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Ausgabe:

1923 Nr. 2

Spalte:

39

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rauscher, Julius (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Blätter für württembergische Kirchengeschichte. N. F. 26. Jhg. 1922, Heft 3/4 1923

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung 1923 Nr. 2.

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landeskirchlichen Forfchung, die uns vielleicht noch einmal
die langerfehnte Fortfetzung von H. v. Schubert's
tiefgründiger Kirchengefchichte Schleswig-Holfteins,' die
leider nur bis zur Schwelle der Reformation reicht, be-
fcheren wird. Wer wird fie uns fchenken.
Kiel. Kochendörffer.

Blätter für württembergiiche Klrchengelchichte. Hrsg. v. Dr. J.
Raufcher. Neue Folge. 26. Jhrg. 1922, Heft 3/4. Stuttgart, Chr.
Scheufeie.

Raufcher beginnt das Heft mit einem Glückwunfeh
zum 70. Geburtstag D. Karl Müllers, des Vorftandes des
Vereins für württb. Kirchengefchichte, und gibt eine feine
Charakteriftik feiner 20jährigen Tätigkeit in Tübingen.
Eine auch in Norddeutfchland, wo die Gemeinfchaften
mehr und mehr fich ausbreiten, beachtenswerte wertvolle
Studie ,Gefchichte des Stundenwefens im Amtsoberamt
Stuttgart' bietet F. Fritz auf Grund amtlicher Quellen.
Er zeigt den Auffchwung der Gemeinfchaften unter dem
Druck der napoleonifchen Zeit und wohl auch der Hungersnot
1816/17, die Anerkennung derfelben durch den
Dekan als Licht und Salz der Gemeinden, in denen fie
fich als die edelften und frömmften Menfchen finden.
Sehr wertvoll ift die Schilderung der Pregizenianer, der
Michelianer, (Hahnfche Gem.), Altpietiften und neuerdings
der Neupietiften, die Angaben über den vielfachen Wechfel
im Beftand in den Gemeinaen und in der Anzahl der
Mitglieder, ihre Haltung gegenüber den Sekten, be-
fonders den Methodiften. Sehr wünfehenswert wäre,
daß wir für alle Bezirke eine ähnliche genaue Auskunft
über das Stundenwefen erhielten. Der ,Stelzenbub' J.
Müller S. 104 ftammt aus Weinheim. Steinheim ift Lefe-
oder Schreibfehler. A. Schäfer gibt 39 Urkunden zu
feiner Abhandlung über die Obfervanzbewegung des
fünfzehnten Jahrhunderts in Württb. Leider find feine
Texte nicht völlig verläßlich fo gleich Nr. 1. H. Wetzel
fchildert das Erwachen des Kurialismus in Württemberg
vor hundert Jahren und den Kampf des liberalen Katholizismus
mit dem neu aufkommenden Kurialismus, der
feine Stütze in Augsburg und von da aus in Ellwangen
hatte, wobei befonders die Gefchichte der kath. Fakultät
und Möhlers in Betracht kommt. 1830 ift der Bifchof
fchwankend, das Domkapitel bewußt antikurial. das
Priefterfeminar wohl überwiegend liberal, in Tübingen
kuriale Geifter im Vordergrund. S. 161 ift Heidenheim,
wo es nie Kapuziner gab, wohl Verwechflung mit einem
anderen Ort.

Stuttgart. G. Boffert.

Loerche, Prof. D Dr. D. Georg: Jahrbuch der Gerelllchaft für die
Gefchichte des Proteltaniismus in Öfterreich. 4°- und 41. Jahrgang
. Gefchichte des Proteftantismus in Öfterreich. 2., ftark vermehrte
und bis zur Gegenwart fortgeführte Auflage. (333 S.) 8°.
Leipzig, J. Klinkhardt 1921.

Im Vorwort der erften Auflage feiner Gefchichte
des Proteftantismus in Öfterreich fpricht Löfche fein Bedauern
darüber aus, daß er ftatt der von ihm geplanten
ausführlichen Darftellung der Gefchichte des öfterreich-
ifchen Proteftantismus, der ein kurzer Auszug folgen
follte, mit Rückficht auf den Bedarf mit einer ,Gefchichte
in Umriffen' beginnen müffe. Um fo erfreulicher ift es,
daß der zweiten Auflage die Titelworte ,in Umriffen' fehlen.
Durch größeres Format, engeren Druck, die dem Benutzer
freilich weniger genehme Verlegung der Anmerkungen
an den Schluß des Buches und die dem Fach-
genoffen einftweilen fchmerzliche Vertröftung auf eine
demnächft erfcheinende, ioooo Nummern umfaffende Bibliographie
(f. S. 316 Anm. 1) ift das Buch trotz des Gebotes
der Stunde, einen möglichft reichen Stoff auf kleinem
Raum zu bringen' (f. Vorwort) zu doppeltem Umfang
angewachfen. Das ift durchaus nicht blos dem Umftande
zuzufchreiben, daß die Darftellung ,bis zur Gegewart
fortgeführt' ift und einen trefflich orientierenden Schluß-
abfehnitt ,In und nach dem Web kriege' erhalten hat.
Vielmehr habe ich in der neuen Auflage keine einzige

Seite gefunden, auf welcher die Darftellung der erften
Auflage nicht umgeftaltet oder ergänzt wäre — ein
Zeichen, mit wie unermüdlichem Feiße der Verf. dafür
Sorge getragen hat, die Früchte feiner Lebensarbeit
feinem Werke einzuarbeiten. Wie viele emfige litera-
rifche wie namentlich archivalifche Studien haben hier
ihren Niederfchlag gefunden!

Einige Beifpiele rnüffen genügen: Bei der Schilderung des Verhaltens
der vorjofephinifchen Kaifer zum Proteftantismus erfreut die
fcharfe Charakterifierung Maximilians I (S. 3), die Ergänzung des Bildes
Ferdinands I. aus dem Habsburger Familienbriefwechfel (S. [4) und
namentlich die Vermehrung des Materials zur Beurteilung des noch
immer rätfelvollen Maximilian II. (S. 5fr.). S. 26 wird der Inhalt der
den niederöfterreichifchen Stünden gegebenen Affckuration von 1571 eingearbeitet
, S. 31fr. der Bericht des Reichshofrates Eder aus den Jahren
1579—87 über die Zuftände des römifchen Klerus. S. 38 wird fchärfer
als in dei 1. Aufl. die Sturmpetition vom 11. Juli 1619 vor Ferdinand
II als Legende abgewiefen, wie denn überhaupt die fchweren Anfangsjahre
des dreißigjährigen Krieges dureh die Ausnutzung der Kuef-
fteinchen Tagebücher eine reichere Darfteilung erfahren und die Denk-
fchrift des Grafen von Kollonicz neue Züge zum Bilde des Wiener Ge-
heimproteflantismus liefern (S. 45), während die Behandlung der Frage
der Promovierung von Proteftanten an der Wiener Univerfttät in den
letzten Jahren Maria Therelias die neue Zeit ahnen läßt (S. 46). Die
Darfteilung des Proteftantismus Oberöfterreichs ift durch einen Abfchnitt
über die Stadt Steyr (S. 50 f.), Mitteilungen aus dem Schreiben Erzherzogs
Matthias an Rudolf II (S. 55) und Schilderung der Zuftände im
Salzkammergut fS. 56 und 66 ff.), fowie Berichte über die Klagen an das
Corpus evangelicorum und deren Behandlung (S. 69 fr,) bereichert. Das
auffallend günftige Urteil der erften Auflage über Maximilian von Baiern
wird ftark cingefchränkt (S. 57). Die Schilderung des inneröfterreichifchen
Proteftantismus wird erweitert durch einen Abfchnitt über Georg von
Stubenberg (S. 76), über die Schulordnung des Chyträus für Graz (S.
79), eine eingehendere Würdigung Primus Trubers (S. 80f.), ferner der
Grazer Pazifikation (S. 82), des fiebzigtägigen Feldzuges von 1600 in
Kärnten (S. 88ff.) und der Kärntner Bittfchrift von 1752 (S. 95). Den
Salzburger Erzbifchöfen werden ausführlichere Charakteriftiken gewidmet
(S. 101 ff.). Der Abfchnitt über Tirol ift nicht nur bereichert durch
eine Darftellung der Verhältniffe in Kitzbühel (S. 125), fondern auch
durch ausführlicheres Eingehen auf Maximilian den Deutichmeifter,
Leopold V. und feine Nachfolger (S. 127 ff.). Der Abfchnitt über
Vorarlberg (S. 129fr.), ift neu hinzugekommen. Daß der Hauptinhalt
des Majeftätsbriefs mitgeteilt ift (S. 149), wird den weiteren Kreifen der
Gebildeten, für die das Buch desgleichen berechnet ift, nicht unlieb
fein. Intereffant ift das Urteil über die Vergewaltigung der Kirchen in
Kloftergrab und Braunau: fie fpielte nicht die ihr gewöhnlich beigelegte
Rolle (S. 151) Noch bedeutfamer ift, daß der Verf. das Urteil über die
Schuld der böhmifchen Stände nach Ferdinands II, Regierungsantritt,
das in der 1. Aufl. (f. dortfelbft S. 159) doch überrafchte, jetzt wefent-
lich abmildert (S. 153). Neu hinzugekommen ift der ausführliche Abfchnitt
über die böhmifchen Exulanten (S. 159fr.). Das Kapitel über
Mähren (S 164 ff.) ift durch eine Reihe lokalgefchichtlicher Nachrichten
recht erweitert, ebenfo der Abfchnitt über Jägerndorf (S. 179) auf Grund
neugefundener Akten. Sehr viel ausführlicher ift das Kapitel Galizien
geworden (S. 186 ff.). Von großem Intereffe ift die neu aufgenommene
Schilderung des kirchlichen Lebens nach dem Toleranzedikt (S. 210ff.),
willkommen die ausführliche Charakterifierung Franz I., Metternichs
und Gentz's (S. 2i8ff.L über die Arbeit der evangelifch-theologifchen
Fakultät hätte man gern noch mehr erfahren, als ohnehin zugefügt
wurde (S. 223 f.). Manche Erweiterungen bieten die Abfchnitte über
Bood fowie über die Zillerthaler (S. 225 f. u. S. 227 fr.). Selbftverftänd-
lich kann der Verf. über die Regierung Franz Jofephs ausführlicher
werden und der Los-von-Rom-Bewegung intereffante Darlegungen
widmen.

Das find einige Beifpiele, die dem Kundigen fagen
werden, welche Fülle von Gelehrfamkeit in die neue
Auflage hineingearbeitet ift. Aufs Ganze gefehen ift das Buch
nach Art und Anlage das gleiche geblieben. Die feinfinnige
Charakterifierung derPerfönlichkeiten, auf die Löfche, Haies
Vorbild folgend, ftarkes Gewicht legt, die ftarke Betonung
des Einfluffes der Individualitäten auf die Entwicklung,
obgleich der Schilderung des Zuftändlichen größerer Raum
gewidmet wird als in der i. Aufl., vor allem die Zu-
fpitzung der Darftellung auf das Verhalten des übermächtigen
, in allen Kniffen und Pfiffen der Ketzerverfolgung
gefchulten Katholizismus und der von ihm geleiteten
Regierung zum Proteftantismus, das alles gibt .dem Buch
auch in der neuen Geftalt das Gepräge. Auch jetzt noch
geht die Betrachtung von dem cisleithanifchen Öfterreich
Kaifer Franz Jofephs aus. Wie das Vorwort ausfpricht,
foll ,ein geiftiges Band um die zerftückelten Teile der
'Zerftreuung' gefchlungen werden, die auf einander ange-
wiefen ohne Zufammenhalt kaum lebensfähig fein dürften,