Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1924 Nr. 14

Spalte:

295-297

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Vassel, Eusèbe

Titel/Untertitel:

Les inscriptions votives du temple de Tanit à Carthage 1924

Rezensent:

Lidzbarski, Mark

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

295

Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 14.

296

verschiedene Trachten: 1. Die Bartlosigkeit erscheint
fast überall als die älteste Sitte. 2. Die Fräse (Backen-
und Kinnbart bei glatt rasierter Oberlippe) taucht mit
den Semiten auf und ist vermutlich von den Amoritern
ausgegangen. Sie ist heute noch in Südarabien und an
der Somaliküste verbreitet, sodaß man diese Gegend
wohl auch als das ursprüngliche Heimatsgebiet ansprechen
darf. Merkwürdiger Weise ist sie, unabhängig
hiervon, auch in Mexiko nachweisbar; sie scheint daher
einen tieferen Sinn zu haben. Der Verf. denkt an
eine „Genitalbedeutung des Schnurrbarts"; diese Tracht
sei darum wie eine partielle Kastration nach Art der
Beschneidung aufzufassen. Aber diese sexualpsycho-
logische Erklärung ist weder einleuchtend noch notwendig
; einfacher wird man die Fräse, etwa den ausgefeilten
Zähnen entsprechend, ursprünglich für das
Stammesabzeichen eines weitverbreiteten oder politisch
bedeutenden Volkes halten dürfen, das diese Sitte dann
auch anderen Völkern vermittelt hat. 3. Der Vollbart
ist der Fräse ungefähr gleichzeitig, vielleicht etwas
jünger; auch er ist, wie es scheint, von Semiten ausgegangen
, die vermutlich zu den Fräse-Semiten in irgend
einem Gegensatz standen. M. denkt an religiöse Gegensätze
; ich bin nach wie vor der Meinung, daß der Vollbart
(wenigstens ursprünglich) die Bauern, die Fräse dagegen
die Nomaden bezeichnet. Da wir über diese letzte
Tracht zuverlässige Nachrichten besitzen, so ist mir
nicht verständlich, warum M. sie nicht zur Erklärung
herangezogen hat. 4. Eine besondere Abart ist die
assyrische Nationaltracht: Vollbart mit Lockenwinkeln
und senkrechten wie wagerechten Bändern. 5. Ganz
selten ist der bloße Schnurrbart, der nur in Ägypten
von der III.—V. Dyn. an einzelnen Beispielen zu belegen
ist.

In den Ausführungen über die Barttracht der Israeliten (S. 33ff.)
hat M. meinen Aufsatz in der Budde-Festschrift S. 61 ff. mit meiner
Erlaubnis benutzt und ihn zum Teil wörtlich wiederholt. Leider
haben sich dabei eine ganze Reihe unschöner Druckfehler eingeschlichen
, die der Kundige meist ohne weiteres verbessern wird,
allerdings nicht immer (vgl. S. 37 Anm. 3), ohne das Original zu
Rate zu ziehen. Ferner wird der Leser Schwierigkeiten beim Verständnis
haben, da M. seine Auffassung nicht scharf genug gegen
meine abgegrenzt hat; er hätte meinen Text stärker verändern müssen,
um ihn seiner Anschauung ganz anzupassen. Ob die Polemik
S. 35 (zu II. Sam. IQ, 25 [nicht 19, 2 |) gegen mich gerichtet ist,
wird auch nicht ganz klar; jedenfalls habe ich niemals behauptet,
daß die Israeliten bloß einen Schnurrbart getragen hätten. In allem
Wesentlichen sind M. und ich vielmehr derselben Meinung, daß bei
den Israeliten neben dem Vollbart (d. h. Backen-, Kinn-, Schnurrbart)
die Fräse vorkommt. Selbständig sind seine Ausführungen über die
Bilder, die er um ein Denkmal (Annual PEF. II Taf. 48) vermehrt
hat und die vielleicht noch einen weiteren Schluß gestatten. Wenn
die Abbildungen der Israeliten auf den assyrischen Denkmälern zuverlässig
sind, dann beweisen die Lockenwinkel, daß damals die spezifisch
assyrische Barttracht in Palästina Mode war, eine Tatsache, die
sich auch anderen Nachrichten gut einfügen würde.

Berlin-Schlachtensee. Hugo Greßmann.

Vassel, Eusebe, et Francois Icard: Les inscriptions votives
du temple de Tanit ä Carthage. Premier article. Second
article. Tunis: Societe anonyme de l'Imprimerie rapide de Tunis.
1923. (20 + 28 S.) 8°. = Extraits de la Revue Tunisienne.
Eusebe Vassel, der verdiente Erforscher punischer
Altertümer, gibt zusammen mit Fr. Icard eine wichtige
auf dem Boden Karthagos gemachte Entdeckung bekannt
. Westlich vom viereckigen Bassin des alten
Hafens, 150 m nordwestlich von der Admiralsinsel
stieß man auf die Oberreste eines Heiligtums der Tanit,
der Stadtgöttin Karthagos. Die Stätte wurde bis auf
den Urboden umgegraben und untersucht, und man
fand vier übereinander liegende Schichten, von denen
eine jede Urnen und darüberstehende Stelen enthielt.
Als der Platz zuerst mit Urnen belegt war, deckte man
ihn mit Erde zu und schuf darüber für denselben Zweck
eine neue Area, und dies wiederholte man noch zweimal.
In den unteren beiden Schichten sind die Stelen roh behauen
und unbeschrieben, in der dritten enthalten sie

Weihinschriften in der eleganten punischen Schrift, die
etwa dem 4. Jahrh. v. Chr. angehört, in der vierten
Schicht ist die Schrift roh und unbeholfen, und sie gehört
wohl der letzten Zeit Karthagos an. Eine Untersuchung
des Inhaltes der Urnen ergab, daß 85<>/o von
ihnen Überreste verbrannter sehr junger Kinder bis
zum Alter von sechs Monaten, 13o/0 Überreste verbrannter
junger Schafe und Ziegen, 2o/0 verbrannter
Vögel enthielten. In den letzteren Fällen waren wohl
in Anwendung einer pia fraus die Kinder durch kleine
Tiere ersetzt. Der Fund bestätigt danach den Brauch
des Kinderopfers bei den Puniern, der den Bestand
Karthagos überlebte, und gegen den noch in christlicher
Zeit die römischen Behörden ankämpfen mußten. Zugleich
zeigt er uns, daß das Kinderopfer nicht nur bei
außergewöhnlichen Gelegenheiten von Staatswegen geübt
wurde (St. Gsell, Histoire ancienne de l'Afrique
du Nord IV, p. 409 f.), sondern daß das Opfer sehr
oft von Privaten, Männern wie Frauen, dargebracht
wurde. Die Inschriften auf den Stelen, die Hr. Vassel
mitteilt, zeigen die gewöhnliche Form, die man bereits
I auf Tausenden von Steinen gefunden hat. Aber n. 19
I bietet Neues und ist von besonderem Interesse. Vassel

liest sie: |örl byob ptfbl bjD |B mir? DD")1?

ko-nn ntsa jrabjD p dösndew "Tay h:d -n: m
ran tosan nwa dik P"di -pa *d3& p nmob m toi

Km* diu mn t?JD P und übersetzt: „A la dame, ä
Tanit Face-de-Baal et au seigneur, ä Baal-Hammon: ce qu'a
I voue Kunmaj, serviteur de 'Eschmun-'amas, fils de Ba'al-
i jatan, de Sharaj. Qu'elle [Tanit] benisse lui et tout ce qui
j [est] ä Sarto', fils de Bifaj. Moi et Bifaj, [nous sommes]
I gens de Shamaj: que defende Tanit Face-de-Baal les fugitifs
de ces gens-lä". — Hr. Vassel hatte die Freundlichkeit, mir
Abklatsche dieser Inschrift und einiger anderer zu senden.
Ich stellte fest, daß in n" 19 Vassel's materielle Lesung bis
auf einen Buchstaben richtig ist. Aber freilich seine Deutung
befriedigt nicht. Ich lese die Partie hinter den Eigennamen
: Pi -pH iq >2 t p«n ich m bpi xcicc
an dih rro bjn p ran oben ^

Bei der Abtrennung der Worte folgte ich der Worttrennung,
die der Stein selber hat, die allerdings nicht überall ganz
sicher ist. "idt1 ist Infinitiv des Iphil von HD mit b.
Statt b^dh bietet das Phönizische b$)D das Punische
auch b^DN. Hebräischem "Ipflb entspricht daher punisches

was regelrecht zu "IDXb, leb wird. Zur Kon-

• t : t ■ t

struktion vgl. ÜDlb DIN ErX in der Massiliensis, Z. 14.
Bei IQ H hat der Stein ganz deutliche Abtrennung, man
darf daher nicht iQ^D als ein Wort lesen. Man erwartet
darin den Ausdruck einer Androhung. Vielleicht enthält
"O die Präposition D mit dem Suffix der 1. Person: „(der
hat es) mit mir (zu tun)p und p ist eine lautlich anklingende
Erweiterung (tabi1), wie sie gerade bei Ausrufen
beliebt ist. Der Ausruf wäre dann erstarrt und
stünde auch mit Beziehung auf andere Personen. An
das arabische fl darf man nicht denken. Besonders
interessant ist der Schlußsatz; er zeigt uns Tanit als
Totenrichterin. Das Gericht hat man sich eher in der
Unterwelt als im Himmel zu denken. Wenn Tanit nun
in römischer Zeit als Caelestis bezeichnet wurde, so
scheint dies nicht den älteren Anschauungen zu entsprechen
. Eher paßt eine Kombination mit der Demeter,
die verschiedentlich versucht wurde. Nicht minder interessant
ist, daß im Jenseits nicht die Nephesch, sondern
der Ruach, das Pneuma, gerichtet wird. |-p in diesem
Sinne liegt vielleicht auch in der leider fragmentarischen
Grabschrift Ephemeris I, p. 169, Z. 4 vor. Danach
übersetze ich: „Sie segne ihn. — Und einem jeden, der
diesen Stein entfernen sollte, tue ich es an (od. ähnl.),
ich, und tut es an ein Mann in meinem Namen. Und

i