Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1923 Nr. 3

Spalte:

71-72

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Koppelmann, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Das Wesen des Christentums 1923

Rezensent:

Thimme, Wilhelm

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

7i

Theologifche Literaturzeitung 1923 Nr. 3.

72

zu gewinnen, zunächft eine Skizze der ,fozialen Weifungen
der Bergpredigt', um dann die Stellung der Religiös-Sozialen
, und zwar 1. Kutters, 2. der Gruppe vom ,Neuen
Werk', darzuflellen und zu befprechen. H.s Haltung ift
ruhig-kritifch; er betrachtet die Religiös-Sozialen als Gegner
der Kirche, die man nicht bloß widerlegen, fondern
denen man antworten foll; er gefleht ihnen die Kraft zu,
aufzurütteln und anzuregen, aber er fordert von ihnen,
daß fie an der Kirche auch das Gute fehen follen, das
das ,Stehen in der Welt' hat, und die Verheißung, die
es hat. Mit diefer Grundftellung ftimme ich voll überein,
wie ich mich überhaupt der befonnen wägenden und
fcharf eindringenden Art der Schrift freue. Auch daß
fie von großen Gefichtspunkten aus das Problem anfaßt,
ift fehr anerkennenswert. Etwas zweifelhaft ift mir, ob
es praktifch war, die Unterfuchung in diefer Weife auf die
Bergpredigt einzustellen. Die damit gegebenen Grenzen
müffen nachher (z. B. bei Befprechung des ,Neuen Werks')
doch überfchritten werden; andererfeits kann die Stellung
der Religiös-Sozialen zur Bergpredigt nur in Auswahl
und in ganz großen Zügen dargelegt werden. Und H.s
eigene Uberficht über die Gedanken der Bergpredigt
kann, fo feffelnd fie ift, in ihrer Knappheit doch Andersurteilende
nicht überzeugen. Aber von diefen Einwendungen
gegen die Themabegrenzung abgefehen, begrüße
ich diefen ernften Vernich der Auseinanderfetzung mit
den Religiös-Sozialen fehr. H. hat Recht: in der deut-
fchen religiös-fozialen Bewegung ift noch viel Ungeklärtes;
mannigfache Stimmungen ringen mit einander. Aber in
ihr fleckt Zukunftsglaube und Gotteseifer; darum muß
fie forgfältig beobachtet werden.

Gießen. M. Schaan.

Koppelmann, Prof. Dr. Wilhelm: Das Wefen des Chriftentums. Eine

religionsphilofophifche Unterfuchung. (VIII, 209 S.) 8°. Berlin,
Reuther Sc Reichard 1922. Gz. 1,5; geb. 2,5.

K. erhebt in diefem Buche, das in noch höherem
Grade als die kürzlich in 2. Auflage erfchienenen ,Welt-
anfchauungsfragen' ernfte Beachtung feitens der evange-
lifchen Theologie fordern darf, nachdrücklichen Proteft
gegen die neuerdings Mode gewordene Uberfpannung
des irrationalen und myftifchen Moments in der Religion.
,Wo das Überfinnliche ,als das Heilige in moralifchem
Sinne erkannt und verehrt wird und man mit dem in
diefem Sinne Heiligen Gemeinfchaft fucht, da haben wir
es mit Religion bezw. Glauben zu tun. Wo dagegen
das Überfinnliche völlig unbeftimmt bleibt oder phanta-
ftifch ausgemalt wird, und man mit folchem Überfinnlichen
durch Kultus und Ekstafe in Verbindung zu treten, oder
es durch Magie zu fich herabzuziehen und fich dienftbar
zu machen fucht, da handelt es fich um Aberglauben,
heißt es in der Vorrede. Demnach ift nach diefem
genuinen Kantfchüler Religion im Wefentlichen Moral.
Mir fcheint, daß man ihm darin beipflichten muß, daß
alle echte Sittlichkeit, die nicht Nützlichkeitserwägungen
anfleht fondern dem kategorifchen Imperativ laufcht, das
Gemüt zum Überfinnlichen erhebt, alfo in der Tat Religion
ift; die Frage ift nur, ob damit Religion fich er-
fchöpft. Ift von hier aus fchon ein Gottesbegriff, vollends
der Gottesbegriff in feinem religiöfen Vollgehalt (nicht
Idee, fondern Macht des Guten, alfo überfinnliche Realität
, allumfaffend, unergründlich, fchöpferifch vorwärts
drängender Wille) zu gewinnen? Und wie, etwa vermittels
Kant'fchen Poftulats? Hier läßt uns der Philo-

foph leider im Stich, und die Erwartungen, die der Untertitel
feines Buches wecken muß, bleiben unbefriedigt.
Allzurafch geht K. über zu Erörterungen über das hifto-
rifche Chriftentum. Er beftimmt feinen Inhalt durch
den fittlich gefaßten Reich-Gottesgedanken und durch
den an die Perfon Jefu geknüpften, der Vernunft freilich
nicht ohne Weiteres einleuchtenden Glauben, daß der
heilige Gott dem bußfertigen, der Wahrheit (der Grundtugend
K.'s) und Liebe innerlich zugewandten, wenn
auch noch unvollkommenen Menfchen gnädig ift. Seinen
diesbezüglichen befonnenen Ausführungen kann man
weithin zuftimmen, obfchon manch einer der kritifch ge-
fchulten Theologen hier und da den biblifchen Berichten
mit größerer Skepfis gegenüberftehen dürfte. Befonders
bedeutfam find die praktifchen Schlußfolgerungen des
letzten Kapitels über die Kirche. Sie laufen darauf hinaus
, daß die beftehenden Kirchen fämtlich das Ideal der
Kirche, wie es das Urchriftentum zu verwirklichen unternahm
, verleugnet haben, und daß, wenn die chriftliche
Religion eine Zukunft haben foll, an die Stelle fittlich
laxen Maffenkirchentums Gemeinfchaften treten müffen,
die mit der Pflege gottwohlgefälliger Gefinnung (durch
Kirchenzucht) wirklich Ernft machen. Ich meine, daß
K. mit feinem ungemein klar gefchriebenen und warmherzigen
Buche der Kirche eine wertvolle Gabe dargereicht
hat.

Iburg. VV. Thimme.

Ihmel8, D. Ludwig: Aus der Zeit, für die Zeit und Ewigkeit. Ein

Jahrgang Predigten. (558 S.) 8U. Leipzig, J. C. Ilinrichs 1922.
J. hat noch einen Jahrgang von 60 Predigten aus
feiner Leipziger Wirkfamkeit im Univerfitätsgottesdienft
zufammengeftellt. Die meiften flammen aus den Jahren
nach dem Krieg (1918—1921), einige aus der Zeit vor
1914, wenige aus der Kriegszeit. Alle find genau datiert,
was fehr dankenswert ift. Die Dreiteilung des Jahrgangs
(auch des Regifters, nicht der Seitenzahlen) mag aus
manchen Gründen geboten gewefen fein; die Benutzung
erleichtert fie nicht. J.'s Predigtart habe ich hier des
Öfteren charakterifiert; darauf kann ich verweifen; denn
fie ift unverändert. Der diesmal gewählte Titel (der Artikel
„die" vor Zeit hätte wegbleiben follen) legt es nahe,
das Verhältnis der Predigten zur Zeit zu prüfen. Wir
finden Zeitpredigten: Silvefter 1918, Neujahr 1920; am
Tag der Reichstagswahlen (Deutfehes Volk, vergiß deine
Gefchichte nicht!); 3. n. Tr. 1918 (Wie kommen wir durch
diefe fchwere Zeit hindurch?). Aber auch in ihnen fpielt
nicht die Schilderung der Zeit die Hauptrolle, fondern
das Evangelium, deffen innerlichfte Kräfte fchlicht und
wirkfam, ohne rednerifche Aufmachung und ohne jede
Formkünftelei vorgetragen werden. In vielen anderen
klingen Zeitverhältniffe an, werden auch wohl befprochen;
aber fie find nur wie der Untergrund, auf den der Maler
feine Farben aufträgt. Von den aufgenommenen Kriegspredigten
gilt das in befonderem Maße. Wer J.'s Eigenart
kennen lernen will, ftudiert fie vielleicht am betten
an Predigten wie: Was ift Religion? (S. 451 ff.); Wie kommen
wir zum Glauben an Chriftus? (S. 460ff). Sie zeigen
die perfönlich warme, feelforgerlich feinfühlige und doch
chriftlich entfehiedene Haltung, die ihn als Prediger auszeichnet
, befonders deutlich; fie (teilen fich über theo-
logifchen Streit und bieten doch das, worauf es ankommt
.

Gießen. M. Schlau.

Die nächste Nummer der ThLZ erscheint am 24. Februar 1923.
Beiliegend Nr. 3 des Bibliographischen Beiblattes.

Verantwortlich: Prof. D. E. Hirsch in Göttingen, Nikolausberger Weg 31.
Verlag der J. C. Hinrichs'schea Buchhandlung in Leipzig, BlumengatTe 2. — Druck von Auguft Pries in Leipzig.