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Ausgabe:

1923 Nr. 24

Spalte:

525

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Huber, Max

Titel/Untertitel:

Staatenpolitik und Evangelium 1923

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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525

Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 24.

526

sten Sinne des Worts haftet, für deren Verständnis seine Arbeit dann auch
am fruchtbarsten ist, während er für Hegel leider Interesse nicht zeigt.
Doch alles, was ich im einzelnen noch an Fragezeichen, großen wie
kleinen, setzen müßte, ändert nichts daran, daß mit diesem Hefte eine
neue Bresche geschlagen ist in die in unsrer Bildung hergebrachte
Anschauung von Wesen und Geschichte von Staat und Gesellschaft
Wir Theologen werden Sch.'s Arbeiten im Auge behalten müssen.
Göttingen. E Hirsch.

Scheler, Max: Schriften zur Soziologie und Weltanschauungslehre
11. Nation und Weltanschauung. Leipzig: Neue Geist-
Verlag 1923. (VIII, 174 S.) 8°. Gz. 5—; geb. 7.50.
Das Bändchen bringt die zum Thema gehörigen Aufsätze aus
Sch.'s „Krieg und Aufbau", dazu dann einen Aufsatz „Von zwei
deutschen Krankheiten", der in „Der Leuchter" 1910 erschienen ist.
Es zeigt Sch.'s Bemühen, den individuellen Geist der großen europäischen
Nationen gerade in dem Gebrauch scheinbar gleicher Begriffe
nachzuweisen, und kann zum tieferen Eindringen in den Gehalt
politischer Ideen, zur Skepsis gegenüber Schlagworten, vor allem
gegenüber der noch nicht abgestorbenen Kriegsideologie der Entente
und ihrer deutschen Nachredner, verhelfen. Eins vermag es aber nicht:
in die Tiefe der Selbstbesinnung hineinzuführen. Das verhindert der
innere Widerspruch, der durch die ganzen Ausführungen hindurchgeht
: Sch. möchte das deutsche „Ethos" in seiner Eigentümlichkeit
erfassen und steht doch den tiefsten Mächten des deutschen Geistes
innerlich fremd gegenüber.

Dafür ist der stärkste Beleg der neu hinzugefügte Aufsatz aus
dem Leuchter; er ist seinem Hauptinhalt nach ein durch Sachkennt-

nis nicht getrübter Angriff auf Luther und die evangelische Kirche, i psychologische Besinnung hindurch gewonnen "werden
Es ist ja bekannt, daß Sch., der sonst so vieles Lesende, was die 1 . . 9 -"-""f»tu weruen

Kenntnis Luthers und seine Kirche angeht, aus minderwertigen und
veralteten Quellen sich nährt. Schon das einfache Gebot der Klugheit
sollte ihn veranlassen, hier entweder zu schweigen oder ernsthaft zu
studieren. Denn der nachdenkliche Leser muß auf die Frage kommen,
ob denn nicht das über den französischen und englischen Geist Gesagte
am Ende ebenso seicht und ungründlich sei. Die mehrfache
Wiederkehr gleicher Bemerkungen in den verschiedenen Aufsätzen und
Ungeschicklichkeiten wie die, den Deutschen Hugo v. St. Viktor, weil
er in Paris lebte, unter die klassischen Vertreter gallischen Geistes
einzureihen, verstärken den Eindruck, daß wir in diesem Bändchen
mit geistreicher Salonphilosophie und nicht mit ernsthafter geistiger
Arbeit zu tun haben. Und das ist schade. Denn manche treffliche
Beobachtungen z. B. die S. 137, daß die Grausamkeit des Krieges
gegen Deutschland eben in seiner pazifistischen Ideologie ihren Grund
habe, kommen so um ihre Wirkung.

Göttingen. E. Hirsch.

Huber, Prof. Dr. jur. Max: Staatenpolitik und Evangelium.

Zürich: Schultheß & Co. 1923. (36 S.) 8°. Fr. 1.20.

Ich würde diese gutgemeinte Schrift eines redlichen und achtungs-
werten Mannes überhaupt nicht anzeigen, wenn nicht meine Mitteilung,
daß sie bedeutungslos sei, den über die Frage des Titels Nachdenkenden
u.U. Zeit und Kosten ersparen könnte.

Göttingen. E. Hirsch.

Wunderle, Prof. D. Dr. G.: Einführung in die moderne Religionspsychologie
. Kempten : J. Kösel & Fr. Pustet 1922. (140 S.)
kl. 8° = Sammlung Kösel Bd. 96. Gz. 1.65.

Seiner in Nr. 3 dieses Jahrgangs angezeigten Arbeit
hat W. die vorliegende als ergänzende Behandlung der
Methodenfragen folgen lassen. Sie soll nach dem Vorwort
die Aufgaben und Methoden der religionspsychologischen
Untersuchung ins rechte Licht stellen. So bietet
diese Arbeit vom römisch-katholischen Standpunkt aus
ein volles Gegenstück zu meiner eigenen kleinen Schrift
über „Die Methoden der religionspsychologischen Arbeit
" (Heft 22 des Abderhaldenschen Methodenwerkes,
Berlin 1921).

Auch für den evangelischen Theologen sind aber die
Darlegungen W.'s höchst lehrreich und daher sehr beachtenswert
. Sie fördern die Probleme der religionspsy-»
chologischen Methodik in wirksamster Weise. Allerdings
, wie mir scheint, so, daß sie letzten Endes die von
W. selbst vertretene übergreifende Position in immanenter
Kritik widerlegen.

W. will die religionspsychologische Arbeit auf empirische
Psychologie des religiösen Lebens beschränkt
wissen. Er berührt sich also in dieser Beziehung aufs
engste mit der Betrachtungsweise der Vorbrodt, Stählin,
Girgensohn. überaus lehrreich ist nun aber, daß der
Grund für diese Stellungnahme W.'s seine theologischdogmatische
Gebundenheit ist. Das ist für das geschärfte
Auge fast überall erkennbar. Gelegentlich wird es aber
auch ganz offen ausgesprochen. So heißt es S. 47, die
Religionspsychologie im Sinne eines Schleiermacher Würde
die ganze katholische Auffassung vom Verhältnis
zwischen Glaubensinhalt und Leben umstürzen; rechtmäßig
könne die Religionspsychologie ihrem Begriffe
nach nie einen Einfluß auf die Gestaltung oder Formulierung
von Glaubenssätzen gewinnen. Und die Begründung
für dieses Urteil lautet dann wörtlich: „Wer sie
(die religionspsychologische Arbeit) trotzdem dazu gebrauchen
will, verfällt dem vom kirchlichen Lehramt mit
Recht verurteilten ,Modernismus', für den — wie für
Schleiermacher — das religiöse Erleben primär und die
durch das Denken geschehende Darstellung oder Formulierung
des Erlebens bloß sekundär ist." Dazu nehme
man etwa noch die Bemerkung S. 39, bei gegenteiliger
Auffassung würde niemand zur Religion „verpflichtet"
werden können. Ja, verehrter Herr Kollege von der
Schwester-Fakultät, so ist es in der Tat; dies ist recht
eigentlich das hic Rhodus, hic salta der ganzen Streitfrage
zwischen uns. Auf evangelischem Boden aber liegt
die entsprechende Schwierigkeit darin, wie bei Festhaltung
des Ansatzes Luthers irgendwelche „Normen"
und „normative" Kriterien anders als durch religionspsychologische
Besinnung hindurch gewonnen werde
können. Es ist eben letztlich die Linie Luther—Kant-
Schleiermacher—Ritsehl, um die es geht. Ritsehl selbst
aber hat Schleiermacher viel zu sehr zurückgedrängt;
daher denn seine „Werturteile" vielfach willkürlich sind
und in der Luft schweben. Es ist also eine neue Synthese
Schleiermacher—Ritsehl, die uns nottut und die der Natur
der Sache zufolge nur auf religionspsychologischem
Wege zu gewinnen ist. Gerade dafür hat aber auch
James trotz all' seiner pragmatistischen und spiritistischen
Eigensinnigkeiten bedeutsame Vorarbeit geleistet,
mag nun eine direkte geschichtliche Verbindung, die
W. für unerweisbar hält, historisch aufzuzeigen sein
oder nicht. Sachlich besteht sie jedenfalls. Und mehr
habe ich nie behauptet.

In der Polemik gegen die von mir geforderte Methode
des religionspsychologischen Zirkels läßt W. zwei
entscheidende Momente unbeachtet: 1., daß diese Methode
ganz und gar auf die Erhebung des Sinngehaltes als
des O b j e k t - Gehaltes der religiösen Erfahrung eingestellt
ist; und 2. daß sie sich für diesen Zweck keineswegs
auf die individuelle Einzelerfahrung beschränkt,
sondern zum Ausgleich grundsätzlich die Geschichte
des religiösen Lebens heranzieht, also gerade auch die
„Heilsgeschichte" der biblischen „Offenbarung" zu ihrem
vollen Recht kommen läßt.

Auch die in der eigenen Gedankenführung W.'s
hervortretenden Widersprüche zeugen gegen seine Gesamtbetrachtung
. Schon die Einleitung hebt nachdrücklichst
hervor, von der inneren Teilnahme hänge hier
unvergleich mehr ab, als es bei anderen Wissensgebieten
— von den Naturwissenschaften ganz zu schweigen —
der Fall sei. Sehr recht: die Aufgabe ist eben in ihrem
Kern nicht mittels empirischer Psychologie, sondern nur
mittels produktiver Einfühlung zu behandeln.
Das zeigt auch W.'s Auseinandersetzung mit Girgensohn
, dessen scheinbar rein im Sinne empirischer Psychologie
(Stoppuhr!) vorgehendes Verfahren in Wirklichkeit
gerade an den entscheidenden Punkten gleichfalls
auf produktive Einfühlung angewiesen ist.

Wir werden also aus der Unklarheit und Vieldeutigkeit
der „religionspsychologischen" Terminologie nur
herauskommen, wenn wir Ernst damit machen, daß im
engeren und eigentlichen Sinne religionspsychologisch
erst ein solches Verfahren genannt zu werden verdient,
das die religiöse Erfahrung in ihrer spezifisch
religiösen Eigenart und folglich auch mit ihrem
spezifisch religiösen Wahrheitsanspruch
zur Voraussetzung hat. Daß die Wahrheitsfrage selbst
damit nicht erledigt ist, bleibt freilich bestehen. Darin