Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1923 Nr. 6

Spalte:

140-141

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Spemann, Franz

Titel/Untertitel:

Jerusalem, Wittenberg und Rom 1923

Rezensent:

Mulert, Hermann

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

139

Theologifche Literaturzeitung 1923 Nr. 6.

140

es nur Worte fein. Andrerfeits aber, und das ift der
dritte Anftand: diefe Stelle mag zugleich zeigen, was fich
auch an anderen Stellen wiederholt zeigt, wie nahe der
Prediger der Selbfterlöfung kommt. Das hängt auch
mit der Anthropofophie, der der Verfaffer fich nun ganz
ergeben hat, zufammen.

Ahlden/Aller. E. W. Bussmann.

Held, Augutt: Die Freudigkeit des Pfarrers. Ein Wort aus dem

Amt für das Amt. (40 S.) Detmold, Meyerfche Hofbuchhandlung
1922. Gz. 0,3.

Eine ,Predigt für Prediger'. Ernft und manchmal anfaffend, aber
allzu breit und zuweilen in der Formulierung recht fonderbar; im
Ganzen gilt: multa, non multum.

Gießen. 4 M. Schian.

Sawicki, Piof. Dr. Franz: Die Wahrheit des Chriftentums. 4. Aufl.
(XI, 500 S.) gr. 8». Paderborn, F. Schöningh 1920. Gz. 8.

Die geiftige Art diefes einnehmenden kath. Theologen, der jetzt
polnifcher Untertan geworden ift, hat Niebergall in ThLZ 1914, 472 f.
zutreffend gezeichnet. Eine nicht minder treffende notwendige Ergänzung
hierzu gab E. W. Mayer in ThLZ 1921, 162. Denfelben Eindruck
gewinnt man aus der vorliegenden Apologetik, die feit 1911 nun vier
Auflagen erlebt hat. Es ift eine korrekt katholifche, mit philofophifcher
und theologifcher Sachkenntnis gearbeitete, kurzgefaßte und doch alles
Wefentliche umfaffende und gut gefchriebene Apologetik, deren Verfaffer
auch die zahlreichen, in Wirklichkeit noch nicht gelöften, Probleme
und Schwierigkeiten kennt, vor denen die katholifche Apologetik
heute mehr als je fteht, und der deshalb auch die Gegner und Zweifler
ernft nimmt und doch widerlegen zu können glaubt. Daß ihm dies
in allweg gelungen ift, kann nicht behauptet werden, felbft wenn man
die fchwerlich zutreffenden Interpretationen der Leiftungspflicht und
Leiftungsfähigkeit der katholifchen Apologetik, die der Tübinger kathol.
Dogmatiker C. Adam in der Theol. Quartalfchrift 1920, 106f. gibt, anerkennen
wollte. Neues bringt die Apologetik Sawickis nicht. Sie
entwickelt ihren Stoff in den bekannten zwei Teilen: der perfönliche
Gott und die geiftig-fittliche und religiöfe Perfönlichkeit des Menfchen (I);
Gottes Offenbarung in der chriftlichen Religion und im katholifchen
Chriftentum (II). Es ift die z. Zt. belle katholifche Apologetik.
Rinsdorf (Württbg'). Wilhelm Koch.

Sawicki, Prof. Dr. Franz: Das Ideal der Perfönlichkeit. 2. Aull.
(223 S.) kl. 8. Paderborn, Ferd. Schöningh 1922. Gz. 3.

Diefes Buch, das jetzt unter neuem Titel in zweiter,
itark verkürzter Auflage (der ganze erfte hiftorifche Teil
ift weggefallen) erfcheint, verrät in feinem forgfältigen
Aufbau und feinem abwägenden Urteil den gereiften
Theologen, in feiner etwas erbaulich gefärbten, übrigens
fchlichten und klaren Sprache den Priefter. Es behandelt
in feinem erften Abfchnitt den Begriff der fittlichen
Perfönlichkeit und bezeichnet als feine Merkmale Geiftes-
kraft und Fülle, Geiftesfreiheit (= Unabhängigkeit von
Natur und fozialer Umgebung und vernunftgemäße Selbst-
beftimmung), Geiftesherrfchaft (= Selbftmacht und Weltmacht
), Individualität [An diefem Punkte wird, was Verf.
hervorzuheben unterläßt, das Problem der Perfönlichkeit
Gottes akut. S. läßt durchblicken, daß Gott keine Individualität
, da fie ,an fich eine Un voll komm enheit bedeutet
', zuzufchreiben fei. Aber kann dann noch, felbft
wenn man betont, daß Individualität nur ,ein befcheide-
nes Moment' im Perfönlichkeitsbegriff ift, uneingefchränkt
von einer Perfönlichkeit Gottes die Rede fein?], innere
Gefchloffenheit. In der Perfönlichkeit des Menfchen als
fozialen und kreatürlichen Wefens können diefe Merkmale
[Abgefehen von dem problematifchen der Individualität!
Was heißt übrigens Individualität? Befitzt fie wirklich
keinen Ewigkeitsgehalt und ideelle Begründung? Und
wie fteht es dann mit der .perfonlichen' Unfterblichkeit?]
nur relativ, nicht wie in Gott abfolut verwirklicht fein.
Der zweite Abfchnitt befpricht die Perfönlichkeit als
Lebenszweck. S. tritt dafür ein, daß das letzte Ziel fittlichen
Strebens das in Gott zufammengefaßte Ideal des
Wahren, Guten und Schönen [Wenn unperfönlich gefaßt,
würde nach S. die menfchliche Perfönlichkeit fich ihm
nicht unterordnen können. Auch hier ein Punkt, an dem,
wie mir fcheint, Kritik einfetzen muß.], daß aber, da
Gottes Wille kein anderer lein kann als die feiner Idee
gemäße Entfaltung eines jeden Gefchöpfes, die Verwirklichung
des Perfönlichkeitsideals, zumal im Sinne ,der
höheren energiftifchen Lebensauffaffung', fich ebenfalls

als ethifcher Zielgedanke rechtfertigen läßt, eine Argumentation
, die mir überzeugend zu fein fcheint. Auch
fonft enthält das Buch gute Gedanken, und felbft fpezi-
fifch katholifch gefärbte Erörterungen wie die Verteidigung
der Askefe und der Autorität verdienen, wenigftens in
der milden und befonnenen (wefentlich pädagogifch orientierten
) Faffung diefes Buches, durchaus die Beachtung
auch des evangelifchen Lefers.

Iburg. W. Thimmc.

Korff, F. Vf. A. jr.: Christelijke Religio en Historie in de Theologie
van W. Herrmann. (Differtation) (101 S.) gr. 8°. Utrecht,
G. J. A. Ruys 1922.

Die vorliegende Differtation bietet mehr, als ihr Titel
verheißt. Der Verf. diskutiert auf Grund einer forgfältigen
Darfteilung der Theologie H.'s felbftändig die Hauptfragen
der fyftematifchen Theologie, und diefe Diskuffion fteht
unter dem Gefichtspunkt, die beiden Hauptaufgaben der
fyft. Th. in ihrer Befonderung und in der neuen für fie
zu erreichenden Synthefe herauszuftellen und diefe Synthefe
vorzubereiten. Als diefe Hauptaufgaben erkennt er die
Herausfteilung des felbftändigen Wefens der chriftlichen
Religion und ihre Einordnung in das Ganze des menfch-
lichen Wertlebens. Er arbeitet heraus, wie Herrmann durch
die zentrale Stellung, in die er die Perfönlichkeit Chrifti
und ihr Innenleben innerhalb der Dogmatik zu bringen
vermocht hat, die erfte Aufgabe in hervorragendem Maße
erfüllt hat, wie aber durch die einfeitige Hervorhebung
des Zufammenhanges der Religion mit der Sittlichkeit
die zweite Aufgabe bei ihm wefentlich nicht geleiftet
worden ift. Der Verf. felbft fieht in der von der Baden-
fchen Philofophenfchule beeinflußten Theologie Ernft
Troeltfch's die neue Linie, in der fich die fyftematifche
Theologie, geftützt auf den Gewinn aus der Lebensarbeit
H.'s und durch ihn befruchtet, weiterzubewegen habe.
Dabei verkennt er nicht die Gefahren, die in diefer Theologie
infolge ihrer einfeitigen Einftellung auf die andere
Aufgabe liegen. — Die einzelnen fyftematifchen Probleme
werden jedesmal, im Zufammenhang mit dem Referat
über H.'s Stellung, felbftändig durchgearbeitet; es wird
zuerft über den allgemeinhiftorifchen Charakter der Religion,
über Gefchichte, Sittlichkeit und Religion, dann über das
Verhältnis zwifchen R. und theoretifchem Erkennen, über
den befonderen hiftorifchen Charakter der R. in Hinficht
auf den Begriff der Offenbarung und zuletzt über die
hiftorifche Offenbarung in Jefus-Chriftus gehandelt, pie
kritifche Einftellung zu H. ift dabei jedesmal fehr um-
fichtig, die Darftellung der Probleme klar und gefchickt.

Halle a. S. Hermann Bauke.

Spemann, Franz-. Jerusalem, Wittenberg und Rom. Beiträge zur
religiöfen Frage der Gegenwart. (216 S.) 8°. Berlin, Furche-Verlag
(O. J.) Gz. 2.

Eine Art chriftlicher Gefchichtsplulofophie mitbibhfch-thcologifchen,
dogmatifchen und kunftgefchichtlichen Ausblicken. Sp.'s realiftifcher
Glaube wehrt fich leidenfchaftlich gegen Bibelkritik, und die Konzentration
der Reformatoren auf Heilslehre will er berichtigen durch Betonung
kosmologifcher und endgefchichtlicher Gedanken der Bibel. M. Kählers
Zug zum Realismus genügt ihm noch nicht. Originell ift es jedenfalls,
wie hier ein äfthetifch fehr gebildeter Mann unferer Tage zu Bengel und
Oetinger zurücklenkt; er will dabei keineswegs geiftreich fein, es ift ihm
heiliger Ernft. Er macht manche gute Bemerkung, z. B. daß nicht der
Gelehrte, fondern der Künftler das profane Vorbild des Propheten fei,
und oft fchreibt er anziehend. Bisweilen aber ift der Stil gefchmacklos,
an einem Buch Kählers fchätzt er ,die Stoßkraft, mit welcher Kardinalpunkte
herausgefchleudert werden, um Licht zu verbreiten'. Erfparen
durfte Sp. uns die Mitteilung, daß der Prophet Daniel von Argentinien noch
nichts gewußt hat. In der Ausmalung biblitcher Berichte wird Sp.'s
Phantafie zur Phantaftik; von der Verfinfterung der Sonne bei Jefu
Tod heißt es: ,Was mag der Schiffer auf dem mittelländifchen Meere
gedacht haben, als er den fchwarzen Ball am Himmel hängen fah, und
wie mag ein Schauer über die kühlen Herzen der Chinefen in Peking
in diefer Stunde gelaufen fein!' Noch kühner wird die Endgefchichte
ausgemalt, der Sturz des Papfttums und die Vereinigung der Juden,
eines dann ganz wiedergeborenen Volkes, in Paläftina unter Jefus, wenn
diefer fichtbar vom Himmel herabgekommen fein wird. Mit diefen Phanta-
fien hat der Verf. in die .Gefchichtsphilofophie Gottes', das ,Geheim-
kabinet der göttlichen Weltregierung' hineingeblickt, und feiner Kühnheit
entfpricht fein Hochmut im Aburteilen über die Motive der kri-