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Ausgabe:

1923 Nr. 3

Spalte:

58-62

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Delahaye, Hippolyte

Titel/Untertitel:

Les Passions des Martyrs et les genres littéraires 1923

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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Theologifche Literaturzeitung 1923 Nr. 3.

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der Höhe der Zeit zu halten. Das und daneben die forg-
fältigen Literaturangaben verbindet fie. Auch fehen fie
davon ab, der Darlegung der nt. Gedankenwelt eine
zufammenhängende Schilderung der Religion des zeitge-
nöffifchen Judentums vorauszufenden. Im Übrigen ift der
Eindruck tiefgehender Verfchiedenheit vorherrfchend.
Weinel nimmt den Standpunkt der freien Forfchung ein,
die mit den Ergebniffen der vergleichenden Religions-
gefchichte Ernft macht und bei heiligen Gegenftänden
keine andere Methode der Unterfuchung und Eeftftellung
angewendet fehen will, als bei profanen. Feine ift bewußt
Biblizift und entfchloffen, für das Gefchehen der
urchriftlichen Zeit Ausnahmegefetze zu behaupten. Dazu
hat nun jener bewußt mit der Gewohnheit, Lehrbegriffe
vorzuführen, gebrochen; bei diefem wirkt der alte Gebrauch
noch nach.

Weineis 1. und 2. Auflage hat Bouffet in der ThLZ
angezeigt. Wie fie zeitlich nur durch einen Abftand von
2 Jahren von einander getrennt waren, fo zeigten fie auch
inhaltlich keinen nennenswerten Unterfchied. Für die 3.
Ausgabe Hellte das Vorwort der 2. infofern eine Bereicherung
in Ausficht, als es eine gründliche Auseinander-
fetzung über Methode und Aufgabe der Biblifchen Theologie
und der Religionsgefchichte verfprach. Doch hat
uns das Buch bei feinem 3. Erfcheinen keine Erfüllung
diefer Zufage gebracht. Der Anlaß liegt in den Kriegs-
und Nachkriegsverhältniffen, und wir dürfen mit dem
Verf. hoffen, daß aufgefchoben nicht aufgehoben ift.
Aber noch in vielen anderen Stücken ift das Buch, fich
gleich geblieben. Die 3. Auflage führt fleh nicht als völlig
neu geftaltet ein. Zu einem gänzlichen Neubau lag für
W. kein Grund vor. Er entläßt fein Werk diesmal .durchgängig
verbeffert und teilweife umgearbeitet'. Der Befund
beftätigt die Behauptung des Titelblattes. Die
beffernde Hand macht fleh überall bemerkbar. Altes ift
glücklicher gefaßt oder, foweit entbehrlich, fortgefallen;
Neues ift hinzugekommen. Sichtlich erblickt der Verf.
feine Aufgabe in der Weiterausgeftaltung und Veredelung
des Vorliegenden. Zur Umarbeitung ift die
Verbefferung vor allem in den Abfchnitten über Paulus geworden
, denen befonders der Ertrag der neuen For-
fchungen über die helleniftifche Myftik und das Verhältnis
des Heidenapoftels zu ihr zu Gute gekommen ift. Aber
die diefem Gegenftand in den letzten Jahren gewidmete
rege und ergebnisreiche Tätigkeit mußte begreiflicherweife
auch die Erörterung über die johanneifche Myftik
beeinfluffen.

Von Feines Theologie ift bisher nur die erfte Auflage
in unferer Zeitfchrift befprochen worden, und zwar
von H. Holtzmann. Die, fchon nach Jahresfrift nötig gewordene
, 2. Auflage brachte dem Werke keine erhebliche
Veränderung, wohl aber die dritte. Einmal war für zahlreiche
Partien eine abweichende äußere Anlage gewählt
worden. Statt die Anfchauungen wie bisher in Ausein-
anderfetzung mit anderen Forfchern zu gewinnen, fchilderte
F. jetzt zunächft die biblifchen Glaubenszeugniffe oder
legt feine Auffaffung dar, um daran erft abweichende
Meinungen vorzuführen und zu beftreiten. Ferner war
der Gefamtaufbau infofern ein anderer geworden, als nicht
mehr die Urgemeinde, Paulus und die nachpaulinifchen
Schriften als Urchriftentum zufammengefaßt und zwifchen
die Lehre Jefu nach den Synoptikern und die johannei-
fchen Schriften hineingeftellt, werden. Vielmehr folgen
einander als felbftändige Teile: Jefus, Urgemeinde, Paulus,
Johannes, die gemeinchriftlichen Schriften. Wefentlicher
noch ift derUmfchwung, den die Behandlung des 4. Evangeliums
zeigt. In den früheren Auflagen war die Lehre
Jefu lediglich nach den fynoptifchen Flvangelien zur Darfteilung
gelangt und das Johannes-Evangelium erft im
dritten Teil zu Worte gekommen. Jetzt wird das 4. Evangelium
in fehr erheblichem Umfang als Quelle für die
Lehre Jefu verwendet, was freilich nicht hindert, daß auch
die johanneifche Theologie nochmals in einem befonderen

Teil zufammenhängend vorgeführt wird. Diefe doppelte
Verwendung des Johannesevangeliums am Anfang und
am Schluß erleichtert den erftrebten Nachweis, daß das
NT auch in feinen jüngften Schichten im Grunde noch
.Evangelium' darbietet, ift auch von .bibliziftifchem' Standpunkt
aus betrachtet gewiß folgerichtig, trotzdem jedoch
höchft bedenklich. Denn der Grundlatz, bei der Dar-
ftellung der Verkündigung Jefu das aus dem Johannesevangelium
aufzunehmen, was der fynoptifchen Lehre
parallel geht oder zu ihrer .notwendigen Ergänzung' dient,
öffnet der Willkür Tür und Tor. Auch ergibt fleh die
von Feine felbft empfundene Folge, daß der Gedanke
der Entwicklung der nt. Gedankenwelt zurücktritt — in
höherem Maße, als einem wirklich gefchichtlichen Ver-
ftändnis dienlich ift. Nimmt man hinzu, daß F. in der
3. Auflage den Refultaten der .Religionsgefchichller' aus-
gefprochenermaßen fkeptifcher und ablehnender gegen-
überfteht als in den beiden früheren Ausgaben, fo dürfte
man jene im Verhältnis zu diefen ausreichend gekennzeichnet
haben.

Die 4. und bisher letzte Auflage bringt keine Über-
rafchungen. Vielmehr bietet fie den gleichen theo-
logifchen Inhalt wie ihre Vorgängerin nur in gekürzter
Form, aus dem lobenswerten Beftreben heraus, mit dem
Umfang zugleich den Preis des Buches niedriger zu halten.
Manche Abfchnitte find ganz fortgefallen, anderes ift gekürzt
, leider auch der griechifche Wortlaut von Zitaten
aus helleniftifchen Schriften weggeblieben. Geringer ift
mein Bedauern über die Ausmerzung aller Seitenblicke
auf die theologifche und religiöfe Lage der Gegenwart.
Dagegen hätte der Spartrieb auf die Regifter nicht übergreifen
dürfen. Daß auf neue Problemftellungen eingegangen
wird, ift bei Peine felbftverftändlich. Auch für
ihn ift die Frage nach der Myftik wichtig geworden.
Er wie Weinel fahren eben im Strome des wiffenfehaft-
lichen Fortfehritts. Und wir dürfen uns freuen, daß beide
Bücher geeignet find, den Studenten neben vielem anderen
die Hochachtung vor dem Ernft gelehrter Forfchung
beizubringen.

Güttingen. Walter Bauer.

Delehaye, Hippolyte, S. J.: Les Passions des Martyrs et les genres

litteraires. (VIII, 448 S.) 8°. Bruxclles, Bureaux de la Societü

des Bollandistes 1921.
Derf.: Martyr et ConfeS8eur. (Analecta Bollandiana, tona. XXXIX,

p. 20—49). Ebd. 1921.
Peeters: Paul: Les traduetions orientales du mot Martyr, ib. p.

50—64.

Franehi de' Cavalieri, Pio.: Note Agiografiche, fasc. 6. (Studi

e Testi 33) (225 S.) gr. 8". Rom, Tipogralia poliglotta Vaticana
1920. L. 30

Wenn man fragen wollte, wer zur Zeit am eheften
berufen fei, in überfichtlich darftellender und kritifch bewertender
Weife die bisher gewonnenen Refultate der
hagiographifchen Forfchungen zu fammeln, das .Ganze'
infonderheit der altkirchlichen Märlyrerakten literarifch
in folcher Art zu behandeln, fo würde wohl jeder Sachkundige
vorab den jetzigen Leiter der Acta Sanctorum
und daneben den oben auch mit einer neuen Publikation
notierten italienifchen Gelehrten nennen. Delehaye hat
fchon 1912 eine Zufammenfaffung hieher gehöriger Studien
dargeboten in dem umfänglichen Werke (502 S.) über
,Les origines du culte des Martyrs'. Bot diefes in ah-
fchaulicher, feffelnder Weife einen Überblick über die
fachlichen Grundlagen, Hauptbetätigungsformen, wefent-
lichen Entwicklungsftufen und Mittelpunkte der Märtyrerverehrung
(die gefchichtlich den Beginn des immer
mehr fich erweiternden Heiligenkults darfteilt), fo gibt
das neue Werk des unermüdlichen Gelehrten ein Gefamt-
bild von den erhaltenen fchriftftellerifchen Quellen über
die Märtyrer der erften chriftlichen Jahrhunderte. In
einem Punkte, um das fogleich hier zu erwähnen, unter-
fcheidet fich das neue Buch nicht zu feinem Vorteil von
dem älteren: es hat keine Regifter. Jenes frühere ift
I durch feine überaus forgfältigen .tables', nämlich zunächft