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Ausgabe:

1924 Nr. 17

Spalte:

381

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schultheiß, Hermann

Titel/Untertitel:

Stirner. Grundlagen zum Verständnis des Werkes “Der Einzige und sein Eigentum”. 2. Aufl. Hrsg. v. Richard Dedo 1924

Rezensent:

Jordan, Bruno

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381

Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 17.

382

christlichen Welt und der Raumnot der Kirchenzeitungen
umfassende Orientierung wird, um so wichtiger wird das
Jahrbuch.

Breslau.__M. Schian.

Schultheiß, Hermann t: Stirner. Grundlagen zum Verständnis
des Werkes „Der Einzige und sein Eigentum". 2. Aufl. Hrsg. v. Dr.
Richard Dedo. Leipzig: F. Meiner 1922. (VII, 178 S.) 8».

Gm. 3—; geb. 4.50.
Es ist unleugbar ein Verdienst des Herausgebers,
diese fast verschollene Inauguraldissertation seines früh
verstorbenen Freundes Schultheiß der Vergessenheit entrissen
zu haben. Denn diese gründliche Untersuchung
berichtigt das Urteil über Stirners „Egoismus" in entscheidenden
Punkten und hellt auch die Bedeutung seiner
Fragestellung für die Systematik auf. Sie will eine
Grundlage zum Verständnis des Buches „der Einzige
und sein Eigentum" schaffen und stellt sich daher die
Aufgabe, die theoretische Grundansicht Stirners zu finden
. Dieser Darstellung der systematischen Grundgedanken
geht eine Übersicht über die Stirnerliteratur
von 1844 bis 1904 und einige Bemerkungen über das
Leben und den schriftstellerischen Charakter Stirners
voran. Der Verfasser schickt der „Transkription" des
Stirnerschen Buches eine „systematische" Untersuchung
über die Theorie des Egoismus voraus: er sucht nachzuweisen
, daß diese sich nicht in Form einer Forderung
, sondern lediglich in Gestalt des Satzes „alles
Handeln ist egoistisch" darstelle. Das aber heiße, jeder
Mensch handelt nach seinem Glauben. Ohne Zweifel
dringt die auf dieser Grundlage durchgeführte Analyse
des Stirnerschen Werks tiefer in dessen „Meinung"
ein als andere früheren Untersuchungen und darf deshalb
als wertvoller Fortschritt in der Deutung des auch
systematisch bedeutsamen Buches Stirners gelten.
Bremen. Bruno Jordan.

Stange, Carl: Hauptprobleme der Ethik. Leipzig: Dieterich'sche
Vlgsbclih. 1922. (92 S.) 8°. Gm. 1.20; geb. 2-.

Sittlichkeit ist nur innerhalb einer menschlichen
Gemeinschaft möglich, und zwar besteht ihr Wesen
in der „Hingabe des eigenen Willens an den anderen
". Diese Hingabe ist Selbstwert und eröffnet den
Zugang zu einem höheren, den individuellen Zwecken
enthobenen Leben. Die sittliche Freiheit, die von der
(intellektuellen) Freiheit der Selbstbestimmung scharf
zu unterscheiden ist, besteht in der Fähigkeit den persönlichen
Willen den Gemeinschaftswerten unterzuordnen.
Von ihr gilt, daß wir sie „uns selbst nicht machen
können, daß sie uns vielmehr gegeben wird." Erkannt
werden die sittlichen Forderungen ohne Vermittlung
wissenschaftlicher Reflexion vom Gewissen, der an der
Autorität der Sitte orientierten, d. h. dem Einfluß der
Gemeinschaft unterstellten sittlichen Überzeugung. Die
„Mannigfaltigkeit des Sittlichen" ist nicht aus Kulturzwecken
, nicht aus einem letzten Endzweck, sondern
aus der Mannigfaltigkeit möglicher Willensverhältnisse
abzuleiten, und zwar handelt es sich um Verhältnisse
der Gemeinschaft und um solche der Unterordnung oder
Pietät. Für Stange ergeben sich sechs solcher Verhältnisse
und als deren Mischformen die großen Lebenskreise
der Familie, der Gesellschaft und des Staates.

Familie und Staat erfahren eingehende Behandlung
. Die letzte Erweiterung zur universalen Menschheitsgemeinschaft
gewinnt die Sittlichkeit durch die Religion
, die selber das innerlichste und tiefste Gemeinschaftsverhältnis
ist.

Durch Klarheit und Straffheit des Aufbaus und
Einfachheit der Sprache zeichnet sich die Schrift vor
allem aus. Sie bietet eine knappe und faßliche Einführung
in die Probleme der Ethik auf Kantischer Grundlage
. Zum Schluß zwei Fragen: 1. Mit der Betonung
der Sitte als Ausgangspunktes der Sittlichkeit
schlägt Stange eine weitere Brücke zu der
Mannigfaltigkeit der geschichtlichen Wirklichkeit. Sollte
hier nicht der Weg weiter führen können zu der
von Stange abgelehnten „Kulturethik", d. h. zu einer

Typologie der sittlichen Lebensformen als Formen der
Wertverwirklichung? Familie, Staat und Gesellschaft
stehen ja für das sittliche Leben nicht verbindungslos
neben einander, sondern in einer Rangordnung, die aus
dem Wesen des Willens nicht mehr ableitbar ist und
nur unter Zuhilfenahme der tatsächlichen „Verhältnisse"
konstruiert werden kann. 2. Warum werden Religion
und Sittlichkeit unter dem Begriff des „persönlichen
Lebens" koordiniert, statt daß aus der Dialektik der
ethischen Forderung nach Seiten ihrer teleologischen
Sinnhaftigkeit (Endzweck) und nach Seiten ihrer Erfüllbarkeit
der Weg zum Glauben als Erlösung aus
dieser Antinomik gebahnt würde?
Jena. _ Th. Siegfried.

Lessing, Theodor: Untergang der Erde am Geist. (3. Aufl)

von „Europa u. Asien".) Hannover: W. Albr. Adam 1924. (463 S..
4».

1916 erschien des Verfassers „Europa und Asien",
1921 „Die verfluchte Kultur. Gedanken über den Gegensatz
von Leben und Geist". Das vorliegende Buch
ist eine Neuauflage einer Zusammenarbeitung jener
beiden Werke, nachdem sich ihr Verfasser durch sein
Buch „Die Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen"
„in Kreisen der echten Bildung" Beachtung erzwungen.
Rasch aufeinanderfolgende Neuauflagen lassen vermuten
, daß er tatsächlich wachsenden Anklang findet.
Man setzte sich darum gerne mit ihm auseinander. Das
ist aber nicht leicht. Wir haben keine straffe und
klare Gedankenentwickelung vor uns, vielmehr eine
Zusammenstellung essayistischer Behauptungen und geistreicher
Einfälle, dazwischen Mitteilungen über allerlei
, die mit dem eigentlichen Gegenstande des Buches
nur in losem Zusammenhang stehen: es ist oft fast
so, als blättere man in einem Bilderbuch, das es auf
Überraschung des Beschauers durch verblüffende Bilder
abgesehen hat. Ob sein Buch wirklich „für jedermann
leicht verständlich" ist? Ich bezweifle. Eher finde
ich darin etwas von der uij/nalvst -Art des alten Heraklit.
Auch gerade einen besonderen „Gewinn an Klarheit"
verspreche ich mir nicht für den Leser. Dazu gehen die
Gedankenlinien nicht klar genug zusammen, eher einmal
gegen einander, und zwar nicht nur in „gelegentlichem
Widerspruch". Manches ist auch mehr Gedankenandeutung
als ausgedachter Gedanke; vieles
Nichtzusammenstimmenwollen findet darin seine Erklärung
. Freilich, eine bloße im tiefsten Kern dunkle
Tatsachenwirklichkeit läßt sich wohl auch nur mit Denkansätzen
von hier und da her nicht mehr als nur andeutend
ertasten.

Seinen Erfolg verdankt dieses Buch vor allem wohl
seiner kulturkritischen Einstellung. Es kommt der
gegenwärtig weit verbreiteten Kulturmüdigkeit entgegen.
Die Kulturkritik aber verdirbt es dadurch, daß ihm die
ruhige Sachlichkeit fehlt; immer wieder übersteigert es
sich in karrikierende Polemik, die sich gradezu amüsant
anhört. Es muß wohl auch der rechte Ernst kritischer
Auseinandersetzung fehlen, wenn doch nichts
dagegen zu machen ist. Die Bewußtheitskrankheit, die
wir Geist nennen, — genauer: der vom Leben abgeschnürte
Geist — muß sich eben ausleben. Sie ist eine
eben hinzunehmende tatsächliche Notwendigkeit. Zum
Glück freilich wohl nur so etwas wie ein böser Ausschlag
am Geheimnis des Seins; und das Sichausleben
der Krankheitserscheinung ist zum Glück zugleich ihr
Wiederverschwinden und damit Gesundung — wenn
man nur recht wüßte, Gesundung wozu. Daß das Ganze
wieder im einfachen Lebenselement verschwindet? — Soll
man nun dieser Krankheit wehren? Im Gegenteil, man
soll sie in bewußter Opfergesinnung auf sich nehmen.
So klingt es zumeist. Das sei der Grundgedanke der
christlichen Erlösung. Daneben freilich wird das Christentum
wacker gescholten: denn alles Leben ertötende
Elend der europäisch-amerikanischen Kultur ist grade
in seinen Konsequenzen sich entwickelndes Christentum
. Gegen dessen hoministische Einstellung wird die