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Ausgabe:

1923 Nr. 21

Spalte:

441

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dold, Alban

Titel/Untertitel:

Die Konstanzer Ritualientexte in ihrer Entwicklung von 1482-1721 1923

Rezensent:

Smend, Julius

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441

Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 21.

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Sammlungen, Bußbücher, Beichtsummen (Summae confessorum sive de
casibus conscientiae), moraltheologische Summen, Schriften der Kirchenväter
und -lehrer, Outachten der theologischen Fakultäten u.a.
und behandelt auf dieser Grundlage Fragen der ärztlichen Ethik, der
Biologie, Pathologie, Therapie, Volksmedizin, Hygiene, Physiologie
und Pathologie des Geschlechtslebens. Wichtig sind die kritischen
Einzeluntersuchungen über die Wertschätzung der Heilkunde und des
Arztes (eheliche Abkunft des Arztes, Vereidigung), die Pflichten des
Patienten gegen den Arzt und gegen sich selbst, Priesterstand und
ärztliche Berufsbetätigung (Verbot für geweihte Geistliche die Medizin
und Chirurgie auszuüben; Verbot der Behandlung von Christen durch
jüdische Arzte), das ärztliche Honorar (Pflicht der freien Behandlung
der Armen; Verbot des Verkaufes von „geistigen Medizinen" d. h.
von Gnadenmitteln der Kirche; Berechtigung der entgeltlichen Behandlung
der Heilbaren und Unheilbaren soweit sie bemittelt sind),
die Verantwortlichkeit des Arztes bei einem Mißerfolg, Pflichten des
Pflegepersonals, die Frage, wie weit der Arzt, wenn er das Ende
für bevorstehend hält, zur Aufklärung des Patienten über seinen Zustand
verpflichtet ist (Pflicht des Arztes den Patienten zur Beichte
anzuhalten: Erlaß Innocenz III. auf dem 4. Laterankonzil; früher schon
durch die Synode von Nantes). In allen diesen Erörterungen mittelalterlicher
Theologie ist der „Vergleich der Krankheit mit der Sünde
und die Anwendung der theologischen Autoritäten und der theologischen
Lehren über die kranke Seele auf den kranken Körper"
nachweisbar. Im Kern unterscheiden sich diese stark pedantischen
Ansichten — bei aller theologischen Begründung und Betonung —
nicht wesentlich von dem, was das bürgerliche Recht gelehrt hat.

Als Ganzes ist dieses Buch auch eine ertragreiche und lebendige
Auseinandersetzung über die geschichtlich so bedeutsame Gegenüberstellung
der zwei Standesgruppen und geistigen Lebenskreisc: Priester
und Arzt, Heilkunst der Seele und Heilkunst des Leibes, Gottesverehrung
und Medizin. Ich habe an anderer Stelle darauf hingewiesen
wie z. B. dieses Problem ganz besonders einen der größten
Arzte und Naturforscher noch in der beginnenden Neuzeit, Theophrast
von Hohenheim, genannt Paracelsus, erfüllte und zu einer beträchtlichen
Zahl von (heute zum Teil noch ungedruckter) ärztlich-ethischen
und theologischen Traktaten Anlaß bot.
Wien. Franz Strunz.

Dold, P. Alban: Die Konstanzer Ritualientexte in ihrer Entwicklung
von 1482—1721. Mit 8 Abb., 1 Karte und 2 farbigen
Wappentafeln. Münster i.W.: Aschendorff 1923. (XXXII, 184 S.)
gr. 8° = Liturgiegeschichtl. Quellen. Heft 5/6.
Das ehemalige Bistum Konstanz hat eine bedeutsame liturgische
Vergangenheit; Spuren davon finden sich noch heute in der Schweiz
und in Schwaben. Handschriftlich ist nichts aus vorreform. Zeit erhalten
. Die ältesten Ritualbücher (1482—1570) gehen durchweg auf
Bischof Otto IV. zurück; es folgen wesentliche Umgestaltungen
(1597—1721), zuletzt Verschmelzung mit dem Rit.Rom. von 1614
(1766—1781). Dolds Arbeit bezieht sich nur auf die beiden ersten
Gruppen. Interessant ist die unumgängliche Verwendung der deutschen
Sprache in den Exhortationen bei Taufe (seit 1502), Kranken-Abendmahl
und letzter Ölung (1597), Eheschließung (dsgl.) Die Ordnung
von 1597 empfiehlt da, wo es Sitte, eine Leichenrede — über die
vier letzten Dinge oder das Elend des menschlichen Lebens. Unter
den Einzelheiten fesseln u. a. die Johannes- und Stephanuswein-Weihe,
Brotweihe am Agathafest, Feuer- und Heilkräuterweihe, Wettersegen,
Weihe von Schinken, Speck, Rauchfleisch, Eiern und Käse. — Das
Werk ist mit seiner vorzüglichen Wiedergabe der Druck- und Notenbeispiele
, der Initialen, Wappen, Titelholzschnitte usw. ein glänzender
Beweis für die unverwüstliche Finanzkraft der kath. Wissenschaft
und ihrer deutschen Verlagshäuser.

Münster i.W. J. Smend.

Grabmann, Martin: Neu aufgefundene lateinische Werke
deutscher Mystiker. München: G. Franz 1922 (68 S.) 8°. Sitz.
Ber. d. Bay. Akad. d Wissenschaften. Philos.-philol. u. hist. KI
1921,3.

Es gibt kaum ein Forschungsgebiet, das bei aller
Fülle des Quellenmaterials so dunkel und schwer zugänglich
wäre wie das der mittelalterlichen Philosophie,
Theologie und Mystik. Nur Gelehrte, die die allermeist
ungedruckte, in unzähligen Hss. verstreute, oft anonyme
oder mit falschen oder irreführenden Verfasserangaben
versehene Literatur beherrschen und überblicken, sind imstande
hier sichere Grundlagen zu liefern, Gemeinsamkeiten
und Verschiedenheiten, Zusammenhänge, Abhängigkeiten
und bewußte Abweichungen, Gruppen und
Richtungen festzustellen. Denifle gehörte zu ihnen, und
Grabmann ist den Weg, den jener mit seiner Auffindung
des Opus tripartitum Meister Eckharts betreten hatte, erfolgreich
weitergegangen. Es ist ihm geglückt, von dem
Straßburger Dominikanerlesemeister Joh. von Sterngassen
, von dem bisher nur deutsche Predigtfragmente und
Sprüche bekannt waren, einen Sentenzenkommentar zu
entdecken. Eine Hs. der Wiener Ftofbibl., enthaltend den
Sentenzenkommentar des aus der kirchenpolitischen Traktatenliteratur
zur Zeit Bonifaz. VIII. bekannten Dominikaners
Joh.Quidort von Paris, in dessen (gleichzeitigen)
Randnotizen außer anderen ältesten Schülern des Thomas
von Aquino auch Joh. von St. zitiert wird, wies ihm den
Weg. Er fand darauf den Kommentar des Joh. von St.
selbst in einer Hs. der Stiftsbibl. von Lilienfeld; die
Wiener Textfragmente ergaben sich als organische Bestandteile
des Lilienfelder Kommentars. Dazu kam eine
2. Hs. im Vatikan. Gr. weist aus der Wiener Hs. noch ein
anderes Werk des Joh. von St. nach, eine Quaestio über
die Verschiedenheit der Engel, die vielleicht einmal als
Bestandteil anonymer Quaestiones quodlibetanae zum
Vorschein kommt. Ferner hat Gr. von dem Kölner
Dominikanerprediger Gerhard von Sterngassen, von dem
bisher nur eine am Antoniustage im Kölner Antoniuskloster
gehaltene Predigt bekannt war, in zwei Trierer
und einer Münchner Hs. eine Medela animae languentis
gefunden, die zur Literaturgattung der Summae de virtu-
tibus et vitiis gehört und deren Bedeutung darin besteht,
daß wir hier eine systematische Darstellung der Themata
vor uns haben, über die vor allem die praktisch gerichteten
Mystiker gepredigt haben. Endlich hat Gr. von Niko-i
laus von Straßburg, dessen volkstümliche Predigten an
Berthold von Regensburg gemahnen und der in dem
1326 von dem Kölner Erzbischof gegen Meister Eckhart
angestrengten Prozeß den Ordensgenossen verteidigt
hat, (auf ähnlichen Umwegen wie im 1. Falle) in einer
vatikanischen Hs. eine großangelegte philosophische
Summa entdeckt.

Infolge dieser Funde Gr.s muß sich unser Urteil
über die drei deutschen Mystiker ähnlich gründlich ändern
wie nach Denifle's Funden unsere Beurteilung
Meister Eckharts. Die drei Mystiker und Prediger erhalten
auch einen Platz in der Geschichte der deutschen
Scholastik. Ueberraschend ist die starke Abhängigkeit
von Thomas von Aquino und das Fehlen des (Meister
Eckhart charakteristischen) neuplatonischen Einschlags.
Gr. unterscheidet bei den deutschen Dominikanerscholastikern
des endenden 13. und frühen 14. Jahrhunderts
zwei Richtungen, eine neuplatonische (Albert d. Gr.,
Ulrich von Straßburg, Dietrich von Freiberg), aus der die
deutsche Mystik Meister Eckharts hervorgegangen ist
(die wiederum auf Nikolaus von Cues eingewirkt hat),
und eine entschieden thomistische, der u. a. die 3 besprochenen
„deutschen Mystiker" mit ihren neu aufgefundenen
lateinischen Schriften angehören.

Zwickau i.Sa. O. Clemen.

Merker, Prof. Paul: Der Verfasser des Eccius dedolatus und
anderer Reformationsdialoge. Mit einem Beitrag zur Verfasser-
fragc der Epistolae obscurorum virorum. Halle a. S.: Max Niemeyer
1923. (XV, 314 S.) gr. 8° = Sachs. Forschungsinstitute
in Leipzig. Forschungsinst. f. neuere Philologie. II. Neugerm.
Abt. Heft 1. Oz. 10—.

M. sucht zu beweisen, daß die beiden gegen Murner gerichteten
Satiren DefensioChristianorum de cruce und Mur-
narus Leviathan (nebst Auctio Lutheromastigum), ferner
die Satiren gegen Eck Eccius dedolatus, Decoctio, Eckius
monachus, ferner die unter dem Pseudonym S. Abyde-
nus Corallus Germ, ausgegangenen Dialogi septem
festive candidi und Oratio ad Carolum maximum Augu-
stum et Germaniae prineipes pro Hutteno et Luthero,
endlich auch z.T. die Dunkelmännerbriefe von Nikolaus
Gerbel in Straßburg verfaßt seien. Darüber
hinaus vermutet er auch noch die Autorschaft Gerbeis
an mehreren andern lateinischen Satiren (an 1. Stelle
dem Julius dialogus) und vielleicht auch noch einer oder
der anderen deutschen. Das Buch ist mit Fleiß und
Sorgfalt, wenn auch nicht immer genügender Literatur-