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Ausgabe:

1923 Nr. 6

Spalte:

134-135

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schröder, Edward

Titel/Untertitel:

Deutsch-schwedische u. schwedisch-deutsche Kulturbeziehungen in alter und neuer Zeit 1923

Rezensent:

Katz, Peter

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Theologifche Literaturzeitung 1923 Nr. 6.

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in 2. Auflage. Seither ward zur weiteren Aufhellung des
von Uhlhorn behandelten Gebiets unendlich viel Arbeit
geleiftet; man denke an die Einzelftudien zur Gefchichte
der Klöfter, der Städte, der Armenordnungen, an die Erörterungen
über die foziale Bedeutung der Kirchen, an
die Kontroversen über das fpäte Mittelalter und die Reformation
, ganz zu Schweigen von der Weiterentwicklung
der modernen Liebestätigkeit. Eine Neubearbeitung des
Stoffs war dringend zu wünfchen. Nun liegt fie als Jubiläumswerk
zum 25 jährigen Beliehen des deutfchen Caritasverbandes
vor und hat den Schriftleiter der Caritas-
zeitfchriften zum Verfaffer.

Erfüllt fie die Forderungen, die man Stellen muß?
Soweit es Sich um fleißige und gründliche Ausfchöpfung
der Quellen, auch der entlegenen, um umfichtiges Zu-
fammentragen des Stoffs handelt, ift die Frage unbedingt
zu bejahen. L. hat ein ungeheures Material verarbeitet.
Er beginnt mit der Vorgefchichte der Caritas vor Chriftus
(bezeichnend das Urteil über die heidnifche Welt: fie war
nicht ohne Liebe, aber ohne Caritas (S. 17)); Schildert die
Entwicklung von Chriftus an nach Lehre und Tatfachen
und fügt in Bd. II eine Gefchichte der Träger der Caritas
hinzu, d. h. einerfeits der katholifchen Pflegegenoffen-
fchaften, anderfeits der katholifchen Anftalten, Vereine
und Stiftungen. Wenn natürlich auch nicht Vollständigkeit
in der Benutzung der Literatur erreicht ift, fo ift doch
in diefer Richtung über Uhlhorn hinaus fehr viel gefchehen.
Wer jetzt der karitativen Tätigkeit der einzelnen katholifchen
Genoffenfchaften oder Vereine nachgehen will,
der findet hier zuverläffige Mitteilungen eingehender Art,
dazu weiterweifende Literaturangaben. Auch z. B. über
die Reformation und die Armenordnungen jener Zeit hat
L. viel gelefen, auch evangelifche Schriftsteller. Er ift
auch keineswegs bei der theologifchen Literatur Stehen
geblieben; vielmehr ift er den kulturhistorischen Darlegungen
bis in die Spezialzeitfchriften hinein nachgegangen.
Aus der Fülle des beigebrachten Stoffs feien z. B. die
Mitteilungen über die Lehre der mittelalterlichen Scholastik
von der Caritas, über die Stellung der Myftik zu
ihr, über die Almofenwirtfchaft der Städte im Mittelalter,
über die Rolle, die die Caritas in der Predigtliteratur
Spielt, herausgehoben. Daß Bd. II feiner ganzen Anlage
nach viel wertvollste Einzelheiten bringt, braucht kaum
ausdrücklich gefagt zu werden. Für die moderne Caritas
bietet L., wie von ihm nicht anders zu erwarten, reiche,
vielfach ftatiftifch belegte Zufammenftellungen.

Wenn ich fonach dem Werk weitgehende Anerkennung
zolle, fo habe ich doch zwei keineswegs leichte Einwände
zu erheben. Der erfte betrifft die fchriftftellerifche Form.
L. erreicht nicht, in manchen Abfchnitten fogar nicht entfernt
, das Maß der Stoffbemeifterung, das Uhlhorn eigen
war. Er müht Sich, in zufammenfaffenden Rückblicken
die wichtigsten Gedanken zur Sache zur Geltung zu
bringen. Aber das kann den Eindruck nicht aufheben, daß
das Buch ganze Strecken lang mehr tatfächliche Mitteilungen
bringt, als daß es die großen Linien der Entwicklung
heraustreten läßt. Am ftärkften fällt diefer Mangel auf bei
dem Abfchnitt über die Reformation (1,240fr.). Die Art, wie
L. hier die neuefte Diskuffion darftellt, um dann Übereinstimmung
in wichtigen Punkten herauszustellen, wirkt
rein formell nicht erfreulich. Der zweite Einwand betrifft
die überaus Starke Einwirkung der konfeffionellen
Gebundenheit des Verf.s auf fein Buch. Eine Gefchichte
der .Caritas' will er geben, und Caritas ift ihm .christliche
Barmherzigkeitsübung' (S. 1). Wäre das gemeint, wie es
klingt, fo müßte die Liebestätigkeit der evangelifchen
Kirchen genau fo gut gefchildert werden wie die der katholifchen
. Das ift aber ganz und gar nicht der Fall.
Für die älteren Jahrhunderte nach der Reformation wird
gelegentlich auf die evangelifche'Seite hingewiesen; von
einer paritätischen Behandlung aber ift keine Rede. Die
reformierte Kirche wird überhaupt nicht behandelt. Calvin
kommt nicht vor. Ganz Schlimm wird die Sache im ^.Jahrhundert
. Die gefchichtliche Darstellung des 1. Bandes verläuft
, als gäbe es keine evangelifche Liebesarbeit; der 2.Band
bringt dann eine Art Anhang ,üie C. des Auslandes,' und an
diefen Anhang ift ein § angehängt, der ,Die Innere Miffion
der evangelifchen Kirche, die Heilsarmee, die jüdifche Wohltätigkeit
'auf zufammen 14S. fchildert; davon gehören knapp
8 der Inneren Miffion. Diefe Stoffordnung ift nicht bloß unfachlich
, fondern auch (eben deshalb) vollkommen un-
logifch. Sie bedeutet, daß der evangelifchen Inneren
Miffion ein Sonderwinkel angewiefen, daß fie damit aus
dem Strom der Entwicklung brüsk hinausgewiefen wird!
Man Sieht: C. bedeutet fürL. lediglich katholifche Barmherzigkeitsübung
. Diefem Standpunkt entspricht natürlich
die Darftellungsweife. Die gefamte Liebesübung der alten
Kirche wird gut katholifch gefchildert; über die Reformation
wird geurteilt, daß Sie die C. nicht gefördert, fondern eher
gefchädigt habe, ufw. Die Innere Miffion erhält für ihre
.gewaltige, Staunenswerte' Arbeit im Vorübergehen eine
gute Note; aber was gerade die katholifche Caritasbewegung
der evangelifchen Inneren Miffion zu
danken hat, das wird völlig unterdrückt. Und hier
verstärkt der zweite Mangel den zuerft genannten in bedeutsamer
Weife. Im letzten Grund vermag L. der katholifchen
Caritasübung gegenüber keine durchgreifende Kritik anzuwenden
; er fchildert Sie immer in hellem Licht; wo er Sich mit
kritifchen Bedenken auseinanderfetzt (z. B. fürs Mittelalter
), ift er durch und durch Apologet. Dadurch verliert
er die Möglichkeit, eine wirklich gefchichtliche Entwicklung
vor den Augen des Lefers erflehen zu laffen.
Wohl weift er auf die befonderen wirtfchaftlichen Ver-
hältniffe hin; aber die enge Verbindung eben diefer Verhältnisse
wie der gefamten kirchlichen Lage mit der Liebesübung
werden nicht ausreichend deutlich. Das tritt Selbft
an Abfchnitten zutage, die auf die wirtfchaftlichen Voraus-
fetzungen (z. B. das Lehnswefen, das Bettelwefen im
Mittelalter) ausdrücklich hinweifen.

Somit haben wir in dem Werk wohl eine fehr ergiebige
Stoffzufammenftellung, auch in manchen Gebieten
eine gute Überficht über die Diskuffion wichtiger Probleme
und eine beachtenswerte Beleuchtung vom katholifchen
Standpunkt aus, nicht aber eine von großem hiftorifchen
Blick zeugende Gefamtdarftellung. Man wird das Buch
neben Uhlhorn brauchen; aber Uhlhorn wird dadurch
nicht überflüffig. Der Katholik mag Sich am Jubiläum
des Caritasverbandes, deffen mächtige Arbeit und treffliche
Organisation wir Evangelifchen willig rühmen, diefes durch
und durch katholifchen Werkes freuen; der Historiker
muß die Einfeitigkeit der Stoffgruppierung und des Urteils
fchmerzlich empfinden.

Gießen. M. Schian.

Schröder, Prof. Dr. Edward: Deutrch-Ichwedirche u. fchwedifch-
deutfche Kulturbeziehungen in alter und neuer Zeit. Vortrag, gehalten
zur Eröffnung der fchwedifchen Studenlenwochen. (Deutfch-
Schwedifche Vereinigung, Göttingen) (18 S.) gr. 8°. Göttingen,
Vandenhoeck & Ruprecht 1922. Gz. 4.

Zwifchen die eröffnenden Feftreden und die nachfolgenden
Vorlefungen der .fchwediSchen Studentenwochen'
im Sommer 1922 hat Sehr, auftraggemäß feinen Vortrag
geftellt und Sieht deffen Art damit bezeichnet. ,Die Beziehungen
find zwar mannigfaltig und im einzelnen faft
durchweg intereffant', aber nicht lückenlos. Wenn er
nun, notgedrungen, die Hörer bittet, feine Darbietungen
nicht als Probe deutfeher Redekunft, fondern deutfeher
Ernsthaftigkeit, .meinetwegen als ein Beifpiel deutfeher
Pedanterie' hinzunehmen, fo muß fchon der unmittelbare
Eindruck dieSe befcheidene Kennzeichnung korrigiert
haben. Wird doch diefe .Sammlung von Notizen', in ihrer
Befchränkung auf Literatur und Wiffenfchaft, zur ganz
perfönlichen Auswahl lebendigster Züge des Hin- und
Herwirkens. Begeisterung für deutfehe und gemeinger-
manifche Art, ausgedehnte Literaturkenntnis und die
Zurückhaltung des deutfchen Gelehrten auf dem zur Ausbreitung
lockenden Felde fchließen die Einzelheiten zu