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Ausgabe:

1923 Nr. 5

Spalte:

114-116

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lemme, Ludwig

Titel/Untertitel:

Christliche Apologetik 1923

Rezensent:

Mulert, Hermann

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H3

Theologifche Literaturzeitung 1923 Nr. 5.

114

und eine folche will nun für den Erlöfungsgedanken das
zweite Kapitel geben.

Zu diefem Zweck wird zunächft die Erlöfungsbedürftig-
keit unterfucht und in dem Übel, das einer Gemeinfchaft
durch ihre Nachbarn, oder einem einzelnen widerfährt, in
der Vergänglichkeit der Natur- und Menfchenwelt, der
Abhängigkeit von den Sternen, der Seelenwanderung,
der Macht des Böfen außerhalb und innerhalb des Men-
fchen, der Indivi iuation und fchließlich der Schuld gefunden
. Zum anderen zur Verftändlichmachung des Er-
löfungsgedankens felbft, der immer heterofoterifch fei,
wird an erfter Stelle die Geftalt des Erlöfers als die
eines politifchen Heros, eines Erlöfergottes oder eines
Menfchen, der weder Gott noch Fürft ift, gerchildert.
Weiterhin' der Erlö ungsprozeß findet entweder in der
Urzeit oder am Ende der Welt oder in der Gefchichte
ftatt und ift ebenfo nach der fubjektiven Seite, was die
Heilsaneignung betrifft, verfchieden. Die Mittel und Wege
zur Erlöfung find teils praktifch (Handlungen ritueller,
kultifcher oder magifcher Art, vorgefchriebene oder beliebige
.Werke' oder Ertragen befbmmter Latten, Heim-
fuchungen oder Leiden überhaupt), teils theoreti ch (und
zwar emotional — Glaube, Hingabe, Liebe — oder intellektuell
— Erkennen, Wiffen, Schauen der erlösenden
Macht oder Tatfache). Endlich das Ziel der Erlöfung
ift entweder ein negatives — Befreitfein von allem, was
eine Erlöfungsbedürftigkeit verurfachen kann — oder ein
pofitives, jenes vorwiegend in imperfonaliftifchen, dieses
in perfonaliftifthen Syftemen zu finden. Zum Schluß
wird noch von der tranfitorifchen Erlöfung durch die
Kunft getprochen, die fich im wefentlichen nur negativ
befchreiben laffe.

Dies (nicht in feinen eigenen Worten) der Inhalt der
Schrift Wachs, durch die fich diefer jedenfalls fehr vorteilhaft
eingeführt hat. Er beherrfcht feinen Gegenftand
vollftändig, ift mit der Literatur über ihn und außerdem
mit dem gefamten geiftigen Leben der Gegenwart gut
vertraut, hat ein zutreffendes Urteil und fchreibt einen
klaren, gewandten Stil. Befonders zu begrüßen ift, daß
er fich diefes Thema (das im Titel vielleicht noch etwas
deu'licher hätte bezeichnet werden können) gewählt hat;
denn fo notwendig es zunächft war und noch lange fein
wird, die einzelnen Religionen, bzw. ihre einzelnen Vor-
ftellungen für fich zu behandeln, wenigftens ein Ziel diefer
Forfchungen muß doch die Gefchichte der Religion oder
vorläufig einzelner religiöfer Anfchauungen, die in den
verfchiedenften Religionen wiederkehren fein. Daß unter
ihnen der Erlöfungsgedanke vor allem eine folche fyn-
thetifehe Behandlung verdiente, verfteht fich ja von felbfl,
nur hätte fie der Verf. meiner Meinung nach etwas anders
oder geradezu umgekehrt anlegen follen. Bei feiner
eigenen Difpofition wird nämlich erft zum Schluß völlig
klar, wie die einzelnen Seiten des Erlöfungsgedankens in
den verfchiedenen Religionen zufammenhängen, warum
namentlich die Mittel und Wege der Er öfung hier diefe,
dort jene find. Außerdem werden vor allem diefe und
wird auch das doch befonders wichtige Ziel der Erlöfung,
während vorher manches unnötig ausführlich (und anderes,
wie etwa die Seelenwanderungslehre, doch wieder zu kurz)
behandelt wurde, viel zu fchnell abgetan — vielleicht
allerdings, weil dem Verf. nicht mehr Raum zur Verfügung
geftellt werden konnte. Auf die allzu vertrauens-
felige Herübernahme älterer oder neuefter Theorien (von
Jeremi s und Reitzenßein) gehe ich ebenfowenig ein
wie auf gelegentliche Irrtümer oder Verfi-hen, denn all
das wird Wach felbft zweifellos in der umfaffenden Dar-
ftellung verbeffern, die er jetzt bereits ankündigt und der
wir nach feiner Erft ingsleiftung mit hochgefpannten Erwartungen
entgegenfchen dürfen.
Bonn. Carl Clemen.

Lemme, Ludwig: Christliche Apologetik. (XV, 430 S.) gr. 8».

Berlin Lichterleide, E. Runge 192z.

L. hat feiner Chriftlichen Ethik (1905) eine Glaubenslehre
folgen laffen (1918fr.) und fchließt mit diefer Apologetik
fein fyftematifch.es Werk ab. Daß dies dem nun
75jährigen befchieden war, ift um fo erfreulicher, als er
bis in die letzten Jahre hinein weiter gearbeitet und neue
Bewegungen beachtet hat; z. B. finden fich (wenn auch
nur kurze polemifche) Bemerkungen über Göhres Unbekannten
Gott. Und es wird mit diefem Werk eine Theologie
unter uns neu vertreten, die heute wefentlich für
fich fleht. Während die Glaubenslehre die religiöfe Erfahrung
des Chriften als folche darlege, will Lemmes
Apologetik das Chriftentum wiffenIchaftlich rechtfertigen.
Sie verfahrt dabei mit Bewußtfein fpekulativ. Das tat
unter den neueren deutfchen proteftantilchen Theologen
am ausgeprägteften Auguft Dorner in Königsberg. Von
ihm unterfcheidet fich L. durch fehr viel koi fervativere
Haltung dem Dogma gegenüber. Unter dt n übrigen
Dogmatikern aber, die fo heute das Alte feftzuhalten lu-
chen, find die einen vielmehr biblifch-hiftonfch gerichtet;
fo die Schule Cremers und Kählers. Andere haben unter
Einwirkungen von A. Ritfehl her das Spekulative hinter
das eigentlich Religiöfe und Ethifche zurücktreten laffen,
fo R. Seeberg. Auch die meiften konfeffionell-lutheri-
fchen Dogmatiker find, von der Erlanger Schule beeinflußt
, nicht in L.s Sinne fpekulativ, wenn auch Linien
etwa von Frank zu ihm hinführen. Will man Vorlaufer
Lemmes nennen, dann muß man fchon etwa zum älteren
Dorner zurückgehen, nur daß, wenn diefer als Vermittlungstheologe
bezeichnet zu werden pflegt, auf L. folche
etwas äußerliche Kennzeichnung nicht paffen würde.

Die Anlage des Werkes ift die aus alteren Syftemen bekannte,
daß zueift die Lehre von Gott entwickelt wird (in zwei Ablchnitten:
die Notwendigkeit der Gottesidee für die Welterklarung; die dreieinige
abfohlte Per önlichkeit). dann die Lehre vom Menfchen, dann die vom
GoVmenfchcn (wobei auf die Ab chnitte über die gottmenfehliche Idee
und die hiftnri che Wirklichkeit des Gottmenlcheu in Chriftus einer über
die Menrchheit Gottes, die erlöfte Men chheit folgt). Dielen politiven
Darlegungen fchließt fich ein lehr viel kürzerer polemifcher Teil an, in
dem der Atheismus (fowohl der materaliftrche als auch der pofitivi-
ftifche1, der Pantheismus und der Deismus beiprochcn werden. Wird
überhaupt eine f 'berficht über die mit dem Chriftentum (Leitenden Denk-
weiren gegeben, fo wünfeht man fie heute um'alTender, nicht fo einfach
vom Gottesgedanken her entworlen; man möch'e mehr über Schopenhauer
und Nie'zfche hören, über Feuerbacb und Kautsky. Spengler und
Steiner, vielleicht auch etwas über das Verhältnis von Wo an und Jahwe
und über folche Schiiftfteller zweiten Ranges wie Dinter. Aber dgl.
hat offenbar nicht in L.'s Plan gelegen und der pofitive Teil ift fchon
inhaltreich genug.

Einige Grundgedanken fcheinen mir durchaus zutreffend
, fo die Scheidung des religiös Erlebbaren vom
phi!orophifch Konfluierten. ,Die Trinitätslehre ift eine fpe-
kulative Doktrin; wie will man fie der religiöfen Erfahrung
aufbürden? Die Bekehrung will erlebt fein; wie könnte fie
jemand intellektuell deduzieren? . . . Die Vermifchung
von Religiösem und Spekulativen erweckt immer den
falfchen Anfchein, als (olle beides erlebt und beides demon-
ftriert werden' (S. IV, V). Aber wenn fo Glaube und
Wiffen gefchieden werden, fo lefen wir dann doch (S. 7),
.der Glaube als lebendiger' fei ,eine Geftalt des Wiffens
in dem Sinne, daß er, foweit er wirklich erfahrungsmäßig
ift, auch zuverläffiges Wiffen ift'. Dem entfpricht es ganz,
daß L. den religiöfen Glauben als Abfchluß unteres
Wiffens, unteres Welterkennens hinftellt; fo heißt es auch
(S. in), das Gott als die die Mittelurfachen ordnende
causa prima gewußt wird. Es muß demgegenüber genügen
, hier den Unt rfchied unterer Denkweife kurz zu
kennzeichnen So gewiß eine Aus' inanderfetzung von
Gl übe und Wiffen nötig, infofern alfo eine völlige Scheidung
unmöglich ift, weil ein und derfelbe Menfch beide
hat, fo gewiß intellektuakfiert L trotz des vorhin mitgeteilten
Grundfatzes die Rel gion in einer Weife, die
ihr Wefen verkennt. Daß im Gegenfatz zu der Meinung,
der Glaube fei widerlegt, denkende Fromme aller Zeiten
meinten, den Glauben beweifen zu können, ift begreiflich;