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Ausgabe:

1923

Spalte:

37

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jenkins, Claude

Titel/Untertitel:

The Monastic Chronicler and the Early School of St. Albans 1923

Rezensent:

Jülicher, Adolf

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37

Theologifche Literaturzeitung 1923 Nr. 2.

nügt natürlich nicht. Auch darf, wenn von der neutefta-
mentlichen Lehre die Rede ift, die Lehre Jefu felber nicht
übergangen werden.

München. Hugo Koch.

Jenkins, Prof. Claude: The Monastic Chronicler and the Early School

Of St. Albans. A lecture. (98 S.) 8°. London, S. P. C. K. 1922.

Ein Gang durch die Gefchichte der englifchcn Ge-
fchichtsfchreibung im Mittelalter, auf dem man dem nicht
nur gelehrten, fondern auch lebendig anregend, bisweilen
humorvoll berichtenden Führer mit V ergnügen folgt. Am
wertvollften find die 3 letzten Abfchnitte von S. 42 an,
die über Roger v. Wendover und den Verfaffer der Chronica
maiora, Matthaeus Paris handeln. Der Ruhm des letzteren
bedurfte keiner Stütze, aber es fcheint mir ein Verdienft
von J., daß er, eigene frühere Urteile verbeffernd, Roger,
den Verfaffer der Flores historiarum, auch gerade in
feinem Verhältnis zu dem größeren Nachfolger in ein
helleres Licht fetzt. Noch H. Böhmer hatte die Flores
nur als ein äußerlich wenigftens fehr refpektables Ge-
fchichtswerk gelten laßen; .Roger war jedoch nichts weniger
als ein bedeutender Hiftoriker'. Durch das Studium der
Handfchriften hat J. die Einficht gewonnen, daß wir unfere
Kenntnis von den Ereigniffen der Zeit Johanns ohne
Land und Heinrichs III bis 1235, für die als klaffifcher
Zeuge Matth. Paris genannt zu werden pflegt, in fechs
Siebenteln der Fälle einfach Roger verdanken. Die Belege
für feine Einfchätzung der verfchiedenen Chroniften,
die Jenkins aus ihren Werken beibringt, hat er fo eingerichtet
, daß ihre Befprechung zugleich Fragen der mittelalterlichen
Gefchichte nicht nur zu berühren fondern zu
beantworten Anlaß gibt, fo S. 87—89 über die Verhandlungen
König Johanns mit .dem Sultan von Marokko,
wo der Engländer an feinen Übertritt zum Islam gedacht
haben foll, S.65—67 über den vermeintlichen offiziellen Hi-
ftoriographen des Klofters St. Albans. Mit Vorftcht werden
ältere, keineswegs aber verfchwundene Phantafiegebilde
von dem Apparat des fcriptorium in einem englifchen
Klofter kritifiert; eine Reihe guter Bemerkungen wie über
das Plagiat im Mittelalter und die fcheinbare Erbärmlichkeit
des Aneinanderreihens von Quellenexzerpten,
auch die Warnung vor der Annahme lediglich aus den
Fingern gefogener Gefchichten bei den Chroniften, verdienen
fympathifche Beachtung.

Marburg. Ad. Jülicher.

Rifch, D. Adolf. Luthers Bibelverdeuttchung. (Schriften des Vereinsfür
Reformationsgefchichtejhrg. 40) (82 S.) 8". Leipzig, M. Heinsius
1922. Gz. 1,2.

Das an und für fich vortreffliche Büchlein von
Reichert (D. Martin Luthers deutfche Bibel, Religions-
gefchichtliche Volksbücher IV, 13, 1910) ift durch Rifch
übertroffen worden: Das Wichtige ift hier noch klarer
und überfichtlicher herausgehoben und zufammengefaßt,
und der Stoff ift noch gründlicher verarbeitet. Dazu
kommen vorzugliche Anmerkungen und Literaturangaben.
Nach einem Überblick über die vorlutherifche deutfche
Bibel zeigt Rifch, wie in Luther alle Bedingungen dafür,
daß er als Bibelverdeutfcher etwas Meifterhaftes leiften
mußte, erfüllt waren: er bat den Inhalt der Bibel innerlich
erlebt, er war ein ausgezeichneter Bibelausleger,
es war ihm ein ungewöhnlich feines Sprachgefühl angeboren
. Es folgt das Gefchichtliche bis zur Ausgabe letzter
Hand von 1546 und der befonders anziehende Abfchnitt:
Jn eines großen Meifters Werkftatt', in der Luthers
Originalmanuskripte zu feiner Überfetzung des A. Ts. und
Rörers Bibelrevifionsprotokolle verwertet werden. Rifch
weift nach, daß Luthers Überfetzung unmittelbar aus dem
Grundtext geflohen ift, daß er fich allmählich immer
mehr vom deutfchen Sprachgeift hat leiten laffen und
daß ,das deutfche Bibelwort als Ausdruck des inneren
Erlebens eines tieflrommen deutfchen Gemütes' zu verdrehen
ift. Aber nicht nur in diefem Kapitel, fondern
auch fchon vorher (z. B. S. 40*. zu Luthers Abhängigkeit
von der Vulgäta und S. 41 ff. zur Frage, ob er auf
fremde Anregung oder aus eigenem Antrieb und wann
er auf der Wartburg die Überfetzung des N.Ts, begonnen
hat) gibt der Vrf. uns neue Erkenntniffe. Leider hat ein
Schlußkapitel über die Auswirkungen der Lutherbibel
infolge von Raumnot wegfallen muffen.

Zwickau i. S. O. Clemen.

Rolfs, Paftor D. C: Urkundenbuch zur Kirchengefchichte Dithmar

fchens. befonders im 16. Jahrhundert. Gefammelt u. herausgegeben.
(Schriften des Vereins für fchleswig-holfteinifche Kirchengefchichte L
12) (X, 352 S.) 8°. Kiel, Robert Cordes i. Komm. 1922.

K. Rolfs, dem die landeskirchliche Forlchung fochles-
wig-Holfteins fchon manche Förderung verdankt, hat uns
mit diefem Buch eine neue wertvolle Gabe gefchenkt.
Den äußeren Anlaß dazu bot ein Fund, den er im Staatsarchiv
in Schleswig gemacht hat, wo er die A. L. J.
Michelfen bei feinen Arbeiten unbekannt gebliebenen Akten
des Reichskammergerichts über den Prozeß des
Landes Dithmarfchen mit dem Domkapitel in Hamburg
wegen der geiftlichen Gerichtsbarkeit ermittelte. Diefer
recht weitläufige Prozeß, der in den Akten von 1527 bis
1562 zu verfolgen ift, aber auch damals noch nicht beendet
war, liefert nun den Hauptbeftandteil für R.'s Ur-
kundenfammlung. Außer diefen Akten felbft druckt R.
noch die aus ihnen flammenden Urkunden ab und ver-
vollftändigt feine Sammlung weiter durch Urkunden des
Staatsarchivs Schleswig, des Mufeums in Meldörf, der
Univerfitätsbibliothek in Kiel, des Stadtarchivs in Lüneburg
und der Kirchenarchive zu St. Annen und Telling-
ftadt in Dithmarfchen, fchließlich durch bisher ungedruckte
und daher um fo wertvollere Urkunden des Staatsarchivs
in Hamburg. So Hellt das Buch mit 87 Stücken von 1422
— 1562 in der Tat eine Urkundenfammlung zur Kirchengefchichte
Dithmarfchens im 15. und 16. Jahrhundert dar,
und wir können auf den von R. verfprochenen zweiten
Band gefpannt fein.

Von dem reichen Inhalt feien angemerkt: Die bisher
unbekannte Stiftungsurkunde des Nonnenklofters in
Hemmingftadt 1502 und der Verfuch, diefes Benedik-
tinerinnenklofter in ein Franziskanermönchsklofter umzuwandeln
, Nachrichten über das Klofter in Meldorf, Auszüge
aus dem Rechnungsbuch des Hamburger Domkapitels
von 1480— 1525 über die Hebungen in Dithmarfchen
, die Stiftung des Gymnafiums in Meldorf und
einer Brandbede in Tellingftadt, die Beliebungen der
Brandgilde in Hemmingftadt, Mitteilungen über dieSchlacht
bei Hemmingftadt und das frühzeitige Eindringen der
lutherifchen Bewegung in Dithmarfchen. Die dithmarfifche
Kirchenordnung von 1573, die noch Bolten in Händen
gehabt hat, zu ermitteln ift leider auch R. nicht gelungen.

Die Lesbarkeit des Textes wird leider dadurch er-
fchwert, daß R. in feiner Ausgabe die buchftabengetreue
Schreibweife der Akten beibehalten hat, anftatt die Regeln
der heutigen Editionstechnik anzuwenden. Vielleicht
hätte er auch beffer getan, wenn er die minder wichtigen
Stücke nicht im vollen Wortlaut, fondern nur als Regelten
gegeben hätte. Akten, namentlich folche des fchreib-
feligen 16. Jahrhunderts, müffen eben anders behandelt
werden als die oft nur wenig zahlreichen Urkunden früherer
Jahrhunderte, hier follte jeder Herausgeber die
ftrengfte Selbzucht üben, um feine Veröffentlichung nicht
mit Überflüffigkeiten zu belaften,wie Ladungen, notariellen
Formeln ufw.. Wäre es bei peinlicher Scheidung wichtiger
und unwichtiger Stücke, Ausfchaltung wertlofen
Beiwerks und ftraffer Zufammenfaffung des eigentlichen
Stoffes nicht möglich gewefen, das ganze Werk in einem
Bande zu geben?

Diefe Ausftellungen follen und können den Wert des
auch mit einem brauchbaren Regifter ausgeftatteten Buches
nicht mindern, das der Verfaffer der theolögifchen Fakultät
der Landesuniverfität Kiel als Dank für die Verleihung
der theolögifchen Doktorwürde gewidmet hat.
Ohne Zweifel bedeutet es einen Fortfehritt in unferer