrus Schwiegermutter =
aram. chamatha der (angeblich! d. h. nach dem Talmud) ursprüngliche
Name der Stadt Tiberias Hamath herausgeholt; oder aus der Geschichte
von der verdorrten Hand = nSJO1 ™P durch Annahme einer
Aussprache-Verwechslung Jabesch in Gad! Boanerges heißt .Revolutionäre
', und die beiden Zebedaiden stellen sich als Johannes von
Gischala und Jakobus-Akiba heraus; in Philippus ist der Tetrarch
dieses Namens und in Andreas gar der Kaiser Hadrian in das
Apostelverzeichnis geraten!

Bei solcher Interpretation wird das Evangelium
selbst zum Zeugen seiner späteren Abfassung, und damit
ist der Marcion-These die chronologische Basis gegeben
. Was für eine Basis das ist, welchen Wert eine
Methode hat, die — um nur noch einiges anzuführen —
die TcaQadöoeig Mk. 7, 3 mit den „Paradiesen" von Gen-
nesar und das Auftreten der Pharisäer Mk. 8, 11 mit
rtefMtvrjs ,der Peräer' zusammenbringt, darüber noch ein
ernstes Wort der Kritik zu sagen, erscheint mir überflüssig
.

Heidelberg. Martin Dibelius.

Ei t rem, S.: Die Versuchung Jesu. Mit Nachwort von Ant.
Fridrichsen. (= Norsk Teologisk Tidsskrift. 1924. 2 Hefte.
Kristiania.)

Eitrem, der durch seine religionsgeschichtlichen Arbeiten
bekannte Philologe in Kristiania, versucht in dieser
Schrift eine neue Deutung der Versuchungserzählungen
zu geben. Hinsichtlich des Sprungs von der Tempelzinne
verweist er zunächst auf die rituellen Sprünge von
Felsen, die in Griechenland bis in die ältesten Zeiten
zurückgingen. Aber diese Parallele, die reiner Kultsprung
ist, kann doch zum Verständnis der Versuchung
nichts austragen. Das fühlt Eitrem selber, und daher
verweist er weiterhin auf das Fliegen der Zauberer.
| Aber hier wirft Eitrem bei Besprechung der in Be-
I tracht kommenden Stellen so verschiedene Sachen wie:
zauberhaftes Fliegen, mit dem Gestirn (Sonne) sich in
die Luft erheben und die Elevation im mystischen Zustand
durcheinander. Das sind doch alles verschiedene
Phänomene, die nun wiederum mit dem Sprung von der
Tempelzinne in gar keinem Zusammenhang stehen. Der
Hinweis auf das Fliegen der Zauberer dient für Eitrem
dazu, die Aufforderung des Versuchers an Jesus, sich
von der Tempelzinne zu stürzen, als eine Versuchung
zur Magie zu deuten. Er meint, es sei sehr bezeichnend,
daß der Teufel Jesus mit einem Zitat aus Ps. 91, 11
zu versuchen sich bemühe, denn dieser Psalm sei grade
als Schutz gegen die Dämonen gedichtet worden. Dieses
Letztere wird man Eitrem ohne weiteres zugestehen
können, aber grade dann ist das Psalmwort im Munde
des Teufels doch sehr auffällig. Das Versuchungsmotiv,
wonach der Teufel Jesus alle Königreiche der Welt
anbietet, sucht Eitrem ebenfalls aus der Zauberliteratur