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Ausgabe:

1924 Nr. 9

Spalte:

192

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Clemen, Carl

Titel/Untertitel:

Die Mystik nach Wesen, Entwicklung und Bedeutung 1924

Rezensent:

Stephan, Horst

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Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 9.

192

düng der Begriffe „emotional" und „kognitiv" leicht zu
belegen. Als wichtigste Typen des emotionalen Lebens
werden folgende beschrieben: der „depressive" Typus als
Typus des herabgesetzten Ichgefühls, der „euphorische"
Typus als Typus des gehobenen Ichgefühls, der Typus
des aggressiven Menschen, der Typus des Sympathie-
menschen und der Typus des erotischen Menschen. Unter
den Typen des „geistigen" Lebens werden zunächst als
Grundtypen diejenigen des Sinnesmenschen, des Phantasiemenschen
und des abstrakten Menschen vorangestellt
; von den zur Ergänzung hinzugefügten sind als besonders
wichtig noch diejenigen des Statikers und des
Dynamikers zu nennen. Ein Schlußteil sucht das Ergebnis
durch Analysen einzelner Persönlichkeiten und
ihrer Weltanschauungen zu veranschaulichen. Luther,
Goethe, Richard Wagner, Dürer und Kant werden für
diesen Zweck herangezogen.

Die ganze Arbeit steht in einer gewissen Analogie
zu William James' Buch über die religiöse Erfahrung
in ihrer Mannigfaltigkeit. Sie unterscheidet sich von ihm
aber außer durch den weiteren Rahmen speziell i n
religionsphilosophischer Hinsicht dadurch
, daß für James letztlich durchweg die Frage
nach dem spezifisch Religiösen die leitende
Fragestellung ist, während M. seinem ganzen Ansatz
gemäß diese Frage gar nicht methodisch anzufassen vermag
. Doch besteht schon bei James die Gefahr einer
psychologistischen Verschiebung der religiösen
Probleme, die daher meine deutsche Bearbeitung
möglichst zurückzudrängen bemüht sein mußte. Diese
Gefahr tritt bei M. in akuter Form in die Erscheinung
und wird durch die — an sich durchaus beachtenswerten
— Versuche M.'s, sie zu kompensieren, nicht wirklich
behoben. Sie zeigt sich z. B. schon in dem unbestimmten
Gebrauch des vieldeutigen Begriffs „Gefühl", der von
Schleiermacher übernommen, aber nicht im Sinne
Schleiermachers durchgeführt wird. Wenn gesagt wird,
in Gefühlen liege das innerste Wesen der Religion und
schon dadurch sei der subjektive Charakter der Religion
als Gefühlsbefriedigung bedingt, so ist dieser Satz ebensowohl
im Interesse der Sache selbst wie von der Denkweise
Schleiermachers aus als Trugschluß abzulehnen.
In der Analyse Luthers verhindert dann dieser Umstand,
die religiöse Haltung des Reformators in ihrer ganzen
Tiefe verständlich zu machen.

Es kommt hinzu, daß M. auch die Aufgabe, die für
seinen eigenen Ansatz der heutigen Problemlage zufolge
die dringendste wäre, nicht in Angriff genommen hat:
die psychologische Struktur des religiösen Bewußtseins
über Schleiermachers grundlegende, aber nicht
zureichende Unterscheidung zweier Schichten hinaus
weiter klarzustellen. Hätte er es getan, dann hätte er
sich auch der weiteren Einsicht nicht entziehen können,
daß jeder Versuch, von der Religion her die Weltanschauungsfrage
zu behandeln, neben der psychologischen
auch die logische Struktur des religiösen
Bewußtseins berücksichtigen muß.

Damit hängt dann wieder der übergreifende Einwand
zusammen, der gegen die Gesamtposition des
Buches zu erheben ist. Wer im Weltanschauungskampf
steht, fragt nicht und darf nicht fragen: welches ist die
meiner individuellen Eigenart am meisten gemäße Weltanschauung
? Nein, er fragt und muß fragen: welches
ist die Weltanschauung, die für mich wie für alle
Menschen, ja für alle vernunftbegabten endlichen Wesen
überhaupt berechtigten Anspruch auf Geltung hat? Relativismus
als Weltanschauung ist letzten Endes ein
Widerspruch in sich selbst. Relativismus — er sei historischen
oder psychologischen Charakters — ist überhaupt
keine Weltanschauung, sondern Mangel an Weltanschauung
oder wenigstens Gebrochenheit der Weltanschauung
.

Indes über dieser Kritik will ich nicht unterlassen,
nochmals hervorzuheben, daß das Buch wohl geeignet
ist, Belehrung und vor allem Anregung vielfacher Art
zu vermitteln. Unter diesem Gesichtspunkt dürfte es
gerade praktischen Geistlichen gute Dienste leisten
können.

Güttingen. Georg Wobbermin.

Gemen, Prof. D. Dr. Carl: Die Mystik nach Wesen, Entwicklung
und Bedeutung. Bonn: Ludwig Röhrscheid 1923. (40 S.)
kl. 8°. Gz. —60.

Zunächst behandelt CL das Wesen der Mystik (1—S), dann
länger ihre Entwicklung (8—32), endlich ihre Bedeutung (32—38).
Den Begriff der Mystik faßt er im strengen Sinn, als Einswerden des
Menschen mit Gott, d. h. als ein Verhalten, das sich von dem
sonstigen religiösen Verhalten zu Gott grundsätzlich unterscheidet.
Unter diesem Gesichtspunkt mustert er auch die Geschichte; weder bei
Paulus noch im 4. Evangelium noch bei Luther findet er wirkliche
Mystik, bringt aber für letztere eine Reihe wertvoller Belege von den
verschiedensten Seiten der Religionsgeschichte her. In dem modernen
Liebäugeln mit der Mystik sieht er teils eine Verfallserscheinung teils
eine Einseitigkeit, die gegenüber den „großen evangelischen Grundideen
", dem Gottvertrauen und sittlichen Streben, keinesfalls die Herrschaft
gewinnen darf. In dem Drängen auf scharfe Fassung des Verhältnisses
von Mystik und Religion liegt der Wert des anspruchslosen
Heftes; natürlich aber kann es nur in die Fragen einführen, nicht
sie lösen.

Halle a. S. H. Stephan.

Vorträge der Bibliothek Warburg, herausgegeben von Fritz Saxl.

Vorträge 1921—1922. Leipzig: B. ö. Teubner 1023. (185 S.) gr. 8°.

Gz, 5-.

Wir haben hier eine Sammlung von Vorträgen, die
sich um das von Warburg gestellte Problem bemühen.
Das ist die Frage nach dem Einfluß des antiken Geistes,
der in seiner ganzen Fülle, in der Einheit sich durchdringender
Momente, unter denen das künstlerische, religiöse
und philosophische hervorgehoben werden mögen
, aufgefaßt werden soll, auf die zum Bewußtsein ihrer
selbst erwachende europäische Völkerwelt. Und zwar
handelt sichs ebensosehr um die Schilderung der in Vor-
und Frührenaissance sich in dionysischem Drang regenden
Kräfte, wie um den Nachweis, wie aus diesem
gährenden Chaos in der Hochrenaissance eine Geisteswelt
von apollinischer Klarheit sich erhob.

In dem ersten Vortrage legt Warburgs Schüler F.
Saxl mit veranschaulichenden Beispielen anregend des
Meisters Leitgedanken dar. Im zweiten entwickelt E.
Cassierer die dieser Forschungsweise zu Grunde liegende
philosophische Auffassung alles geistigen Schaffens und
Gestaltens. A. Goldschmidt und G. Pauli beleuchten
sodann an der Hand gut gewählter Abbildungen Teilgebiete
der kunstgeschichtlichen Seite des Problems
(mittelalterliche Kunst und A. Dürer). E. Wechsler zeigt,
wie in Dantes Liebesbegriff dem Dichter selbst unbewußt
Piatos Eros auflebt. Die letzten beiden gelehrten Vorträge
von H. Ritter und H. Junker stellen auf dem Gebiet
der Religionsgeschichte an dem mittelalterlichen Zauber-
buch Picatrix und der Aionvorstellung fest, wie hellenisches
Denken, gespeist von orientalischen Einflüssen
und durch Vermittlung des Orients weiterwirkend, in
die Anschauungen der europäischen Völker eindringt.
Jeder Vortrag stellt einen selbständigen und lehrreichen
Beitrag zur Lösung des Problems dar, an dem Gelehrtenfleiß
, Kunstverständnis und religiöses Einfühlungsvermögen
noch von Generationen zu arbeiten haben wird.

Iburg. W. T h i m m e.

Die nächste Nummer der ThLZ erscheint am 17.IMli 1924.
Beiliegend Nr. 9 des Bibliographischen Beiblattes.

Verantwortlich: Prof. D. E. Hirsch in Göttingen, Nikolausberger Weg 31.
Verlag der J. C. Hinrichs'schen Buchhandlung in Leipzig, Blumengasse 2. — Druckerei Bauer in Marburg.