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Ausgabe:

1923 Nr. 21

Spalte:

453-454

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schulz, Hans

Titel/Untertitel:

Fichte in vertraulichen Briefen seiner Zeitgenossen 1923

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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Seite 1

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453

Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 21.

454

Die „Briefe an Konstant", d.h. die von Fichte Frühjahr 1800
über Philosophie der Maurerei gehaltnen Vorlesungen, die J.K.Ch.
Fischer in Briefform gebracht hat, waren bis vor kurzem nur in
den schwer zugänglichen „Eleusinien des 19. Jahrhunderts" 1802/03
gedruckt. Jetzt sind sie zwiefach neu gedruckt, in den „Maurerischen
Klassikern" von A. v. Reitzenstein, und in der hier anzuzeigenden
Ausgabe.

Flitner gibt den Text der Eleusinien mit ihren Seitenzahlen am
Rande. Seine eigne Arbeit besteht darin, daß er 1. in seiner Einleitung
die Geschichte der Beziehungen Fichte's zum Freimaurerorden aufzuhellen
sucht, 2. die mutmaßlichen Zusätze Fischer's bei seiner Umarbeitung
der Vorlesungen in Briefe durch ausscheidende Klammern
kenntlich zu machen sucht. Betreffs der Beziehungen Fichte's zum
Orden ist gegenüber dem bisher Bekannten nichts Wichtiges neu an
den Tag gekommen. Flitner's wichtigste Quelle sind Feßler's Tagebücher
, deren auf Fichte sich beziehende Stellen jetzt bei Hans Schulz,
Fichte in vertraulichen Briefen seiner Zeitgenossen, Leipzig 1923, bequem
nachzuschlagen sind.

Ob die Einteilung Flitner's in zwei Vorlesungen wirklich richtig
ist? Nach dem Umfang, den eine Vorlesung Fichte's sonst hat, müßte
man auf mindestens drei Vorlesungen schließen. Daraus, daß Feßler
in seinen Tagebüchern nur für die erste und zweite Vorlesung das
Datum (13. IV. u. 27. IV. 1800) angibt, darf doch nicht geschlossen
werden, daß eine dritte (die auf den 11. Mai zu setzen wäre), nicht
stattgefunden hat. Da Festler in seinem Tagebuch die Vorlesung vom
27. IV. ausdrücklich als zweite bezeichnet und in einer Bemerkung zu
einem Briefe Fichte's (Flitner a. O. S. 76) ausdrücklich von einer
dritten Vorlesung spricht, so halte ich die dritte Vorlesung für bewiesen
. Ich würde meinen, daß mit Eleus. II, 35 (Flitner S. 44) die
zweite Vorlesung zu Ende geht; II, 36 begänne dann die dritte; und
Fischer's Verweis auf den achten Brief wäre dann an die Stelle eines
Verweises Fichte's auf die vorhergegangne Vorlesung getreten. Freilich
bleibt auch bei dieser Einteilung die erste Vorlesung noch zu lang.
Ich möchte darum noch eine Anzahl von Stellen mehr einklammern,
als Flitner getan hat; so ist, abgesehen von dem verwässerten Anfang
, Eleus. 1,9 (Flitner S. 10) stark verdorben, und der erste und
zweite Absatz des vierten Briefs [Eleus. I, 31, Flitner S. 16] müssen
ganz als Zusatz Fischer's gelten (das „nun" Flitner S. 17 Z.3 v.o.
verrät den vorhergegangnen Einschub). Auch damit sind die Fragen,
welche die erste Vorlesung der Literarkritik aufgibt, noch nicht erledigt
. Die vielen „Du's" in der ersten Vorlesung kommen wohl alle
auf Fischer's Rechnung.

Die Ausgabe Flitner's hat somit die durch den Text gestellten
Aufgaben noch nicht alle gelöst. Sie ist aber wissenschaftlich brauchbar
, sofern sie das Material unverkürzt darbietet. Ich meine aber, es
müsse der Versuch gemacht werden, das verschollene Manuskript wieder
aufzutreiben.

Als Anhang (S. 63 ff.) druckt Flitner aus der Enzyklopädie der
Freimaurerei einige zwischen Fichte und Feßler gewechselte Schreiben
wieder ab.

Göttingen. E. Hirsch.

Schulz, Hans: Fichte in vertraulichen Briefen seiner Zeitgenossen
. Leipzig: H. Haessel 1923. (XI, 275 S.) gr. 8°

Oz. 6.50; geb. 8—.

H. Schulz, durch philologisch treue Neuherausgaben von Schriften
Fichte's bekannt und verdient, arbeitet an einer Ausgabe von Fichte's
Briefwechsel. Eine Vorfrucht seiner Bemühungen ist das hier anzuzeigende
Buch, eine mühevolle Sammlung von Urteilen und Berichten
über Fichte in Briefen der Zeitgenossen. Es ist geradezu erstaunlich,
wieviel Sch. zusammen bekommen hat. Vollständigkeit ist natürlich
bei einem Buch dieser Art weder möglich noch wünschenswert; über
die Auswahl im einzelnen zu streiten, hat keinen Sinn.

Die Hauptgewinne des Buches sind natürlich biographischer Art.
Fichte in seinen Vorlesungen und Fichte im persönlichen Umgang
werden wunderbar anschaulich. Mancher Zug feiner Herzensgüte und
kindlicher Naivität ist festgehalten; und das Groteske, Komische, das
dem Manne eigen gewesen ist, kommt besonders bei den oberflächlichen
oler unphilosophischen Beobachtern reichlich zur Geltung.
Th'eologeil werden besonders interessieren die Auszüge aus Twesten's
Tagebuch. ' Am wertvollsten ist mir erschienen, was aus Kohl-
rausch's und Oehlenschläger's Erinnerungen wieder abge-
tVuckt ist. All das ist höchst wertvolles Material zu einer Biographie
F[chte's so wie sie Amin sich dachte (S. 254): aber der

Velf. müßte sich nicht scht'uen, auch scheinbar unbedeutende Ereignisse
und Äußerungen zu erzählen; offen und derb war seine Art sich
auszudrücken, er scheute weder das Auffallende noch das Lächerliche,
wenn ihm etwas recht und notwendig erschien; so müßte auch sein
Leben beschrieben werden."

Neben dem Gewinn für die Kenntnis der Persönlichkeit fehlt auch
nicht der für die Kenntnis des Tatsächlichen , wenigstens sofern
Fragen neu gestellt werden. Es wird den meisten überraschend sein,
daß Franz Volkmar Reinhard der eigentliche Anstifter des Vorgehens
gegen Fichte gewesen sein soll (S. 101). Die merkwürdige Nachricht

Kohlrausch's über Vorlesungen mit der Bezeichnung „Anweisung zum
seligen Leben" (S. 101) verstehe ich so, daß Kohlrausch den Titel der
späteren Schrift auf die Vorlesungen, die Fichte seit Jan. 1804 über
die Wissenschaftslehre neu hielt, übertragen hat.

Nur einen Mangel hat das schöne Buch: die Druckorte der mitgeteilten
Stücke sind sehr lückenhaft angegeben.
Göttingen. E. Hirsch.

Schwarz, Prof. D. Dr. Hermann: Das Ungegebene. Eine Reli-
gions- und Wertphilosophie. Tübingen: J.C.B.Mohr 1921. (VII,
291 S.) gr. 8° Gz. 5.60; geb. 9—.

Das Buch von Schwarz erfreut durch seinen ausgesprochen
spekulativen Zuschnitt. Der Verfasser gibt uns
eine Kulturphilosophie, deren Streben dahin geht, bis in
die letzten metaphysischen Tiefen des Kulturgeschehens
vorzudringen und damit zugleich die letzten Grundlagen
des Wirklichen zu erfassen.

Im Untertitel hebt Schw. den religionsphilosophischen
Charakter seiner Darlegungen ausdrücklich hervor.
Diese Religionsphilosophie ist aber nicht eine eindringende
philosophische Analyse und Kritik der wirklich gelebten
geschichtlichen Religion wie sie z. B. Scholz in
seiner Religionsphilosophie zu geben versucht. Ist klare
Erfassung der religionsgeschichtlichen Tatbestände und
darauf aufbauende Beantwortung der Wesensfrage die
Grundbedingung für wirkliche Förderung der spezifisch
religionsphilosophischen Probleme, dann liegt hier ein
Mangel des Buches, sofern es den Anspruch erhebt grade
auch eine Religionsphilosophie zu geben. Ein philosophisches
Denken, das den religiösen Monotheismus
lediglich so ganz von außen d. n. vom Vorstellungsmäßigen
gegen den Pantheismus abzugrenzen weiß, daß
hier das höchste Sein als Einzelwesen unter Einzelwesen
erscheine, und darum einen Plotin unter die Monotheisten
rechnet, und das den für ihn selbst grundlegenden klaren
und strengen Theismus Jesu so vollständig ignorieren
kann, daß die Liebe in der Form allesseinkönnender
Güte, wie sie in uns zum Leben kommt, als seines Lebens
eigentlich bedeutsamer Inhalt genommen wird, ein
solches Denken kann j'a wohl kaum anders, als auch in
seinen letzten religionsphilosophischen Resultaten an
der geschichtlich gelebten Religion ganz eigentlich vorbeireden
, ohne sich darüber Bedenken aufsteigen zu
lassen. Ganz sicher so an der lebendigen Religion vorbeigeredet
aber ist es, wenn Schw. in demjenigen grade
ein Grundirrtum erblickt, eine falsche „Verseinelung",
wovon alle wurzelständige Religion lebt: daß nämlich
ein Letztwirkliches ist und daß wir zu diesem allerrealst
Seienden in einem ganz eigentlichen Beziehungsverhältnis
stehen, in den energischsten Formen der wirklichen
Religion sogar deutlich in ■ dem Beziehungsverhältnis
eines Ich zu- einem vorhandenen Du; Im Gegensatz
hierzu entwickelt Schw. eine Religion von Gott-Ungegeben
, von werdender Göttlichkeit, welche Göttlichkeit
ganz eigentlich vorher nicht vorhanden in unserer
vollendeten Geistigkeit oder in unserm .vollentwickelten
Wertleben als Neuschöpfung hervortritt, darin und
nicht irgendwie daneben ihr Leben habend. Was für die
Religion das „Ewigbleibende" ist, wird ganz in einen
schöpferischen Werdeprozeß hineingenommen; und was
für sie dem Menschlichen jenseitig ist, hat sein wirkliches
Sein, ganz in Bewegung umgesetzt, in der menschlichen
Wertvollendung selbst. Sicher eine Deutung der
Religion, die anderswoher stammt als aus liebender
Versenkung in die menschliche Religionswirklichkeit.

Schw.'s philosophische Deutung der Religion erfolgt
unter maßgebender Wegweisung seiner kulturphilosophischen
Grundgedanken. Diese sind von einer
eigenartigen Abstraktheit. Das Thema der menschlichen
Kulturentwickelung — um eine solche handelt es sich
hier; daß der ganze Gedanke einer Kultur e n t w i c k e-
1 u n g zum Problem werden kann, ist nirgends auch
nur angedeutet — ist das Werden allumfassenden Ganz-
und Einheitslebens. Auf diesem Formalen liegt der
Ton. Wieweit es diesen Charakter allumfassender Einheitslebendigkeit
trägt, daran wird alles gemessen, da-