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Ausgabe:

1924 Nr. 16

Spalte:

345

Autor/Hrsg.:

Cowley, A.

Titel/Untertitel:

Aramaic papyri of the fifth century B. C 1924

Rezensent:

Gressmann, Hugo

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345

Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 16.

346

auch aus der beklommenen Sphäre dunklen Empfindens
, zu dem die lichte Aufklärung in geradem Gegensatze
steht.

Wer unter Religion und Gottesfurcht etwas ganz
Anderes als Meyer versteht, wird aus seiner Geschichte
der Anfänge des Christentums dankbar lernen, gerade
weil der Lehrer einen anderen Standort einnimmt und
also manche Vorurteile nicht mitbringt, die uns belasten.
Aber er weiß, von welchen Voraussetzungen jene Belehrung
ausgeht, wo sie aufhört, eine schlechthin gültige
zu sein und wo die Gefahr vorliegt, daß sie ihr Objekt
nicht trifft, weil sie sich davon a priori eine falsche
Vorstellung macht. Es gibt auch auf dem Boden der
Geschichte Tatsachen, über die sich nicht streiten läßt,
Personen, die erfühlt sein wollen. Eine ewige Wahrheit
bleibt, wenn sie noch so sehr als Mystizismus verspottet
wird: Was hast du, das du nicht empfangen
hast?
Marburg. Ad. Jülich er.

Cowley, A.: Aramaic papyri of the fifth Century B. C.

Edited with translation and notes. Oxford: Clarendon Press 1923.
(XXXII, 319 S.) gr. 8". 21 sh.

Die aramäischen Papyri aus Elephantine sind für
die alttestamentliche Forschung von der größten Bedeutung
und gehen darum jeden Theologen an. Hier
haben wir die älteste Fassung der Geschichte Achiqars,
des ersten „Weltromans", dessen Sprüche teilweise auch
in die israelitische Spruchweisheit übergegangen sind,
hier die Behistun-Fnschrift, von der die Entzifferung der
Keilschrift ausgegangen ist, in aramäischer Übersetzung
kennen gelernt, sodaß wir die Ergebnisse der Assyrio-
logie nachprüfen können; hier liegen Erlasse der persischen
Regierung vor, die die aramäischen Urkunden
der Bücher Esra und Nehemia als zweifellos echt beglaubigen
; hier gewinnen wir das lebendige Bild einer
jüdischen Diasporagemeinde in Ägypten, deren Anfänge
bis in das 7. Jahrh. v. Chr. zurückreichen und deren
Religion durch die deuteronomische Reform Josias noch
nicht gebrochen ist: hier haben wir noch einen unverfälschten
Polytheismus, wie er auch im Mutterlande
zur vorprophetischen Zeit vorausgesetzt werden muß:
neben Jahn eine Göttin Anath, in der Form Anathjahu
wohl als sein Weib betrachtet, einen Gott Bethel, den
man jetzt auch in den Erzvätersagen wieder entdeckt
hat, und Andere. Diese Papyri muß jeder Theologe kennen.

Bisher waren sie weit verstreut; Cowley hat sie
alle vereinigt, sodaß man sie bequem zur Hand hat.
Bedauern wird man das Fehlen zweier Ostraka, die für
den berühmten „Osterbrief" des Darius von Wichtigkeit
sind, weil sie das Paschafest erwähnen (vgl. S.
XXV); immerhin fallen sie nicht unter den Begriff
„Papyri", sodaß ihr Fehlen begreiflich ist. Sehr
dankenswert ist die Beigabe von Einleitung, Übersetzung
und Anmerkungen zu jedem Text, die das Verständnis
erleichtern; sie sind eher zu knapp als zu umfangreich,
verwerten die bisherige Arbeit an den Papyris und
führen sie weiter. Ein ausführlicher Index der aramäischen
Worte mit dem Verzeichnis aller Stellen erhöht
die Brauchbarkeit; leider sind nicht alle Vokabeln übersetzt
, zumal da die gebräuchlichen Wörterbücher oft versagen
. Wer auf diesem Gebiete forscht, wird diese neue
Ausgabe zu Rate ziehen müssen, die als abschließend
gelten darf von Einzelheiten abgesehen, in deren Verständnis
man noch weiter kommen wird, namentlich bei
der Erklärung von Fremdworten und bei der Auffüllung
von Lücken. Ausstattung und Druck des Buches sind
ausgezeichnet.

Einzelne Vorschläge, die ich zu machen hahe, spare ich mir
für eine andere Gelegenheit auf. Hier seien nur die wenigen Fehler
genannt, die mir aufgefallen sind: Zu Nr. 7 Z(eile) 7 sollte wohl
auf „Introduction p. XVIII f." verwiesen werden; Nr. 30 Z. 5 sollte
es im Text ctriTW heißen; 16. Z. 29 in der Erklärung lies: „Neh.
6, 10; 13,13"; Achiqar Z. 44 ist „has injured you" als falsche
Doppcliibcrsctzung zu streichen.

Berlin-Schlachtensee. Hugo Oreßmann.

Semaine d'ethnologie religieuse. Compte rendu analytique de la Ille
Session tenue ä Tilbourg, (6—14 sept. 1922). Moedling b. Wien:
Missionshaus St. Gabriel 1923. (496 S.) 8°.
Es war ein glücklicher Oedanke, „die religionsethnologische
Woche in Tilbourg", die ein internationales katholisches Comite unter
Leitung von Pater Schmidt, dem bekannten Herausgeber des
„Anthropos", veranstaltet hatte, um drei Themata zu gruppieren, zunächst
ein allgemeineres: „Einführung in das ethnologische,
historische, psychologische und soziologische Studium der Religionen
". Die Vorträge dieser Abteilung behandeln „die sozialen
Formen der einzelnen Kulturkreise"; „la methode historico-culturele";
„Wirtschafts- und ergologische Formen und die Kulturkreise"; „la
methode philologique"; „culture et religion des Indo-europeens"; „la
medhode de l'ecole sociologique"; „les affirmations de l'ecole sociolo-
gique sur la religion"; „la religion des anciens Basques"; „Afrika,
Vorderasien und die früheste Vorgeschichte"; „les methodes de la
Psychologie religieuse"; „la Psychologie de la priere"; „Prähistorische
Archäologie und kulturhistorische Methode"; „les fouilles prehistoriques
et leur techniques". — Von den beiden spezielleren Themen gilt das
erste dem „Opfer bei den kulturlosen und antiken
Völkern". Die einzelnen Vorträge, soweit sie gedruckt vorliegen,
behandeln „notions generales sur le sacrifice dans les cycles cultu-
rels"; „zur Psychologie des Opfers"; „das Opfer in Afrika"; „le
sacrifice dans Finde et les Indo-europeens"; „das Opfer bei den
Sumero-Akkadern" (von Hehn); „das Opfer bei den Arabern" (von
Klameth); „la religion et FEtre supreme chez les Yapans". — Das
zweite Thema gilt den „Einweihungsbräuchen und Geheimbünden
der nicht-zivilisierten Stämme und den Mysterien
der antiken Völker". Die Vorträge behandeln „notions generales
sur l'iniation tribale et les societes secretes"; „les societes secretes en
Afrique"; „tribal initiation and secret societes in Australia"; „die
Ingiet-Mysterien auf Neupommern"; ,.societes secretes des Marind";
„mysteres astronomico-religieux dans l'Amerique Centrale"; „die
Mysterien des Osiris" (von Junker); „les mysteres de Mitlira" (von
Van Crombugghe); „les mysteres d'Eleusis" (von De Caluwe)
und „les mysteres pai'ens et le mystere chretien" (von De Grandma
i s o n).

Die Vorträge sind ihrer Art nach verschieden: Zum Teil führen
sie unmittelbar in den Stoff ein und stellen ihn dar, indem sie ihre
Auffassung wissenschaftlich exakt belegen und begründen — so sind
die beiden Aufsätze von Hehn und Klameth für den Alttesta-
mentler sehr wertvoll — zum Teil führen sie allgemeiner in die
Probleme ein, indem sie über die Ergebnisse der Forschungen und
die verschiedene Stellungnahme der Forscher übersichtlich berichten.
Das gilt namentlich von den Vorträgen über die Mysterien, die den
Neutestamentier besonders angehen. Soweit ich mir hier ein eigenes
Urteil erlauben darf, muß ich dankbar bekennen, daß nur solche Gelehrte
zu Wort kommen, die jeder auf seinem Oebiet zu Hause sind,
und daß das Lesen der Aufsätze, auch wenn man nicht jeder Einzelheit
zustimmen kann und auch wenn man vielfach die bewußt-katholische
Einstellung spürt, dennoch Oenuß und reichen Gewinn bedeutet.
Berlin-Schlachtensce. Hugo Greßmann.

Bornhäuser, Prof. D. Karl: Die Bergpredigt. Versuch einer
zeitgenössischen Auslegung. Gütersloh: C. Bertelsmann 1923.
(VIII, 197 S.) gr. 8°. = Beiträge z. Förderung christl. Theologie
II. Reihe, 7. Bd. Qm. 9—1 geb. 7.50

Dieses Buch ist dem Werk des gleichen Verfassers
„das Wirken des Christus" nach geistiger Haltung und
Methode aufs engste verwandt; nur bietet die Bergpredigt
vielleicht besonders gute Gelegenheit dazu, Born-
häusers Methode zu erproben, und auch dazu, seine
Resultate bis in alle Konsequenzen hinein durchzudenken
.

B. will die Bergpredigt vom Standpunkt der
„Gleichzeitigkeit" interpretieren, d. h. er will ihre heutigen
Leser in die Lage eines Juden zur Zeit Jesu versetzen
. Das ist eine Selbstverständlichkeit, und ebenso
sollte eine Selbstverständlichkeit der Weg sein, den
Bornhäuser zur Gewinnung jener „Gleichzeitigkeit"
weist: er empfiehlt S. 20 „die immer wiederholte Lektüre
des Jesus Sirach, der Weisheit Salomos, des 3. und
4. Makkabäerbuches, der Testamente der zwölf Patriarchen
, der Assumptio Mosis, der Psalmen Salomos,
auch der Schriften des Pharisäers Josephus." Gerade
weil das Studium dieser Dinge im Abnehmen ist und die
Verachtung der Spezialkenntnisse auch in der Theologie
Mode wird, freut es mich, wenn ein Gelehrter so rät,
der bei den Gebildeten unter jenen Verächtern wohl ein
offenes Ohr finden dürfte. Aber die freudige und unbedingte
Zustimmung zu dem Grundsätzlichen der Me-