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Ausgabe:

1923 Nr. 4

Spalte:

76-77

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mez, A.

Titel/Untertitel:

Die Renaissance des Islams 1923

Rezensent:

Meissner, Bruno

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Theologifche Literaturzeitung 1923 Nr. 4.

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sultate dieler Ausgrabung angeregt, die ihr Meifter bekanntlich
in feinen .Refearches in Sinai 1906' veröffentlicht
hat, ift fie nun daran gegangen, großzügig eine Ge-
famtgefchichte der fo wichtigen Halbinfel bis in die
Gegenwart zu fchreiben. Für vieles in dem Buche wird
man ihr dankbar fein. Man ftaunt über ihre Belefenheit
in den Kirchenvätern, wie in den Schriften arabifcher
Geographen und Gefchichtsfchreiber. Man kann durch-
fchnittlich auch das, was im VIII. bis XVIII. Kapitel,
alfo von der nabatäifchen Ära bis ins neunzehnte Jahrhundert
geboten wird, als einen zuverläffigen Führer
anerkennen.

Aber gerade das, wegen deffen man in erfter Linie
dies Buch mit hoher Erwartung in die Hand nehmen
wird, bereitet bittere Enttäufchung. Ift fchon die archäo-
logifche Verwertung deffen, was Petrie auf dem Serabit
gefunden hat, ganz dilettantifch gefchrieben, fo entfetzt
man fich faft bei den gefchichtlichen und religionsgefchicht-
lichen Schlußfolgerungen. Das uralte Heiligtum jenes
Berges foll ein urfprünglich arabifches Mondheiligtum
gewefen fein. Das ift möglich, obwohl noch nicht ficher.
Aber vollftändig unmöglich ift, dies deswegen mit dem
biblifchen Sinai zu identifizieren, denn, fei es mit der
Herkunft jenes, wie es fei, in der Ära des Mofe war es
auf jeden Fall ein ägyptifches Heiligtum, in dem Thoth,
Hathor und Sogd ihre bildlichen Darftellungen fanden,
und ganz gewiß wäre es das Letzte gewefen, was Mofe
getan hätte, feine Volksgen offen einem folchen Heiligtum
zuzuführen.

Über Einzelheiten geht man lieber fchonend hinweg
(man lefe z. B. S. 67, wie der brennende Dornburfch auf
dem Berge lokalifiert wird.) Man kann es nur fchmerz-
lich bedauern, daß ein fo wichtiges'und intereffantes Problem
wie die Frage der Lage des Sinai in Angriff genommen
wird von einer Forfcherin, für die fämtliche
Refultate neuerer Bibelforfchung einfach nicht exiftieren,
die kritiklos alles, was von an fich vielfach widerfprechender
Tradition im Pentateuch gefammelt ift, als gleichwertig
hinnimmt, die die jetzt vielerörterte und durch Exod. 19
auch geforderte Frage der vulkanifchen Natur des Sinai
glatt ignoriert und die endlich auch die biblifchen Lokalangaben
wie Rieht. 5, 4 (S. 68) nicht exegetifch nachzuprüfen
vermag. Durch alles dies werden leider die
mancherlei verdienftvollen Einzelheiten des Buches ganz
in den Hintergrund gedrängt.

Berlin. E. Sellin.

Rudolph, Prof. Dr. Wilhelm: Die Abhängigkeit des Qorans von Judentum
und Chriftentum. (VUI, 92 S.) Gr. 8». Stuttgart, W. Kohlhammer
1922.

Diefe Tübinger philofophifche Doktordiffertation un-
terfucht zunächft, wie weit vor dem Auftreten Muhammeds
Juden- und Chriftentum in Arabien verbreitet waren oder
Einfluß ausübten, fowie welche Bildung die dortigen Juden
befaßen und welche Richtungen unter den Chriften vertreten
waren, befonders ob die einen oder anderen heilige
Schriften in' arabifcher Überfetzung befaßen. Im
2. Kapitel wird das als unwahrfcheinlich bezeichnet und
weiter aus den Zitaten aus dem A. und N. T. im Qoran
gezeigt, daß Muh. die Bibel nicht felbft gelefen oder
wenigftens nicht zur Hand gehabt haben kann, wie er
das erftere ja auch ausdrücklich beftreitet. Das eigentliche
Thema der Differtation wird dann weiterhin in der
Weife behandelt, daß zunächft Muh.s efchatologifche Vor-
ftellungen als aus dem Chriftentum entlehnt erwiefen
werden; die Vorftellung von einem im Himmel vorhandenen
Buch wird aus judenchriftlichen Sekten gnoftifcher
Färbung, die Lehre von ruh und 'amr aus einer auf
Origenes zurückgehenden chriftlichen Sekte, auch die Annahme
von anderen Offenbarungsträgern neben Muh. mit
Hilfe der anderen Annahme, daß die arabifchen Chriften
keinen anöoxoloz gehabt haben, aus dem gnoftifchen
Judentum hergeleitet, während die fpätere Selbftbezeich-

nung Muh.s als des (einzigen) Gefandten Allahs auf das
orthodoxe Chriftentum zurückgeführt wird. Auch die
Profternation beim Gebet und «der Faftenmonat werden
aus dem Chriftentum erklärt, während das Verbot, Krepiertes
, Blut und Götzenopferfleifch zu effen, vielleicht, das
des Schweinefleifcheffens jedenfalls aus dem Judentum
hergeleitet wird. Hat fonach das Chriftentum auf Muh.
ebenfo ftark wie das Judentum eingewirkt, fo wird im
Kapitel 4 gezeigt, daß in erfterem fogar die eigentliche
Wurzel des Islam lag; wenn Muh. erft von feiner zweiten
mekkanifchen Periode an von Jefus redet, fo hat er ihn
doch fchon vorher gekannt und fpäter von ihm in einer
Weife gefprochen, die bei Abhängigkeit vom Judentum
unverftändlich wäre. In einem 5. Kapitel wird Grimmes
füdarabifche Thefe mit dem Ergebnis behandelt, daß auch
unter Vorausfetzung ihrer Richtigkeit Muh. doch vom
Juden- und Chriftentum abhängig wäre; in einem letzten
endlich wird zufammengeftellt, was der Qoran über Jefu
Leben und Wirken und feine Perfon weiß. Dabei wird
die fpätere Anfchauung Muh.s, daß Jefus nicht felbft gekreuzigt
worden fei, auf die Gnofis und die angebliche
chriftliche Trinität, wie fie der Qoran bekämpft, zum Teil
auf die Auffaffung des Geiftes als eines weiblichen Prinzips
bei den Sampfäern, Ebioniten und Elkefaiten zurückgeführt
.

Wenn alfo wohl die Schriftleitung die Befprechung
diefer Arbeit deshalb mir übertragen hat, weil ich vor kurzem
in der .Harnack-Ehrung' einen von Rudolph über-
fehenen Auffatz über Muh.s Abhängigkeit von der Gnofis
veröffentlicht habe, fo finde ich felbft durch jene meine
Ergebniffe vielfach beftätigt. An anderen Punkten wäre
R. dagegen weiter gekommen, wenn er auch nur die fchon
von frünern gegebenen Fingerzeige benutzt und das
Verhältnis Muh.s zum Manichäismus unterfucht hätte, aus
dem fich namentlich die Einrichtung des Faftenmonats,
auch die Wertfehätzung des Gebets und die Leugnung
des Kreuzestodes Jefu befriedigender als aus dem orthodoxen
Chriftentum oder der fonftigen Gnofis erklärt. Aber
im übrigen dürfte R. die von ihm behandelte Frage richtig
beantwortet haben; möchte bald auch das Verhältnis
des fpäteren Islams zu Juden- und Chriftentum in ähnlich
gründlicher und vorurteilsfreier Weife unterfucht
werden. Bei diefer Gelegenheit müßte zugleich das Verhältnis
zum Parfismus zur Sprache kommen, das R. nur
gelegentlich ftreift.

Bonn. Carl Clernen.

Mez, Prof. Dr. A. ■}■■. Die Renairiance des Islams. (IV, 494 s.) 8".

Heidelberg, Carl Winter 1922.

v. Kremers berühmte Kulturgefchichte des Orients
(1875) weift trotz glänzender Partien doch auch nicht
wenige Mängel auf und ift in manchen Partien natürlich
veraltet. Aber ein Erfatz für das notwendige Buch exi-
ftiert noch nicht. Nun hat Mez, der augenfeheinlich von
feinem Abulkäsim ausgehend viel Material zur Zeitge-
fchichte gefammelt hatte, uns eine Kulturgefchichte des
3. und 4. Jahrhunderts nach der Flucht befchert. Das
ift tatfächlich ein fehr wichtiger Abfchnitt der islamifchen
Kultur, weil der Islam durch die Aufnahme ausländifcher
Beftandteile in diefer Zeit fich fundamental verändert hat
und zu dem geworden ift, was wir heute noch unter
diefer Bezeichnung verliehen. Leider hat M. die Herausgabe
des Werkes nicht mehr erlebt; er ift bereits 1917
verftorben. So hat er denn offenfichtlich nicht die letzte
Feile an es heranlegen können. Die Materie ift ungleichmäßig
verarbeitet, die Rechtslchulen werden auf 4, die
Philologie auf 2 Seiten abgemacht, die Kapitel über den
Krieg und die Naturwiffenfchaften fehlen vollkommen.
Nichtsdeftoweniger müffen wir dem Herausgeber Reckendorf
fowie dem Verleger von Herzen dankbar fein, daß
fie fich trotz diefer kleinen Mängel entfchloffen haben,
das Werk herauszugeben; denn alles in allem ift es doch
ein wundervolles Buch, das nicht fo leicht ein anderer