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Ausgabe:

1923 Nr. 7

Spalte:

166-167

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bappert, Jakob

Titel/Untertitel:

Kritik des Okkultisus vom Standpunkt der Philosophie und der Religion 1923

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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166

Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 7.

166

Schluß der transzendentalen Deduktion nicht, weil er unberechtigter
Weise das Wirklichkeitsproblem in die üel-
tungsfrage aufnehme. Indes mit dieser Stellungnahme
schaltet N. gerade das wertvollste Moment der Gesamtposition
Stange's aus. Denn das religiöse Wahrheitsinteresse
geht allerdings auf letzte und absolute Wirklichkeit
, nicht bloß auf formale (bewußtseinsimmanente)
Geltung. N.'s eigener Versuch aber, die Kategorie der
Ewigkeit als religiöse Grundkategorie und zugleich
als Bedingung aller Erfahrung überhaupt, also auch
des gesamten Kulturlebens, zu erweisen, scheitert an
dem Umstand, daß der Begriff der Ewigkeit nicht an
sich, sondern erst in seiner spezifisch religiösen Bestimmtheit
als religiöse Grundkategorie gelten kann.
Hier verfällt also N. selbst in einen circulus vitiosus, vor
dem er sonst so eindringlich warnt.

Die durch scharfe Problemstellung und klare Gedankenführung
ausgezeichnete Schrift sei aufs beste
empfohlen.

Qöttingen. G. Wobbermin.

Vcrweyen, Johannes M.: Der religiöse Mensch und seine
Probleme. München, E. Reinhardt 1922. (399 S.) 8°. Gz. 4.
Das nach der Aussage des Verfassers „mit Herzblut
geschriebene Buch" wendet sich „an die redlichen
Sucher in allen religiösen Lagern in der Hoffnung, ihnen
ein Wecker vertiefteren Lebens zu sein". Den Innalt bildet
eine Auseinandersetzung mit der christlichen, man
könnte nach einzelnen vorkommenden Wendungen versucht
sein zu sagen, speziell mit der katholischen christlichen
Religion, sofern diese sich auf die „natürliche
Religion", das heißt, auf einen „theistischen" Glauben an
Gott, Freiheit und Unsterblichkeit als ihre Grundlage
und Stütze beruft. Durch alle Ausführungen klingt, um
wieder mit dem Autor selbst zu reden, „der Grabgesang
eines alten Kirchenglaubens", jedoch „zugleich die Weise
eines neuen Lebensglaubens", dessen „philosophische
Grundlegung" erstrebt wird.

Drei Teile. Der erste beschäftigt sich mit dem
„Gottesproblem". Der Verfasser bemüht sich die psychologischen
Wurzeln des Gottesglaubens aufzudecken; er
übt scharfe Kritik an den bekannten Beweisen für das
Dasein eines transzendenten Gottes; bestreitet die Möglichkeit
einer „übernatürlichen Offenbarung" sowie des
Wunders und verwirft die Begründung der Moral durch
den Gedanken eines transzendenten Gottes. Dagegen
leugnet er nicht den Wert gewisser mit dem theistischen
Gottesglauben assoziierten Gemüts- und Willensregungen
und sucht deren Vereinbarkeit mit der Vorstellung
eines immanenten Gottes und einer monistischen Weltanschauung
darzutun.

Der zweite Teil behandelt das Freiheitsproblem.
Er bespricht „Gehalt und Gestalt der Freiheitsidee",
lehnt sowohl den radikalen Determinismus als auch
den radikalen Indeterminismus ab und redet einer die
Mitte zwischen beiden einhaltenden Auffassung das Wort,
die als „aktivistischer Determinismus" gekennzeichnet
wird. Zugleich tritt er noch für den Begriff der „Gnade"
ein, sofern dieser sich auf die Vorstellung des gebenden
und wirkenden „Alls" reduziert, das die relative Selbständigkeit
des Individuums nicht ausschließt.

Der dritte Teil hat es mit dem „Unsterblichkeitsproblem
" zu tun. Er beleuchtet die metaphysischen Voraussetzungen
des Unsterblichkeitsglaubens, wägt dessen
Wert und Unwert ab, betont die Undurchführbarkeit
eines wissenschaftlichen Beweises dafür, will ihn aber
doch gelten lassen in der Form der Hoffnung auf „Rückkehr
in den metaphysischen Urschoß" und dem damit
zusammenhängenden Bestreben, die Schranken der Zeitlichkeit
durch Hingabe an ewige Werte zu überwinden.

Das Ganze eine Absage an die theistische Weltanschauung
und die Befürwortung einer Religiosität der
Immanenz deren Objekt die Einheit des Kosmos, der
innerweltliche „Genius des Lebens", der geheimnisvolle
immanente Weltgrund ist; ein Versuch die einer theistischen
Religiosität ursprünglich zugeordnete Gemütsund
Willensverfassung im wesentlichen zu retten unter
Preisgabe der entsprechenden Vorstellungen und Ersetzung
der letzteren durch monistische Vorstellungen.

Das Buch ist bei aller Kritik, deren es sich be-
fleissigt, mit innerer Anteilnahme an der Sache in klarer
und fließender Sprache geschrieben, enthält mancherlei
beachtenswerte Einzelheiten aus der Gescl.ichte der Philosophie
und vermag trotz einer gewissen Neigung zur
Breite anregend zu wirken. Sollte der Unterzeichnete
noch ein Wort zur Beurteilung hinzuzufügen haben, so
möchte er es in Kürze dahin formulieren, daß der Autor
offenbar die Bedeutung und den Wahrheitswert der speziell
auf „emotionalem Denken" beruhenden religiösen
Vorstellungen unterschätzt, dagegen Bedeutung und
Wahrheitswert einer lediglich auf das „objektivierende
Bewußtsein" sich berufenden Metaphysik überschätzt.
Fast möchte man darin die Nachwirkung einer intellek-
tualisierenden Theologie vermuten, die ihrerseits die
Geltung der religiösen Vorstellungen wesentlich durch
eine bestimmte Metaphysik begründen will.

Gießen. E. W. M a y e r (Straßburu).

Bappert, Dr. Jakob: Kritik des Okkultismus vom Standpunkt
der Philosophie und der Religion. Frankfurt, Patmos-Verlag 1921
(184 S.) kl. 80. QZ. i)5.

Das Buch ist aus Vorträgen hervorgegangen, die
seinerzeit im Auftrag des Bundes für Volksbildung zu
Frankfurt a. M. gehalten worden sind. Es behandelt, wie
der Titel schon deutlich genug sagt, ein äußerst aktuelles
Thema.

Das Ergebnis der vollzogenen Auseinandersetzung
mit dem Okkultismus läßt sich wohl, am besten und kürzesten
zugleich, mit den eigenen Werken des Verfassers
wiedergeben: „1. Wir haben keine einzige Tatsache gefunden
, die uns zur Annahme irgendwelcher okkulten
Kräfte zwingen würde. 2. Die Telepathie und das
Hellsehen bieten einige Fälle, in denen wir das eine oder
andere auf Rechnung des Zufalls setzen; statt dessen
ziehen es einige vor, hier an eine übernormale Kraft zu
glauben. Das müssen wir für falsch halten; denn in
einer so außerordentlich bedeutenden Sache darf man
sich nicht zur Annahme bewegen lassen, wenn man nicht
durch die Wucht der Tatsache gezwungen ist. 3.
Wenn man auch nicht beweisen kann, daß okkulte Kräfte
von vornherein unmöglich sind, so ist man
doch auch noch nicht durch feststehende Tatsachen bereits
gezwungen, eine Theorie aufzustellen, in der diese
Tatsachen eine hinreichende Erklärung fänden. 4. Die
spiritistische Erklärung versagt selbst dann, wenn
man die heute bekannten okkulten Tatsachen als richtig
anerkennen wollte. 5. Die gewohnheitsmäßige Teilnahme
an okkulten Sitzungen (abgesehen von den lediglich der
Wissenschaft wegen mit dem ganzen Apparat moderner
Exaktheit angestellten Experimenten) bringt keinen wissenschaftlichen
Nutzen, ist aber für das wissenschaftliche,
und religiöse Leben des Betreffenden sehr gefährlich."

Die im letzten Satzgefüge ausgesprochenen Gedanken
werden nur in zwei verhältnismäßig kurzen Schlußkapiteln
ausgeführt, deren eines speziell das Verhältnis
des Okkultismus zur Religion in wohl nicht ganz, wenigstens
nicht durchweg ganz glücklicher Weise bespricht.
Sonst sind die aufgestellten Thesen nicht nur wie eine
genauere Beachtung des Wortlauts sofort ' bestätigt,
vorsichtig formuliert, sondern auch sorgfältig begründet
; höchstens daß bei einigen wenigen Versuchen,
die in Betracht kommenden Phänomene rational zu erklären
, eine etwas stärkere Befleißigung de« htexeiv
erwünscht scheinen könnte. Die vorhandene Literatur
ist in reichem Maße herangezogen; die Erörterung bleibt
stets streng sachlich, und das Buch hat durchaus wissenschaftlichen
Charakter: man darf sich da durch die etwas
reklamehaft gehaltene äußere Ausstattung nicht irre
machen lassen. Eingeschworene Anhänger des Okkultismus
zu bekehren beansprucht der Verfasser selbst nicht;
aber seine fleißige und gewissenhafte Arbeit mag manchen
Suchenden und Tastenden, überhaupt Orientierungs-