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Ausgabe:

1924 Nr. 15

Spalte:

327-328

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jordan, J. (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Luther-Jahrbuch 1924. Jahrbuch der Luther-Gesellschaft. Jg. VI 1924

Rezensent:

Schian, Martin

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Seite 1

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327

Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 15.

328

betont, nicht an, den Kern der Dichtung abzusondern
und wenigstens ihn Gottfried zuzuschreiben. Ein sorgfältiger
Vergleich des „Lobgesangs" mit Konrads von
Würzburg „Goldener Schmiede" und mit seinem Leich
fügt nun zu dem sprachgeschichtlichen Beweis den
literarhistorischen dafür, daß der Lobgesang in die Zeit
nach Konrad gehört. Die Gründe, die für eine Abhängigkeit
des Lobgesangs von Hugos von Langenstein
„Martina" angeführt werden, vermag ich dagegen
nicht als zwingend anzuerkennen. Wolff geht von den
Stellen beider Gedichte aus, die sich an den Hymnus
„Jesus dulcis memoria" — ihn dem Bernhard v. Clair-
vaux zuzuschreiben, geht seit Haureaus Arbeit „Des
poemes latins attribues ä Saint-Bernard", 1890, doch
wohl nicht mehr an — anschließen. Der Vers „in aure
dulce canticum" ließ sich in einem viertaktigen Vers
nicht leicht anders geben als „ach (bzw. und) in den
ören süezer sanc". Wenn Hugo ausdrücklich den
pseudobernhardischen Jubilus als seine Quelle bezeichnet
, so beweist das nicht, daß der „Lobgesang" hier
auf Hugo und nicht auf den ungemein verbreiteten
Jubilus zurückgehe. Der zweite Vers, auf den Wolff
sich stützt, lautet im Lobgesang „ach in den herzen vrö
gedanc", bei Hugo „und ein trösteclicher klanc". An
die Vorbildlichkeit dieses Martina-Verses zu denken empfiehlt
sich umso weniger, als Verse wie „dans vera cor-
dis gaudia" „Jesu, dulcedo cordium, Excedens omne
gaudium" dem „Lobgesang" unstreitig näher stehen.
Ähnliche Zweifel gegen die weiteren Beweisgründe
führe ich nach dieser Betrachtung des „deutlichsten
Falles" nicht aus.

Aus der Abhängigkeit von der „Martina" folgert
Wolff Entstehung des „Lobgesangs" nach 1293. Der
sprachliche Charakter ergibt als untere Grenze die Zeit
um 1300. Für diese zeitliche Bestimmung sprechen,
wie ich hinzufüge, strophikgeschichtliche und geistesgeschichtliche
Erwägungen, wenn auch nach dem Gesagten
die obere Grenze noch einer Erhärtung bedarf.
Mit dem Hauptergebnis Wolffs aber wird man von nun
an rechnen dürfen: der „Lobgesang" ist nicht ein Werk
Gottfrieds, sondern dreier, vermutlich geistlicher, alemannischer
Dichter aus dem Ausgang des 13. Jahrhunderts
.

Göttingen. Günther MüUer.

Luther-Jahrbuch. Jahrbuch der Luther-Gesellschaft, hrsg. v. Prof.
D. J. Jordan. Jahrg. VI. 1924. Wittenberg: Verlag der Luther-
Gesellschaft. (52 S.) 8°. Gm. 3—.

Drei Aufsätze. 1. K.Holl, Was können wir für die
Neugestaltung unseres evang. Gottesdienstes von Luther
lernen? Die Praktische Theologie muß dem Kirchenhistoriker
für dieses Stück aufs allerwärmste danken.
Er bringt sehr wichtige Luthersche Gedanken zur Geltung
, die meist übersehen werden (z. B. Anschauung in
der Predigt; Gebet als Ausdruck der Gemeinschaft);
er macht konkrete Vorschläge zur Weiterbildung des
Gottesdienstes; er greift in Luthers Sinn kräftig in die
Auseinandersetzung mit den Hochkirchlern ein. Ein
höchst wertvoller Beitrag, den kein praktischer Theologe
übersehen darf. 2. J. S m e n d , Luther, der Liturg
und Musikant. Eine aus dem Vollen schöpfende, in
knapper Zusammendrängung sehr reichhaltige Würdi-

gung des Liturgen, des Dichters, des Künstlers Luther,
esonders bemerkenswert die Sätze über Luthers Pro-
phetentum auf gottesdienstlichem Gebiet (S. 30 f.).
3. W. Stolze, Die Lage des deutschen Bauernstandes
im Zeitalter des Bauernkrieges. St. will zäh festgehaltene
falsche Anschauungen zum Thema durch eine klare und
kurze Zusammenfassung des Ertrags der Forschungen
der letzten Jahrzehnte entwurzeln helfen. Dabei achtet er
besonders darauf, daß diese Anschauungen um so mehr
Lebenskraft beweisen, je mehr sie sich mit Vorstellungen
der Gegenwart von ähnlichen Verhältnissen
in ihr berühren und kreuzen. Das gibt dem trefflich geschriebenen
Aufsatz eine besondere Note, die ihm das

Interesse breiter Kreise sichert. — Ein vorzüglich zusammengestelltes
Heft!

Breslau. M. Schian.

Hauß, Pfarrer Fr.: Erweckungspredigt und Erweckungspre-
diger. Die Erweckungspredigt des 19. Jahrhunderts in Baden und
Württemberg. Eine Untersuchung über die Ursache ihres Erfolges.
Mit Vorwort von Prof. D. Bornhäuser. Pforzheim: A. Zutavern
1924. (108 S.) 8°. Gm. 2—.

Geschildert wird die Predigt von Henhöfer, G. A.
Dietz in Friedrichstal in Baden (f 1844), Ludwig
Hofacker, Samuel Hebich (f 1868), Elias Schrenk,
also von drei Pfarrern und zwei aus der Missionsarbeit
kommenden Evangelisten. Alle Genannten entstammen
dem 19. Jahrhundert, aber ganz verschiedenen Zeiten
des Jahrhunderts. Ihre Predigt wird eingehend beschrieben
; H. müht sich nicht nur um lebendige, durch
Beispiele belegte Darstellung, sondern auch um eindringendere
Fragen wie die nach den Ursachen der
großen Erfolge. Namentlich für die sonst weniger bekannten
Prediger ist die Arbeit daher eine willkommene
Bereicherung der Literatur. Freilich zeigt sie auch nicht
unerhebliche Mängel: das Urteil verläuft oft allzusehr
in den von den Erweckungsbewegungen her bekannten
Kategorien; manche wichtige Gesichtspunkte werden
beiseit gelassen; viel stärker hätten die einzelnen Individualitäten
von einander abgehoben und in den zeitgeschichtlichen
Zusammenhang gestellt werden sollen;
die Ordnung der Gedanken müßte straffer sein; Kritik
fehlt so gut wie ganz.

Das von Bornhäuser geschriebene Vorwort behauptet im Eingang
, Drvander habe vor einiger Zeit gesagt: „Die Zeit der Predigt
ist vorbei". Der Fundort ist nicht angegeben. Da Ahnliches auch
sonst ausgesprochen worden ist, scheint es nötig, festzustellen, daß
D. das nie gesagt haben kann, weil seine ganzen Anschauungen
dem stracks entgegenstanden. Noch in dem Heft „Aufgaben der
Kirche" 1919 S. 12 schrieb D.: Hauptstück der Gottesdienste werde
immer die Predigt bleiben, „diese stärkste und — schwächste Seite
unserer Kirche". Ich habe, um ganz sicher zu gehen, einen D. persönlich
sehr nahestehenden Fachmann gefragt; auch er ist der Ansicht
, daß D. keinesfalls eine solche Äußerung getan haben könne.

Breslau. M. Schian.

Rabenau, Pastor C. F. v.: Bodelschwingh als Erzieher.
Welche Grundsätze über Schulbildung und Erziehung sind aus
Bodelschwinghs Persönlichkeit und aus seiner Wirksamkeit zu entnehmen
? Bethel b. Bielefeld: Verlagsh. d. Anstalt Bethel. (48 S.)
8°. Om. —.40.

Ein sehr anregendes und warm geschriebenes Büchlein über Friedrich
von Bodelschwingh als Erzieher. Das Geheimnis der großen
Wirkung einer christlichen Persönlichkeit wird an diesem konkreten
Beispiel aus der Gegenwartsgeschichte ins Licht gestellt. „Persönlichkeitsbildung
" kommt gerade dadurch zu Stande, daß die Persönlichkeit
aufgegeben wird. B.'s religiöse Entwicklung und die hauptsächlichen
Bildungselemente werden fein skizziert, seine geniale immer auf die
Hauptsache zielende Produktionsweise charakterisiert und dann seine
Kunst des Erzichens — als „hinter sich herziehen" illustriert. Vielleicht
hätte es dem Bilde nichts geschadet, wenn auch die Grenzen
und Einseitigkeiten, um nicht zu sagen die schwachen Seiten der
Wirkungsweise B.'s ebenso fein als Umrisse gezeichnet worden wären.
Das hätte der Größe des Bildes keinen Abbruch getan.
Greifswald. Ed. von der Goltz.

Richter, Professor D. Julius: Indische Missionsgeschichte.

2. Aufl. Gütersloh: C. Bertelsmann 1924. (VII, 570 S.) gr. 8°. =
Allgemeine evangelische Missionsgeschichte 1. Bd.

Gm. 9—; geb. 11—.

Die „Allgemeine evangelische Missionsgeschichte"
ist J. Richters besonderes Lebenswerk. Erst vor zwei
Jahren hat er den 3. Band (Afrika, vgl. Besprechung
Th. L. Z. 1923, Sp. 42—44) veröffentlicht. Jetzt liegt
in Neuauflage der 1., indische Band vor. Er erschien
zum erstenmale i. J. 1906. Seitdem sind fast zwei Jahrzehnte
vergangen, und was für Jahrzehnte, gerade auch
in Hinsicht auf die Mission! Das kommt in Richters
Buch deutlich zum Ausdruck. Um mehr als 100 Seiten
ist der Umfang gewachsen. Sie sind hauptsächlich angefüllt
mit einer Schilderung der letzten Geschicke
deutscher Missionen in Indien, abschließend mit der