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Ausgabe:

1923 Nr. 21

Spalte:

449

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Frommel, Otto

Titel/Untertitel:

Präsident Helbing. Ein Beitrag zur Geschichte der evang.-protest. Kirche Badens 1923

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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449

Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 21.

450

sie hinein, ohne daß Millionen von uns es wissen! Um
dies fühl- und greifbar zu machen, ist die Teufels-
Schrift des kathol. Pfarrers Sutter hier erwähnt worden.

Berlin-Lichterfelde. Graf Hoensbroech f-

Hermelink, Prof. D. Dr. Heinrich: Katholizismus und Protestantismus
in der Gegenwart vornehmlich in Deutschland.
Stuttgart-Gotha: Fr. A. Perthes 1923. (IV, 84 S.) 8° Gz. 2—.

Hermelink hat seinen bei der Elgersburger Tagung
des Bundes für Gegenwartschristentum im Oktober 1922
gehaltenen Vortrag, der bereits in den ersten Nummern
der diesjährigen „Christlichen Welt" abgedruckt wurde,
gesondert erscheinen lassen und um Anmerkungen und
Quellenbelege vermehrt. In der Tat verdient es die Arbeit
, weithin bekannt zu werden. Sie birgt sehr viel
Material, das den Meisten unter uns nicht leicht zugänglich
ist, und verwertet es in vornehm-wissenschaftlicher
Form. Hermelink stellt den Katholizismus der Gegenwart
in seinen Strebungen, Zielen und Hoffnungen dar
und beantwortet im Anschluß daran die Frage nach der
durch die neueste Entwicklung des Katholizismus notwendig
gewordenen Neueinstellung des Protestantismus
, als deren Ideal ihm nicht die Betonung „evangelischer
Katholizität", sondern die möglichst stark und
in gegenseitiger Kontrolle so christlich als möglich herausgearbeitete
evangelisch - protestantische Eigenart bei
selbstverständlicher Anerkennung der religiösen Kräfte
und ethisch-sozialen Werte des gegenwärtigen Katholizismus
erscheint. Da Referent diesen Standpunkt für
richtig hält und aus dem referierenden Teil der Arbeit
mancherlei gelernt hat, so glaubt er das Büchlein als
einen guten Wegweiser empfehlen zu dürfen.

GieBen. G. Krüger.

Fromm el, Prof. D. Otto: Präsident Helbing. Ein Beitrag zur
Geschichte d. ev.-protest. Kirche Badens. Heidelberg: Willy Ehrig
1922. (86 S.) 8° = Veröff. d. cv. kirchenhist. Kommission in
Baden. III.

Mit dem Oriffel einfühlenden Verständnisses gezeichnet kommt das
Bild Helbings deutlich heraus, nicht ohne leise Schatten, aber geschützt
vor Verkennung des tiefen seelischen Gehaltes, der sich in
kühlen Formen verbarg. Nicht nur ein aufsteigender Lebenslauf, nicht
nur ein Stück badischer Kirchengeschichte tritt dem Leser entgegen,
sondern auch das Normbild eines Kirchenleiters, wie wir ihn heute
überall ersehnen, wenn er auch die Schwächen an seiner Stärke mit
dem Mangel an allseitiger Anerkennung und damit bezahlen müßte,
daß Lebenstragik auch ihm wie Helbing nicht erspart bliebe.
Marburg. Niebergall.

Bruhn, Priv.-Doz. und Studienrat D. Wilhelm: Einführung in das
philosophische Denken für Anfänger und Alleinlernende.

Leipzig: B.G.Teubner 1923 (IV, 153 S.) 8° Gz. 3.75.

An „Einführungen in die Philosophie" und verwandten
Publikationen fehlt es zur Zeit nicht in der
deutschen Literatur. Einzelne davon erweisen sich freilich
bei genauerer Prüfung ihrem Hauptinhalt und ihrer
Tendenz nach wesentlich als Interpretationen und Apologien
eines ganz bestimmten philosophischen Systems.
Das gilt beispielsweise in besonders starkem Maße von
dem an sich so verdienstreichen, glänzend geschriebenen
Buch F. Paulsens; in viel geringerem Maß, um ein
zweites Exempel anzuführen, von demjenigen W.Windel-
bands; Von dem Verfasser vorliegender Schrift wird indessen
nicht nur von vornherein und bewußt etwas anderes
erstrebt, sondern auch dargeboten. Es handelt
"ich in der Tat, wie schon der Titel zum Ausdruck
pringt, um nichts anderes als einen schlichten Versuch zu
philosophischem Denken anzuleiten und anzuregen
. Dies soll vor allem dadurch erreicht werden, daß
die Bedeutung speziell der erkenntnis-theoretischen Probleme
dargelegt und das Interesse dafür wachgerufen
wird. Ein unzweifelhaft berechtigtes und sinnvolles Vorgehen
. Denn jeder einigermaßen Orientierte weiß — der
Entwicklungsgang der Philosophie bestätigt seinerseits
den Sachverhalt —, daß für die nahe liegenden und gewichtigen
Fragen der Metaphysik gewöhnlich eher auf

spontane Teilnahme und Verständnis zu rechnen ist, als
für die scheinbar ferner liegenden und subtileren der
Erkenntnistheorie. Diese Disziplin, und das heißt, das so
leicht befremdende Reflektieren des Wissens über sich
selbst und seine Grundlagen, macht erfahrungsgemäß
auf Unvorbereitete zunächst den Eindruck des absolut
Müßigen und Zwecklosen. Deshalb zeugt es mindestens
von feinem pädagogischen Takt, wenn Bruhn es sich
in erster Linie angelegen sein läßt, den Wert, ja, die
Unentbehrlichkeit erkenntnistheoretischer Selbstbesinnung
für den Aufbau einer, wissenschaftliche Geltung
beanspruchenden, Welt- und Lebensanschauung aufzuzeigen
. Die Geschichte der Philosophie benutzt er dabei
als ein figurenreiches Bilderbuch, als eine Sammlung
von Paradigmen, woran die vorgetragenen Gedanken
sich bequem veranschaulichen lassen.

Was nun weiter speziell den vom Autor eingeschlagenen
Gang betrifft, so beginnt er mit einer kurzen
Untersuchung über die besondere Aufgabe, die sich die
Philosophie stellt, über den Zweck, den sie verfolgt.
Auf Grund einer Betrachtung, die sich auf Thaies von
Milet einerseits, auf Descartes anderseits richtet, gelangt
er zu dem Ergebnis: sie „ist der denkende Aufbau der
Welt aus dem innerpersönlichen Lebenszusammenhang
mit ihrer Wirklichkeit". Darauf kehrt er sich der Frage
zu, auf welchem Wege die Philosophie ihr Ziel verfolge
, mit andern Worten, der Frage „nach der Methode
des philosophischen Denkens". Die Geschichte der vor-
sokratischen Philosophie als orientierenden Leitfaden
gebrauchend, stellt er verschiedene, dem naiven Bewußtsein
augenscheinlich unmittelbar einleuchtende Ver-
fahrungsweisen fest und übt demzufolge Kritik an dem
„naiven Vertrauen auf die Sinne", dem „naiven Vertrauen
auf das Denken" und demselben „naiven Vertrauen
auf das Schauen". Mit den Sophisten und Sokra-
tes erfolgt dann aber die bekannte „Wendung vom Objekt
zum Subjekt": das von der Philosophie eingeschlagene
Verfahren wird fortan aus einem „naiven" ein
bewußtes und „planmäßiges". Daraus ergibt sich die
Veranlassung des weiteren ein Geschichtsbild von der
Entwicklung des bewußten erkenntnis-theoretischen Rationalismus
in seinen verschiedenen Spielarten sowie des
bewußten erkenntnistheoretischen Empirismus zu zeichnen
. Den Beschluß bildet die Darstellung des, Rationalismus
und Empirismus in sich vereinigenden und überbietenden
, kantischen Kritizismus. Doch ist die Meinung
nicht die, daß es bei letzterem für alle Zeiten bleiben
solle. Vielmehr wird der Zukunft die Aufgabe zugewiesen
, eine Brücke zu schlagen und eine Verbindungslinie
zu ziehen zwischen den Erkenntnissen, die durch
die praktische Vernunft oder, um in der Terminologie des
Buchs zu reden, durch das unmittelbare „Erleben" erschlossen
, und denjenigen, die das Ergebnis der theoretischen
Vernunft sind.

Verfasser ist offenbar viel zu gut orientiert, um
sich nicht selbst zu sagen, daß nicht jede seiner Deutungen
der besprochenen philosophischen Systeme durchweg
und überall rückhaltlose Zustimmung finden wird.
So wohl gelungen seine Darstellung des Kritizismus erscheint
, es gibt bekanntlich sehr verschiedene, sich gegenseitig
bekämpfende Kantinterpretationen. Man wird auch
fragen können, ob nicht die gegebene Charakteristik
des von Heraklit beliebten Verfahrens etwas einseitig
und „modern" ist. Und dazu gleich noch eines: Obwohl
ich der Kritik, die an dem naiven Vertrauen auf die
„Schau" geübt wird, gern beipflichte, vermag ich doch
ein leises Bedenken nicht zu unterdrücken gegenüber der
von Bruhn vollzogenen Gleichsetzung des Begriffs „unmittelbares
Erleben" und des Begriffs einer Abart der
„Schau", — einer Gleichsetzung, die allerdings sich auf
illustre Vorbilder berufen kann. Das alles hindert jedoch
nicht, daß das vorliegende Buch seinen Zweck, „Anfänger
und Alleinlernende" in das philosophische Denken
einzuführen durchaus erfüllt, zumal es in klarer
und verständlicher Sprache geschrieben ist und sich