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Ausgabe:

1924 Nr. 14

Spalte:

303-304

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stählin, Otto

Titel/Untertitel:

Die altchristliche griechische Literatur 1924

Rezensent:

Jülicher, Adolf

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303

Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 14.

304

2, 12 so verändert, daß der hohe Ausdruck icagovoia
dem Auftreten des Paulus einen besonderen Glanz verleiht
. Nicht von Marcion selbst, der den Epheserbrief
als Laodicenerbrief bot, aber von einem derjenigen Mar-
cioniten, die mit der katholischen Überlieferung den
Epheserbrief als Epheserbrief bezeichneten und so die
Aufschrift Ad Laodicenses frei hatten, ist der Brief
erfunden worden, und zwar, wie das jetzt ganz klare
Zeugnis des Muratorischen Fragments beweist, schon
im 2. Jahrhundert, zwischen 160 und 190. Der Fälscher
hat offenbar die Absicht gehabt, unter dem Deckmantel
unverdächtiger paulinischer Sätze, die dem. Brief auch
bei den katholischen Christen Anerkennung verschaffen
sollten, heimlich Marcionitische Lehren einzuführen. Wie
großen Erfolg er gehabt hat, zeigt die Verbreitung des
Briefes in den lateinischen Bibeln trotz des frühen
ausdrücklichen Protestes des Verfassers des Muratoria-
num. Die Fälschung wird gleichzeitig griechisch und
lateinisch angefertigt worden sein. Sie ist verwandt, ja
stammt womöglich aus derselben Schmiede mit den
Argumenta der Vulgata zu den Paulusbriefen, deren
Marcionitischen Ursprung de Bruyne und Corssen erwiesen
haben.

H.s überraschende Entdeckung ruht auf so sicheren
Beobachtungen, daß ihre Richtigkeit unmittelbar
in die Augen springt. Kleine Bedenken gegen Textemen-
dationen — etwa in dem defekten v. 5; die Konjektur
praesentiam mei v. 10 ist ausgezeichnet—, gegen die Argumente
für griechischen und lateinischen Urtext, gegen
eine allzu nahe Zusammenrückung der Kompilation mit
den Marcionitischen Prologen zu den Briefen des Paulus
u. dergl. berühren den eigentlichen Sachverhalt nicht
den FL aufs glücklichste geklärt hat: das Plagiat Ad
Laodicenses das älteste vollständige Schriftwerk aus
Marcionitischer Feder, das erhalten geblieben ist! Eine
Paradoxie der Geschichte: ,,Dreizehn Jahrhunderte hindurch
stand ein von dem Todfeinde des Katholizismus
gefälschter Paulusbrief mitten in der heiligen Sammlung
, und niemand merkte das verborgene Gift!" (S.
245). Aber eine Lösung in ausgleichender Gerechtigkeit
, daß den für Marcionitische Geistesart geschärftesten
Forscheraugen die Entwirrung der Fäden beschieden
worden ist, auch eine Frucht des „Marcion"!

Göttingen. J. Behm.

S t ä h I i n, Otto: Die altchristliche griechische Literatur. Sonder-
Abdruck aus W. v. Christs Geschichte d. griech. Litteratur. Tl. 2,
Hälfte 2. 6. Aufl. München : C. H. Beck 1924. (VS. u. S. 1105 - 1502.)
4°. Gm. 9—.

Nur eines ist seltsam an diesem wertvollen Buche:
aus dem Vorwort würde der nicht vorher unterrichtete
'Leser schwerlich entnehmen, daß, was hier vorliegt,
nämlich eine recht gründliche Umarbeitung der v.
Christ'schen Geschichte der griechischen Literatur, bereits
in der 5. Auflage jenes Werkes 1911—13 vorgenommen
worden ist, und beide Umarbeiter gar nichts
weiter tun konnten, als ihre Umarbeitung 10 Jahre
später noch vollkommener zu gestalten. Das ist denn
auch von Seiten Stählins — über Wilhelm Schmid steht
mir kein Urteil zu — in jeder Weise geschehen; so daß,
was z.B. in dieser Ztsch. 1914, 617—9 G.Krüger ihm
an Lobsprüchen erteilt hat, heut erst recht gilt, und
seine Ausstellungen nicht mehr wiederholt werden dürfen
. Auch der Verlag ist ihm entgegengekommen und
hat den „Sonderabdruck" so gestaltet, daß der Theologe
ihn bequem benutzen kann; die Absonderung der
neutestamentlichen Literatur und unglückliche Titel wie
„gelehrte Literatur" sind verschwunden; die Nachblüte
der patristischen Litt. (ca. 450 bis 518) hat etwas
mehr Sonne erhalten. Freilich wird man die von
Krüger verlangte Würdigung des B. Severus von Anti-
Rochien (512—518) nicht gerade in einer Anmerkung zu
den Festpredigten des Gregor von Nyssa S. 1424, 9 erwarten
, aber dieser Mangel fällt nicht stark ins Gewicht,
da das Werk doch mehr lexikalisch gehalten ist, sich

die Vollständigkeit des Materials zum Ideal gesetzt hat,
und weniger nachschöpferisch die Geistesträger aus jener
antiken Welt vor uns aufleben läßt, als uns, aufs glänzendste
ausgestattet mit allen Mitteln des Verständnisses,
an sie heranführt, damit wir uns nun mit ihnen verständigen
. Wäre das nicht so, dann müßte ich gegen
die geringe Einschätzung der Originalität des Gregor
von Nyssa protestieren, erst recht gegen einen Satz wie
S. 1408 über Basilius den Großen: „Seine große Bedeutung
besteht wesentlich darin, daß er die orthodoxe
Lehre, wie sie Athanasius begründet hatte, durch Schrift
und Kirchenordnung befestigte." In diesem Zusammenhange
brauchen solche Fehlurteile nicht gefährlich zu
werden.

Bewunderungswürdig ist der Fleiß, die Sorgfalt
und — das Glück, die hier zusammenwirken, um uns
den Stand der patristischen Forschung bis zur Mitte
des J. 1923 zu veranschaulichen; gerade wegen der Isolierung
der deutschen Forschung seit 10 Jahren wird
diese Hilfe Vielen unentbehrlich sein. Bisweilen bietet
der Verf. eher zu viel; gehört die Anführung jeder
deutschen oder italienischen Übersetzung eines patristischen
Werkes in seine Literaturgeschichte? Daß er bei
den neutestamentlichen Apokryphen sogar des famosen
Benan-Briefs gedenkt, verüble ich ihm nicht, aber ist es
noch ein Teil seiner Aufgabe, uns über alle Details der
Rezensionen des griechischen Evangelientexts zu informieren
? Wenn er aber 1127, 5 auf den späten Kodex
6 als Zeugen des „westlichen" Textes glaubt hinweisen
zu müssen, dürfte der wichtige W nicht mit
Schweigen übergangen werden — aber wo wäre das
Ende?

Störende Druckfehler sind selten; 1284 Z. 12 soll
doch wohl „des Juden" st. des Justinus gelesen werden
, und ist 1924, 9 Beith Aphthonia (st. Beth) ernst
beabsichtigt? Verbessere die Daten S. 1491 Z. 4 553
in 533, S. 1394 Regierungszeiten der Päpste Pelagius I.
und Johannes III. in 556—561 und 561—574, S. 1126, 1
das Datum der Synode von Hippo Regius in 393. Die
NTliche Einleitung von Schäfer-Meinertz (zu S. 1122, 1)
liegt schon seit 1921 in 3. Aufl. vor. Für den letzten
Abschnitt empfehle ich — auch wenn es sich da um
untergegangene Werke handelt — der Aufmerksamkeit
des Verfs. die Hymnendichter Anthimos und Timokles
um 470, und den Apologeten der chalcedonischen Synode
Dorotheos mit seinem icoXvoti%os ßißlog. Schon das
von Theophanes 152, 32—153, 7 erzählte Schicksal
dieses Buches gibt ihm Anspruch auf Erwähnung in
einer Literaturgeschichte.

Ein letztes Desiderium bringe ich vor, weil
ich den führenden Editionstechniker Stählin mir gegenübersehe
. Wie seine Büchertitel durch höchste Akkuratesse
ausgezeichnet sind, fehlen nie die Vornamen
, manchmal sind's ganze Reihen. Aber stets nur
die Anfangsbuchstaben. Soll das so bleiben? Wo
doch schon Krüger mit Au für August, Jf (Josef
) u. A. den rechten Weg beschritten hat. Wenn
Vater und Sohn H. von Soden gezeichnet werden, hilft
mir das H. zur Unterscheidung nichts, denn der Vater
heißt Hermann, der Sohn Hans — doch ich verzichte auf
weitere Beispiele. Stählin ist der Mann, um mit gutem
Beispiel voranzugehen: nicht schematisch, bei seltenen
Namen wie Pitra oder Sikorski können die Vornamen
überhaupt fortbleiben; nur in der Regel sollten unzweideutige
Abkürzungen für den Hauptvornamen (falls sich
dieser leicht feststellen läßt) gebraucht werden, Vornamen
wie Rendel vor Harris oder Armitage vor Robinson
schreibe man ganz aus. Der benötigte Raum
wird eingespart werden, indem man bei den öfters
hintereinander zitierten Büchern nur einmal den Vornamen
mitgibt; auch die Schreibung Homer statt Ho-
meros würde ausgleichend wirken. Figuren wie J. J. J.
Döllinger sollten aus unsern Partituren verschwinden.
Marburg:. Ad. Jülicher.