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Ausgabe:

1923 Nr. 4

Spalte:

95-96

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bühler, Charlotte

Titel/Untertitel:

Das Seelenleben des Jugendlichen 1923

Rezensent:

Weber, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung 1923 Nr. 4.

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langten Geiftigkeit (uns fcheint nach wie vor, daß erft
Luthers ,wir follen Gott fürchten und lieben' den rechten
religiöfen Vollklang ergibt)? Die Hauptfchwäche des
Buches fowohl in philofophifcher wie religiöfer Hinficht
dürfte fein durchgängiger Naturalismus fein, der am
ftärkften einerfeits in der Emanationslehre, andererfeits
in der Auffaffung der Religion als sublimierter Erotik zutage
tritt.

Iburg. W. Thimme.

Flake, Otto: Die moralifche Idee. Eine kritifche Unterfuchung.

(101 S.) 8U. München, Drei Masken Verlag 1921. Gz. 6.

Wieder ein Verfuch, das Chriftentum fowie die idea-
liftifche Philofophie durch eine ,neue' Religiofität und
Lebensanfchauung zu erfetzen. Schon in feinem ,Pandä-
monium' hatte F. das Religiöfe als die Relation des Einzelnen
zum Ganzen gelehrt, und zwar als ,unoptimiltifche',
tatfeindliche, die Wiedervereinigung mit dem Ganzen er-
fehnende Relation. Dann kann unmöglich religiöfe Kraft
oder metaphyfifches Pathos in das Handeln fließen. Es
bleibt in den Schranken des Relativen, ohne eigne
fchöpferifche Kraft. Immerhin foll das ethifche Denken
die Aktivität fördern und regeln. Natürlich handelt es
fleh dabei um das Verhältnis des Einzelnen und der Ge-
meinfehaft, aber nicht als Auseinanderfetzung zweier Prinzipien
, fondern als Zufammenftoß von zwei progreffiven
Reihen, die eine lebensfähige Form des Ausgleichs finden
müffen. Da der Einzelne und die Gemeinfchaft nichts Feft-
ftehendes find, fondern alle Zuftände immer von neuem
fprengen, alfo in fteter Wandlung ftehen, fo kann auch
die Formung des Ausgleichs nichts Dogmatifches, nichts
Abfolutes haben: fle ift ,dynamifche Form'. So find auch
die Ideen, die aus den Gegebenheiten der Exiftenz und
des Nebeneinander der getrennten Erfcheinungen entfliehen
(auf moralifchem Gebiet vor allem die der Gerechtigkeit
= der Gleichberechtigung), nur von regulativer Bedeutung
. Durch folche Sätze nicht F. den Relativismus
einerfeits zu wahren, andrerfeits zu überwinden, ohne doch
dogmatifch zu werden. Ob es ihm gelingt? Lehrreiche
Beleuchtungen der Lage gelingen ihm zweifellos. Aber
für ein pofitives Ergebnis und eine wirkliche Förderung
ift feine Theorie zu fchwach unterbaut, auch zu wenig
mit dem unbedingten ,Soll' der reinen Sittlichkeit wie mit
dem unbedingten ,Muß' des Glaubens auseinandergefetzt,
den F. nur in katholifcher Form zu kennen fcheint.
Halle a. S. H. Stephan.

Hoffmann, Amtsgericbtsrat Dr. Walter: Die Reifezeit. Probleme der
Entwicklungspfychologie und Sozialpädagogik. (VI, 256 S.) 8°.
Leipzig, Quelle & Meyer 1922.

Bühler, Dr. Charlotte: Das Seelenleben des Jugendlichen. Verfuch

einer Analyfe und Theorie der pfychifchen Pubertät. (VII, 103 S.)
gr. 8°. Jena, G. Fifcher 1922. Gz. 1,6,

Immer mehr gewinnt das Seelenleben der Jugendlichen, namentlich
während der fog. Pubertätsjahre, an Interefl'e in weiteren Kreilen von
Erziehern u. findet damit auch häufigeren Ausdruck in literarifeben Er-
zeugniffen. Die hier zu besprechenden beiden faft gleichzeitig erfchie-
nenen Bücher find deshalb befonders intereffant, weil ihre Vertafier
mitten in der praktischen Jugenderziehung liehen, die Heranwachsenden
aber nicht nur, wie der Lehrer in der Schule, fondern in ihrer weiteren
u. freieren Lebensbetätigung fehen. Außeidem ift es befonders reizvoll,
das gleiche Problem gleichzeitig von gleichcrfahrenen Vertretern der
beiden Ge'chlechler behandelt zu fehen, nicht nur weil uns die Frau
vieles fagen kann, was der Mann nie erfährt, fondern auch weil die
Frau eine ganz andere Art der einfühlenden, nicht rein verftandesmäßig
erraffenden Betrachtungsweife hat. Beide Bücher ergänzen einander in
der glücklichften Weife. .

Hoffmann beginnt feine fyftematifche Darftellung, indem er ein
gefetzmäßiges Prinzip, das er als „feelilchc Refonanz" bezeichnet, an
die Spitze Hellt 11. allen Erfcheinungen zugrunde zu legen fucht. Ohne

damit eine neue pfychologifche Tatfache zu geben, verfteht er darunter
den gefetzmäßigen Zusammenhang aller, auch der unbewußt gewordenen
feelifchen Erlebniffe, der im weiteren Auf- u. Ausbau zu einer harmo-
nifchen Einfügung des Einzelnen in die Umwelt u. in das Weltganze
führen muß. Diefe Harmonie zu erhalten u. in jedem Stadium der
feelifchen Entwicklung zu fordern, ift die voinehmfte Erziehungsaufgabe.
Von diefem Gefichtspunkt aus betrachtet er dann die Kindheit, die im
Zufammenhang mit der körperlichen Reifung Geh vollziehende geiftige
Heilung, befpricht in einem besonderen Kapitel fehr ausführlich die
wichtigen Probleme der geschlechtlichen Reifung u. der fozialen Reifung
. Die letztere, das Endrefultat der normalen Entwicklung, wird
erreicht durch die Einlagerung des Individuums in einen beftimmten
Lebenskreis, ein Vorgang, der letzten Endes auch wieder auf das Prinzip
der feelifchen Refonanz zurückzuführen ift. In einem Schlußkapitel
über Jugendkultur werden fehr beachtliche Gefichtspunkte aus der Jugendbewegung
, ihrer Berechtigung u. ihren Grenzen hervorgehoben.
Das, was Geh hier die Jugend felbfl gefchaffen hat, ift eine harmonifche
Lebensform, die nicht zu Erziehungszwecken allein dienen foll, in der
aber die Jugend nicht erftarren darf, weil fie fonft nicht das Endziel
der fozialen Reifung erreicht.

Die Darftellung von Charlotte Bühler fucht vor allem exakte Gefichtspunkte
fowohl bei den pfychifchen Vorgängen als bei den zeitlichen
Abläufen der Pubertät leftzuftellen. Sie lehnt die allgemeinen,
etwas malerifchen Schilderungen der Pubertätsftürme ab. Sie betont
auch mit Recht, daß nicht alle feelifchen Pubertätsvorgänge nur aus
den phy fiologifchen Prozeffen oder aus der erwachenden Sexualität allein
zu verftehen find. Diefe beiden Erfcheinungensreihen der körperlichen
u. geiftigen Entwicklung verlaufen gar nicht immer gleichzeitig. Bebänderen
Wert, Lebhaftigkeit u. Bedeutung gewinnt aber ihre Darftellung
durch das Sorgfältig u. kritifch verwendete Quellenmaterial aus
dem intimften Seelenleben der Jugendlichen, das mit dem feinen Er-
fühlungsvermögen erfaßt ift, wozu eben nur eine Frau u. Mutter fähig
ift. Von allen literarischen Schilderungen der Jugendftürine halte ich
diefes Buch, trotzdem es ftreng u. kritifch auf dem Boden exakter Tatfachen
bleibt, für das geeignetste für Eltern u. Erzieher, die fich eingehender
mit den Nöten der ihnen Anvertrauten beiäffen wollen.

In der Sache felbft wird nachdrücklich verbucht, eine genauere
Einteilung u. fchärfere Trennung der Pubertätsphafen durchzuführen,
die durchaus nicht gleichzeitig mit der körperlichen Entwicklung zu
verlaufen brauchen.

Zwilchen 12. u. 22. Jahr unterscheidet die Vf. zwei Perioden : die
Pubertät i. e. S. u. die Adoleszenz; nach ihrem feelifchen Grundzug
werden die beiden Stadien als das der Verneinung u das der Bejahung
bezeichnet. Alle aufmerksamen Eltern u. Erzieher haben diefe Gegen-
fätze bei der Entwicklung der ihnen anvertrauten Jugend beobachtet.
Es ift aber ein befondercs Verdienft, diefe Perioden mit den Einzelheiten
ihrer feelifchen Struktur fo klar herausgearbeitet zu haben, daß
die Darftellung Fingerzeige für praktilche Erziehungsmaßnahmen bietet.
Bei diefer pfychologilchen Analyfe wird mit manchem Vorurteil aufgeräumt
, das fich im Lichte erweiterter pfychologifcher Erkenntnis nicht
mehr halten läßt. Einige Aufstellungen bedürfen wohl noch einer kri-
tifchen Nachprüfung, wie die Auffaffung der Vf. von den Willenshandlungen
u. Werturteilen der allerersten Lebensjahre. Aber alle Ausführungen
find anregend. Den Theologen wird namentlich die Darfteilung
über die pfychifchen Grundlagen der Ethik u. Religion im vorletzten
Abfchnitt intereffieren.

Chemnitz. W. Weber.

Baumgarten. Otto: Die religiöTe Erziehung im Neuen Deutrchland.

(98 S.) 8°. Tübingen, J. C. B. Mohr 1922. Gz. 1,3.

Seinen vielen Schriften über Erziehung fügt B. in diefen wieder
in Vortragsform gegebenen Ausführungen eine neue wertvolle an, in der
er zu den Schulfragen der Gegenwart Stellung nimmt. Nach einführenden
Erörterungen über die geringen Erfolge der bisherigen religiöfen
Erziehung, den Untcrfchied der lutherifchen und der katholifchen Weife,
die religiöfe Volkserziehung und die des Haufes läßt fich B. eingehend
über die mit der Frage der Konfeffionsfchule zufammenhängenden Probleme
und Aufgaben aus. Er entscheidet fich für die fog. alte chrift-
liche Simultanfchule, die dem wirklichen Stand des Volkslebens belfer
entspricht als die konfeffionelle und die fog. weltliche Schule, weil fie
fo viel Chriftlichkeit bringt, als das Volk felbft befitzt. Nur muß fie
ergänzt werden durch eine intenfive religiöfe Erziehung in Haus und
Kirche.

Wie ftets bei B. fallen viele wertvolle pädagogifche Blicke und
Winke neben diefen Hauptgedanken ab. Es lag wohl an feiner ganzen
Auffaffung des Gegenstandes, wenn er weniger auf den Unterricht in der
christlichen Religion als einem Bestandteil der Kultur eingegangen ift,
die in jedem Schulfyftem wenigstens als eine Seite des Gefamt- und auch
des Religionsunterrichts zu berücksichtigen ift.

Marburg. F. Niebergall,

Die nächste Nummer der ThLZ erscheint am 10. März 1023.
Beiliegend Nr. 4 des Bibliographischen Beiblattes sowie ein Verzeichnis von Neuerscheinungen der J. C. Hinrichs'schen

Buchhandlung in Leipzig.

Verantwortlich: Prof. D. E. Hirsch in Göttingen, Nikolausberger Weg 3t.
Verlag der J. C. Hinrichs'schen Buchhandlung in Leipzig, Blumengasse 2. — Druck von Auguft Pries in Leipzig.

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