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Ausgabe:

1923 Nr. 2

Spalte:

27-28

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fischer, August

Titel/Untertitel:

Aus der religiösen Reformbewegung in der Türkei 1923

Rezensent:

Horst, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung 1923 Nr. 2.

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Theismus für irrig halten. Seine Ausgänge liegen gewiß
lange vor der Periode von 200 vor bis 200 nach Chriftus
und werden eine nicht abgebrochene Tradition nach
rückwärts in primitive Ein- und Einzelgötter von Stämmen
und Gruppen haben, die ja auch fchon anfangen,
fichtbar zu werden. Aber die Grundkarte eines unglaublich
manichfaltigen, dazu in fich verfchlungenen und verworrenen
Gebildes liegt mit diefem Werke vor, und nicht
nur im allgemeinen, fondern fo, daß mit erftaunlichem
Sonderneiße und hingebender Verfolgung in die Verzweigung
und Veräftelung auch der Verlauf der Entwicklung
ins konkrete Einzelne fichtbar wird.

Marburg. R. Otto.

Farquhar, J. N., M. A., D. Lit., Oxon.-. Modern religious movements

in India. (470 S.) New York, Macmillan Company 1919.
Derfelbe Verfaffer legt hier ein Bild der neuen und
neueften religiöfen Bewegungen Indiens vor, das das
umfaffendfte ihr, was hierüber zu finden ift. Befonders
intereffant find die großen und kleinen Reformbewegungen,
die meift unter dem Einfluffe und in Gegenwirkung gegen
chriftliche Miffion, fich in den religiöfen Gruppen Indiens
hervortun, fowohl unter den Hindus wie unter Parfi's,
Jaina's und Mohammedanern. Diefes Sich-Erneuern-wollen,
diefes Aufeinanderftoßen von Religion auf Religion hat
ein großes dramatifches Moment in fich. Es zeigt einer-
feits, daß den alten Religionen ihre Lebenskraft nicht
gefchwunden ift: befonders Ahmed von Qadia und Svämin
Dayänand, auch Rämakrifchna find ftark lebendige, höchft
eindrückliche Geftalten. Es läßt kommende Dinge ahnen,
die fich heute wohl noch ftärker als in Indien in der
Welt des Islam vorbereiten, und vielleicht nach allem
Weltftreit noch einmal eine Zeit großen religiöfen Stiles,
nämlich Ringens heraufführen werden. Es zeigt aber
ganz ungewollt zugleich die Kraft des Chriftentums.
Denn feinem Angriffe ift es wesentlich doch zu danken,
wenn in Indien in alte und fchlafende Gebilde und Gebeine
neuer Lebenshauch und ein Wille zur Selbftbe-
hauptung dringt. F. verfolgt diefe Regungen hinein bis
in die neu erwachte literarifche Tätigkeit der einzelnen
Gruppen und Sekten, in die neue Kaftenorganifation,
Schul-und Univerfitätsreform, in die neue aggreffive eigene
Miffionsarbeit, die von dort aufgenommen wird und fchon
in die europäifchen Länder übergreift. — Zu den religiöfen
Bewegungen rechnet er auch den neu auffpringen-
den, religiös weithin unterlegten Nationalismus von Jungindien
und fein Hineinwirken in Literatur, nationale Kunft,
Mufik und Dichtung. Befonders in das Gebiet der fozialen
Tätigkeit und ihre neuen Ideale. — Das Buch muß im
größeren Rahmen gefehen werden. Denn was für Indiens
lange fchlafende Religionen gilt, gilt für die großen Religionen
und religiöfen Gruppen des Oftens allgemein.
Und was zunächft wie verworrene Regung ausfieht, beginnt
bereits fich zu ballen und zu formen. Und darin
liegt eine Mahnung an die Theologie. Es ift vorbei mit
dem etwas zu behaglichen fich Zurückziehen auf die
alten, gewohnten Gebiete. Die großen Fremdreligionen
klopfen immer lauter fchon an unfere eigene Tür. Und
wer bislang aus Abneigung gegen .Religionsgefchichte'
unfere Theologie in ihren bisherigen Grenzen feilhalten
wollte, wird vielleicht, wenn er keine anderen Gründe hat,
fich einmal durch die Not der Verteidigung genötigt
fehen, zuzugeben, daß wir als Theologen Grund haben,
uns nach außen umzufehen.

Marburg. R. Otto.

Schulthesa, Friedrich: Die Machtmittel des Islams. (IV, 24 S.)

8°. Zürich, Schulthess & Co. 1922. Fr. 1.60.

Filetier, Prof. Dr. A.: Aus der religiöfen Reformbewegung in der

Türkei. Türlrifche Stimmen verdeutfcht. (Sächf. Forfchungsinftitute

in Leipzig, Forfchungsinft. f. Orientaliftik. Arab.-islam. Abt. Nr. 1.)

(65 S.) gr. 8°. Leipzig, Otto Harraffowitz 1922. Gz. 1.

Das hier im Druck vorliegende Manufkript, das ur-
fprünglich für einen Vortrag ausgearbeitet war, wirft an-
gefichts des .unaufhörlichen Siegeszuges des Islams' die

Frage auf, wie der Islam zu feiner Weltftellung gekommen
fei, welche Kräfte ihm feine Gefchloffenheit gegenüber
den chriftlichen Gruppen gegeben haben und feinen Ex-
panfionsdrang noch heute beftimmen.

Mit Recht werden diefe als wefentlich in der Struktur des Islams
felbft liegend herausgeftellt, indem in einer hiftorifchen Skizze der Krieg
für Allahs Sache und die 5 .Pfeiler' des Islams als Disziplinierungs-
mittel für _das islamifche Solidaritätsbewußtfein aufgewiefen werden.
(Für den Gihdd hätte das noch fchärfer betont werden können). An
diefen klaffifchen Panislamismus (Unterwerfung der Welt) ift der moderne
gereiht (Befreiung der muhammedanifchen Länder von europä-
ifchem Joch und Gründung eines islamifchen Kalifenreiches, Gamaleddin
und Abdulhamid IL), wobei die aktuelle Frage Kalifat und Sultanat
und die Bedeutung Mekkas zur Sprache kommt. Als Machtmittel wird
ferner auch die vulgäre Myftik der Derwifchorden betont. Zu diefen
offenfiven Machtmitteln kommen die heut noch wichtigeren defenfiven,
die beide zufammen .gewiß nicht zu überwinden find, aber ebenfowenig
dazu ausreichen, die beiden panislamifchen Ideen zu verwirklichen'.
Zu diefen Verteidigungsmitteln gehört die von Sch. hierzugezählte ver-
fchiedenartige Propaganda freilich nur zum Teil, in erfter Linie dagegen
der gefamte islamifche Rationalismus mit feiner Frage nach der
Kompatibilität des Islams mit der Kultur (fpez. der okzidentalifchen).
Hier auf dem Boden des Rationalismus läge auch das einzige Einigungsband
, das eine bisweilen angepriefene Verfchmelzung von Chri
ftentum und Islam ermöglichen könnte (allerdings ein bedenkliches IJ.
Andrerfeits leitet Sch. von hier mit Recht die Grundfätze für die Behandlung
des Muhammedanismus ab, wobei er die beiden beftehenden
Meinungen (davon die erfte ablehnend) nebeneinanderftellt: die Forderung
auf ftaatlich beauffichtigten moderniftifchen Religionsunterricht,
um die Zerfetzung im Islam zu fördern, und die Kulturmiffionsthefe
Snouck Hurgronjes.

Einzelne Unebenheiten zu beanftanden, verbietet der
Charakter der Schrift: .denn die Arbeit ift, das macht
fie doppelt wert, die letzte Gabe eines Mannes, der bei
ihrer Niederfchrift nicht ahnte, wie bald fchon der Tod
ihn aus feinem Schaffen abrufen würde.

Für den türktfehen religiöfen Modernismus (die fog.
.religiöfe Reformbewegung in der Türkei'), den Sch. in
feiner kurzen Abhandlung unerwähnt läßt, legt die zu
zweit genannte Veröffentlichung Fifchers in mufterhaft
exakter Überfetzung eine Reihe von z. T. fchwer zugänglichen
Texten vor: 1. die hochbedeutfame, ,zur
Programmfchrift gewordene Abhandlung', .Islamlaschmaq'
von Mehmed Sa ld Plalim Pascha, die Einigungsbaus der
beiden modernifierenden Richtungen, der .Nationaliften'
und der .Islamiften'; 2. Abdülhaqq Hamids Gedicht ,Bir
wä'iza bir mewiza'; 3. 16 Gedichte aus Zia Gök Alps Jeni
Hajat und (Nr. 3 u. i3.).Qyzyl Elma; davon ift das Gedicht
.Meschichat' im Urtext felbft gebracht. Die literarifchen
Zeugniffe, die hier in dankenswertefter Weife allgemein
zugänglich gemacht werden, find fowohl für den Tür-
kologen wie für den Religions- und Kulturhiftoriker von
Intereffe. Ihren letzteren Wert dürfte über kurz oder
lang wohl Fifcher felbft in einer Monographie über die
türkifche Moderne würdigen.

Bonn. F. Hör 11.

Clay, A. t.; Neo Babylonian Letters from Erech. (Yale Oriental
Series. Babylonian Tests vol. III) (26 S., LXXVI plates) 40. New
Häven 1919.

In den Babylonian Texts der Yale Oriental Series
veröffentlicht Clay 200 neubabylonifche Briefe, die wohl
alle aus Erech flammen. Jedenfalls dreht fich ihr Inhalt
faft ausfchließlich um die Verwaltung des E-anna-Tempels
dafelbft. Ihre Zeit läßt fich ziemlich genau datieren, da
mehrfach Könige von Nebukadnezar bis Darius I. teilweife
als Abfender auftreten (Nr. 1—6; HS), teilweife in
ihnen wenigftens erwähnt werden (Nr. 81; 106; 175 h;
192). Die erfteren find natürlich die intereffanteren, wenn
wir z. B. erfahren, wie der große Nebukadnezar fich in
eigener Perfon darum kümmert, daß feine Beamten die
ihnen aufgetragene Arbeit nicht vernachläffigen (Nr. 1)
oder die Auffeher zur Zeit bei ihm eintreffen follen (Nr. 3),
und wie Nabonid feine befchrifteten Stelen in den Tempeln
am richtigen Platze aufzuftellen befiehlt (Nr. 4) oder
anordnet, daß in feinem 15. Regierungsjahre ein Schaltmonat
eingefchoben werden folle (Nr. 115). Aber auch
die anderen Texte bieten genug des Intereffanten.