Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1924 Nr. 10

Spalte:

204-206

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Knipfing, John R.

Titel/Untertitel:

Theol. Harvard-Rundschau Heft 4/1923. Dukumente aus der Decischen Christenverfolgung 1924

Rezensent:

Goetz, Hermann

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

203

Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 10.

204

wägung auf, daß für Paulus eine Frage der Freiheit in
einem mit Epiktet vergleichbaren Sinne schon durch den
geistigen und religiösen Zusammenhang, in dem er steht,
nicht existiert. So kommt es, daß während bei Epiktet in
lebendiger Weise der großen Tradition gedacht wird,
aus der er lebt, das Zeugnis des Paulus aus seiner geschichtlichen
Atmosphäre wie herausgehoben erscheint.
So wird aher die Fruchtbarkeit des Vergleiches, der
sonst viele feine Erkenntnisse bringt, selbst problematisch
.

Eine Kleinigkeit des Stiles bleibt noch zu erwähnen.
Es findet sich bisweilen ein Uebersetzungsdeutsch, das
dem Geist der deutschen Sprache sehr unangemessen
ist. Wer versteht, was „gesetzliche Verführung" ist, der
es nicht in das Griechisch des Paulus überträgt, oder
wem wird der Sinn des Satzes offenbar: „Nun wird die
dem Gesetz unmögliche Verurteilung der Sünde mit
Vollmacht bezeugt als durch Gott selber geschehen" —,
wenn er sich nicht den griechischen Text von Rom. 8, 3
vorhält? Sind solche Stilfehler wohl auch sonst nicht allzu
selten, so darf man sie vielleicht in einer programmatisch
so betonten Arbeit anmerken, besonders wenn man als
nächstes Heft dieser „Paulusstudien" eine Abhandlung
mit dem unschönen und unsachlichen Titel: Die Christusgemeinschaft
des Apostels P. im Lichte seines Genitivgebrauchs
, angekündigt liest. Man darf freilich auch
nicht verkennen, daß die Untersuchung sonst in lebendiger
und flüssiger Rede fortschreitet.

Breslau. Ernst Lohraeycr,

Revue d'Histoire Ecclesiastique. Tome XIX. Louvain: Bureaux
de la Revue 1023. 4°.

Den Reigen der Abhandlungen in diesem Jahrgange
eröffnet P. G u i 1 1 o u x : L'evolution religieuse de Ter-
tullien. Sachlich Neues bietet er kaum, aber der Aufsatz
ist gut geschrieben und durch zahlreiche, zumeist freilich
bekannte Zitate belebt. Eingeteilt ist nach den Gesichtspunkten
: Le converti apologiste, le theologien catholique,
le montaniste; die Schriften des Afrikaners werden als
journal de combat charakterisiert. H. J. Chapman
bringt seine äußerst interessanten Studien über Pelage et
le texte de S. Paul zum Abschluß. Es wird zunächst
festgestellt, daß Pelagius im Briefe an Demetrias denselben
Text benutzt hat wie im Kommentar. Sodann beweisen
eingehende Listen, die u. a. Sedulius Scottus und
Gildas heranziehen, daß Pelagius den Text benutzte,
der in Großbritannien am Ende des 4. Jahrhunderts gebraucht
wurde und sich dank der Abgeschiedenheit Irlands
lange erhielt, durch die iroschottischen Mönche
auf den Kontinent kam. Eine Anmerkung am
Schluß des Aufsatzes freut sich der Übereinstimmung
dieses Ergebnisses mit dem neuen Buche von Souter: Pelagius
' expositions of thirteen Epistles of S. Paul 1922.
— Fortsetzung und Schluß der Arbeit des Jesuiten J. d e
Ghellink: Un eveque bibliophile au XlVe siecle:
Richard Aungerville de Bury 1345 wachsen sich zu einer
großen bibliothekswissenschaftlichen Arbeit aus, da
Verf. sich nicht mit den Angaben der bischöflichen
Schrift Philobiblon begnügt, vielmehr Vergleichsmaterial
heranzieht und so die mittelalterlichen Bibliotheken überhaupt
beleuchtet. Es wird gehandelt von den Ankäufen,
den Preisen der Bücher, dem Bibliotheksbetrieb u. dgl.
Leider ist jede Spur der bischöflichen Bibliothek untergegangen
, nur das Philobiblon ist in Handschriften und
Drucken stark verbreitet gewesen (als neueste Ausgabe
wird die von Axel Nelson, Stockholm 1922,
notiert). Die zum Schluß aufgeworfene Frage, ob de Bury
Humanist war, möchte G. vorsichtig bejahen, doch sind
seine Argumente hier nicht überzeugend. Das summe
delectabatur in multitudine librorum macht noch nicht
zum Humanisten. — Der Aufsatz von L. van der
Essen : Hucbald de S. Amand et sa place dans le
mouvement hagiographique medieval verrät die gute
Schulung durch H. Delehaye. Verf. gibt eine eingehende

Darstellung der „mentalite" der mittelalterlichen Hagio-
graphen, ihrer literarischen Formelhaftigkeit, Wundergläubigkeit
, Wundererdichtung („l'erreur pieuse est non
seulement permise, eile est bonne, ä condition, qu'elle
reste orthodoxe") u. dergl., ehe er sich Hucbald zuwendet
. Von diesem selbst werden zuerst die Schriften
behandelt, die ihn zeigen als compositeur de vies de
saints, dont une premiere biographie existait dejä et pou-
vait servir de source ou de modele; dann lehrt ihn die
vita Rictrudis als compositeur d'une ceuvre originale
kennen. Gesamtergebnis: Hucbald steht innerhalb der
Hagiographie seiner Zeit, unterscheidet sich aber von
den Zeitgenossen durch kritische Geistesschärfe. — L.
Antheunis: Un refugie catholique aux Pays-Bas, Sir
William Stanley (1548—1630) gibt Auszüge aus einer im
Druck befindlichen Biographie eines englischen Flüchtlings
, der nach der Pulververschwörung als mitschuldig
verdächtigt und verfolgt wird. Zahlreiche Details zur
Geschichte dieser Refugies in den Niederlanden werden
geboten. — Auch der auf dem Brüsseler Historikertag
1923 gehaltene Vortrag von A. L e m a n : Urban VIII et
les origines du congres de Cologne de 1636 ist Auszug
i aus einem größeren Werke, der Darstellung der Rivalität
zwischen Frankreich und Österreich in den Jahren
1635—1641. Der Papst erscheint als die vermittelnde
Macht. — J. Lebreton schneidet ein interessantes und
wertvolles Thema an: „Le desaccord de la foi populaire
et de la theologie savante dans l'eglise chretienne du
III. siecle", aber der bis jetzt veröffentlichte Teil beschränkt
sich auf das rein Formale, d. h., er zeigt die
Entstehung der Stufenschichtung bei Apologeten und
Gnostikern und bringt patristische Belegstellen dafür.
Vom Inhalt der foi populaire erfahren wir noch wenig
und hoffen auf die Fortsetzung des Aufsatzes. — F. C a-
b r o 1 untersucht die Alcuin zugeschriebenen liturgischen
Schriften und kommt zu folgendem Ergebnis: der sogen.
Comes (ed. Tommasi) ist parfaitement authentique
d'Alcuin; das Homiliarium ist zweifelhaft, der liber
sacramentorum stammt aus Alcuins Zeit; die Vorrede
zum Sacramentarium Gregorianum stammt mit aller
Wahrscheinlichkeit von Alcuin selbst, ebenso die kompi-
latorische Confessio fidei; auch de psalmorum usu und
die officia per ferias gehören ihm zu. Vielleicht auch die
sogen. Messe des Flacius Illyricus und die libri Carolini,
aber man muß hier das „vielleicht" unterstreichen.

Über den Reichtum der in den Bücherbesprechungen
und der Bibliographie angegebenen Literatur ist selbst
der erstaunt, der im Auslande relativ leichten Zugang zu
ihr hat. Die Besprechung ist stets sachlich gehalten, so
gewiß man der Anzeige der belgischen Kunstdenkmäler
von P. Clemen durch R. Maere anmerkt, daß sie dem
Verf. nicht leicht wurde, was man versteht.
Zürich. W. Köhler.

Dokumente aus der Decischen Christenverfolgung.

In einem Vortrag, den Professor John R. Knipfing
von der Ohio-Staatsuniversität in Columbia kürzlich in
New Häven in einer gemeinschaftlichen Sitzung der amerikanischen
Gesellschaft für Geschichtswissenschaft und
der Gesellschaften für klassische Studien gehalten hat,
hat er die bisherigen Ergebnisse der Forschung über die
Funde von Fayum hinsichtlich der Dokumente aus der
Decischen Verfolgung zusammengefaßt und neue Folgerungen
daraus gezogen. Auch veröffentlicht er aus
diesem Anlaß sieben bisher ungedruckte Dokumente. Es
handelt sich dabei im Wesentlichen um Folgendes.

Im Dezember des Jahres 249 oder auch Januar 250
hat der römische Kaiser Decius ein Edikt zur Bekämpfung
der christlichen Kirche erlassen, das zwar leider
nicht mehr vorhanden ist, über dessen hauptsächlichen Inhalt
wir jedoch durch Rückschlüsse aus erhaltenen und
wieder aufgefundenen Urkunden einigermaßen Klarheit
haben. Die kaiserliche Verordnung befahl allen Einwohnern
seines Reiches, Männern wie Frauen, Alten wie Jun-