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Ausgabe:

1923

Spalte:

532

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Otto, Rudolf (Übers.)

Titel/Untertitel:

Siddhânta des Râmânuja. Ein Text zur indischen Gottesmystik. 2. Aufl 1923

Rezensent:

Glasenapp, Helmuth

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531

Theologische Literaturzeitung 1Q23 Nr. 25/26.

532

Berlin. Wo ich nachgeprüft habe, habe ich gefunden, daß T. richtig
gelesen hat. (Kleinere Versehen sind nicht zu vermeiden, so S.205
zu Matth. 5,35: Ciarom. liest gerade subpedaneum und nicht supp.:
S. 224 Ciarom. liest nicht sps sco, sondern Spiritus saneto; die Abkürzungsstriche
sind nicht mitgedruckt.) Seine Bemerkungen über eine
künftige Neuausgabe des lat. Iren, sind verständig. Er weist auf die
Notwendigkeit hin, die orthographischen Eigentümlichkeiten, namentlich
in der Schreibung der Eigennamen, besser als es bisher geschehen
ist, zu beachten. Die Zeichen für das hohe Alter der Übersetzung
werden sorgfältig berücksichtigt.

Der 5. und 6. Anhang sind der armenischen Übersetzung gewidmet
. Conybeare stellt die Zitate aus dem Neuen Testament in der
Übersetzung der Bücher 4. u. 5 und der Epideixis in griechischer
Sprache mit lateinischer Übersetzung der verbindenden Worte zusammen
, wobei Abweichungen vom armenischen Neuen Testament
durch besonderen Druck kenntlich gemacht sind; Robinson verzeichnet
die Unterschiede zwischen der lateinischen und der armenischen
Übersetzung, wobei er besonders hervorhebt, daß der Armenier öfter
den Lateiner verbessert, öfter aber auch rechtfertigt gegenüber den
griechisch erhaltenen Bruchstücken.

Für die Würdigung des Bibeltextes des Irenaeus ist
die Frage nach dem Alter der lateinischen Übersetzung
von grundlegender Bedeutung. Es ist erklärlich, daß der
größte Teil der Einleitung sich mit ihr beschäftigt. Eine
einheitliche Anschauung wird nicht vertreten; vielmehr
kommen die verschiedenen Ansätze zu Wort. Sandays
Fragment (S. LVII—LXIV) möchte immer noch die alte
Anschauung festhalten, daß Tertullian bereits die
lateinische Übersetzung benutzt habe. Dagegen beweist
Hort (S. XXXVI—LVI) in einem nachgelassenen, nicht
von ihm für den Druck zurecht gemachten Aufsatz, daß
Tertullian nur den griechischen Iren, kenne und die
Übersetzung aus dem 4. Jh. stamme. Ihm schließt sich
für das Letztere A. Souter an (S. LXV—-CXI), der mit
einer erdrückenden Fülle von Material, unter genauester
Berücksichtigung und Vergleichung des Sprachgebrauchs
bei dem Übersetzer des Irenaeus und den lateinischen
Schriftstellern, mit höchst wertvollen Verzeichnissen der
lateinischen Ausdrücke zu dem Ergebnis kommt, daß die
Übersetzung ca. 370—420 in Afrika entstanden sei, veranstaltet
durch einen Griechen, der nicht eben gut Latein
verstand. Turner freilich ist, nach seinen beiläufigen Bemerkungen
zu urteilen, mit diesem Ergebnis nicht völlig
einverstanden, kommt aber auch nicht weiter als zu der
Annahme eines relativ hohen Alters der Übersetzung
(eher 3., als 4. Jh.), was ihm auch durch die armenische
Übersetzung nahe gelegt wird (S. CLXX—CLXXVI).

Was den neutestamentlichen Text anbetrifft, so
zeigt Souter (S. CXII—CLXIX), daß Irenaeus einen
„westlichen" Text benutzte und auch dem Übersetzer schon
Übersetzungen vorlagen, die er verwendete, vielleicht für
die Apokalypse schon die Vulgata: auch hier sind wieder
afrikanische Verwandtschaften deutlich. Mir scheint
es keineswegs erwiesen, daß der'übersetzer etwas anderes
als den griechischen Text benutzte.

Da bei derartigen Untersuchungen anscheinende
textliche Kleinigkeiten öfters sehr wichtig sein können,
so ist Sandays Forderung, auf der die in dem Bande
angewendete Methode durchweg beruht, verständlich, das
Zeugnis der Handschriften so genau wie möglich kennen
zu lernen; es ist ja auch bekannt, daß frühere Väterausgaben
, gerade was den Bibeltext anbelangt, zugunsten
der Vulgata oder zur Glättung des Lateins oder aus
irgend einem anderen Grunde sich nicht streng genug an
die handschriftliche Unterlage hielten. Daher hat sich
Sanday auch selber mit den Handschriften des Irenaeus,
die er freilich nicht selber verglich, beschäftigt und sein
im Journal of Philology 1888 erschienener Aufsatz über
sie ist hier wieder abgedruckt (S. XXV—XXXV). Kurze
Bemerkungen über sie finden sich auf S. CLXXXVIf.;
im Anschlüsse daran (S. CLXXXVII f.) werden die Ausgaben
des Irenaeus verzeichnet; auch die Fundorte der
griechischen Fragmente sind S. CLXXX—CLXXXIII sehr
genau angegeben. Bei der Gründlichkeit, mit der sonst
gearbeitet worden ist, ist es zu verwundern, daß hier
nicht mehr geboten werden konnte. In der Kgl. Bibliothek
in Stockholm befindet sich eine mindestens in das

16. Jh. zurückgehende Handschrift des Irenaeus, die
erwähnt werden konnte; sie ist zwar eine Abschrift des
Cod. Voss., hat aber doch in der Frage nach der Benutzung
der Handschriften des Ir. durch alte Gelehrte
ihre Bedeutung. Es bezeugt einen richtigen Blick, daß
vermutet wird, die beiden Codices Merceri seien unter
den 4 vatikanischen Handschriften zu suchen; es läßt
sich mit Sicherheit beweisen, daß Josias Mercier, der am
29. Oktober 1572 (Bartholomäusnacht 24. August
1572!) mit seinen 2 Schwestern in S. Sulpice in Paris
wiedergetauft wurde, nachmals aber zu seiner reformierten
Kirche zurücktrat und ihr große Dienste leistete, keine
anderen Handschriften benutzte, als Vatic. 187 und 188.
Er kann sie doch nur in der Vatikanischen Bibliothek
verglichen haben. Aus diesen beiden Handschriften sind
die beiden andern vatikanischen Handschriften Ottobon.
752 und 1154 abgeschrieben, wie nicht schwer zu zeigen
ist. Durch diese Erkenntnis wird eine große Vereinfachung
des kritischen Apparats erzielt, was auch für die vorliegende
Ausgabe hätte von Nutzen sein können; da diese
Handschriften mit dem Cod. Arundel. des British Museum
eng verwandt sind, so ergibt sich eine weitere Vereinfachung
. Mir scheint aber gerade diese Handschrift
in ihrer Bedeutung nicht genügend gewürdigt und zu
einseitig der Cod'. Ciarom. bevorzugt zu sein. Was die
Ausgaben des Iren, anbetrifft, so möchte ich doch hervorheben
, daß Stierens Ausgabe (S. XIV, Anm. 2) bedeutend
besser ist als die Harveys, wenn dieser sich auch ein Verdienst
durch Berücksichtigung der Capitula erworben
hat. Warum auf S. CLXXXVII eine Reihe fremder Nachdrucke
der Erasmusausgabe, aber nicht die Erasmusausgaben
von 1528 und 1548 erwähnt werden, ist nicht
einzusehen. Bei der Seltenheit der ersten Ausgabe Feuar-
dents (S. CLXXXVII f.) darf ich wohl anführen, daß ich
sie vor dem Kriege im Antiquariatshandel habe erwerben
können; auf dem Titelblatt steht aber als Jahr des Erscheinens
1576, nicht 1575; auf der letzten Seite steht
nach dem Namen des Druckers 1575.

Die Literaturangaben sind reichhaltig und sorgfältig; doch scheint
mir da manches zu fehlen, z. B. Reiter, Berliner Philol. Wochenschrift
3Q, 1919, Sp. 642ff. (zu obstetrico S. LXXXVI) oder J. Höh, die
Lehre des hl. Irenäus über das Neue Testament (Neutestamcntl. Abhandlungen
7,4.5). 1919.

Beigegeben sind ein sorgfältiger Index Latinitatis (S. 301—311)
und ein vortrefflicher Lichtdruck von Cod. Claromont. fol. 197 ro.

Wir haben es mit einem bedeutenden Beitrag zur Geschichte
des christlichen Lateins zu tun.

Kiel. O. F ick er.

Slddhänta des Rämänuja. Ein Text zur indischen Gottesmystik. Aus
dem Sanskrit von Rudolf Otto. 2. Aufl. Tübingen: J.C.B.Mohr
1923. (IV, 177 S.) gr. 8°. Oz. 5.50.

Es ist ein hocherfreuliches Zeichen für das steigende Interesse,
welches weitere Kreise an den philosophischen Systemen der Inder
nehmen, daß das vorliegende Werk bereits nach wenigen Jahren eine
2. Auflage erleben konnte. Der Hauptteil des Buches ist ein verbesserter
Neudruck der 1917 bei E. Diederichs in Jena in der Sammlung
„Religiöse Stimmen der Völker" erschienenen 1. Ausgabe, die wir an
dieser Stelle (43. Jahrg. Nr. 17/18, vom 31. August 1918) gewürdigt
haben. Wie damals so können wir auch jetzt wieder nicht unterlassen
, alle, die sich für die religiöse Methaphysik der Hindus interessieren
, nachdrücklich auf das Werk hinzuweisen, denn es gewährt
einen klaren und vollständigen Einblick in die Spekulationen des
vishunitischen Theologen Rämänuja (12. Jahrb.. n. Chr.) und gibt dem
Leser ein vortreffliches Bild von den Diskussionen, die dieser große
Vertreter des Theismus gegen die akosmistischen Theopantistcn aus der
Schule Shankaras auszufechten hatte. Die Wiedergabe des indischen
Originals verdient alles Lob; die übersichtliche Anordnung trägt sehr
zur Erleichterung des Verständnisses bei. Die der 1. Auflage beigegebene
Übersetzung des buddhistischen „Bhakti-Hundertvers von
Rämacandra" ist fortgeblieben und hat in der an dieser Stelle (48.
Jahrg., Nr. 14) besprochenen 2. Aufl. von Ottos „Vischnu-Näräyana"
Platz gefunden, statt dessen sind eine Reihe von Excerpten aus
Rämänujas Bhäshya beigefügt worden, die eine willkommene Ergänzung
des Hauptteils bieten. Von großem Interesse sind die neuen
Ausführungen „zum Oesetz der Parallelen in der Religionsgeschichte",
in welchen Otto auf bemerkenswerte Konvergenzbildungen in der
indischen und christlichen Spekulation (Origenes) hinweist.

Berlin. H. v. Olascnapp.