Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1923 Nr. 24

Spalte:

520-521

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rauch, Moriz von

Titel/Untertitel:

Johann Lachmann der Reformator Heilbronns 1923

Rezensent:

Bossert, Gustav

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

519

Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 24.

520

beste Schule; nur mit den Problemen der lateinischen
Bibelübersetzung scheint er (z. B. S. 16) weniger vertraut.

Sogar ein bisher unediertes Literaturstück vermag
Sv. uns vorzulegen, die pseudoorosianische „epistula" mit
Vorschriften über die Behandlung der verschiedenen
Ketzer bei ihrem Eintritt in die Kirche. Der Kommentar,
den er hier dem nicht gerade spannenden Text beifügt,
ist allerdings etwas dünn geblieben; man erfährt nichts
über Art und Zeit der Fälschung, und was ebenso wichtig
wäre, über ihre Beweggründe: die Priszillianiten werden
hier doch nicht zufällig ihre Sonderstellung erhalten
haben. Reichere Ausbeute gewähren auch dem Historiker
, der für Orosius nichts übrig hat, Exkurse wie der
auf S1. 2 über die Entstehung des Ausdrucks anno Domini
und der auf S. 37 ff. „pro = de bei Verba interrogandi
und dicendi". Wer würde hier kostbare Beiträge zur
Vergleichung der Vitae Patrum mit den griechischen
Apophthegmata PP. erwarten?

Das Register der kritisch behandelten Stellen aus
anderen Autoren als Orosius S. 200 f. reicht bei Weitem
nicht aus, um den Gewinn zu veranschaulichen, den der
Freund der Kirchenväter aus Sv.'s Buch einheimsen kann;
der lateinische Irenaeus, auf dessen Sprachcharakter (also
auch Zeit und Geist) nicht nur S. 77 durch gute Erklärung
Lichter fallen, wird z. B. dort gar nicht erwähnt.
Den Anfänger verrät in diesem trefflichen Buch nur das
Register einiger bisher unbeachteter Reminszenzen aus
den Quellen des Orosius auf S. 171 f. Die Parallele zu
Hist. IV Praef. § 7 f., die Sv. in Augustin's Serm. 25,3
aufspürte, ist gewiß interessant; aber liegt eine Benutzung
Augustins durch Oros. hier wirklich nahe?
Wenn zu Ap. 18, 6 die Quelle Phil. 2, 11 einer Anführung
bedurfte: (cui) omnis lingua fateatur, dann doch
auch Jes. 40,5 für die gleiche Zeile mit quem omnis
caro videat. Und zu jedem vas electionis als Bezeichnung
des Paulus Act. 9,15 heranzuholen, darf man den Herausgebern
nicht zumuten: dabei aber noch auf Clau-
dian. Mam. de stat. an. 2,11 sich zu berufen, hätte Sv.
unterlassen sollen, weil es ihn in den falschen Verdacht
bringt, er habe es nötig, seine Seiten mit Überflüssigkeiten
zu füllen. Nein, wenn in Svennungs Orosiana einmal
unnötig ronog öiöorai} so geschieht das, um dem Leser
ob der Fülle der kleinen und großen Schätze das Gefühl
des Behagens nicht entgehen zu lassen.

Marburg. Ad. J ü 1 i c h e r.

Blätter für württembergische Kirchengeschichte im Auftrag des
Vereins für württb. Kirchengeschichte herausgegeben v. Dr. Julius
Rauscher , Stadtpfarrer in Tuttlingen. Neue Folge XXVII.
Jahrgang 1923 Heft 3/4. Stuttgart: Chrn. Scheufeie.

Kolb bringt den Schluß seiner Arbeit „Zur Geschichte
der Disputation" und gibt aus Disputationszetteln
aus der 2. Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts Oppositionen
, welche die theologische Strömung erkennen
lassen. Vom Einfluß des Pietismus ist wenig zu verspüren
, dagegen macht sich die Aufklärung je länger je
mehr bemerkbar, z. B. beiMärklin, dem Vater des Busenfreunds
von Dav. Fr. Strauß. Die Disputationen sind nur
Schulübungen, Fechterstücke des Verstandes; nicht der
Ausdruck theologischer Überzeugung sind die Oppositionen
z. B gegen Trinilät, Kindertaufe, Abendmahl.
Denn sie waren im Widerspruch mit dem Bekenntnis
des Amtes und hätten unfehlbar Amtsentlassung zur
Folge gehabt. Aber fragt Kolb mit Recht: Ist es nicht
eine Entwürdigung, wenn diese Schulübungen an einem
Gegenstand, wie die Kirchenlehre, vorgenommen wurden
? Wie viele würden wohl der Disputation eine bedeutende
Förderung ihrer theologischen Wissenschaft
nachrühmen?

Professor D. Traub, Ephorus des Stifts, teilt mit,
was die Stiftsakten über David Friedrich Strauß bieten
, der in der „Geniepromotion" (1825—30) im Seminar
Blaubeuren wegen mäßiger Begabung für Mathematik
nur den fünften Rang einnahm, aber am Schluß
in Tübingen unbedingt der erste war und all die begabten
Leute, wie P. Pfizer, G. Binder, Wilh. Zimmermann
weit überragte. Traub gibt einige Berichtigungen zu
Theob. Zieglers Straußbiographie und zu Albert Schweizers
Geschichte der Leben-Jesu-Forschung. Strauß war
ein geordneter Stiftler, der nur wegen Zuspätkommen
kleine Ordnungsstrafen erhielt. Wir lernen auch seine
wissenschaftlichen Arbeiten als Student kennen, wie er
denn eine Preisaufgabe der katholischen Fakultät über
die Auferstehung der Toten, die preiswürdig gefunden
wurde, bearbeitete und für eine Predigt den ersten homiletischen
Preis erhielt, aber auch einmal für eine Predigt
getadelt wurde. Das Wichtigste ist seine Tätigkeit als
Repetent, wobei er im Locus von der Person Christi
Äußerungen tat, die sein Kollege Kapff im folgenden
Locus vom Werk Christi berichtigte, dabei aber ausgezeichnete
philosophische Vorlesungen hielt, die ihn jedoch
mit der philosophischen Fakultät in Streit brachten
. Als nun der erste Band des Lebens Jesu erschien,
war die oberste Behörde des Stifts, der Stuttgarter Studienrat
, entsetzt und schickte nach wenigen Tagen einen
sehr strengen Erlaß, der auf Entlassung aus dem Stift
zielte. Sehr wichtig ist das Gutachten des verstärkten
Inspektorats, das einerseits für Strauß günstig lautete und
die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung zu wahren
suchte, andrerseits die Unhaltbarkeit seiner Stellung im
Stift anerkannte. Ebenso beachtenswert ist eine Erklärung
von Straßust, der neben dem Begriff die Vorstellung
nach Hegel, oder die Geschichte, d. h. die
Glaubensanschauung der Gemeinde behandelte und vom
Theologen eine Accommodation an die Gemeindefrömmigkeit
in seinen Vorträgen und im Jugendunterricht
verlangte. Das nächste Heft bringt den Schluß dieser
wertvollen Mitteilungen, die auch über Fr. Th. Vischer
ein Urteil des Blaubeurer Ephorus bringen: „Vischer,
ein kräftiger, derber Bursche, der nun doch von der
Rohheit und vom Abweg der Plumpheit zum Besseren
geleitet worden ist, bereits etwas geworden ist und
noch viel mehr werden kann".

Wilh. Göz veröffentlicht aus den Tagebüchern des
Martin Crusius ein Schreiben des Kurfürsten Christian
II. von Sachsen an den Herzog Friedrich von Württemberg
vom 1. März 1602, in welchem er um endgültige
Überlassung des Ägidius Hunnius an Wittenberg bittet,
und gibt Neues zur Lebensgeschichte des zu früh verstorbenen
Theologen, der in Marburg unter der Feindschaft
des Landgrafen Wilhelm von Hessen schwer zu
leiden hatte und nur immer wieder für ein paar Jahre
an Sachsen geliehen wurde, aber 1597 heimkehren sollte,
um Kanzler der Universität Tübingen zu werden. Wir
sehen, welche Mühe es sich der Kurfürst kosten ließ,
von Hunnius zu behalten, was ihm erst 1602 gelang, als
er dem Herzog Unterstützung in dessen Handel mit dem
Straßburger Domkapitel versprach.

Kolb teilt ein Glückwunschschreiben des Pfarrers
Neuffer von Auenstein an den Herzog Karl vom 16.
Januar 1776 mit, der für seine 11 noch unmündigen Kinder
eine bessere Versorgung auf einer guten Pfarrei zu
erlangen suchte. Die Schmeichelei gegen einen Fürsten
, vor dem lange Jahre kein hübsches Mädchen, auch
keine Beamtentochter sicher war, treibt dem Leser die
Schamröte auf die Wangen.

Stuttgart. G. Bosscrt.

Rauch, Dr. Moriz von: Johann Lachmann der Reformator Heilbronns
. Heilbronn: Carl Rembold 1923. (63 S.) 8° Gz. 1—.

Endlich hat nach den schwäbischen Reformatoren
Alber, Brenz und Schnepf auch der Heilbronner Lachmann
einen Biographen gefunden und zwar an einem
Juristen, der, wie kaum einer, dazu gerüstet war, da er
3 Bände des Heilbronner Urkundenbuchs bearbeitet hat.
Und Lachmann hat eine Darstellung seines Lebens und
seiner Tätigkeit wohl verdient, hat er sich doch als großer
Patriot im Bauernkrieg bewiesen. Seine vom
Ref. wieder veröffentlichten Ermahnungen an die Bauern
zeugen von ebenso viel Mut, wie Besonnenheit. Das Be-