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Ausgabe:

1924

Spalte:

318

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Abel, Othenio

Titel/Untertitel:

Die vorweltlichen Tiere in Märchen, Sage und Aberglauben 1924

Rezensent:

Bertholet, Alfred

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Verfallsidee einerseits, traditionalistische Elemente anderseits
sind die Kernfragen; als Einzelfragen begegnen
vor allem die nach der Stellung zu den Ketzern, nach dem
Kirchengedanken, nach der Auffassung von der mystischen
Theologie, nach der Hellenisierung des Christentums
, und was sonst der A.schen Darstellung das Ge-
präge gibt. Insofern hat S. sich auch in diesem weitausholenden
Kapitel durch A. selbst leiten lassen. Während
S. einleitenderweise die Verfallsidee und die Vorstellung
vom Segen der Verfolgung bis in die alte
Kirche und das Mittelalter (hier besonders Joachim von
Flore) zurückverfolgt — freilich ohne Vollständigkeit
zu erstreben —, bewegen sich die übrigen Untersuchungen
innerhalb des 16. und 17. Jahrh. und enthalten,
auf das Hauptziel gesehen, einen Ansatz zu einer neuen
Geschichte der Kirchengeschichtsschreibung dieser Zeit,
der durch großzügiges Anpacken der geistesgeschichtlichen
Probleme weit über F. Chr. Baurs „Epochen der
Kirchengeschichtsschreibung" und die anderen Studien
über die Geschichte der Historiographie bis hin etwa
zu Walther Koehler oder zu Eduard Fueter hinausführt.

Freilich die Zusammenfassung zu einem einheitlichen Bild bleibt
auch hier in Vielem dem Leser überlassen, und einen chronologischen
Aufbau zu geben, ist nicht S.'s Absicht. Wer einen solchen erstrebt,
der lese zunächst die Studie über die Historisierung der Theologie
durch den Humanismus und über die rationale Linie der Gcistcs-
geschichte im 16. und 17. Jahrhdt. (Valla, Erasmus, Vives, Castellio
Servet, Sozinianismus, Acontius, Coornhert), dann das über die theologische
Arbeit an der Kirchengeschichte von Luther und Melanchthon
und den Magdeburger Zenturien bis zu Calixt einerseits, Rivet und
Daille anderseits, dann den kurzen Abschnitt über Sebastian Franck
und Arnold, endlich die Untersuchungen einerseits über die Auffassung
der neuen Jurisprudenz (Brunnemann, Seckendorf, Grotius,
Pufendorf) und insbesondere die des Christian Thomasius von der
Kirche, der Kirchengeschichte und der historischen Methode, anderseits
über die geistesgeschichtliche und historiographische Bedeutung
der neueren Mystik (Paracelsus, Arnd, Weigel. Poiret, Boehme u.a.)
und der neueren Sekten (Täufer, Quäker), auch der Coccejanischen
Föderaltheologie und Speners Pietismus. Die zitierten Überschriften
zeigen, wie weit S. ausholt, daß er sowohl über die Kreise der
Theologen hinausgreift als auch über die deutschen Grenzen. Er
ist sich dessen bewußt, daß in der Geistesgeschichte überhaupt und
in der Theologiegeschichte insbesondere Holland und England an
führender Stelle stehen. Das wird betreffs Hollands (bes. Grotius)
bei ihm auch ganz deutlich, weniger betreffs Englands, für das er
sich wesentlich auf Cave, den Traditionalisten, auf die patristischen
Studien eines Usher, auf Dodwell und einige wenige sonst beschränkt,
während vor allem aus der englischen deistischen Literatur, aber
auch aus der Theologie der Latitudinarier noch Manches bezüglich der
Depravationsidce, der Anschauung von der Hellenisierung des Christentums
und sonstiger kritischer Ideen herauszuholen gewesen wäre.
Hier ist eine der Lücken, die noch ausgefüllt sein müßten, wenn
eine völlig ausgebaute Untersuchung hätte entstehen sollen. Auf
eine solche hat S. verzichtet (vgl. S. 497 u. ö.) und hat seine Arbeit
vorher abgebrochen.

Ans der Tatsache, daß S. seinem Buche nicht die
letzte Abrundung hat geben, sondern es im Wesentlichen
in der Form, die er ihm bis 1920 hatte geben können,
hat veröffentlichen wollen, erklärt sich auch die skizzenhafte
Art des 6. Kapitels über A.s. Nachwirkungen.
Sein Wert liegt darin, gezeigt zu haben, daß diese
Kirchengeschichte nicht bloß in den Kreisen der
Mystiker fortgewirkt hat, aus denen er Tersteegen
und Dippel herausgreift, sondern daß sich A.s Nachwirkungen
auch in der wissenschaftlichen Forschung
des 18. Jahrhunderts nachweisen lassen. Auch hierin
zeigt sich die schon aus der Analyse der historischen
Ideen A.s bekannte Tatsache, daß seine „Kirchen-
und Ketzerhistorie" der Wissenschaftsgeschichte genau
so stark angehört wie der Frömmigkeitsgeschichte. S.
hat für die Frage der Nachwirkung auf Juristen und
Kirchenrechtslehrer wie Böhmer, v. Loen, Pf äff und
auf Kirchenhistoriker wie Weismann, Mosheim, Semler
hingewiesen; letztere zeigen die Verbindung mit der
Aufklärung. Man wünschte ergänzend den leicht zu
führenden Nachweis, daß A.s Auffassung auch weithin
die populäre Anschauung (vgl. z. B. Goethe, Friedrich
d. Gr.) beeinflußt hat. Anderseits wäre eine zusammenfassende
Darstellung der Kritik, die A. gefunden
hat, sehr erwünscht gewesen. S. notiert gelegentlich
Kritiker wie Cyprian, Grosch, Pfanner, Feust-
king, Ittig, auch Spener; aber das sind nur verstreute
Notizen, die auch infolge des Fehlens von Registern
schwer zu einem Bilde zu vereinigen sind.

S. gibt in seinem auf seine Arbeit zurückschauenden
und auch gewisse Lücken berührenden Vorwort
selber dem Gedanken Ausdruck, daß in der Geistesgeschichte
des 17. Jahrh. noch viele Probleme herauszuarbeiten
sind, ehe wir zu einem klaren Bild von der
Entwicklung gelangen können. Es sind seit Abschluß
seines Buches schon weitere tief eindringende Studien zur
protestantischen Theologie- und Philosophiegeschichte
dieser Zeit erschienen. S. wird aber mit seinem „Gottfried
Arnold" eine Stelle finden inmitten derer, die als
erste sich erfolgreich an die Erforschung dieses noch
so selten durchforschten Jahrhunderts gewagt haben.
Breslau. Leopold Zscharnack.

Abel, Prof. Dr. Othenio: Die vorweltlichen Tiere in Märchen,
Sage und Aberglauben. Karlsruhe i. B. i O. Braunsche Hofbuchdruckerei
1923. (66 S., m. 8 Tafeln u. 16 Textfiguren.) 8°
= Wissen und Wirken 8. Band. Gm. 1 -.

Es ist dankbar zu begrüßen, daß in diesem Schriftchen
der Palaeobiolog dem Religionshistoriker mit wertvollem
Material und seiner Erklärung an die Hand geht.
A. versucht sich im Nachweis, wie die Entstehung des
Glaubens an Fabeltiere und der Ursprung der verschiedenen
Märchen von Riesen, Drachen, Lindwürmern
, Basilisken und andern Ungeheuern auf ursprünglich
gemachte Beobachtungen und Erfahrungen zurückgehe
, die nur durch den Mangel wissenschaftlicher Betrachtungsweise
zu bizarren Formen verzerrt erschienen.
Es handelt sich um Beobachtung und Deutung mannigfacher
fossiler Tierreste. Da veranlassen nach A. Funde
von Höhlenbärenresten die Entstehung der Märchen
von Höhlen bewohnenden Drachen und Lindwürmern,
Funde großer fossiler Elefanten und Großsäugetiere
liegen Riesenfabeln zu Grunde, und die Stoßzähne des
Mammuts bieten der Sage vom Einhorn immer wieder
neue Nahrung. Andererseits kann eine Sandsteinkonkretion
Veranlassung einer Basiliskensage werden wie
in einem Falle in Wien (S. 24 ff.) oder die Entdeckung
des Ichthyols auf dem „Zierler Berg" bei
Innsbruck eine Drachensage hervorrufen (S. 8 ff.).
Überhaupt entnimmt A. sein Material vorzugsweise dem
Boden seiner österreichischen Heimat; er wird freilich
auch gelegentlich auf das klassische Altertum oder Alt-
Babylonisches und Assyrisches geführt, und mit Recht
weist er auf die Bedeutung der literarischen Überlieferung
, durch welche volkstümlichen Vorstellungen willkommener
Stoff zufloß. Sehr viel zweifelhafter ist es,
wenn er für Riesensagen, die sich auf dem Boden Südamerikas
wiederfinden, Missionare verantwortlich macht,
die sie dahin verpflanzt haben sollen (S. 42). Hier bedürfte
es im Einzelfalle genauster Nachforschung.

Unter den von A. vorgeschlagenen Erklärungsversuchen
ist besonders interessant der der Zyklopensagen
, zu denen Funde großer Knochen vorzeitlicher
Elefanten in sizilianischen Höhlen Veranlassung gegeben
haben sollen. „Wenn wir irgend einen Elefantenschädel
von der Vorderseite betrachten, so wird uns sofort das
mitten auf der Stirne stehende große, querovale und in
der Mitte eingeschnürte Loch auffallen, das so aussieht,
als wenn die beiden Augenhöhlen eines Menschenschädels
miteinander verschmolzen wären" (S. 34; vgl.
Abb. 9). Das Beispiel regt wie das ganze Büchlein zum
Nachdenken an. So bestechend seine Erklärung ist,
bleibt die Frage im Rest, ob sie nicht doch zu rationalistisch
sei.
Göttingen. Alfred Bertholet.

Bell, Edward, M. A., F. S. A.: Early Architecture in Western
Asia. Chalclaean, Hittite, Assyrian, Persian. A historical outline
With HO illustr., maps and plans. London: G. Bell and Sons
1924. (XVI, 252 S.) 8°. 10 sh.