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Ausgabe:

1923

Spalte:

89

Autor/Hrsg.:

Rolfes, Eug.

Titel/Untertitel:

Aristoteles Politik. 3. Aufl 1923

Rezensent:

Goedeckemeyer, Albert

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Theologifche Literaturzeitung 1923 Nr. 4.

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nie ein fo knappes und konzentriertes und doch fo an-
fchauliches, lebensvolles Bild der Geiftesgefchichte feit
Luther gefunden wie in Holls kleiner Schrift (1. Aufl.
42, 2. Aufl. 55 S.) Wie es fcheint, hat die erfte Auflage
nicht die Beachtung gefunden, die fie verdiente. Nachdem
inzwifchen der Ruf des Verfaffers als eines der erften
Lutherforfcher feft gegründet ift, darf man erwarten, daß
auch diefe kleinere Schrift fich rafch durchfetzen wird.
Durch die enge Verbindung der hiftorifchen und fyfte-
. matifchen Einteilung ift fie für den Hiftoriker und Syfte-
matiker gleich wertvoll. An der zweiten Auflage fei
noch befonders hervorgehoben die Auseinanderfetzung
mit dem Hiftoriker Job.. Haller, fowie die Bemerkungen
über Max Scheler und die Religionsphilofophie von Scholz.
Tubingen. I''r- Traub.

Rolf es, Eng.. Ariftoteles Lehre vom Schluß (des Oganon dritter

Teil) oder Erfte Analytik. Neu überfetzt und mit einer Einleitung
und erklärenden Anmerkungen verfehen. (Philofophilche Bibliothek
Band 10) (209 S.) kl. 8». Leipzig, Felix Meiner 1922. Gz. 4,5.
Derfelbe: Ariftoteles Politik. 3. Aufl. Neu überfetzt und mit einer
Einleitung und erklärenden Anmerkungen verfehen. (Philofophilche
Bibliothek Band 7) (XXXI, 341 S.) kl. 8U. Leipzig, Felix Meiner
1922. Gz. 8.

Bei der Übertragung der 1. Anal, die äußerlich
wieder die bekannte Anordnung: Einleitung, Inhalt, Über=
fetzung, Anmerkungen und Regifter zeigt, wäre eine
ftärkere Losgelöftheit vom Worte wünfchenswert gewefen.
Ich zweifle daran, ob es viele gibt, die die Worte: ,der
apodiktifche Satz ift die Annahme des einen Gliedes des
Widerfpruchs' verftehen werden. Die Anmerkungen bringen
zumeift erläuternde Beifpiele und find fehr willkommen.
Berichtigen möchte ich, daß die 4. Figur nicht eine Erfindung
der neueren Logik ift (IA. 9), und Zeno doch
nicht ohne weiteres Sophift genannt werden darf (IIA. 58).
Die Einleitung ift nicht fehr klar und foweit fie Thema
und Gliederung der Anal, angibt, m. E. mangelhaft. Der
hier benutzte erfte Satz der Anal, ift falfch verftanden.

Die neue Auflage der Politik bietet nur in ihrem
Vorwort Neues. Hier hebt R. mit Recht die hohe Bedeutung
der ar. Pol. auch für unfere Zeit hervor und
illuftriert fie an verfchiedenen Erfcheinungen der Gegenwart
wie Republik, Wahlmodus und Kommunismus. | Wiejie noch keinen gehabt. ^Steiner fieht fich durch ihn
Bemerkbar macht fich auch wieder Rolfes' Neigung für
den Theismus des Ariftoteles (IV), nicht ohne ftarke
Vergewaltigung der herangezogenen Stellen.

Königsberg i. Pr. Goedeckemeyer.

Sinne hat der neue Verlag an ihm einen guten Herold
feiner literarifchen Beftrebungen fich erwählt. Die Über-
fetzung, die Harry Böhler bietet, ift ausgezeichnet, fie
läßt den deutfchen Lefer es vergeffen, daß er einen Ausländer
vor fich habe. Einige Schnitzer, wie Hypolith
(Hippolyt), Origines (Origenes), hat Solovjeff zu verantworten
.

Die ,Zwölf Vorlefungen über das Gottmenfchentum'
gehören in S.s Frühzeit. Sie find zwifchen 1877 und 1881
ausgearbeitet und S. war 1853 geborenI Bedenkt man
das, fo find fie Zeugniffe eines ganz außergewöhnlichen
Könnens. Unzweifelhaft ift S. (geft. 1900) ein wahrhaft
bedeutender Geift gewefen. Er hat — auf Grund eben
der Diederichs'fchen Ausgabe — fchon durchaus Auf-
merkfamkeit bei uns gefunden und verdient noch mehr.
Wer meine beiden früheren Anzeigen (deren Inhalt ich
nicht wiederhole) nachlefen mag, wird merken, wie feiner
mich alsbald gefeffelt hat. Man kann S. von zwei
verfchiedenen Gefichtspunkten aus betrachten: als modernen
Denker und als Nationalruffen. In erfterer Beziehung
ift er mir weniger belangreich als in letzterer,
aber das ift individuell. Geiftvoll ift er immer, viel-
belefen, nicht im spezififchen Sinn gelehrt, aber von feinem
Urteil, klar und scharf in feiner Gedankenbildung.
Mir ift er in erfter Linie infofern intereffant, als er beweift,
daß auch wirklich reiche Geifter, Männer von allfeitiger
Bildung auch nach unferm .weltlichen' Maßftabe, fich
durch und durch heimifch fühlen konnten (können) in der
orthodoxen Kirche des Oftens. So fehr diefe Kirche
ftagnierte, in reinem Liturgismus aufgegangen war (ift;
es handelt fich da nicht nur um Schein!), fo hat fie doch
fülle Tiefen gehabt, die wir nicht genug beachtet haben
(und die jetzt, in der Bolfchewiftennot, einer Chriften-
verfolgungszeit, wie fie kaum je extenfiv und intenfiv fo
fchwer — außer in der Türkei! — über ein Volk gekommen
, vielleicht die Kräfte empoi fteigen laffen, auf die
S. hoffte!). Pis ift hier nicht der Ort, S. mit Dofto-
jewski und Tolftoi zu vergleichen. Seine Eigennote neben
ihnen hat er, fofern er .Philofoph' ift. Als folcher ift er
in freiefter Weife ein Apologet des Dogmas feiner Kirche,

Solovjeff, Wladimir: Zwölf Vorlesungen über das Gottmenschen-

tum. Aus dem Ruffifchen von Harry Böhler. (Ausgewählte Werke

3. Bd.) (XVI, 232 S.) 8°. Stuttgart, Der kommende Tag, 1921.

Derl.: Nationale und politische Betrachtungen. (Ausgewählte Werke.

4. Bd.| (349 S.) Ebd. 1922.

Die erften beiden Bände der deutfchen Uberfetzung
ausgewählter Werke Solovjeffs habe ich in diefer Zeit-
fchrift 1915 (Col. 378—381) und 1918 (Col. 39—44) be-

fprochen. Sie waren im Verlag von Diederichs erfchienen; Weltanfchauung. Es ift unzweifelhaft von Reiz, S.s Spe-

an Eriugena erinnert. Das ift nicht abzulehnen. Mir trat
nahe, ihn mit Clemens von Alexandrien zu vergleichen.
Er hat eine ähnliche Grundftimmung. In dem, was
die Kirche lehrt, fieht er die .Wahrheit' nicht nur im
autoritativen Sinne dem Gläubigen gegeben, fondern
gerade auch dem vollkommen freien Denker, dem Phi-
lofophen, dem echten Gnoftiker, mit Leuchtkraft vor das
innere Auge geftellt. Das Dogma der Kirche, die Lehre von
der Dreieinigkeit gerade in der orthodoxen FafTung, nicht
minder die Lehre von den in Chrifto vereinten zwei Naturen
, diefer Doppelpfeiler trägt ihm eine ganze, alles dem
filmenden Geifte verftändlich, durchfichtig machende

die Fortsetzung hat, mit einer Neuauflage jener erften, [ kulationen zu folgen. Er lebt und webt in einer Total
als Einleitung einer .Philofophifch-anthropofophifchen anfchauung. Der Dogmenhiftoriker fieht ia daß S keine

Bibliothek', der Stuttgarter Verlag, der ja durch feinen
Namen ein Programm ausdrückt, übernommen. Im Eingang
zu den neuen Bänden treffen wir nach einem Vorwort
des Überfetzers, als .Zufatz' dazu, noch .Einige
Worte über Solovjeff' von Rudolf Steiner. Das Titelblatt
verweift ausdrücklich darauf, daß dieler bekannte,
ich darf auch vielleicht fagen berühmte Mann eine .Einführung
' der Zwölf Vorlefungen gewähre. Im übrigen
ift doch nichts fpeziell Anthropofophifches den beiden
neuen Bänden anzumerken. So möchte ich denken, daß
die philofophifch-anthropofophifche Bibliothek durch Vor-

anftellung der Werke des feinfinnigen, frommen Ruffen bracht haben. Die Kirche des Oftens, das orthodoxe

wirklich quellenmäßige Kenntnis des Gefchichtprozeffes
befaß, der feine Stalionen in den .fieben oekumenifchen
Konzilien' hat. Er ift als Denker durchaus mitbeeinflußt
von abendländifchen, evangelifchen Ideen, dazu von indi-
fchen. Und doch ift er ein getreuer Sohn feiner orthodoxen
Kirche des Oftens, die er über alles liebt und als
die .reinfte' Erfcheinung der Gottes- (Chriftus-, Logos-)
menfchheit erachtet, die berufene, von Gott bereitgehaltene
Retterin für Romanismus und Proteftantismus, welche
fich in bloßer Kultur verfangen, die Menfchheit eben
dadurch in die Gefahr des moralifchen Schiffbruchs ge-

als jedenfalls nicht fektenhaft anthropofophifch gekennzeichnet
werden folle. Und was Dr. Steiner bemerkt,
dient dem zur Beftätigung. Solovjeff ift recht ein Mann
der Hoffnung auf eine größere, beffere Zukunft, einen
.kommenden Tag' Gottes und der Menfchheit. In diefem

Doppeldogma bietet die Ideen, die die .Erlöfung' der
Welt verbürgen, fobald fie nur praktifch angewendet werden.
An der .Anwendung' fehlt es auch dem Often. Aber
bei ihm findet doch der finnende, bangende Geift die
rechten Weg weifer zum .Ewigen Leben'.

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