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Ausgabe:

1923 Nr. 5

Spalte:

116

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Leisegang, Hans

Titel/Untertitel:

Die Religion im Weltanschauungskampf der Gegenwart 1923

Rezensent:

Thimme, Wilhelm

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Seite 1

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U5 Theologifche Literaturzeitung 1923 Nr. 5. 116

Worte, die nach diefer Richtung hin übers Ziel fchießen,
finden fich auch in der Bibel. Aber diefe Denkweife
führt zu jenem Prieftertum der Spekulation, das Schleiermacher
in Hegels Tagen genugfam erlebte und vor dem
er um der Reinhaltung des evangelifchen Glaubens willen
in feinen Sendfehreiben an Lücke gewarnt hat. L. muß
denn auch, im Intereffe feiner Spekulation, ebenfo kräftig
wie gegen A. Ritfehl etwa gegen Heim kämpfen; auch
Dunkmann wird wiederholt abgelehnt, fofern diefer von
Schleiermacher beeinflußt ift, ebenfo die Kenotiker, da,
wie man bei Geß fleht, die fpekulativ erarbeitete Trini-
tätslehre gefährdet wird durch die Konfequenzen einer im
Blick auf den gefchichtlichen Jefus aufgeftellten Theorie.

L.'s Spekulation hat umfaffende Folgen; die Löfung
des Freiheitsproblems z. B. findet er nur im Zufammen-
hang mit dem Trinitätsgedanken und der ihm entfprechen-
den ,trialiftifchen'Weltbetrachtung: Natur, (rein) menfeh-
liches Geiftesleben, dem Jenfeits zugewandtes höheres
Geiftesleben. Praktifchen Wert kann der Gedanke gewinnen
, daß Chriftus nicht nur Inkarnation des Logos
fei, fondern auch das Erfülltfein feiner Perfon mit heiligem
Geifte in betracht komme. Vorausgefetzt ift hier freilich,
daß Logos und Pneuma nebeneinander flehen, während
die beiden Sätze 0 löyoq oagB, iy&vzxo und 6 xvgiog rb
jtvtvjia ioxiv mir nicht aneinandergeknüpft werden zu
dürfen fcheinen, fondern zwei allerdings fehr verfchiedene
Faffungen einer und derfelben religiöfen Schätzung Jefu
find. Was dann im Einzelnen für L.'s trinitarifche Spekulation
charakteriftifch ift, unterfcheidet fich fehr etwa von
R. Seebergs Lehre über die Willenseinheit Gottes und
Chrifti: ,Nach den diePerfönlichkeitausmachenden Faktoren
des Selbftbewußtfeins und der Selbftbeftimmung tut fich

Wendungen belebt, und ein großer Vorzug der Form des Buches ift,
daß es keine Anmerkungen hat. Aber oft ift der Satzbau recht verwickelt
. Für Studenten ift unzweckmäßig, daß oft als Vertreter einer —
gebilligten oder abgelehnten — Meinung ein Mann genannt wird, ohne daß
man erfährt, wo er fich fo geäußert hat. Die Literaturangaben find reichlich
, doch fehlt z. B. bei den Schriften zur Willensfreiheit Joels wertvolles
Buch Der freie Wille (1908).

S. 1 z. 10 v. u. ft. Religionsfreundfchaft 1. Religionsfeindfchaft,
15 Mitte ft. verantworten 1. beantworten, 49 find die die beiden erften
Zeilen zu ftreichen, zu § 69: Jaegers Schrift heißt Jnnfeits', nicht
Jenfeits'.

Kiel. H. Mulert.

Lei regang, Dr. Hans: Die Religion im Weltanfchauungskampf der

Gegenwart. Zwei Vorträge, gehalten auf dem Kongreß für zeitgemäßen
evangelifchen Religionsunterricht zu Leipzig im April 1922
(48 S.) 8°. Leipzig, J. C. Hinrichs 1922. Gz. o,6-

Der erfte der beiden Vorträge fpricht vom Wefen-
der Religion im Allgemeinen und von evangelifcher Frömmigkeit
im Befonderen. Es wird betont, daß es fich in der
Religion um irrationales Erleben, um gefühlsmäßiges intuitives
Erkennen der im Innern fich offenbarenden höheren
Welt, daß es fich im evangelifchen Chriftentum
Luthers um Gottvertrauen und perlönliche Hingabe handelt
. Gehaltreicher ift der zweite Vortrag über den Weltanfchauungskampf
der Gegenwart. Hier wird gezeigt,
daß die Gegenwart des hiftorifchen und naturwiffenfehaft-
lichen Materialismus müde ift und fich überall neues
Leben regt. Die Philofopbie wendet fich vom Stoff zum
Geift, von der Natur zur Kultur und hat die Gefchichte
als den Bereich der freifchaffenden Perfönlichkeit neu er-
fchloffen (Dilthey etc.), die Theologie lernt das Religiöfe
in feiner fpezififchen Art erfaffen (Otto), die moderne
und modernde Kund kämpft gegen die Vergewaltigung
des Menfchen durch Technik und Wirtfchaft (Realiden

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j u \r r f • 1 1 in . r~ -k j u wie Hauptmann und Dehmel dellen dar, wie die Seele

das göttliche Wefen auf in Intelligenz und Geld; danach , , , -r , T , , ' „ „ " ,

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id dts göttliche Wefen aufzufaffen als abfoluter Urgrund, ; durch Mechanifierung des Lebens qualvoll zu Grunde
als ewife Intelligenz und heiliger Geid' (S. 128). Gewiß 1 ^ Neuromantiker wie St. George zeigen weltmuden
id es frommer Sinn, der fo die Tiefen der Gottheit zu ?elftern ft,llef ^ege .f, einer hoJeren ^ d« ExPr/f"
ergründen fucht; aber id daneben nicht recht viel gelehr- ?°n™ ™ft £u™,ffh Z£ f eiftlSefr Umgeftaltung der
ter Eigenfinn in den Verfuchen wirkfam, die fehr mensch- Wirklichkeit auf) darkes, hoffnungsfreudiges Suchen er-
lich zudande gekommenen Formeln des 4. Jahrhunderts j ^ Züm'i dler Jugendbewegung. Zum Ieinzelnen ließe
metaphyfifch zu rechtfertigen? Jefus von Nazareth ewige j Jch. manches fagen, z. B auch dazu, daß Bonfels fchr.ft-
Intelligenz? Id Gott der Vater als der Urgrund an fich ftellenfcher Erfolg als Symptom des fich erneuernden
von der Intelligenz gefchieden, reicht diefe Intelligenz I Weahsmus gewertet wird; aufs Ganze gefehen eine er-
an fich nicht in den ewigen Urgrund? Man darf vielleicht ft^be und anreSende Lektüre. ^ ^

auf folche Spekulationen nicht mit dialektifchen Fragen
antworten; andererfeits follte, wer fpekulative Gratwanderungen
in L.'s Art wagt, im Urteil über andere vorfichtig
fein. Wenn L. bei Herrmann lebensfrohen chriduslofen
Rationalismus' findet, fo glaube ich das ruhige Lächeln
zu fehen, mit dem diefer mein heimgegangener Meider
folch verdändnislofes Schelten beifeite l'chob, foweit es
gegen feine Perfon ging. Aber wenn es (S. 417) heißt:
eine jenfeitige Welt gibt es für Ritfehl nicht', fo muß
man wegen der Wirkung, die folche Behauptungen auf
Laien haben können, fagen: diefe Polemik fallt einfach
unter das Gericht des Wortes: ,Du folld nicht falfches
Zeugnis reden wider deinen Nächden'. Wir werden im
kirchlichen Leben des deutfehen Protedantismus aus dem
Elend der Verhetzung nicht herauskommen, folange
wiffenfehaftliche Theologen es für erlaubt halten, Derartiges
zu fchreiben.

Manches berührt fich nicht fo fehr mit der prinzipiellen als mit der
fpeziellen Dogmatik, z. R. der Abfchnitt über das Wunder. Die Behandlung
der einzelnen Wundergefchichten weift L. mit Recht der hiftorilchen
Theologie zu, und da er nicht an Verbalinnpiration glaubt, hat er z. B.
mit Bileams Efeiin nichts zu fchafien. In der grundfätzlichen Erörterung
finden wir bei L. wie bei vielen Apologeten belfere Gründe für die
Möglichkeit der Wunder als für ihreTatfächlichkeit. Die ftärkfte Schwierigkeit
ift heute wohl die, daß nicht nur im fonftigen Altertum, fondern
auch bei den Kirchenvätern ähnliche Wunder bezeugt find wie im N. T.,
z. T. beffer bezeugt find und wir Proteftanten fie im allgemeinen doch
nicht glauben. Der treue Katholik lieht da anders; er ift im allgemeinen
bereit, fie zu glauben, und L. macht das Zugeftändnis, den
Glauben katholifcher Chriften, daß noch in neuerer Zeit in ihrer Kirche
Wunder gefchehen, nicht ganz für Täufchung zu erklären.

Hier wie anderwärts wird die Darfteilung oft durch draftifche Rede-

Cadoux, A. T., B. A., D. D.: Essays in Christian Thinking. (188 S.)

8". London, The Swarthmore Press. 6 sh. 6 d.

Unter chriftlichem Denken verfteht der Verf. nicht,
was man zuerft vermutet, Gnofis oder Theofophie, d. h.
Verfuche, durch Denken das Heil aufzufinden und denk-
haft feiner inne zu werden, fondern Apologetik, d. h. Her-
ftellung einer logifchen Einheit aus den religiöfen und
nichtreiigiöfen Vorftellungen unferes Geiftes. Nur daß
C., im Gegenfatz zu der üblichen Apologetik, die Rechtfertigung
der Heilsgewißheit nicht verfucht durch Auf-
weifung einer zweiten Wirklichkeit, deren Grenzen der
profanen Wiffenfchaft verfchloffen bleiben, fondern die
durch den Entwicklungsgedanken beltimmte Wirklichkeit
der Naturwiffenfchaften als die einzige anfleht; Aufgabe
des chrifti. Denkens fei es, mit freier Verwertung chrift-
licher Vorftellungen diefer Wirklichkeit einen religiöfen
Sinn zu geben.

Gott werde von uns erfahren als der belle Teil unferes Menfch-
feins: als die Kraft fchöpferilchen geiftigen Lebens. Die Unvollkom-
menheit der Welt beruhe auf einer freiwilligen Selbftbcfchränkung
Gottes, dnreh die es dem Menfchen ermöglicht werde, in Ausübung
feiner bellen Krälte, vor allem felbftloler Liebe, Mitarbeiter zu werden
an dem im Entwicklungsprozeß fich bildenden Reiche Gottes. Dazu
helfe ihm das Vorbild Jefu, der, obgleich oder vielmehr weil er auf natürlichem
Wege durch Abdämmung und Zufammentreffen gefchichtlich
günftiger Momente der größte Menfch geworden war, dadurch die
vollkommenfte und einzigartige Offenbarung Gottes sei.

Am felTelndften und anregendften, freilich im fyftematifchen Zu-
fammenhange des Buches am wenigften überzeugend find die Ausführungen
über die Ablichten Jefu, ihr Scheitern im letzten Augenblick
und die weltgefchichtliche Bedeutung diefes Mißerfolges.