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Ausgabe:

1923 Nr. 2

Spalte:

45-46

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lehmann-Issel, Kurt

Titel/Untertitel:

Die Grenzen des objektiven Erkennens in der Theologie 1923

Rezensent:

Steinmann, Theophil

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Theologifche Literaturzeitung 1923 Nr. 2.

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liehet' Weife durch H.s Formeln hindurch in die letzte
Tiefe feines theologifchen Wüllens zu dringen und ihm
feinen organifchen Platz in der Gefchichte der Theologie,
fpeziell auch in der Fülle der von Ritfehl ausgehenden
Wirkungen zu gewinnen; freilich das letzte Wort darüber
kann natürlich heute noch nicht gefprochen werden.

Wichtig ift auch, daß Sch. beftiminte Emzelftellen
aufweift, an denen die Fortbildung von H.s Theologie
einfetzen muß. Es handelt fich dabei meist um die Überwindung
von Scheidungen, die bei H. felbft in feiner
befonderen gefchichtlichen Lage dualiftifch zu verhärten
drohen. So weift Sch. hinaus über den Gegenfatz von
wiffenfehaftlicher und religiös-dogmatifcher Gefchichtsbe-
trachtung (wertvolle pofitive Gefichtspunkte dazu hat er
felbft in ZThK 1920 gegeben), über den Gegenfatz von
Glaubensgrund und Glaubensinhalt, von Normierung des
Wegs zur Religion und freier Bildung der individuellen
Glaubensgedanken, von Glauben und Weltanfchauung.
All folche Unterfcheidungen find methodifch von höch-
fter Bedeutung — wehe der Theologie, wenn fie in
ftolzem Fluge ihrer vergeffen wollte! Aber fie find immer
vorläufig, müffen aufgehoben werden in höherer Einheit;
die Unterfcheidung ift überall Methode und Anfang, niemals
Wefen und Ziel. In folcher Weite und Freiheit
verftanden, ift H. auch heute ein Führer, zwar nicht
durch Fülle, geiftreichen Glanz und Vielfeitigkeit, aber
durch Tiefe und grundlegende Kraft. All die neuen Be-
ftrebungen, durch myftifche Konzentration und Schau,
durch dialektifche Reibung der Begriffe Gott und Menfch,
oder ähnlich die Glut neuen Erkennens zu entfachen,
mögen Anregungen, Blickpunkte und Energien fchenken,
die nicht ohne weiteres aus dem Werke H.'s entfpringen;
aber wenn fie gefund bleiben wollen, werden fie fich
an den Grundgedanken und -problemen orientieren müffen.
die bisher am tiefften und fruchtbarften H. aufgegraben
hat. Freilich man muß fich in H. vertiefen, muß zuge-
fpitzte Sätze recht verliehen können, wenn man von ihm
lernen will; die Schätze feiner Theologie find nicht immer
leicht zu heben, und fo wird er auch von gut gefchulten
Theologen häufig mißverftanden. Das Buch Sch.s verdient
Dank und weite Verbreitung, weil es über die unleugbaren
Schwierigkeiten hinweghilft. Wer fürder noch
H. als Neukantianer oder Werttheologen oder Moraliften
bei Seite legen will, hat den Anfpruch verwirkt, in der
Beurteilung des letzten Abfchnitts unferer theologifchen
Entwicklung ernft genommen zu werden.

Halle a. S. Horft Stephan.

Lehmann-Jssel, Pfr. Lic. Kurt: Die Grenzen des objektiven Erkennens
In der Theologie. Eine Unterfuchung über die Frage nach
dem Wefen der Religion (in Auseinanderfetzung mit Karl Dunkmann
's Scheiermacher-Forfchung) (IV, 208 S.) 8°. Leipzig, J.
C. Hinrichs 1921. Gz. 3, 4.

Der Verf. gibt uns in diefer Arbeit nicht den Verfuch
einer inhaltlichen Beftimmung des Wefens der Religion,
fondern eine Unterfuchung über die rechte Methode zur
Feftftellung diefes Wefens, und das überdem unter dem
ganz beftimmten Gefichtspunkt derFeftftellung der Grenzen
des objektiven Erkennens bei diefen für die theologifche
Arbeit grundlegenden Beniiihungen. Seine Refultate
gewinnt er in Auseinanderfetzung mit Dunkmann, namentlich
deffen Religionsphilofophie, und in Anknüpfung
an und kritifcher Fortführung von Schleiermachers wiffen-
fchaftlichem Neuanfatz. Die Auseinanderfetzungen mit
Dunkmann gehen dabei fehr ins Detail und nehmen die
Hauptmaffe des Buches in Anfpruch. Das ift für den im
Titel angegebenen Gegenftand der Unterfuchung nicht ohne
weiteres vorteilhaft, zumal fich mit der Herausarbeitung der
eigenen Pofitionan der Kritik des eigenartigen Vernunft-(und
auch Offenbarungs-) Objektivismus Dunkmanns der Nachweis
verbindet, wie Dunkmann bei feiner Anknüpfung an
Schleiermacher diefen auf das gröbfte mißverftanden und
gewaltfam mißdeutet habe. Da Verf. die genuine Weiterbildung
des entfeheidenden Schleiermacherfchen Neuan-

fatzes zu geben überzeugt ift, deffen prinzipielle Bedeutung
für die Löfung des erft mit der Aufklärung geftell-
ten Problems er fein herausarbeitet, und in feiner Unterfuchung
auch dafür den Nachweis führen will, ift
folche ausführliche Auseinanderfetzung mit Dunkmann's
der feinigen direkt entgegengefetzten Anknüpfung an
Schleiermacher gewiß durchaus verftändlich. Man fragt
fich aber doch immer wieder, ob eine theologifche
Gedankenarbeit, die wie diejenige Dunkmann's fo Mark
unter dem Zeichen ,geiftreicher' Einfälle fleht, einen be-
fonders geeigneten Gegenwurf für klärende Auseinanderfetzungen
bedeutet.

Als das bedeutfame Neue an Schleiermacher erfcheint
dem Verf., daß er als Vorausfetzung aller Bemühung um
das Wefen der Religion die irrationale' perfönliche und
als folche individuelle Erfahrung erkennt und deren Ange-
wiefenfein auf die gleichfalls irrationale' Mannigfaltigkeit
der gefchichtlichen Religion. Sein Fehler ift," daß er
dennoch ein fich felbft durchweg gleiches Wefen der
Religion und diefes anftatt aus wirklich erfahrungsmä-
ßiger Vertiefung in die mannigfaltige Gefchichte der Religion
— wo eben es nicht zu finden gewefen wäre —
durch allgemeine rationale Erwägungen herauszuarbeiten
verflicht. Für den Verf. liegt in der Konfequenz des
Schleiermacherfchen Neuanfatzes der Verzicht fowohl
auf alle rationalen Deduktionen wie auch auf die Idee
einer ftreng eindeutigen Beftimmbarkeit des fich felbft
gleichen Wefens aller Religion. Es gilt das fubjektivi-
ftifche Moment des Anfatzes in der irrationalen perlön-
lichen Erfahrung und das relativiftifche Moment, das mit
der Irrationalität der gefchichtlichen Mannigfaltigkeit gegeben
ift, bewußt in die Bemühung um das Wesen
der Religion hineinnehmend fich der hiermit gegebenen
Grenzen objektiven Erkennens und zugleich der
| beftändigen Unabgefchloffenheit der Aufgabe bewußt zu
| werden. Ob wir uns aber wirklich unter der Zeitdevife
i des .Irrationalen' bei der Präge nach dem Wefen der
{ Religion fo ganz einem unvermeidlichen Subjektivismus
und Relativismus ausliefern dürfen? Gewiß war Schleiermachers
Bemühung um ein feiendes fich felbft gleiches
Wefen der Religion eine Vergewaltigung der gefchichtlichen
Wirklichkeit. Ift es aber wohl möglich, wenn anders
es fich bei der Religion um eine geiftige Größe handelt,
die Bemühung um einen Sollbegriff oder um das fein-
follende Wefen — das doch nur eines fein kann und
von ftreng allgemeiner Geltung — aus der wiffenfehaft-
lichen Bemühung um ihre Erfaffung auszufchließen und
das gänzlich der perfönlichen Überzeugung zu überlaffen?
In der Pfthik geht das doch kaum. Warum in der Religion
, die doch gerade in ihren höheren P'ornien in fo
beftimmter Weife auf Wahrheit als religiöfe Alleinwahrheit
(die Wahrheit) geftellt ift? Die Welensfrage ift hier
auf das engfte mit der Wahrheitsfrage verknüpft. Soll
aber über diefen Punkt überhaupt eine Verftändigung
möglich fein, dann bedarf es dazu des Hinaustretens über
ein lediglich erfahrungshaftes Durchprüfen des gefchicht-
lich Gegebenen. So mag man fich wohl von verfchiede-
nem fubjektiven Anfatzpunkt auf einander zu taften; eine
wirkliche Gemeinfamkeit der Arbeit ift durch den intuitiven
Anfatz ausgefchloffen. Das einzige wirklich übergreifend
allgemeine Verftändigungsmittel, das wir Menfchen befitzen
, ift die ratio. An Stelle unferer Überzeugungsgewißheit
(des Glaubens) müffen diefe Erwägungen nur
nicht treten wollen. Ebenfowenig aber kann die einfache
Berufung auf lediglich das tatfächliche Vorhandenfein
der religiöfen P>fahrung in ihrer Befonderheit der philo-
fophifchen Reflexion genügen, weder zur Beantwortung
der Frage nach dem Wahrheitswert einer beftimmten
Religion noch was die Frage nach dem Wahrheitswert
der Religion überhaupt betrifft. Schleiermacher ftrebt
denn auch deutlich darüber hinaus; und auch darin bedarf
er der Weiterführung.

Hermhut. TV steinmann.