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Ausgabe:

1923 Nr. 7

Spalte:

150

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Deussen, Paul

Titel/Untertitel:

Vedanta und Platonismus im Lichte der Kantischen Philosophie 1923

Rezensent:

Franke, R. Otto

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149

Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 7.

150

mente sind nach dem schlagenden Nachweise Harnacks (in den TU.
NF. V. 3. 1900) Fälschungen Pfaffs, und das ixxafoiixw im zweiten
Fragment ist nach der nur in gedruckten Ausgaben sich findenden
Lesart ixxXtaiv in adv. haer. IV, 18, 5 (Hdschr. : lOTtxZjjiuy) gebildet. Zu S.
408 A. 32: die Worte bei Justin Apol. 1, 66 d'i euffjff Xoyov xuv naA (tviov
können auf keinen Fall bedeuten ,das von Christus handelnde Gebetswort
', und daß nicht alle kath. Theologen darunter die Einsetzungsworte
verstehen, zeigen Dölger, Rom. Quartalschr. 1909, 73 f und Rauschen,
Eucharastie und Bußsakr. 2 1910, 120 f., und Frühchristi. Apologeten
übersetzt I (1913) 81 (Bibl. d. Kirchenväter). Zu S. 418: über das
Gebet ,für' die Verstorbenen bei Cyprian vgl. meine Bemerkungen in
der Intern, kirchl. Ztschr. 1922, l,62ff. Zu S. 435: die vielgerühmte
Meisterschaft der kath. Kirche in der Erziehung zeigt sich doch vorzugsweise
in der Massenbehandlung und auch da ist der S. 219 erhobene
Vorwurf berechtigt, daß sie vielfach auf die Anschauungen
und Bedürfnisse der Masse zuweitgehende Rücksicht genommen hat: die
ganze dogmatische Entwicklung zeigt eine fortlaufende Unterwerfung
der helleren Minderheit unter das Gebot der Masse. Zu S. 446 ff.:
bei den Zölibatsgedanken der alten Welt spielen auch Niedergangsstimmungen
mit. Zu S. 468f.: 1. Kor. 4,4f. ist nicht berücksichtigt.
Zur ,spiritualistischen Sakramentsentwertung' (S. 536f.) vgl. schon die
Erzählung vom hl. Antonius von Padua in der Urlegende, wonach der
Sterbende zum Priester, der ihm die letzte Oelung spenden wollte,
sagte: ,Non est necesse, frater, ut hoc mihi facias; habeo enim hanc
unetionen intra me'. Da diese Stelle anstößig erschien, wurde sie dahin
abgeändert: ,Quarnvis autem unetionen vir sanetus invisibili plenus
esset, cum debita tarnen reverentia petitum reeipiens sacramentum etc.'
(vgl. K. Wilk, Antonius von Padua 1907, 8 A. 1). S. 578f. wäre auch
an das ,qui salvandos salvas gratis' zu erinnern. (Als der kath. Dog-
matiker Kuhn in Tübingen diese Worte auf dem Todbette betete, sagte
man in protest. Kreisen vielfach, er habe sich damit zur evangelischen
Heilslehre bekannt, weil man nicht wußte, daß sie aus dem ,Dies irae'
stammen). Zu S. 609 und anderwärts: neben 1. Timoth. 5,20 wird von
den Kirchenvätern eben so oft oder noch häufiger Proverb. 22, 28 angeführt
: ,Ne transgredieris terminos antiquos, quos posuerunt patres
Uli'. Wie sehr der Geist der römischen Kirche dahin geht, den ,Geist'
auszutreiben und durch das ,Recht' zu ersetzen, zeigt wohl am besten
ein Vergleich des römischen Rituals der Bischofsweihe mit den altchristlichen
Weihegebeten. An der Geschichte der Bilderverehrung ist H.
ganz vorübergegangen; vielleicht darf ich auf meine Schrift über die
altchristl. Bilderfrage (Göttingen 1917) hinweisen. Auch die Bedeu-

Deussen, Paul: Vedänta und Platonismus im Lichte der Kantischen
Philosophie. Berlin, Unger 1922. (41 S.) 8°. Comenius-
Schriften zur Geistesgeschichte. Beihefte der Zeitschrift der Comenius-
Ges. „Geisteskultur und Volksbildung", hrsg. v. Artur Buchenau.
2. Heft. Gz 0,6.

Den Grundgedanken von Deussen's (f 6. Juli 1919) gedrängt
inhaltreicher Abhandlung entnehmen wir am besten seinen eigenen Anfangsworten
: „Es gibt einen Gedanken — man kann ihn wohl den
wichtigsten nennen, den die Menschheit besitzt, da auf ihm Religion,
Philosophie wie auch die Kunst ihrer ganzen Möglichkeit nach beruhen
, — einen Gedanken, der sich überall bald dunkler bald deutlicher
ausgesprochen findet, wo der menschliche Geist zu einem helleren
Bewußtsein über seine eigene Natur gelangt ist, der aber nirgendwo
einen klareren Ausdruck gefunden hat als in der Kantischen Philosophie
, wo er sich in die einfache Formel kleiden läßt: ,Die Welt ist
Erscheinung, nicht Ding an sich'. Die Welt, die ganze Welt . . . und
nicht weniger die unergründliche Fülle von Gefühlen, Bestrebungen und
Vorstellungen „aus unserem eigenen Innern . . ." Dann S. 16, „mit
Kants Worten", „alle Philosophie ist ein Suchen nach dem Ding an
sich. Wir haben uns vorgesetzt, diese Behauptung an den beiden Höhepunkten
, welche die Philosophie in alten Zeiten erstiegen hat, am
Vedänta und am Platonismus, näher nachzuweisen." §. 23ff legt er dann
die idealistische Vedänta-Philosophie dar, d. h. die Lehre der alten
Upanisaden-Literatur der Inder, etwa von 1000 — etwa 500 v. Chr.
(S. 17 und 20): „Es gibt keine andere Realität in der Welt als den
Atman, d. h. das Selbst"; S.30ff. die Philosophie der ältesten griech.
Philosophen, bes. des Parmenides und Piaton, und gibt eine eigene Erklärung
von Piatons „Ideen", S. 36: „In den Fußstapfen seines großen
Lehrers Parmenides wandelnd unterscheidet somit Piaton zwei große
Reiche, das metaphysische Reich des ,ewig Seienden, weder Entstehenden
noch Vergehenden', und das physische Reich des .Entstehenden
und Vergehenden, niemals aber wahrhaft Seienden'."

Zwei kurze kritische Bemerkungen. Der Buddhismus ist nicht
„der letzte Schritt der ganzen Entwicklung" (S. 26), denn die jetzt so
beliebte Auffassung, der Buddhismus folge auf die und fuße auf der
Sämkhya-Lehre, ist unberechtigt. Daß der Buddh. die Seelenwande-
ruhg festhalte und also nur zum Scheine die Seele ganz leugne (26),
ist ebenso falsch. Vom Buddhismus allgemein sollte man in einer
Frage, bei der es auf so feine Nuancen ankommt, überhaupt nicht
reden, sondern von Buddha, denn was ist in einer zeitlich und räumlich
so weit ausgebreiteten Religion wohl nicht als vorhanden nachzu-

tung des Duns Scotus und seiner Schule ist nicht genügend gewürdigt 1 weigen? Buddha aber leugnet zweifellos das Selbst (was D. mit Seele

nBorlciv tldtr 'ine.inu.tiinelr.ol und dm C . , i i . t , i i i 1 i . . t i I i i f , i , ■ p i i t i i h urim I

ebenso der Jansenistenstreit und die Constitution ,Unigcnitus' vom J.
1713 (vgl. das scharfe Urteil Harnacks Dogmengesch.IIl4, 744f.). Außer
einem Namen- und Sachverzeichnis hat H. seinem Werk auch ein Verzeichnis
der häufigeren fremdsprachlichen Ausdrücke, sowie eine Ueber-
setzung der fremdsprachlichen Anführungen im Text beigegeben. Das
wird ohne Zweifel zur Verbreitung des Buches beitragen. Aber noch
begrüßenswerter wäre es, wenn H. sich vom Schwelgen in Fremdwörtern
zu deutscher Einfachheit und Bestimmtheit bekehren wollte.
Nach der Seite müßte das ganze Buch bei einer hoffentlich bald notwendig
werdenden Neuauflage durchgesehen werden. Bemerkt sei noch,
daß nach .anders' oder nach dem ersten Steigerungsgrad (Compar.)
nicht ein ,wie', sondern nur ein ,als' am Platz ist (S. 56. 86. 137. 287.
351. 419).

H. ist bisher von seinen kath. Beurteilern zumeist als ein ver-
irrtes Schäflein behandelt worden, das Herz und Heimweh in Bälde aus
der Wüste neuzeitlicher Wissenschaft und den mageren Gründen lutherischer
Gläubigkeit zur saftigen Weide des kath. Christentums und
Kirchentums zurückführen werde. Dieses Buch wird sie wohl eines
andern belehren. Es zeigt in der Tat, daß ,in der heutigen römischen
Kirche für ihn kein Platz war und ist' ( Vorw. S. XXXI), und es ist
wirklich ,dic umfassendste Programmschrift des
kath. Modernismus', die sich zugleich .durch die Hochschätzung
und Liebe des echten evangelischen Christentums und die dankbare Anerkennung
der protest. Forschungsarbeit' von andern modernistischen
Kundgebungen unterscheidet. In unversöhnlichem Gegensatz zum
Dogma steht namentlich seine geschichtliche Erkenntnis vom Ursprung
und der Entwicklung der Kirche, ihrer Verfassung und ihrer Lehre.
H. sieht freilich in der .Geschichtsfiktion' des Dogmas ,im tiefsten
Grunde nur die bildhafte äußere Form, in der geschichtlich blinde
Generationen der Vergangenheit die Einheit und den organischen Werdeprozeß
des Katholizismus zu schauen imstande waren'. (S. 608). Allein
die Kirche will eben heute noch ihr Dogma nicht als Bild und Einkleidung
, sondern als geschichtliche Wirklichkeit anerkannt sehen, und
es ist nicht zu erwarten, daß sie diese Forderung einmal ermäßigen
werde. Anderseits ist H. kein .verlorener Sohn', der sein väterliches
Erbe in der Fremde vergeudete, sondern ein nuQotxmv, der auch an
seiner neuen Heimstätte vom mitgebrachten Gute zu zehren versteht.
Um so weniger wird er es nötig haben, in ein Haus zurückzukehren,
wo kein Vater ein Mastkalb schlachtet, sondern ein Hierarch eine endlose
Reihe unmöglicher Sätze zum Willkomm bietet.

München. Hu8° Kocn-

meint), und es ist nur entgegenkommendes Eingehen auf die Auffassung
und Ausdrucksweise der Alltagsmenschen im Gespräch mit
solchen, wenn er von Existenz und Seelenwanderung redet. Vgl. jetzt die
Einleitung meines Buches „Dhamma-Worte", Uebers. des Dhamm.i-
pada, Jena, Eugen üiederichs, 1923. — Nicht erst in den spätesten
Rgvedahymnen (S. 18) „leuchtet" „eine tiefere philosophische Anschauung
" von den Göttern „hervor". Der ganze Rgv. ist neben dem Polytheismus
von der Einheits-Idee durchdrungen, und selbst als Atman
(„Selbst" der Welt) ist vereinzelt die Gottheit schon benannt. Beiläufig
: Wenn Plato die Dinge „Schattenbilder" der Ideen nennt (37),
so darf man vielleicht darauf hinweisen, daß auch schon der vedischc
Sänger in X, 121, 2 „Unsterblichkeit und Tod" Schatten der Gottheit
Hiranyagarbha-Prajäpati nennt.
Königsberg i. Pr. R. Otto Franke.

Pettazzoni, Prof. Raffaele: La Religlone nella Grecia Autica

fino ad Alessandro. Bologna: Nicola Zanichelli (XIII 417 s)
8°. Storia delle Religibni III. L. 20.
Ders.: DIo, Formazione e sviluppo del monoteismo nella storia delle
religioni. Vol. I. L'Essere Celeste. Roma: Soc. Edit. Athenaeum
1922 (XX, 396 S.) Lex. 8«.

Der Verfasser, Professor der Religionsgeschichte an
der Universität Bologna, hat in der Sammlung von Monographien
(Speziallehrbüchern), der das erste der oben
bezeichneten Werke angehört, als Einleitungsband eine
Darstellung des Zoroastrismus geliefert (vol. I: „La reli-
gione di Zarathustra nella storia religiosa dell"Iran"),
1920. Schon im folgenden Jahre, 1921, hat er das über
die Religion der Griechen folgen lassen. Und 1922 sofort
wieder ein umfängliches auf abermals neuem Gebiete
, das ja freilich noch nicht abgeschlossen ist. Man
könnte fast zu einem Vorurteile wider die Solidität der
Arbeit des Autors angeregt werden. Aber das wäre wirklich
unbegründet. Pettazzoni ist ein Mann reicher Belesenheit
. Das Werk über Zarathustra kenne ich nicht
selbst. Das über die Religion der Griechen verrät durchaus
eigenes Quellenstudium und weithin sich erstreckende
Umschau in den Spezialforschungen der Historiker,
Archäologen, Philologen, zumal auch der Deutschen!