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Ausgabe:

1923 Nr. 6

Spalte:

136

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Breitenstein, Desiderius

Titel/Untertitel:

Diaspora und Bonifatiusverein 1923

Rezensent:

Mulert, Hermann

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Theologifche Literaturzeitung 1923 Nr. 6.

136

einer Gabe eigner Prägung, einer rechten Gelegenheitsrede
im beften Wortfinne, zufammen.

Wo ein wohlerwogenes Ganzes aus Proben befteht, ift
es mißlich, wiederum Proben herauszuheben. Schwedifche
Theologie und Religionswiffenfchaft in gebührender Verbindung
mit deutfchen Namen ift knapp S. 16 berührt,
Söderbloms Wirken namhaft gemacht. Adam v. Bremen,
Birgitta, Olaus Petris NT in Parallele zu Luthers Septemberbibel
, Guftav II. Adolfs Schwanengefang (Echtheitsfrage),
Schillers Urteil über den großen Schwedenkönig fehlen
nicht. Mit befonderer Wärme ift des .Schwedenkopfes'
Karls XII. im ,ftraubigen' Maar (Goethe) gedacht; hinter
dem Klettenbergfchen Kreife Swedenborg gezeichnet, auf
den in der 1. Szene von Fauft I., wie der letzten von
Fauft IL, die neuere Forfchung geführt hat (von Goethe
zu Linne werden die Linien gezogen). Auch Tegner,
Runeberg, Topelius haben ihre kirchlich-chriftüche Bedeutung
, wie auch heute S. Lagerlöf, der ein Kranz gewunden
wird.

Diefe Theologica machen räumlich den kleinften Teil
des Ganzen aus: das gebe einen Begriff von dem Reichtum
diefer 18 Seiten!

Germaniftik hier wie dort ift aus dem Geift der Romantik
geboren: J. Grimm, Geijer (S. 12 und 17 verdruckt
in Geiger), Afzelius, F. M. Arndt finden die aus
Göttinger Munde am echteften anmutende Würdigung.
Diefem feinem .lieben Freunde und Landsmann' (.Volkslieder
der Schweden' I, 1830, Widmung) ließe fich Gottlieb
Mohnike anfchließen: daß er, mit A. Knapp, J. O.
Wallin's fchwed. Kirchengefangbuch von i8ig als das
befte, ja, falls überfetzbar, mit Tegner als das Gefangbuch
aller Chriftenvölker pries (E. Liedgren, Den svenska
psalmboken, S. 90), erweift feinen guten Blick: erft 1922,
nach mehr als Jahrhundertfrift, ift zu dem immer
noch gültigen Buche ein Anhang eingeführt worden.
Aus feiner Namenforfchung, die der nordifchen gerne
fchuldigen Dank zollt, gibt Sehr, den Hinweis, daß des
Amtsrichters von Zobten, Karl Franz van der Velde,
Roman aus der Zeit Karls XII. ,Arwed Gyllenstjema'
(1823) eine Generation lang Arwed zum beliebten deutfchen
Taufnamen gemacht habe.

Möchten viele deutfehe wie fchwedifche Lefer aus
dem fchmalen Flefte ein richtiges Bild von Art und Leben
im ftammverwandten Lande gewinnen. Es ift in hohem
Maße geeignet, dies Ziel der .deutfeh-fchwedifchen Vereinigung
Göttingen' an feinem Teile mit zu verwirklichen
.

Fahrenbach (Baden). Peter Katz.

Kappstein, Theodor: Schleiermacliers Weltbild und Lebensanschauung
. München: Röfl & Cie. 1921 (367 S.) id. 8° = Philofophifche
Reihe. Hrsg. v. A. Werner, 20. Bd.

Aus gründlicher Kenntnis Schl.'s heraus gefchrieben;
auch folche Stücke werden mitgeteilt, die vielen unbekannt
find, wie Schl.'s .Erguß' über die Toleranz, der in der
Widmung ieines Lukas an de Wette verfteckt ift. Und
meift anregend gefchrieben, wie das bei K. nicht anders
zu erwarten ift. Doch liegt hier ein Bedenken. Wenn
die Berliner fchon um 1800 ftarke Vorliebe für das Mokante
und Pikante hatten und der junge Schi., der viel
unter Berliner Literaten lebte, zeitweife etwas von folchem
Ton annahm, fo ift das begreiflich. Ebenfo begreiflich,
daß heutige erfolgreiche Berliner Tagesfchriftfteller eine
ähnliche Redeweife haben. Aber fo gewiß Schi, nicht
einfach der geblieben ift, der er um 1798 war, fo gewiß
muß jedes Buch über ihn den fchweren Ernft wieder-
fpiegeln, den feine weitere Lebensarbeit hatte. K. kann
ernft von den fittlichen Aufgaben unferer Tage reden,
von der Pflicht, in einer zerfetzenden Zeit die Jugend zu-
nächft einmal ftahlhart zu fchmieden, ftreng zu erziehen.
Aber die Art, wie (S. 36) nach einem langen Zitat über
die Romantik und der Wiedergabe des .Katechismus der
Vernunft' glatt von Schi, und Fr. Schlegel gefagt wird:

fie .lagen beide in Banden fchöner Frauen', ift unzureichend
gegenüber der Gründlichkeit und Gerechtigkeit, mit der
Dilthey dargetan hat, was Schi, und Schlegel verband
und was fie unterfchied, und für unkundige Lefer irreführend
. Vollends wird das Mißverhältnis, daß über die
Luzindebriefe mehr gefagt ift als über die Reden über
die Religion, auch dadurch nicht gerechtfertigt, daß der
innere Titel des Buches heißt: .Schleiermachers Weltbild
und Lebensanfchaung.' Man erfährt doch fonft aus dem
Buche auch von Schl.'s Theologie nicht wenig, gewinnt
überhaupt ein Bild von der Vielfeitigkeit der Gedankenwelt
und Tätigkeit Schl.'s, nur daß bei Ethik und Dialektik
eine zufammenhängende Herausarbeitung von Schl.'s
Hauptmotiven und Gedankenfortfehritt erwünfehter ge-
wefen wäre, als K.'s Verfahren, oft mehr nur einzelne
charakteriftifche Stücke wiederzugeben.

Die Analyfe der Grundgedanken Kants ftünde in wirklichem Zu-
fammenhang mit dem übrigen Inhalt des Buches nur, wenn Schl.'s Verhältnis
zu Kant (gefchichtlich oder grundfätzlich) eingehend behandelt
wäre. Fuchfens von Kappftein (S. 66) angenommene Anficht, die
Reden feien aus Fichtes Atheismusftreit hervorgegangen, ift von Eck
1908 berichtigt worden. (Über die Herkunft des Individualitätsgedankens
bei Sehl.) S. 17 unten ift ft. 1825 offenbar 1835 zu lefen, S. 97 oben
1808 ft. 1908, S. 26 Mitte 1. 1796; ein Druckfehler muß auch vorliegen,
wenn es S. 234heißt, Schi, habe in der Dialektik feiner religiöfen An-
fchauung eine chriftologifche und metaphyfifche Bafis gegeben (ft. .chriftologifche
' ift wohl ,logifche' zu lefen).

Kiel. H. Mulert.

Pieper, Dr. Auguft: Der Sinn der Standes- und Jugendvereine als
Lebensgemeinfchaften. M.-Gladbach: Volksvereins-Verlag 1922(71 S.)
8".

Mit Standesvereinen find hier nicht die Gewerkfchaften gemeint,
fondern religiöfe Standesvereine, katholifche Gefellenvereine, Jugend-,
Frauen-, Mütter- und dgl. Vereine. Sie follen Lebensgemeinfchaften
werden, nicht nur einem Vielerlei von praktifchen Zwecken dienen,
fondern von höchften Ideen getragen, von Liebe erfüllt fein, Familien -
Charakter haben. Zu jenen hohen Ideen rechnet P. auch die des Berufs,
von der er fo redet, daß ein Proteftant daran nur feine Freude haben
kann. Viel gute Einzelbemerkungen, lehrreich auch für Nichtkatholiken:
,Die Kirche darf nie in den Schein kommen, fie fei eine Partei Gottes
und feiner Prieftcr, welche Gottes Rechte als eines Machthabers bei ihnen
durchzuheizen fuche' (S. 47). ,Das Ideal des lebendigen Chriftentums
foll uns zum Bewußtfein bringen, daß wir mehr ein Oberflächenchriften-
tum gepflegt haben, wohl ein beachtenswertes Kirchentum, aber kein
vollgültiges Chrillentum der in Bruderliebe fich auswirkenden Gottesliebc'
(S. 50). Keinen behandelt zuletzt die Jungfrauen- und Frauenvereine
in ähnlichem Sinne.

Kiel. IL Mulert.

Breitenftein, Deßderius, O. F. M.: Dialpora und Bonifatiusverein.

Hamm-Weftf.: Breer & Thiemann 1920 (S. 145 — 176) gr. 8° — Frankfurter
zeitgemäße Brofchüren 39. Bd., 7. Heft.

B.'s Mitteilungen über die katholifche Diafpora in Deutfchland find
z. T. lehrreich; man fieht in die von der Konfeffionsftatiftik bisher oft
mehr nur erfchloffene als im einzelnen erwiefene Tatfache hinein: Der
kath. Volksteil wuchs bei uns nicht fo ftark (wie es feiner relativ größeren
Geburtenzahl entfprochen hätte), weil er fo viel Kinder aus Mifch-
chen verliert. 1915 war in Deutfchland bereits jede fiebente der neu
gefchloffenen Ehen eine Mifchehe; im Kgr. Sachfen gab es 1915 fieben-
mal fo viel Mifchehefchließungcn als rein kath. Ehefchließungen. Der
Episkopat nimmt fo für das Reich einen jährl. Verluft von 40000 Kindern
für die kath. Kirche an. Die Darfteilung zeigt einige Irrtümer in Einzelheiten
: S. 147 klingt es fo, als habe die Prov. Heffen-Naffau noch
andere Reg.-Bezirke als Caffel und Wiesbaden, S. 175 ft. Riga lies
Riefa.

Kiel. II. Mulert.

Dyroff, Prof. Adolf: Die Miffion im Lichte philorophilcher Betrachtung
. (Abhandlungen a. Miffionskunde u. Miffionsgefchichte. 28).
(44 S.) 8°. Aachen, Xaverius-Verlag. 1922. Gz. 0,35.

Intereffante Plaudereien eines katholifchen Philofophen, welche die
erkenntnismäßige, ethifche, äfthetifchc und metaphyfifche Seite der Mif-
fionsidee beleuchten, manche geiftreiche Streiflichter, aber im ganzen
mehr eine Werbefchrift für den Miffionsgedanken unter den Gebildeten
als eine wiffenfchaftliche Vertiefung in die Probleme.
Berlin-Steglitz. J. Richter.

Steinmann, Prof. Dr. Alphons: Jefu8 und die fbziale Frage. Paderborn
: F. Schöningh 1920. (VII, 261 S.) gr. 8°. Gz. 8.
Den zweiten Teil dieles Buches bilden praktifche Ausführungen
(S. 163—241), die nichts anderes find als durch-
und umgearbeitete, reichlich mit gelehrten Anmerkungen