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Ausgabe:

1923 Nr. 21

Spalte:

445

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fendt, Leonhard

Titel/Untertitel:

Der lutherische Gottesdienst des 16. Jahrhunderts 1923

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Seite 1

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Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 21. 446

keit Zwingiis entfalten sollte, folgt ein Bild der Entwicklung
Zwingiis in seiner vorreformatorischen Wirksamkeit
, worauf die Reformation in Zürich selber in ihren
wichtigsten Ereignissen erzählt wird; die Schilderung der
Entstehung, wie der Entfaltung, aber auch der Bekämpfung
der Widerstände, welche sehr frühe schon
Zwingiis Lebenswerk in seiner eigentümlichen Art, wie
auch in seiner Entwicklung nach innen und außen schon
bedroht haben, schließt sich als 4. Abschnitt hieran an; den
Schluß bildet dann eine das Ergebnis zusammenfassende
Abhandlung über die Wirkung und Bedeutung Zwingiis
überhaupt.

Im Einzelnen möchte ich zu dem Büchlein, das ich mit größtem
Interesse gelesen habe und das mir eine wirkliche Freude bereitet hat,
nur folgendes bemerken:

1. Zu S.23 Z. 14 v.oben: Daß Köhler seine These von dem Aufenthalt
Zwingiis in Paris nicht mehr festhält, ist nur zu loben, sie
ist mit Bullinger I. S. 427 f. schlechterdings nicht vereinbar. Von
einem Aufenthalt Zwingiis in Tübingen kann kaum die Rede sein, da
in der Matrikel Zwingiis Name nicht zu finden ist.

2. Zu S.32, Z. 12f. v. unten: Dem Satz, daß bei der Kaiserwahl in
1519 Zwingiis Sympathie dem Habshurger gehört habe, ist doch gegen
Bullinger I. S. 25, eine Äußerung, die auch Stähelin I. S. 141 aufgenommen
hat, nicht haltbar.

3. Das Verhältnis Zwingiis zur Philosophie möchte doch anders,
als bei Köhler gefaßt werden. Ich erlaube mir hierzu auf meine
Theologie Zwingiis Bd. II, S. 686ff. und 706ff. zu verweisen, wo ich
der Sache doch gründlich nachgeforscht zu haben meine, aber auch auf
Paul Wcrnle's Zwingli (Der evang. Glaube nach den Hauptschriften
der Reformatoren II.) S. 246 ff. bes. S.304L

Cannstatt. August B a u r.

Fendt, Dr. theol. Leonhard: Der lutherische Gottesdienst des

16. Jahrhunderts. Sein Werden und sein Wachsen. München:
Ernst Reinhardt 1623. (VII, 386 S.) 8° = Aus der Welt christl.
Frömmigkeit. Gz. 5—, geb. 6—.

Durch ihren Reichtum an kultisch liturgischen Gesichtspunkten
und durch manche auf die Gegenwart gerichtete Bemerkung eignet
sich diese Schrift zu einer Orientierung in den heutigen kultischen
Fragen. Nicht nur dieser Reichtum an Geist hebt sie weit über die
oft andersartigen kultgeschichtlichen Arbeiten heraus, sondern vor
allem auch die Kongenialität des früheren Seminarpräfekten mit dem
Urheber der ganzen Bewegung. Es erfrischt und es ergreift, wenn
man an seinen immer neuen eigenpersönlichen Wendungen spürt, welche
Entdeckung und Umwälzung für ihn Luthers Taten und Gaben bedeuten
, die für uns so oft im Grabe der Begriffe und Lehren verborgen
bleiben. Im Gegensatz zu der für Luther und für ihn bis dahin
gültigen kultischen Ordnung handelt es sich im Gottesdienst um den
Ausdruck der Besitzerfreude und um den Ersatz von Sachen (besser:
Dingen) durch Verheißung und Glauben; damit wird auf die urchristliche
Weise zurückgegriffen, die sich freilich in heidnischen und
jüdischen Formen in die Welt hinein ausschwang. Gegen sie prallte
nun zum zweiten Mal der urchristliche Gedanke an: wie einst gegen
die Antike so nun gegen den Katholizismus. Aus den Sachen, der
Wandlung und dem Opfer, wurde nun Gebet, Predigt des Evangeliums,
Loben und Danken. So schwang sich nicht etwa die Individualität des
Einzelpriesters, aber die klassische urchristliche Frömmigkeit aus.
Freilich bediente sich aus verschiedenen Gründen der ev. Geist katholischer
Mittel. Oanz ausführlich bespricht F. diese Seite der Sache,
klar beurteilt er sie als eine Auswirkung der Freiheit des Reformators
, der sich besonders aus seelsorgerlichen Motiven des alten
Hausrates bediente, um ihn mit der neuen Seele zu füllen. Darm
liegt nun für ihn auch schon der Umschwung nach der Epigonenzeit.
Aus der Besitzerfreude wurde Erziehungswerk. Das geschah im
Zusammenhang mit der Rückwandlung des Wortes in das Sakrament,
des Glaubens im Sinn des Trauens in den Paragraphenglauben, des
Ausdrucks der Frömmigkeit in ihren Gegenstand.

Eingehend schildert F. die weitere Entwicklung. Er druckt eine
große Anzahl von Ordnungen aus allen Gegenden und Jahrzehnten
ab, die alle Abstufungen zwischen Pracht und Einfachheit aufweisen.
Nun entsteht die Subtraktionskirche des Interims, also die katholische
Kirche ohne die" Mißbräuche. Anstatt als Ausdruck der Herzensstimmung
und in ev. Freiheit werden nun die Zeremonien als Verpflichtung
gegen Gott angesehn und vollzogen. Nur selten tut sich
die Seelensprache des luth. Gottesdienstes an ein paar Takten auf.
Hier schließt F.'s Darstellung, nicht ohne allgemeine Winke für die
Gegenwart. Stand Luther mitten inne zwischen liturgischem Expressionismus
und Naturalismus, weil er zugleich die Besitzerfreude in
Freiheit ausdrücken und gegen traditionslose Neuerung das seelsorgerliche
Interesse am Alten vertrat, so stecken wir heute stark im lit.
Naturalismus. Das mag gegen alle Sakramentsmagie, alles falsche
Hochkirchentum und alle Numinosen-Mystik gesagt sein.

Stimmen wir hierin mit dem Verf. überein, so empfinden wir im
Ganzen etwas anders. Fühlt er sich wie einst sein jetziger Meister
zu Hause in einem Meßgottesdienst ohne Kanon, so berührt uns
dieser als eine fremde Welt. Was für ihn Freiheit an Luther ist,
bedeutet für uns nicht mehr verbindliche Pietät und Rücksicht. Wir
suchen neue Formen. Wir warten darauf, daß der Schwung Luthers
über Luther hinausführe.

Marburg. Nieberg all.

Köhler, Walther. Huldreich Zwingli. Leipzig: H. Haessel 1923.
(64 S.) kl. 8° = Die Schweiz im deutschen Geistesleben. 9. Bdch

Gz. 2—; geb. 2.70.

Der seit seiner Berufung als Nachfolger von Emil
Egli in Zürich in der Zwingliforschung und -Darstellung
unermüdliche Kirchenhistoriker bietet hier einem größeren
Publikum in der Schweiz und in Deutschland eine
Darstcllung des Lebens, des Wirkens und der religiös-
historischen Bedeutung Zwingiis, die in ihrer Gedrängtheit
und Kürze sich ebenso durch den Reichtum des
Stoffes, wie durch Klarheit und Wohlverständlichkeit der
Sprache und durch Unbefangenheit, Gründlichkeit und
Tiefe des Urteils auszeichnet und darum jedem, der eine
verständnisvolle Würdigung Zwingiis für die Geschichte
der deutschen Reformation, wie in ihrer Nachwirkung
für die Entwicklung in seiner engeren Heimat für das
ganze Gebiet derselben auch über die Schweiz hinaus anstrebt
, nur aufs angelegentlichste empfohlen werden
kann. Der Einleitung, welche eine zwar sehr gedrängte,
aber in dieser straffen Zusammenfassung sehr lehrreiche
Schilderung der Verhältnisse in dem Teil der
Schweiz bietet, wo sich dann die Tätigkeit und Wirksam-

Pfülf, Otto, S. J.: Die Anfänge der deutschen Provinz der
neu erstandenen Gesellschaft Jesu und ihr Wirken in der
Schweiz 1805—1847. Freiburg, Br.: Herder & Co. 1922. (VIII,
522 S.) 8° Gz. 23—.

Das unhandliche Buch (522 S. klein Oktav!) enthält viele interessante
Einzelheiten über die Zeit zwischen Aufhebung des Jesuitenordens
(1773) und seiner Wiederherstellung (1814), besonders über
seine Festsetzung und Tätigkeit in der Schweiz bis zum Jahre 1847.
Die Einzelheiten scheinen meistens den Ordensarchiven entnommen
zu sein (nur ein einziges Mal, S. 32, wird ein Ordensarchiv als
„Quelle" genannt!). Eine Nachprüfung der Mitteilungen ist also
meistens unmöglich. Und doch wäre sie gerade bei diesem
Verfasser sehr nötig. Denn Pfülf S. J. gehört mit seinen Ordensbrüdern
Duhr S. J. und Reichmann S. J. zu den bedenkenlosesten jesuitischen
Geschichtsverfälschern (und das sagt viel), wie ich das in meinem
Werke: „14 Jahre Jesuit" 2, 437; in der „Zeitschrift für
Kirchengeschichte" 1916, 477 ff. und im 2. Heft (S. 44)
meiner Schriftenreihe: „Zum Wesen und zur Oeschichte des
Jesuitenordens" nachgewiesen habe. Mit einer derben Fälschung
eröffnet Pfülf S.J. sein Buch: Klemens XiV. habe „nach langem
Sträuben das Bollwerk der Kirche (den Jesuitenorden) den Feinden geopfert
, in einem Breve, das im Verwaltungswege (!!) die Aufhebung
des Ordens verfügte" (5). Jedes Wort ist hier einfache Unwahrheit.
Denn das Breve Klemens XIV. ist die schärfste, überlegteste und wohl
begründetste Anklage- und Verwerfungsschrift, die sich denken läßt.
Fälschung ist die Behauptung (100), Rußland habe 1820 die Jesuiten
„ohne greifbare Veranlassung" ausgewiesen. Denn es steht fest, daß,
wie in allen Ländern, so auch in Rußland, die Regierung schließlich
zur Ausweisung schreiten mußte, weil die Jesuiten sich gegen staatliche
Verordnungen auflehnten. Solche Auflehnung gibt übrigens Pfülf
S. J. selbst auch für die Schweiz zu (89), wo — echt jesuitisch —
fast nur Ausländer, Belgier, Franzosen, Italiener, als Ordensoberc
tätig waren. Fälschung ist, Ludwig I. von Baiern als Freund der
Jesuiten hinzustellen (139 f.). Die schließ Ii che Stellung des
Königs zum Orden — und die ist entscheidend — war scharf ablehnend.
Grobe Fälschung ist Pfülfs Darstellung der Auffassung Pius' VI., des
Nachfolgers Klemens'XIV., über den Jesuitenorden (6). Er hat die Aufhebung
nie „beklagt"; im Gegenteil, er hat sie gutgeheißen (Theiner,
Geschichte des Pontifikats Klemens'XIV. 2,505). Daß die bei jesuitischen
Schriften unvermeidlichen Prahlereien auch vorliegendes Buch
durchziehen, ist selbstverständlich. Dankenswert ist, daß Pfülf S. J. an
zwei Stellen (141. 143) das Geständnis entschlüpft, welch heimliche
Wege die Jesuiten gehen, um zu ihren Zielen zu gelangen. Wie alle
„deutsch" geschriebenen Bücher „deutscher" Jesuiten ist auch das
Pfülf'sche Buch ein Muster schlechten Stiles. Aber ich wiederhole, es
ist voll lehrreicher Einzelheiten, die man besonders in der
Schweiz, wo die Jesuitenfreunde die Ausmerzung des Jesuitenartikels
(S 151) aus der schweizer Verfassung betreiben, gut beachten sollte.
Berlin-Lichterfelde. Graf Hoensbroechf