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Ausgabe:

1924 Nr. 16

Spalte:

356

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schweitzer, Carl

Titel/Untertitel:

Bismarcks Stellung zum christlichen Staate 1924

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 16.

356

nicht sonderlich belasteten Stoffsammler. Wer davon I durchgehenden Beibehaltung des dativischen e, macht

eine Vorstellung gewinnen will, der mag die m. E.
meisterlich entworfene Skizze vom Wesen des münster-
ländischen Adels lesen, mit der Vigener sein Buch eröffnet
und Kettelers Jugendgeschichte begleitet, oder
das Bild des bischöflichen Mainz um 1850 auf sich
wirken lassen, oder den Streifzügen in das Gebiet der
Staats-, der Kirchen- und der Sozialpolitik folgen, zu
denen das Bedürfnis, Kettelers Kampfstellung zu verdeutlichen
, dem Verfasser willkommene und gut genutzte
Gelegenheit bietet. Er darf sich auch die vielfach eingestreuten
, längeren oder kürzeren Charakteristiken der
zahlreichen Spieler und Gegenspieler im historischen
Drama — ich denke z. B. an die plastischen Bilder von
Kettelers Mainzer Mitarbeitern — nicht entgehen lassen.
Bleibt Ketteier überall beherrschend im Vordergrund,
so erwuchs dem Verfasser doch gerade aus der sorgfältig
behandelten Umweltschilderung die Möglichkeit,
gewisse hochgegriffene Urteile über Ketteier auf ein
geordnetes Maß zurückzuführen, so das über seine
sicherlich bedeutsamen, aber doch nur in beschränktem
Umfang als eigenständig anzusprechenden sozialpolitischen
Gedanken.

Von besonderer Bedeutung sind bei alledem diejenigen
Abschnitte des Buches, für die Vigener bisher
noch nicht benutztes Material in Fülle heranziehen
konnte. Das Entgegenkommen der Darmstädter Archivverwaltung
hat ihn in den Stand gesetzt, die Geschichte
der Auseinandersetzung zwischen Kirche und
Staat im Großherzogtum Hessen durch die Zeit von
Kettelers Amtsführung hindurch bis in die Schlupfwinkel
zu verfolgen und ihre Darstellung, von Kleinigkeiten
abgesehen, zum Abschluß zu bringen. Es wird
Leser geben, denen sich diese Abschnitte, weil anscheinend
nur von örtlich begrenztem Interesse, in
Rücksicht auf die Gesamtwirkung des Buches als zu
sehr mit Einzelheiten belastet darstellen. Demgegenüber
ist doch zu bemerken, daß gerade dieser Ausschnitt
aus der allgemeinen Geschichte als Musterbeispiel
die besondere Aufmerksamkeit verdient, die
ohnehin hier durch den Blick auf Kettelers überragende
Persönlichkeit immer wieder wachgerufen wird. Wo
sich Vigener, wie in der Darstellung der Geschichte der
Gießener katholisch-theologischen Fakultät oder des
letzten Kampfes zwischen Bischoftum und Papsttum vor
und auf dem vatikanischen Konzil auf seine im Druck
vorliegenden Studien berufen kann, wird man sicher
über Breite nicht klagen dürfen. Mit überzeugender
Klarheit hat der Verfasser seine von der durchschnittlichen
abweichende Auffassung von dem Verhältnis
Kettelers zu den das Vatikanum vorbereitenden Strebungen
herausgearbeitet und gezeigt, wie stark und dauernd
der Bischof in seiner Herrennatur gegen den päpstlichen
Gefolgsmann aufbegehrte. Übrigens hätte ich gerne
etwas über Kettelers Mitwirkung bei der Vorbereitung
des Syllabus gelesen, an der er lebhaft beteiligt war.
Werden doch die Thesen, die sich auf den Widerspruch
der gelehrten Kreise gegen die durch die Indexkongregation
geübte Kontrolle des Büchermarkts und
damit gegen die Abhängigkeit der Wissenschaft von
der kirchlichen Autorität beziehen, mit seinen Winken
in Verbindung gebracht.

Jch muß abbrechen, kann es aber nicht, ohne zuvor
noch mit einem Wort der formellen Vorzüge des
Buchs gedacht zu haben. Vigener schreibt einen sorgfältig
gepflegten Stil. Nachlässigkeiten oder gar Verstöße
gegen die Sprachgesetze wird man kaum nachweisen
können; insbesondere sind mir unnötige Fremdwörter
nicht begegnet. Mit besonderer Freude genießt
man die sichtlich mit Überlegung, ich möchte sagen
liebevoll, gewählten, oft — wie betulich, einprägsam,
sänftiglich — der Alltäglichkeit entrückten Beiwörter
und nimmt dabei die vielleicht etwas häufige Wiederholung
des einen oder anderen („freundlich") gern in
den Kauf. Ein gewisser konservativer Zug, z. B. in der

sich auch sonst bemerkbar; aber welcher Leser von
Geschmack wird ihn den stilistischen Modetorheiten
nicht vorziehen wollen, die uns heutzutage auch angesehene
Schriftsteller im Namen der deutschen Sprache
aufzutischen für gut befinden. Füge ich endlich hinzu,
daß das Buch vorzüglich gedruckt ist, so glaube ich
alles zu seinem Lobe gesagt zu haben.
Gießen. G. Krüger.

Schweitzer, Dr. Carl: Bismarcks Stellung zum christlichen
Staate. Berlin: G. Stilke 1923. (144 S.) gr. 8°. = Schriftenreihe
d. Preußischen Jahrbücher, Nr. 7.

Die Aufgabe, die er lösen will, bestimmt Schw. am deutlichsten
S. 20ff: Bismarck hat 1847ff. eine bejahende Stellung zur Idee des
christlichen Staates eingenommen — wie verhält sich dazu diejenige
Stellung zur gleichen Idee, welche dem späteren außenpolitischen und
innenpolitischen Werke des praktischen Staatsmanns Bismarck zu
gründe liegt? Demgemäß ergeben sich drei Kapitel. Das erste stellt
die grundlegende Bejahung der Zeit bis 1851 dar. Das zweite mißt
an ihr Bismarcks leitende außenpolitische Überzeugungen; das dritte,
das vor allem die Auseinandersetzung mit Zentrum und Sozialdemokratie
, sodann die Äußerungen über die evangelische Kirche berücksichtigt
, ebenso die innenpolitischen. Als Material dienen außer den
Gedanken und Erinnerungen und den Briefen vor allem Bismarcks
Reden. Dieser weitschichtige Stoff ist umfassend verarbeitet. Die
ganze Arbeit aber zielt stark auf das Grundsätzliche und Ideelle ab,
woiauf eine Einleitung vorbereitet; man kann von der Schrift nahezu
sagen, daß sie eine bestimmte Anschauung vom christlichen Staate an
Bismarcks Beispiel gründlich zu erörtern sucht (meist im Sinne des
positiven Beleges, nur gelegentlich im Sinne des Gegenbeispiels).
Dieser systematischen Abzweckung entspricht auch die Weise der
Darstellung. Ich möchte sie eine deliberierende oder diskutierende
nennen: der Verf. sucht ständig die Auseinandersetzung mit Bismarck
und bucht sorgfältig die einzelnen systematischen Gewinne aus dieser
Auseinandersetzung.

Das Ergebnis ist, daß Bismarck den Anschauungen seiner
Jugendzeit im Herzpunkte treu geblieben ist, daß seinem ganzen
außenpolitischen und innenpolitischen Handeln die Idee des christlichen
Staates zugrunde gelegen hat. Zu diesem Ergebnis kann
Schw. gelangen, weil er 1) die ursprüngliche Anschauung Bismarcks
stark gegen die etwa der Brüder Gerlach abgrenzt, 2) die Brechungen
, die die Idee des christlichen Staates in der Durchführung
Bismarcks erfahren hat, als unvermeidlich durch das Wesen des
Staats, also Spannungen innerhalb der Idee selbst, gegeben sieht,
3) die Äußerungen Bismarcks über die Gewissenshintergründe seiner
ganzen politischen Arbeit völlig ernst nimmt und sich an dem beliebten
groben Unfug, sie mit Fragezeichen zu versehen, nichf
beteiligt.

Ich kann mich mit dem Ergebnis Schw.s im Wesentlichen
einverstanden erklären. Es ist ein wirkliches Verdienst, die
Legende von dem aus Machtinstinkt rein gesinnungslosen Opportuni-
tätspolitiker Bismarck hoffentlich für immer erledigt zu haben. Diese
wesentliche Übereinstimmung bedeutet natürlich nicht, daß ich in
jeder Einzelheit mit Schw. zu gehen vermöchte. Bedenklich ist mir,
was die Methode anlangt, vor allem, daß Schw. sein eignes (an
Brunstaed sich anlehnendes) Staatsideal und das Bismarckische praktisch
so weitgehend gleichsetzt; die historische Gebundenheit de»
Bismarckischen Staatsgedankens kommt (abgesehen von dem S. 116 ff.
über die Stellung zur evangelischen Kirche Ausgeführten) so nicht
zu ihrem Rechte. Vielleicht hätte sich dieser Fehler vermeiden
lassen, wenn ein historisch-systematischer Vergleich zwischen Stahl
und Bismarck energisch durchgeführt und zur Grundlage der ganzen
Arbeit gemacht worden wäre, was in der Hinsicht geboten wird, reicht
nicht ganz aus.

Die Hauptthese Schw.s aber wird von diesen und andern Ausstellungen
nicht betroffen. Sie würde sich auch bei jeder andern,
z. B. einer rein historisch-genetischen, Methode der Darstellung ergeben
haben. Im einzelnen aber hätte sich vielleicht dies und jenes
verschoben. Ich wünsche, alles in allem, der Schrift einen guten
Erfolg, sodaß der Verf. in einer 2. Aufl. selbst noch einmal Hand an
sein Werk legen kann.

Göttingen. E- Hirsch.

Marsson, Senatspräsident, Dr. Richard: Die preußische Union.

Eine kirchenrechtliche Untersuchung. Berlin: Georg Stilke 1923.

(188 S.) 8°. Gm. 4—.

Marsson hat sich zu einer Teilfrage des Themas schon früher in einem
Aufsatz im Verwaltungsarchiv Band 29 geäußert. Die vorliegende Schrift behandelt
mit kaum zu überbietender Sorgfalt und Kenntnis des gesamten
historischen und juristischen Materials die Frage nach der rechtlichen Bedeutung
der Union mit allen ihren Folgen, eine Frage, die deshalb