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Ausgabe:

1923

Spalte:

138

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Herz, Johannes

Titel/Untertitel:

Volkskirche und Freikirche 1923

Rezensent:

Eger, Hans

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137

Theologifche Literaturzeitung 1923 Nr. 6.

verfehene Falten predigten des katholifchen Verf. (über
Jefus und die Ehe und die Familie, — die Arbeit, —
der Reichtum, — die Armut, — die Nächftenliebe), die
auch dem Proteftanten viel Anfprechendes bieten. Der
erlte Teil, .Grundlegung'(S. I—102), ift ein durch fleißigfte
Literaturvorführung und befonnenes Urteil ausgezeichnetes
Kompendium über den vielbehandelten Problemkomplex
. In feinen 3 Abfchnitten Jefus und die foziale
Bedeutung des Alten Teftaments' Jefus und das Himmelreich
', Jefus und fein oberftes Reichsgefetz' (das Liebes-
o-ebot) ift im dritten die Unterfuchung der Liebes- und
Barmherzigkeitsübung erlt im Judentum und dann im
Heidentum befonders fördernd.

Verf. kommt zu dem Ergebnis, daß Jefus zwar kein
lozialpolitifches Programm nach unferen Begriffen hatte,
wohl aber .das Wefen der fozialen Frage behandelt und
uns Richtlinien gibt, aus denen wir die nötigen Leitfätze auch
für unfere Not gewinnen und ableiten können'. Hierbei
wird Jefus doch wohl noch zu fehr als novus legislator
aufgefaßt, deffen Reichsgefetz ,zur fozialen Botfchaft' wird
(S. 157). Die Tragweite der Hoffnung Jefu auf die Nähe
des Weltendes wird allzufehr beftritten. Nach dem Verf.
,wäre es verkehrt, Jefus rein religiös und nicht auch
fozial zu würdigen'. Er vertritt jedenfalls richtig das
felbftändige Nebeneinander von Gottes- und Nächltenliebe
und entfcheidet fich richtig für Harnack gegen
Troeltfch in ihrer Kontroverfe über die Bedeutung der
Nächltenliebe bei Jelus, vgl. hierüber meinen Artikel in
der ,Chriltl. Welt' 1909, Sp. 771— 779.

Leipzig. K. Thiemc.

Religion und Sozialismus. Feilfchrift zur IOOjähr. Jubelfeier der
cv.-fheol. Pik, in Wien, hrsg. v. Profefforcnkollegium. Runge, Berlin-
Lichterfeldc 1921. 159 S.

Die Feftfchrift der Wiener Fakultät enthält Auffätze
von Fritz Wilke, der Sozialismus im hebräifchen Altertum,
eine anfchauliche Darlegung des Ringens zwifchen dem
Nomadentum der urfprünglichen Jahwegemeinde mit der
Ackerbau- u. Weinkultur Kanaans, das von den Anfängen
bis zur profetifchen Religion, ja bis in die neuteltament-
liche Zeit fortdauert. 2. R. A. Hoffmann, Befitz und
Recht in der Gedankenwelt des Urchriltentums. Man
kann fich vielleicht die Äußerung gefallen laffen, Jefus
fcheine denen, die ihm nachfolgten, nicht viel mehr ge-
ftattet zu haben als das Hemd, was fie auf dem Leibe
trugen' (47). Aber follte damit alles gefagt fein? Mir
fcheint H. alle Äußerungen zu fehr auf einer Fläche aufgetragen
zu haben. 3. Für Joh. Walter war es eine
fchwierige Aufgabe, auf 20 Seiten über den .Einfluß des
Chriftentums auf die Geftaltung der menfchlichen Gefell-
fchaft' zu fchreiben; nur bei ganz fcharfer Heraushebung
der Grundlinien ließ fich das machen, und es ift auch
verfucht. Den Einfchnitt macht für die Theorie Auguftin,
für die Praxis erft die Welt der Germanen. 4. J. Bohatec
ftellt die intereffante Frage: War die Kirchenverfaffung
Calvins demokratifch? Aus gründlicher Kenntnis Calvins
heraus weift er als fein entfcheidendes Prinzip das der
Ordnung auf; dagegen find ihm Gleichheit und Herrfchaft
der Maffe nicht konftitutive Ideen; wohl aber räumt er
unter dem Einfluß der Genfer Verhältniffe der Gemeinde
als folcher Rechte und Pflichten ein, die fich in den
Rahmen einer rein .ariftokratifchen' Verfaflung nicht einordnen
laffen und die zur .Gemeindefouveränität' weiterführen
konnten. 5- Karl Völker zeichnet ein Bild von
Sozialismus und Chriftentum im 19. Jahrhundert, das,
foweit ich fehe, richtig ift, wenn es auch dem mit der
Sache fchon etwas Vertrauten nicht viel Neues bietet.
6. Karl Beth befpricht Sozialismus und Danvinismus;
feine prinzipiellen Erwägungen werden dem nicht einleuchten
, der dem Danvinismus noch fkeptifcher gegen-
überfteht als er felbft; doch ift jedenfalls das Ziel, auf
das er hinauskommt, einwandfrei und die kurze hiftorifche
Orientierung über das wechfelnde Verhältnis der beiden

Größen kann auf allgemeinen Dank rechnen. Bei der
gefamten Publikation macht fich die aufgezwungene Raumknappheit
ftörend geltend. Doch wird jedenfalls im evange-
lifchen Öfterreich das Ganze als eine befreiende Tat und als
eine wertvolle Eänführung in die Probleme gewürdigt fein.
Berlin. Titint,

Herz, Pfarrer Johannes: Volkskirche und Freikirche. Vortrag auf dei

Sächhfchen Kirchlichen Konferenz. (24 S.) 8". Leipzig, Arwecl
Strauch 1921. Gz. 0,5.

Verf. fucht in das grundfätzliche Verständnis der verfchiedencn
Struktur der Volkskirche (Kirchengemeinfchaft, die als Volkserziehungs-
anftalt möglich«, das Volksganze zu erfaffen fucht und ihre Mitglieder
volksmäßig durch Geburt und Kindertaufe gewinnt) und Freikirche
(Kirchengemeinfchaft, die als MSiionsgemeinde innerhalb des Volkes
einen Kreis überzeugter Chriften fammcln will und ihre Mitglieder
vereinsmäßig durch perfönlichc Willenserklärung und freiwilligen An-
fcbluß gewinnt) einzuführen. Das gefchieht in wohlüberlegter, klarer
Weife, fo daß die Schrift zur Orientierung fehr brauchbar ift, wenn
auch der Typus der Freikirche ftellenweife zu ftark dem der Sekte
angenähert wird und das Problem in feiner gefchiclHlichen Grundlegung
tiefer hätte angefaßt werden können (Reformation, Kindertaufe!). Die
Folgerungen, die Verf. aus dem Wefen der Volkskirche für die Geftaltung
ihrer Verfaffung zieht, find überzeugend.

Halle a. S. K. Eger.

Rittelmeyer, Pfr. Lic. Dr. Friedrich: Tatchristentum. 7 Kanzelicden
über die Wunder Jefu. (72 S.) 8°. München, Chr. Kaifer 1921. M. 7—
Durch diefe fiebert Predigten zieht fich ein Grundgedanke
: Wie wir jetzt in der Not des deutfehen Volkes
als Chriften wirken können, oder genauer, die Taten Jefu
auch vollbringen können. Die Titel find erft für den
Druck hinzugefetzt: Nothelfer (Speifung der Sckoo), Wohltäter
(Heilung des epileptifchen Knaben), Ileilbringer
(Tempelreinigung), Lichtboten (Sündenvergebung beim
Gichtbrüchigen), Todbezwinger (Jüngling zu Nain), Welt-
überwinder (Meerwandeln), Naturgebieter (Sturmftillung).
Die Durchführung des Gedankens ift geiftreich wie alles,
was R. fchreibt. Er gibt oft überrafchende Parallelen,
manche Deutungen, die fefthaften, manche fchönen Ausführungen
, wie z. B. über Tatchriftentum, Gebet, Glauben
ufw. Allerdings quält er fich auch m. A. n. mit Unnötigem
ab, fo bef. mit der Deutung der Wunder felbft,
über die er predigt. Wenn er fie in folcher Weife ins
Geiftige umfetzt, daß wir fie heute auch vollbringen können,
dann war diefe Anftrengung überflüffig, fo z. B. die Ausführung
über Hellfehen beim Meerwandeln oder S. 11.
18. 47 u. a.

Dreierlei hätte ich zu beanftanden. Einmal ift bezeichnend
, wie oft von aufgeregten Menfchen gefprochen
wird. Es geht auch etwas von folcher Aufgeregtheit
durch diefe Predigten: eben hat man einen Gedanken,
dem man nachdenken möchte, da erfcheint nun ein neuer,
oft ganz andersartiger, und fo kommt man nicht recht
zur Ruhe, und fchließlich wirbelt alles durcheinander,

Dann der anthropofophifche Einfchlag, auf S.'20,
37, 38*> 4L 64 a- Befonders ausführlich auf S. j2o'
deren Ausführung ich zum Beweis hierherfetze:

Wer heilen will, heile zunächft fich felbft und nicht andere' Er heile,
was leicht ift, und nicht, was fchwer ift! Und er heile vor allem feine
Seele und nicht feinen Leib! O, wenn ich daran denke, wie viele mir
geklagt haben, daß fie im Leben nicht vorwärts kommen! Aber fie
machten es auch immer verkehrt! Sie meinten, man muß fich nur
etwas vornehmen, dann geht es auch. Es gibt einen viel fehlichteren
und viel wirkfameren Rat. Ganz einfach: Man nimmt die Gotteskraft
in fich auf! Um es recht praktifch zu fagen: Man nimmt eine Viertel-
ftunde lang z. B. die erfte Bitte des Vatentnfers in fich auf: Geheiligt
werde dein Name! nimmt fie mit feinem ganzen Wefen in fich auf, das
Wefen diefer Bitte, das Wefen des Chriftus diefer Bitte in unfer Wefen,
als ob die Bitte jetzt in diefem Augenblick in unferer Seele entftünde
und unfre ganze Seele erfüllte, als ob unfre ganze Seele zur Flamme
diefer Bitte würde 1 Nachher merkt man, vielleicht auf einem ganz
anderen Gebiet: Ich kann nicht fo aufgeregt fein, wie ich fonft gewefen
wäre! Ich kann nicht fo träg und träumend fein! Ich kann nicht fo
lieblos fein! So erlebt man die Chriftus-Sonnenkraft. Das ift die erfte
Chriftustat, die wir'tun können, die wir aber auch tun fohlten' Denn
heil müffen wir fein, heiler mindeftens als die andern, wenn man an
unfern Heiland glauben foll'.

Mir fcheint, daß hiermit die Sache nicht deutlicher
für den Zuhörer geworden ift; für die nieiften werden

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