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Ausgabe:

1923 Nr. 7

Spalte:

168

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Graß, Karl Konrad

Titel/Untertitel:

Linien idealistischer Weltanschauung. Wider Materialismus und Bolschewismus 1923

Rezensent:

Schmidt, Fr. W.

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Seite 1

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167

Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 7.

168

bedürftigen ein willkommener und nützlicher Leitfaden
sein.

Gießen. E. W. Mayer (Straßburg).

H u p f e 1 d, Pfarrer u. Priv.-Doz. Lic. Renatus: Grundfragen christlicher
Lebensgestaltung. Leipzig, Quelle u. Meyer 1922 (153 S.)
Id. 8°. Wissenschaft und Bildung 179.

Das ausgezeichnete Büchlein ist aus Vorträgen erwachsen
, die kürzlich „vor einer akademisch gebildeten
Zuhörerschaft" gehalten worden sind. Es läßt sich sinngemäß
in zwei Hauptteile zerlegen.

Der erste enthält etwas wie eine in populärer Form
dargebotene ethische Prinzipienlehre. Diese will zunächst
über das Wesen des Sittlichen Aufschluß erteilen. Danach
erhebt sich auf der „natürlichen" Basis des „Trieblebens
" unter dem Einfluß der gleichfalls „natürlich" gewordenen
menschlichen Gemeinschaften und des eben
damit sich ausbildenden „Gewissens" das „sittliche Leben
", dessen Höhepunkt die von der „Wahlfreiheit" wohl
zu unterscheidende „sittliche Freiheit" ist. Des weiteren
werden die Beziehungen von Religion und Sittlichkeit beleuchtet
. Beide sind zwar an sich durchaus verschieden.
Doch treten beide notwendig in einen bestimmten Zusammenhang
. Nicht nur daß das religiöse Bewußtsein
das Gewissen als die Stimme aus einer höheren Welt
deutet; sondern auch der Glaube, „daß über allem eine
Macht des Guten steht, die den letzten Sieg im großen
Kampf der Weltgeschichte zwischen gut und böse hat",
ermöglicht und erleichtert die „freudige Pflichterfüllung
" ; wie denn überhaupt die Religion das sittliche
Leben in hervorragendem Maße zu vertiefen vermag.
Was dann noch die Einwirkung speziell des Christentums
auf das sittliche Leben betrifft, so läßt sich die christliche
„Auffassung vom sittlichen Leben" durch „drei"
Merkmale kennzeichnen: „die Gott hingegebene
Gesinnung, und zwar die Gesinnungderschö-
pterischen Liebe als einer weltbewältigenden
und weltgestaltenden Mach t." Das Christentum
löst jedoch nicht bloß eine eigentümliche Auffassung
vom sittlichen Leben aus; es bedeutet zugleich als
„christlicher Glaube", wie in feiner psychologischer Analyse
dargetan wird, eine ergiebige Quelle der sittlichen
Kraft.

Der zweite Teil enthält etwas wie eine „spezielle
Ethik" in populärer Form. Ein Eingangskapitel orientiert
ganz im allgemeinen über das Verhältnis des christlichen
Ethos zur „Welt". Die christliche Sittlichkeit bekundet
sich nicht darin, daß der Mensch sich dieser entzieht
, wohl aber darin, daß er sie dankbar als Gottes
Schöpfung hinnimmt, um in treuer Arbeit sie ausgestalten
zu helfen zu dem, was sie werden soll. Die übrigen fünf
Kapitel handeln im einzelnen von „Beruf und Ehre"; von
„Liebe und Ehre"; von „Volkstum und Staat"; von „dem
Christen und der sozialen Frage"; endlich von der
„Kirche und dem Persönlichkeitsideal", wobei noch der
Unterschied zwischen dem katholischen und protestantischen
Kirchenbegriff herausgestellt wird.

Wenn man auch versucht sein könnte, dieses oder
jenes etwas anders abzuleiten und zu formulieren, als es
in der kleinen Schrift geschieht, so wird man doch gern
und anstandslos anerkennen, daß sie in glücklichster
Weise die Aufgabe löst, die sie sich gestellt hat, nämlich
„Menschen, die eine ernste Lebensführung erstreben
und doch in der jetzt so wirren Welt, in all der Vielstimmigkeit
der Meinungen sich nicht zurechtfinden, zu
grundsätzlicher Klarheit zu verhelfen". Der Verfasser
macht sich das Problem vom Verhältnis der christlichen
Gesinnung zum natürlichen Leben, zu den Kulturtätigkeiten
und Kulturgemeinschaften keineswegs leicht. Er
faßt es in seinem bitteren Ernst auf, gelangt aber auf

Gl und sorgfältiger Prüfung und tief eindringender Erwägung
zu einer sowohl den schwarmgeistigen Radikalismus
als auch den in Kulturseligkeit aufgehenden Naturalismus
vermeidenden „gesunden Lehre", die unzweifelhaft
gerade in der Gegenwart beste Dienste leisten kann.
Gießen. E. W. Mayer (Straßburg).

Graß, Prof. Dr. Konrad: Linien idealistischer Weltanschauung.

Wider Materialismus und Bolschewismus. Leipzig, A. Deichert 1921.
(77 S.) gr. 8°. Oz. 2.

Die Entstehung dieser gut gemeinten Schrift ist mit dem
wechselvollen Schicksal der Universität Dorpat verwoben. Unfreiwillige
Muße hat den Verf. veranlaßt, seinen Idealismus im Gegensatz gegen
Materialismus und Bolschewismus zu entwickeln in erkenntnistheoretischen
Ueberlegungen und Gedanken über die sittliche und die religiöse
Welt.

Bei diesem „Idealismus" darf man freilich nicht an eine Trans-
zendentalphilosophie denken. Als erkenntnistheoretisches Subjekt tritt
nicht das Kantische Bewußtsein überhaupt auf, sondern der empirische,
psyclio-physische Mensch. Die Physiologie der Sinneswahrnehmungen
und die naheliegende Scheinkonsequenz des Solipsismus soll die
Idealität der Erfahrung begründen, wobei dann der Gottesgedanke als
Garantie dafür postuliert wird, daß unser Geist „nach denselben Gesetzen
denkt, nach denen alles Existierende sich bewegt und gestaltet".
Es wird mehr Physiologie geboten als Erkenntnistheorie. Interessant
ist u. a. die Entdeckung, daß die Seele eine „zusammengesetzte Substanz
" sei. Mehr schon erfreulich sind die Ausführungen über die sittliche
und religiöse Welt. Die utilitaristische Ethik soll einer unbedingten
Gesinnungsethik Platz machen, zugleich wird aber von der
„Naturhaftigkeit des Sittlichen gesprochen"; „die sittliche Welt ist uns
durch die Erfahrung gegeben". Sie postuliert ihrerseits persönliche Unsterblichkeit
und hat ihre „ausreichende theoretische (!) Begründung"
in der religiösen Welt. Es ist dann desto anerkennenswerter, daß die
Wahrheitsfrage der christlichen Religion nach ihren immanenten Gewißheitsgründen
erledigt, und betont wird, der Charakter der religiösen
Wahrheit als solcher schließe gerade die wissenschaftliche Nachweisbarkeit
aus. Der Abschnitt über Jesus und Paulus ist noch das Beste
an dieser Popularphilosophie.

Hallea.S. F. W. Schmidt.

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