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Ausgabe:

1923 Nr. 24

Spalte:

518-519

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Svennung, Josef

Titel/Untertitel:

Orosiana. Syntaktische semasiologische und kritische Studien zu Orosius 1923

Rezensent:

Jülicher, Adolf

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Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 24.

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scher der Finsternis das erste Menschenpaar in Nachahmung
von Sonne und Mond gebildet (nicht geschlechtlich
erzeugt) hätte, als die ursprünglich dem System
eigene. Die Anspielungen in dem von Calder herausgegebenen
Epitaph des lykaonischen Bischofs Eugeniiis
(Text auch bei Prcuschen, Analecta2 1 149 f.) auf die
von ihm erlittenen Verfolgungen bezieht B. einleuchtend
auf das, was Eus. h. e. IX, 11 über die Politik Maximians
berichtet (gegen Ramsay). Die mehrfach behandelte
, unter Athanasius Namen überlieferte Schrift über
die Jungfräulichkeit will er dem Euagrius Ponticus vindizieren
(?). Der ursprüngliche Druckort der Aufsätze,
die unverändert wiederholt sind, sollte angegeben und
gegenseitige Verweise sollten entsprechend berichtigt
sein; einmal wird auf einen vorangehenden Aufsatz
noch mit dem ursprünglichen Druckort verwiesen (S.
25S). Die Druckfehler sind auch für ein italienisches
Buch ungemein häufig. Inhaltlich bezeugen die Saggi
völlige Vertrautheit des Vf. mit dem Stoff, der kritischen
Methode und der Literatur; man liest sie mit froher Genugtuung
darüber, daß die Wissenschaft noch Gemeingut
der Nationen ist. Besonders viel verdankt der Vf., wie sich
auf seinem Gebiet aus der Lage der Dinge ergibt, der
deutschen Literatur und übt die beste Vergeltung, indem
er sie in seinem Vaterland bekannt macht. Umso peinlicher
berührt eine ganz überflüssige vulgär-chauvinistische
Invektive gegen Troeltsch, die auf gröblicher
Mißdeutung der Vergleichung von Fichtes Staatslehre
mit derjenigen Augustins beruht, welche Tr. im Vorwort
zu seinem Augustinbuch angestellt hat (B. S. 377ff.).
Die Schranken, die dem Vf. seine Eigenschaft als katho-,
lischer Priester zieht, treten bei den von ihm gewählten
Gegenständen nicht hervor; vielleicht ist es nicht zufällig
, daß Themen wie die Anfänge des Episkopats und
des Papsttums, die Urgeschichte des Kanons und der Sakramente
, des apostolischen Symbols und der Christo-
logie nicht berührt werden.

Die von dem Herausgeber vorangestellte Einleitung
zeichnet feinsinnig (wiewohl mit bei uns nicht üblichen
Panegyrismen) den religiös-theologischen Standpunkt
B.'s in der katholischen Krisis der Gegenwart. Er erscheint
als ein Idealkatholizismus von mehr pietistischer
als humanistischer Färbung, der sich an einem entsprechend
spiritualisierten Urchristentum normierend von
dem als rationalistischer Individualismus stigmatisierten
Protestantismus energisch abrückt und von der Weitherzigkeit
und Innerlichkeit einer ihres unantastbaren
Besitzes gewissen und ihrer missionarischen Aufgabe
getreuen Kirche die Entspannung des Gegensatzes
zur modernen Kultur, deren Entgiftung und religiöse
Durchdringung erhofft, ohne sich diese Hoffnung auf
eine innere Selbsterneuerung des Katholizismus durch die
Enttäuschungen mit der empirischen Kirchenleitung zu-
schanden werden zu lassen. Der kritische Modernismus
wird dabei zugleich als ausländisches Gewächs dem religiösen
Verjüngungsprozeß Italiens, des in allen Schwankungen
letztlich unverrückbaren Zentrums europäischer
und christlicher Kultur, dessen große Vergangenheit nur
eine bedeutende Zukunft verbürgen kann, entgegengesetzt
. Der auf dieser religiösen und nationalen Grundlage
ruhende Optimismus und die durch ihn bedingte
elastische Taktik erweisen sich auch in der journalih
stischen Tätigkeit B.'s, die mit einer regen Vortragstätigkeit
neben seiner wissenschaftlichen hergeht. Unermüdlich
ist er bemüht in der Tageszeitung „II Tempo",
später „II mondo" und anderen Organen christliche Gedanken
in der öffentlichen Meinung Italiens zu Gehör zu
bringen, dessen Presse sonst zumeist entweder klerikal
oder antiklerikal ist, — mit welchem Erfolg, entzieht sich
im Ausland der Beurteilung. In den „Voci cristiane"
sind 29 Artikel aus den letzten Jahren ausgewählt.
Bücherbesprechungen überwiegen, daneben erscheinen
populäre kirchengeschichtliche Skizzen (die Oxyrhyn-
chuslogia, Julian, Pelagius, Benedict, Dominicus, Catha-
rina von Siena u. a. Deutsche theologische Leser werden

vielleicht vor anderem die Besprechung von Troeltschs
„Absolutheit des Christentums" oder der charakteristisch
temperierte Nachruf für Duchesne oder die energische
Absage an neue christliche „Internationalen" neben
der allein berufenen Kirche Roms interessieren.

Endlich sei noch auf die unter B.'s geistiger Leitung
erscheinende Sammlung „Scrittori cristiani antichi" hingewiesen
; das Unternehmen dürfte die Kemptener Bibliothek
der Kirchenväter zum Vorbild haben, ist freilich in
engerem Rahmen und bescheidenerer Ausstattung angelegt
. Es bietet altchristliche Schriften in italienischer
Übersetzung, vielfach nur in Auszügen, aber mit gut
unterrichtenden Einleitungen und z. T. mit erklärenden
Anmerkungen. Die früher erschienenen Nummern
enthalten den Diognetbrief von B. selbst, das Martyrium
der Perpetua und Felicitas von G. Sola und den Dialog
des Bardesanes von G. Levi della Vida. Dazu kommen
nun Quellenstücke zum Gnostizismus (wesentlich aus
Irenaeus und Clem. AI.) von B. (über seine jetzt vergriffene
Monographie Lo gnosticismo 1907, vgl. Th.
L. Z. 1907, 580 f.), eine Auswahl aus Hermas und die
armenische tjctdeiiti: des Irenaeus von B.'s Schülern
M. Monachesi und U. Faldati; die letztere mag man
neben den deutschen Übersetzungen von Ter Minassiantz
und Weber nicht ohne Nutzen vergleichen.

Wenn es B. gelingt, seinen Posten zu halten und
Schule zu bilden, so wird der Anteil Italiens an der
wissenschaftlichen Erforschung der Geschichte der alten
Kirche künftig mehr als in den letzten Jahrzehnten in
einem der Bedeutung seiner Denkmäler und Hand-
schriftenschätze entsprechenden Verhältnis stehen. Über
den mit seiner Kirche ringenden Theologen, seine Stellung
und seine Aussichten halten Verständnis für seine
Lage und Sympathie für seine Bestrebungen das Urteil
zurück, das ja selbst nur der Ausdruck eines durch eine
andere geschichtliche Lage bedingten Standpunktes sein
könnte.

Breslau. H. v. Soden.

Svennung, Josef: Orosiana. Syntaktische semasioloKische und
kritische Studien zu Orosius. Inaug.-Diss. Upsala: A.-B. Akadc-
miska Bokhandeln 1922. (XII, 201 S.) gr. 8°.

Die von E. Löfstedt in Lund angeregte Studie eines
jungen schwedischen Philologen verpflichtet den deutschen
Patristiker um so mehr zum Dank, da der Verf.
sie durch den Gebrauch der deutschen Sprache uns bequem
zugänglich gemacht hat, statt sie, wie A. H. Salonius
bei seinen von mir ersehnten Untersuchungen über die
Vitae Patrum, uns grausam zu verschließen. Orosius kann
sich freuen, einen Freund gefunden zu haben, der ihm
mehr leistet als ein Biograph, der seine Seele in den
leisesten Äußerungen seiner Gedankenfügung und seiner
Sprache sucht, und der ihn an zahlreichen Stellen wiedergibt
, was schlechte Überlieferung und vorschnelle Kritik

— auch die von C. Zangemeister fällt unter dies Verdikt

— ihm genommen hatten. Gewiß bleibt auch jetzt noch
manches am Text des Orosius zu verbessern; z. B. Apol.
6,5 p. 611,3 ist der Nomin. pendens universi.. secuturi
st. universis secuturis herzustellen; p. 635, 21 circumsae-
pisti (st. -psisti) zu schreiben, der Wortlaut von 649, 2f.
dem von 648, 22f. anzugleichen; aber die Beurteilung der
Handschriften des Orosius bei Sv. S. 158 ff. verdient so
uneingeschränkte Anerkennung wie alle daraus gezogenen
Folgerungen. Und was Sv. zur Semasiologie, noch
mehr was er zur Syntax des Oros. an allgemeinen Regeln
wie an Einzelerscheinungen, ebenso was er zur
Motivierung des Neuen, z. B. in dem Abschnitt über die
Klauseltechnik des Orosius, vor uns stellt, wird nur selten
Widerspruch zu gewärtigen haben. Dabei ist die
Sauberkeit der Arbeit in jedem Sinn lobend hervorzuheben
; nur mit der Orthographie des Wortes Rhythmus
schlägt sich der Drucker hilflos herum; in den Zahlen
habe ich kaum je einen Fehler gefunden. Die Weite des
Blickes in der spätlateinischen Literatur wie in der modernen
Forschung auf diesen Gebieten zeugt für die