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Ausgabe:

1923 Nr. 7

Spalte:

158-159

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Geffcken, Johannes

Titel/Untertitel:

Religiöse Strömungen im 1. Jahrhundert n. Chr 1923

Rezensent:

Koch, Hugo

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Theologische Literaturzeitung 1023 Nr. 7.

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die Sagen-Forschung nicht fördert, sondern hemmt, indem
sie dem subjektiven Ermessen des Forschers einen
allzu weiten Spielraum läßt. Fast noch mehr scheint mir
das bei der historischen Ausdeutung der Sagen der Fall
zu sein. Die Einzelsagen sind als historische Quellen unendlich
vieldeutig, und das sich auf sie beschränkende
Auge sieht die Dinge oft schief und falsch. Die Erzählungswerke
als ganze aber sind historisch ziemlich
eindeutig. So muß sich die historische Ausdeutung der
Einzelerzählung im allgemeinen an der Gesamthaltung
des Erzählungsfadens, zu dem sie gehört, orientieren.

Die Bedenklichkeit jenes anderen Verfahrens mag an Jos. 11
und Ri. 4 gezeigt werden. „Die Jabin-Oeschichte — sagt der Verf. —
ist Jos. 11 noch in ihrer älteren Selbständigkeit erhalten; sie gehört
demnach in das Buch Josua", und nicht ins Richterbuch. Nun scheint
mir die quellenkritische Untersuchung von Josua und Richter ganz
deutlich zu zeigen, daß die in der ältesten Quelle als Taten einzelner
Stämme oder Gruppen von Stämmen berichteten Erfolge in den jüngeren
Quellen mehr und mehr zu Taten des gesamten, unter Josuas
Führung stehenden, Volkes gemacht worden sind. Haben wir nun zwei
Jabin-Geschichten, eine Jos. 11, die andere wenigstens in Resten
Ri. 4, so ist anzunehmen, daß die älteste Quelle die Geschichte nach
Josuas Tode gebracht, und daß eine jüngere sie in die Zeit Josuas
zurückverlegt hat. Es ist also nicht nur so, daß — wie es der Verf.
auch für möglich hält — das Ereignis erst in der „Richterzeit" stattgefunden
hat, sondern auch literarisch ist Ri. 4 die ursprüngliche
Stelle der Erzählung. In ähnlicher Weise dürfen die Erzählungen vom
goldenen Kalb, von Abimelech nur aus ihrem Quellen-Zusammenhang
heraus historisch gedeutet werden, und diese Deutung weicht von der
des Verf. z. T. erheblich ab.

Alles in allem: Ein Buch, das das Verständnis seines
Gegenstandes kräftig fördert und, wo das nicht unmittelbar
der Fall ist, doch zur Erörterung wichtiger Fragen
anregt.

Halle a. S. Otto Eißfeldt.

G o g u e 1, Prof. Dr. Maurice: Introduction au Nouveau Testament.

Tome III: Le livre des actes. Paris, E. Leroux 1922. (376 S.)

8°. Bibliotheque historique des Religions. F. 6. — .
Goguel will mit seiner auf fünf Bände berechneten
Einleitung ins NT. weniger der Forschung neue
Bahnen weisen, als in klarer Darstellung alles das zusammenfassen
, was nach dem heutigen Stande der Fragen
zum Verständnis und zur Wertung der ältesten literarischen
Denkmäler des Christentums gewußt werden muß
(S. 5). Als erstes Stück erscheint ein flüssig geschriebener
, friedensmäßig ausgestatteter Band über die Apostelgeschichte
.

Nach einem einleitenden Kapitel über den Titel
der AG., ihren Platz im Kanon, ihre Bezeugung, Lucas
im NT. und in der Tradition, wendet sich ein zweites
zur Geschichte der Kritik der AG., einem der lehrreichsten
aus der Geschichte der Kritik überhaupt, insofern
sich in dem verschiedenen Urteil über die AG. die jeweilige
Vorstellung von der ganzen Entwickelung des
Urchristentums wiederspiegelt (S. 37). Im dritten
Kapitel wird die Frage der beiden Textgestalten dahin
entschieden, daß p — wenn überhaupt eine wirkliche
Rezension — durchweg sekundär scheint, daher nicht mit
der Komposition des Buches in Zusammenhang zu bringen
, sondern nur für die spätere Textgeschichte auszunutzen
ist. Im vierten wird geleugnet, daß der Prolog
Lc. Uff. schon die AG. mit umfaßt haben werde (s. dagegen
meinen Kommentar zu Lc. Rff.). Ferner wird die
Benutzung der Paulusbriefe durch AG. in Abrede gestellt
, und endlich das Verhältnis zu Josephus dahin bestimmt
, daß nur indirekte Zusammenhänge vorliegen.
Das fünfte Kapitel handelt von Stil und Sprache. Die
sprachliche Verwandtschaft des Lc. mit AG. und andrerseits
der Wirstücke mit dem Rest der AG. wird zugegeben,
jedoch der Schluß auf Einheit des Autors von Lc. und
Act, wie auf Identität des Gesamtverfassers der AG. mit
dem Verfasser des Reiseberichts für nicht zwingend erklärt
. Den rein lexikographischen Beweis dafür, daß der
Verf. von Lc. und Act. Mediziner gewesen sein müsse,
hält Goguel mit Cadbury nicht für erbracht.

Das sechste Kapitel endlich, zu dem die beiden
folgenden eine ausgeführte Analyse hinzufügen, ist dem

literarischen Charakter der AG. gewidmet. Das Rätsel
einer Struktur, die nicht aus der Absicht des Verfassers
zu erklären ist, die offenbare Verstümmelung des Prologs
, das überraschende Auftauchen der Wirstücke, führen
zu der Frage nach der Komposition. Goguel gelangt
(S. 147ff., gl. 342ff.) zu folgendem Ergebnis: die
Abfassung unserer AG. durch den Augenzeugen Lucas
ist nicht haltbar. Unter allen Umständen muß eine durchgreifende
Ueberarbeitung seines ursprünglichen V7t6fivrpia,
das die Geschichte des Paulus und seiner Mission abwechselnd
in 1. und 3. Person darstellte (Norden),
durch einen Redaktor angenommen werden. Freilich
nicht so, daß nun doch wieder der auetor ad Theophilum
mit Lucas selbst identifiziert, und nur die jetzige Gestalt
der AG einer schon in dem zerstörten Prolog erscheinenden
völligen Ueberarbeitung des Werkes durch einen Unbekannten
zugeschrieben wird (so zuletzt Loisy). Sondern
so, daß der zwischen 80 und 90 n. Chr. schreibende
auetor ad Theophilum in seiner AG. neben andern
Ueberlieferungen auch das wcofivriua seines Vorgängers
Lucas benutzt und in seinem Sinne redigiert hat: seine
Vorrede ist dann von einem noch Späteren interpoliert
worden, während der abrupte Schluß sich trotz des Urteils
der Bibelkommission dadurch erklärt, daß der auetor ad
Theophilum mit dem Prozeß des Paulus ein drittes Buch
zu beginnen vor hatte.
Münster i. W. Erich Klostermann.

Bachmann, Prof. D. Philipp: Der erste Brief des Paulus an

die Korinther, ausgelegt. 3. Aufl. Leipzig, A. Deichert 1921
(VI, 487 S.) gr. 8°. Kommentar z. Neuen Testament, hrsg. v.Prof.
D. Dr. Th. Zahn, Bd. VII. Oz. 9; geb. 16.

Bachmanns Erklärung der Korintherbriefe gehört
dem Zahn sehen Kommentar zum Neuen Testament
an, dessen Eigenart und dessen Wert nicht mehr erörtert
zu werden braucht. Die Bearbeitung des ersten Ko-
rintherbriefs im besonderen ist bereits aus Anlaß der
ersten (1905) Auflage besprochen worden (ThLZ 1906,
432 ff.). Die dritte zeigt zwar nicht nur mannigfache
Vciänaerungen in der Darstellungsform, sondern auch
sachliche Berichtigungen: mit Recht erscheint z.B. auch
Bachmann jetzt (S. IV) die Parole lyw dt Xgiatov [. Kor. 1,12
verdächtig. Auch wird die neueste einschlägige Literatur
berücksichtigt — van den Bergh van Eysingas
holländischer Radikalismus ist Bach mann „gelehrte
Kritik, die den einfachen Atem der Wahrheit nicht mehr
spürt" (S. 1), Lütgerts und Schlatters Auffassung
der korinthischen Gemeindeverhältnisse haben sich
ihm nicht bewährt (S. 485 f.); selbst der schallanalytisch
untersuchte Galaterbrief fehlt im Literaturverzeichnis
nicht, und Karl Barths Römerbrief wohl nur, weil der
Verf. sich mit diesem an anderer Stelle auseinandergesetzt
hat (NKZ 1921, 517 ff). Im Ganzen jedoch weicht die
dritte Auflage von der vorhergehenden, und selbst von
der ersten, nirgends wesentlich ab.

Münster i. W. Erich Klostermann.

Geffcken, Prof. D. Dr. Joh.: Religiöse Strömungen Im 1. Jahrhundert
n.Chr. Gütersloh, C. Bertelsmann 1922 (80 S.) 8°. Studien
des apologetischen Seminars in Wernigerode. 7. Heft. Gz. 1,5.
,Es galt in der Hauptsache zu verstehen, wie fest das Christentum
mit seiner religiösen Umwelt verbunden ist, wie sein einfacher
Gottesglaube, seine Mystik, seine Eschatologie, seine Ethik, ja auch
sein soziales Denken untrennbar vom Bewußtsein der ganzen Zeit ist'.
Damit faßt G. selber zum Schlüsse kurz und treffend den Inhalt seiner
Schrift zusammen. Sie zeichnet in anschaulichen Zügen die religiösen
Strömungen, Stimmungen und Bedürfnisse des ersten Jahrhunderts
n. Chr. und deckt die zahlreichen Gänge auf, die ins Christentum einmündeten
, ohne dabei das eigenartige Neue zu verkennen, das im
Christentum in die Erscheinung trat. Literatur ist keine angegeben,
aber wer seinen .Ausgang des griechisch-römischen Heidentums' (1920)
gelesen hat, weiß, wie vollständg der scharfsinnige Rostocker Philologe
Quellen und Literatur beherrscht, wie selbständig und wohl abgewogen
sein Urteil über Persönlichkeiten und Zeiterscheinungen ist.
Auf das treffende Urteil über Philo, den .Kirchenvater in partihus', der
eben doch nur ,ein verbildeter Gelehrter bleibt' (S. 25 u. 59, möchte
ich besonders aufmerksam machen. Die .Ethik' scheint mir etwas zu