Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1923

Spalte:

42

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Keller, Adolf

Titel/Untertitel:

Dynamis. Formen und Kräfte des amerikanischen Protestantismus 1923

Rezensent:

Bornhausen, Karl

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

4'

Theologifche Literaturzeitung 1923 Nr. 2.

42

fondern vereinzelt in den völkifchen und konfeffionellen
Umklammerungen unterzugehen drohen'. Diefe Worte
wurden während des hundertjährigen Jubiläums der
Wiener ev. theol. Fakultät im Juni 1921 gefchrieben.
Unfere Zeit ift fchnellebig: ob der Verfaffer heute noch
ebenfo urteilen wird, weiß ich nicht. Die zentrifugalen
Mächte in den Nationen der Donauländer fcheinen mächtiger
werden zu wollen, als die zentripetalen. Von hier
aus kann die Frage erörtert werden, ob eine andere
Auffaffung der Kirchengefchichte Ofterreichs nicht auch
möglich wäre. Ein Doppeltes ift denkbar: entweder
nimmt der Forfcher feinen Standpunkt in einer Zeit, in
der der Dualismus zwifchen Öfterreich und Ungarn nicht
beftand, und ftellt auch die Entwicklung des ungarifchen
Proteftäntismus dar, der fchließlich infolge 3V2 hundertjähriger
enger Verbindung des Landes mit Ofterreich
ebenfo berückfichtigenswert ift, wie derjenige Polens, den
Löfche mit behandeln mußte, weil das frühere öfterrei-
chifche Kronland Galizien erft durch die Teilung Polens
an Öftereich gekommen war, oder aber er befchränkt
feine Aufgabe auf die Darfteilung des Proteftäntismus
auf deutfchöfterreichifchem Gebiet. Letzeres hätte ent-
fchieden den Vorzug, daß die gefonderte Verfolgung der
gefchichtlichen Entwicklung in den einzelnen Provinzen
aufgegeben werden könnte, wodurch der Lefer in dem
Buche Löfches aus den Zeiten Jofephs immer wieder in
die Anfänge der Reformationszeit zurückgeworfen wird.
Dem Forfcher, der auf dem Gebiet der öfterreichifchen
Kirchengefchichte gearbeitet hat, werden auch noch einige
weitere Wünfche auf dem Herzen, liegen. Die völlig
uuzureichende Kirchengefchichte Öfterreichs aus der
Feder C. Wolfsgrubers läßt den Wunfeh nach einer Einführung
in die Zuftände der Kirche Deutfehöfterreichs kurz
vor der Reformation fehr lebhaft werden. Wie mir fcheint,
hat Srbik den überzeugenden Nachweis geliefert, daß die
Stellung der Habsburger als Leiter ihrer Landeskirche
nicht erft auf den Einfluß des proteftantifchen landesherrlichen
Kirchenregiments zurückgeht (fo Löfche, 2. Aufl.
S. 9), fondern tief im Mittelalter verankert ift. Diefe
Stellung war eine fo umfaffende, daß die Gegnerfchaft
der Habsburger gegen den Proteftäntismus nicht lediglich
auf ihre perfönliche Anhänglichkeit an den alten
Glauben zurückgeführt werden kann: der Proteftäntismus
hätte ihre kirchliche Macht kaum Reigern, eher gefährden
können. Manches andere wäre noch berückfichtigenswert
: worauf beruhte der fehr ftarke Einfluß der Fla-
zianer im öfterreichifchen Proteftäntismus des Reformationsjahrhunderts
? Ferner: mit Recht nennt Löfche
(S. 211) Württemberg die geiftliche Kornkammer für den
Donauproteftantismus. Welches find die verbindenden
Fäden? Wenn heutzutage verletzende Reste ftaat-
licher Unduldfamkeit gegen den Proteftäntismus in Wegfall
gekommen find, d. h. die Wiener ev. theol. Fakultät
ihren Kampf um Angliederung an die Univerfität
mit glücklichem Ausgang zu Ende geführt hat und
evangelifche Lehrer, das bisher vertagte Recht erhalten
haben, Schulleiter zu werden, fo dürften diefe Tatfachen
Anlaß zu der Betrachtung auch derjenigen Elemente
innerhalb des öfterreichifchen Katholizismus geben, die
heute wie früher die Intoleranz befeitigt wiffen wollten:
war Jofeph I. ein Deus ex machina oder konnte er an
eine Entwickelung anknüpfen, die fchon vor ihm vorhanden
war? Wie haben Pietismus, Rationalismus, der
neuerwachte Confeffionalismus und die neuere Theologie
auf die Proteftanten Öfterreichs eingewirkt? Der verehrungswürdige
Verfaffer möge die geftellten Fragen
einem Mann geftatten, der aus feinen Schriften fehr viel
gelernt und mit ihm den Vorzug geteilt hat, wenn auch
nur kurze Zeit dem öfterreichifchen Proteftäntismus dienen
zu dürfen.

Roftock. v. Walter.

Keller, Adolf-. Dynamic Formen und Kräfte des amerikanifchen
Proteftäntismus. (VIII, 166S.) 8°. Tübingen, J. C. B. Mohr 1922. Gz. 3.

,Die Botfchaft hör' ich wohl; allein mir fehlt der
Glaube'. Als ich 1911 aus den U. S. A. von einer Studienreife
über deren Religion, Theologie und Kirchen zurückkehrte
, als ich .Religion in Amerika' (Töpelmann, Gießen
1913) fchrieb und meine .Theologifche Amerika-Biblothek'
gründete, hatte ich freilich die Uberzeugung, daß in dem
amerikanifchen Proteftäntismus innere Lebenskraft, Dyna-
amis fei. Heute wandern andere auf meiner alten Spur,
während ich zu der Einficht gekommen bin, daß ich
doch wohl äußere Bewegung und Bewegtheit für religi-
öfe Spannkraft angefehen habe. Wenn die Zufendekarte
des Verlags den Hyperbelnamen des Buchs als .Dynamit'
wiedergibt, fo ift vielleicht der richtige Unterfchied damit
getroffen.

Das Buch ift gut, fein Inhalt zuverläffig, reiches
Material ift überfichtlich und anregend wiedergegeben.
Auch könnte ich fo viel fkeptifche Bemerkungen des
Verfaffers über amerikanifche religiöfe Ungebildetheit
(jetzt die Fundamentalift-Bewegung, Rückkehr zur fchroff-
ften Bibelinfpiration, vom Verf. noch nicht erwähnt) und
Spekulationsfucht, über unfoziale Art (Raufchenbufchs
Mißerfolg!) und Propaganda zufammenftellen, daß mein
deutfeher peffimiftifcher Standpunkt damit wiedergegeben
wäre. Ich freue mich des Optimismus des neutralen Schweizers
, felbft wenn er das, was wir deutfehen Miffionsfreunde
und unfer Werk erlitten haben, zu leicht bei Seite fchiebt;
da möge er doch auch deutfehes Glaubensgefühl beachten
, wie ,Die Weltlage des Proteftäntismus' (Preuß. Jahrbücher
Oktob. 1922) in meiner Beleuchtung erfcheint.

Das wiffenfehaftliche Intereffe an der Ausbreitung
der anglo-amerikanifchen Religiofität ift bei uns ungebrochen
; auch ich baue die Theologifche Amerika-
Bibliothek in Breslau weiter aus und pflege den freund-
fchaftlichen Austaufch über die Meere. Aber mein Herz,
deutfehe Dynamis verliere ich zunächft nicht wieder an
diefe Ziele. Qui vivra, verra.

Breslau. K. Bornhaufen.

Richter, Prof. D. Julius: Gelchichte der evangelilchen MirCion in

Afrika. (VIII, 814 S.) Gütersloh, Bertelsmann 1922. Gz. 16,50.
Die deutfehe Mimonswiffenfchaft leidet darunter, daß
allzuviel Kraft in Brofchüren und Auffätzen verzettelt
wird. Umfo mehr ift es zu begrüßen, daß J. Richter in
erftaunlich kurzem Abftand nach feiner umfaffenden
.Miffionslehre' fchon wieder ein Werk von mehr als
800 Seiten Umfang herausgebracht hat: eine Miffionsge-
fchichte Afrikas als Band III der ,Allg. ev. Miffionsge-
fchichte'. In 3 Hauptteilen (Welt-, Süd-, Oft-Afrika)
breitet er ein ungeheures Material vor dem Lefer aus.
Einleitende und abfchließende Sonderauflatze behandeln
folche Fragen, die fleh auf den ganzen Erdteil beziehen
oder den Miffionsgelehrten befonders ftark befchäftigen.
Gerade hier tritt die univerfelle Tendenz der Mifflon
deutlich zutage. In einer Zeit, da weithin eine enzy-
klopädifche, gefamt-theologifche Einftellung vermißt wird,
kann ja gerade diefe Seite der Mifflon gar nicht genug
betont werden. In Richters Buch kann der Theologe,
der fo oft nur die Teile in der Hand hat, ein geiftiges
Band finden, wenn er nur zu lefen verlieht. Ein Stück
großer Kirchengefchichte: Altertum in Nordafrika, neuere
feit dem Beginn der afrikanifchen Kolonifation, — ein
Stück Konfelfionskunde: ,in ihrer Mifflon zeigt jede Kirche
1 ihr genuines Geficht' (G. Warneck), auch Katholizismus
j und Proteftäntismus in Afrika, — europäifche Kolonial-
gefchichte, — Religionsgefchichte und Ethnologie des
| bunten Völkergemifchs im fchwarzen Erdteil, — die
Schriftgrundlage des Proteftäntismus in ihrem Wert wie
in ihrer Problematik: Nöte des Überfetzers, die Leiftungen
fprachbegabter Miffionare (dem Buch ift einverleibt ein
Bericht von C. Meinhof: ,Der Anteil der Mifflon an der
Erforfchung der afrikanifchen Sprachen' S. 691—702), —
fyftematifche Probleme, vor allem aus der Sozial-Ethik: