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Ausgabe:

1923 Nr. 7

Spalte:

162-163

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cohrs, Ferdinand (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Zeitschrift der Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte. 27. Jahrg 1923

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Seite 1, Seite 2

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löl Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 7. 162

Geschichte anlangt — so ist klar, daß sie sich häufig
auf die Andeutung von Problemen beschränken muß, um
nicht Resultate der Acta-Untersuchung und einer für
einen späteren Teil angekündigten Geschichtsdarstellung
vorweg zu nehmen. Dann aber erscheint es fraglich, ob
diese Skizze hier überhaupt nötig war, so Interessantes
sie bei Einzelfragen sagt, z.B. über die Unterscheidung
zwischen Messias und Menschensohn, aber auch zwischen
öffentlichen und geheimen Selbstaussagen Jesu (?I 283),
ferner über judenchristliche Elemente in den Evangelien
im Vergleich zu den rabbinischen Beziehungen auf christliches
Schrifttum (I 313—320). Und ebenso scheinen
mir die Aufsätze über römische Verwaltung und Geistigkeit
sehr umfangreich für eine Interpretation der Apg.
geraten zu sein, zumal wenn man bedenkt, daß gewisse
Probleme, die für das Verständnis des Buches unerläß-
licn sind,'kurz oder gar nicht behandelt werden. Denn
wir erhalten im zweiten Band wohl eine Skizze über
griechische und jüdische Geschichtsschreibung (von Cad-
bury und den Herausgebern), vermissen aber doch eine
ausgeführte Darstellung der literarischen Kompositionstechnik
bei den antiken Historikern, vor allem — was für
die Acta so besonders wichtig — ihrer Gewohnheit, Reden
zu entwerfen und einzufügen, sowie eine Charakteristik
der literarischen Art unseres Autors in der Apg. im
Unterschied von der im Lk.-Ev. zutage tretenden. Wenn
Burkitc II 106—120 den Quellengebrauch im Lk.-Ev.
untersucht, so beruht das auf der Voraussetzung, daß
derselbe Autor in der Apg. ebenso verfahre. Nur ist diese
These nie bewiesen; auch der Vergleich der eschato-
logischen Rede bei Lukas mit den Acta-Reden hat wenig
Überzeugungskraft.

Ich registriere noch zwei sprachgeschichtliche Aufsätze
, einen sehr vorsichtigen und besonnenen von de
Zwaan über das Griechisch der Apg. und einen scheinbar
sehr exakt gehaltenen, aber Zufälligkeiten zu Unrecht
typisierenden (II 75 f.!) von Clarke über den LXX-
Gebrauch in den Acta, und weiter die recht praktisch die
Zeugnisse vorführende, in der Kritik sehr energische Arbeit
von Cadbury über die Tradition, die sich dadurch
auszeichnet, daß die Lukas-Tradition im Rahmen der gesamten
kirchlichen Ueberlieferung betrachtet wird, und
die II 262 in dem Satze gipfelt, daß die Lukas-Tradition
die älteste Konjektur über den Verf. sei und somit ohne
selbständigen Zeugenwert. Endlich verweise ich noch
auf die originellen Beigaben des zweiten Bandes über
die Tradition vom heiligen Franz und von Margaret Catchpole
, aus denen man mancherlei über Traditionsgeschichte
im allgemeinen, allerdings nicht allzuviel über die urchristliche
lernt. Alles in allem liegt in diesen zwei Bänden
der erste Teil eines Monumentalwerkes vor, dessen
Ökonomie etwas zweifelhaft erscheint, dessen Inhalt aber
so reichhaltig ist, daß wir dem nun folgenden Kommentar
zur Apg. mit Spannung entgegensehen.

Heidelberg. Martin D i b e 1 i u s.

Concilium universale Ephesenum ed. Ed. Schwartz. Vol. IV:
Collectionis Casinensis. Fase. I/III. Berlin, W. de Gruyter u. Co.
1922 (S. 1—240) Lex. 8° Acta conciliorum oecumenicorum, Tom. I.

Gz. 7,5.

Im Jahre 1909 beschloß die Straßburger wissenschaftliche
Gesellschaft, die Akten der großen morgenländischen
Synoden von Ephesus 431 bis Konstantinopel
879 neu herauszugeben, und übertrug die Ausführung
des weitausschauenden Unternehmens Herrn Geheimrat
Ed. Schwartz. Als erste Frucht erschien 1914 vol. II
des für das Konzil von Konstantinopel von 553 bestimmten
tom. IV mit den libelli des Johannes Maxen-
tius und andern Sammlungen und Aktenstücken. In der
vorliegenden Veröffentlichung aber wird der zweite Teil
des Collectio Casinensis oder des Synodicon des Diakons
Rusticus (als vol. IV von tom. I: Concil. Ephes. 431) geboten
. Eine Einleitung fehlt noch. Dafür hat Schw in
seiner Abhandlung ,Neue Aktenstücke zum epnesiniscnen
Konzil von 431' (Abhh. d. bayr. Akad. d. Wiss. philos.-
philol. und hist. Kl. XXX. 8. 1920) S. 107 ff. die einschlägigen
Fragen erörtert. Vollständig erhalten ist die
Collectio Casinensis nur im cod. Cas. 2, während in Vat.
1319 nur der erste Teil und etwa ein Drittel des zweiten
steht. Der erste Teil deckt sich, abgesehen von einem
einzigen eingeschobenen Stücke, mit der Bearbeitung der
ephesinischen Akten in der Collectio Turonensis (erhalten
in dem aus Tours stammenden cod. Paris. 1572). Dann
setzte sich die Sammlung in beiden Handschriften ohne
Unterbrechung der Zählung oder neue Ueberschrift fort,
eine Tatsache, die durch die bisherigen Ausgaben verdunkelt
war ,dank der Liederlichkeit und Gewissenlosigkeit
, mit der der Löwener Professor Bernhard Lupus aus
Ypern die zufällig in seine Hände geratene Handschrift
von Monte Cassino ausplünderte'. Ihren Ursprung verdankt
die Coli. Cas. dem Diakon Rusticus, einem Neffen
des Papstes Vigilius. Dessen Synodicon umfaßte die in
der Coli. Tur. enthaltene Bearbeitung der Akten von
Ephesus (die Grundlage von Coli. Cas. l.Teil), die von
ihm selbst zusammengestellte Fortsetzung (Collect. Cas.
2. Teil) und die Bearbeitung der sog. Vulgatversion der
Akten von Chalcedon (die im cod. Cas. wie im cod. Vat.
den Schluß bilden). Während in der Coli. Tur. eine
ältere Übersetzung übernommen ist, übersetzt der Veranstalter
der Coli. Cas. selber. Benützt ist namentlich die
Tragoedia des Comes und nachmaligen Bischofs Irenäus.
Dieser entschiedene Parteigänger des gestürzten Nesto-
rius hatte in seiner, gegen die abtrünnigen Parteiführer,
vor allem gegen Johann von Antiochien und Theodoret
von Cyrus gerichteten Schrift Aktenstücke aneinandergereiht
und durch einen erzählenden und beurteilenden
Text verbunden. Rustikus strich von diesem verbindenden
Text das meiste, und seine Absicht geht dahin,
Theodoret von Cyrus, dessen Schriften gegen Cyrill und
das Ephesinum vom Konzil von Konstantinopel 553 verurteilt
worden waren, gegen den Vorwurf des Nestoria-
nismus in Schutz zu nehmen. — Die Ausgabe behält den
allgemeinen Grundsätzen entsprechend die Zusammensetzung
und Ordnung bei, wie sie in den Handschriften
vorliegt. Sie ist mit der umfassenden Sachkenntnis und
Sorgfalt bearbeitet, die man bei Schw. gewöhnt ist. Bei
jedem Aktenstück wird der Ort angegeben, wo es bereits
veröffentlicht ist, ebenso wo der griechische Text zu
finden ist. Dabei kann Schw. nicht selten auf die von
ihm in der genannten Abhandlung erörterte Collectio
Atheniensis verweisen, die den bisherigen griechischen
Collectiones (Vaticana und Segnierana) ergänzend zur
Seite tritt und manches neue Stück enthält. Wie vom
griechischen Text für den lat., so kann auch umgekehrt
vom lat. für den griech. Text Licht gewonnen werden.
So folgt z.B. p. 11,10 aus dem ,sacratos', daß in dem
betreffenden Briefe Isidors von Pelusium nicht mit den
Ausgaben tQQw/t&ovg, sondern legwfiivovg zu lesen ist
p. 11,26: terrere, (foßelv (cpoßslad-ai edd.), p. 18,28:
res, icQüyna (yp«'««a) u. ö. Die Ausstattung ist vorzüglich
und verdient unter den bösen Verhältnissen der
Gegenwart doppelte und dreifache Anerkennung. Es
wäre jammerschade, wenn das so verdienstvolle wissenschaftliche
Unternehmen der Ungunst der Zeit für die
das Wort Isidors von Pelusium gilt: ,Ubi en'im pacis
nomen, ibi belli vagantur effectus' (fasc. I p 15 21)
zum Opfer fiele oder ins Stocken käme.

München. _ Hugo Koch.

Zeltschrift der Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte
unter Mitwirkung v. Geh. Kons. Rat D. Ph. Meyer in
Hannover und Geh. Kons. Rat Prof. D. Mirbt in Göttingen hrsg.
von D. Ferd. Cohrs, Konsistorialrat und Superintendent der Grafschaft
Hohnstein in Ilfeld. 27. Jahrg. Braunschweig, A. Leimbach
1922 (78 S.).

Die Zeitschrift der Gesellschaft für
niedersächsischeKirchengeschichte ist unter
dem Druck der Zeit zu einem kurzen Heft von 78
Seiten zusammengeschwunden, aber sie bietet doch wieder
Wertvolles. Eine hervorragende Arbeit ist der Vortrag
„Der Pietismus in der Braunschweigischen Landeskirche
" von D. Beste, der den Gegensatz des Pietismus