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Ausgabe:

1924 Nr. 15

Spalte:

323-324

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Diehl, Ernestus

Titel/Untertitel:

Inscriptiones latinae christianae ueteres. Vol. I, Fasc. 1 1924

Rezensent:

Krüger, Gerhard

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323

Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 15.

324

hang einer Erforschung der Geschichte der Askese
deutlicher erkannt werden (vgl. Reitzenstein, hellenist.
Wundererz. 139 ff.; schon er hat — nicht erst Leisegang
, der von N. dafür genannt wird — Philo de Cher.
13 in diesen Zusammenhang gestellt und mit den beiden
wesentlichen Plutarchstellen kombiniert). Die im Anschluß
an Völter gegebene Analyse von Lk. 1 erweckt
manche Bedenken. Die Szene der Verkündigung sei
ursprünglich die Szene der Empfängnis gewesen; der
Verkündigungsengel sei an die Stelle des zeugenden
Gottes getreten. Und übrigens sei die Szene ursprünglich
nicht von Maiia, sondern von Elisabeth erzählt gewesen
; der Verf. habe in die ursprüngliche Elisabethgeschichte
die Maria erst hineingebracht. Ich bin mit N.
darin einig, daß die Kombination der Täufer- und Jesus-
Vorgeschichten, also auch der Gestalten der Elisabeth
und Maria Redaktionswerk ist (vgl. meine Geschichte
d. synopt. Tradition 176 f.). Aber daß in der Täufertradition
die jetzt von Maria erzählte Szene einst von
EL berichtet wurde, erscheint mir höchst fraglich. Jedenfalls
ist die Tatsache, daß El. V. 60 weiß, das Kind
solle Johannes heißen, kein Beweis dafür, daß es ihr
der Engel in einer Verkündigungsszene vorher gesagt
haben muß; denn sie zeigt sich V. 42f. und V. 45 auch
über Erlebnisse der Maria orientiert, ohne daß dafür
eine besondere Engelsbotschaft in Anspruch genommen
werden dürfte. Das ist einfach die Sorglosigkeit des
Erzählers. Sodann ist die Zeitangabe V. 26 für die Maria
keineswegs bedeutungslos, da die Schwangerschaft der
El. für Maria das arj/.tsiov für die Wahrheit der Engelsbotschaft
ist (wie V. 20 das Verstummen des Zach, für
diesen das arj^elov ist). Das hebt der Verf. V. 36 f.
deutlich hervor, und mit Bezug darauf wird V. 44 f.
zu verstehen sein: diese Worte der El. verbürgen der
Maria, daß das orjueiov vorliegt; das Hüpfen des Kindes
im Leibe der Mutter und mithin die 6 Monate von
V. 26 haben also in der Tat ihre Bedeutung für Maria.
Vor allem aber habe ich gegen N.'s Konstruktion das
Bedenken, daß in ihr die Ursprünglichkeit des Jungfrauenmotivs
in der Verkündigungsszene einfach vorausgesetzt
wird, ohne daß die dagegen stehenden schweren
Bedenken erörtert würden. Sind, wie ich meine,
V. 34 bis 35 bzw. bis 37 vom Redaktor in seine Quelle
eingefügt, so kann die Verkündigungsszene nicht aus
der ägyptischen Königstheologie stammen, sondern Analogien
sind Gen. 18; Idc 13; Jos. ant. II, 9,3 (vgl.
Gesch. d. synopt. Trad. 175, wo Anm. 2 auch eine
ägypt. Parallele). — Als Neutestamentier habe ich zum
Schluß noch die Frage, nach welcher Textüberlieferung
S. 98 die Übersetzung von Joh. 3, 16 gegeben ist, die
einen ganz falschen Gedanken in den Johannestext einträgt
, um dann mit einem Dank von dem Buche Abschied
zu nehmen, das ungewöhnlich reich an Perspektiven
und Fragen ist.
Marburg. R. Bultmann.

Diehl, Ernestus: Inscriptiones latinae christianae ueteres.

Fase. 1. Berlin: Weidmannsche Buchh. 1924. (80 S.) gr. 8°.

Subskr.-Pr. Gm. 3.75.

Nach sorgfältigster Vorbereitung ist das lang erwartete
Wenk von Diehl in Druck gegeben worden. Es
soll die sämtlichen lateinischen christlichen Inschriften
des ganzen Orbis Romanus von den Anfängen bis zum
Beginn des 7. Jahrhunderts, soweit sie unter sachlichen
oder sprachlichen Gesichtspunkten von Bedeutung sind,
in sich vereinigen. Nicht nur die Inschriftenwerke, sondern
auch die gesamte Zeitschriftenliteratur aller Länder
ist dafür herangezogen, und in den Erläuterungen
sind auch die nicht in die Sammlung aufgenommenen
Inschriften ausgiebig verwertet worden. Die Sammlung
zerfällt in zwei Teile. Der erste (Tituli christiani ad res
romanas pertinentes) bringt die auf die bürgerlichen
Angelegenheiten bezüglichen Inschriften, sofern sie irgend
ein Kennzeichen christlichen Ursprungs an sich
tragen; der zweite (tituli christiani ad res christianas

pertinentes) die im engeren Sinn christlichen Inschriften
, in denen sich das christlich-religiöse Leben in der
Öffentlichkeit oder im Hause oder im Kloster von der
Wiege bis zum Grabe widerspiegelt. Ausführliche In-
dices, deren Umfang ein Dritteil des ganzen Werkes
umspannen wird, sollen den Inhalt für die Forschung
nutzbar machen.

Die erste Lieferung enthält 1) tituli imperatorum
domusque imperatoriae, tituli regum et prineipum exte-
rarum gentium (1—55), 2) tituli virorum et mulierum
ordinis senatorii (56—275), 3) tituli virorum ordinis
equestris (276—300), 4) viri honesti; honestae feminae;
viri devotissimi (301—346), 5) tituli ministrorum domus
Augustae (347—359). Der Druck ist scharf und deutlich
, auch in den mit den kleinsten Typen gesetzten
Erläuterungen. Da das Manuskript des Ganzen druckfertig
vorliegt, ist mit der Vollendung des auf 75 Bogen
berechneten Werks in absehbarer Zeit zu rechnen.
Gießen. G. Krüger.

Manitius, Max: Geschichte der lateinischen Literatur des
Mittelalters. 2. Teil: Von der Mitte des 10. Jh. bis zum Ausbruch
des Kampfes zwischen Kirche und Staat. Mit Index. München
: C. H. Beck 1923. (X, 873 S.) gr. 8°. = Handbuch d. Altertumswissenschaft
, IX, 2. 2. Gm. 19—; geb. 23—.

Zur Kennzeichnung einer Arbeit von der Art, wie
sie in dem mir vorliegenden Werk von Manitius geleistet
ist, pflegt der Berichterstatter das Wort entsagungsvoll
zu verwenden. Damit soll einerseits das
Lob eines auf eine nicht sonderlich dankbare Aufgabe
nutzbringend verwendeten Fleißes, andrerseits ein leises
Mitleid mit dem fleißigen Arbeiter schonend zum Ausdruck
gebracht werden. Da ich öfter in der Lage gewesen
bin, ein solches Urteil in mehr oder weniger
freundlicher Fassung entgegennehmen zu müssen, so
möchte ich als meine Meinung betonen, daß es in solchen
Fällen mit der Entsagung nicht gar so weit her ist.
Auch Manitius würde schwerlich ein langes Gelehrtenleben
an dem Fernerstehenden entlegen scheinende
Arbeitsgebiete gewendet haben, wenn er mit ihnen
nicht im Lauf der Jahre immer mehr verwachsen wäre.
Die Aufgabe, der Geschichte der lateinischen Literatur
des Mittelalters „von der Mitte des zehnten Jahrhunderts
bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und
Staat", in alle Einzelheiten dringend, nachzugehen, trägt
freilich ihre Reize nicht zur Schau. Spricht man doch
nicht umsonst von dieser Zeit als dem saeculum obscu-
rum, und sind doch von den 136 Namen, deren Träger
von Manitius behandelt werden, auch dem mit dem
allgemeinen Gang der Geschichte Vertrauten nur die
wenigsten bekannt; ich wage sogar zu behaupten, daß
sie zum Teil auch dem Verfasser erst während der Arbeit
in den Gesichtskreis getreten sind. Um so dankbarer
muß man sein, daß ein Sachkenner wie M a -
nitius sie nun eingefangen und uns ihre Geisteserzeugnisse
mit bisher nicht erhörter Vollständigkeit und Zuverlässigkeit
vorgeführt hat. Wenn überhaupt Jemand,
so können ihm jedenfalls nur die Wenigsten in alle
Schlupfwinkel seiner gelehrten Arbeit folgen. Für die
Leser dieser Zeitung müssen einige kurze Bemerkungen
genügen.

Es sind drei Literaturgebiete, die für uns in diesem
Band von Interesse sind: zuerst die im engeren Sinn als
theologisch zu bezeichnenden Erzeugnisse, sodann die
hagiographischen, endlich die poetischen. In dem Abschnitt
über die Theologie sind es neben ganz oder fast
ganz unbekannten Namen (Adaiger, Gezo von Tortona,
Gerard von Czanäd) Männer wie Odo von Cluni, Atto
von Vercelli, Ratherius von Lüttich (bekannter als R.
von Verona), Berengar von Tours und seine Widersacher
im Abendmahlsstreit, daneben Burchard von
Worms, Bern von Reichenau, Bruno von Würzburg,
denen Manitius je nach dem Stand der Überlieferung
mehr oder weniger ausführliche Behandlung zu Teil
werden läßt. Der Hagiographie war bei der Bedeutung,