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Ausgabe:

1923

Spalte:

429-430

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cardauns, Hermann

Titel/Untertitel:

Karl Trimborn. Nach seinen Briefen und Tagebüchern 1923

Rezensent:

Mulert, Hermann

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12!»

Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 20.

430

da Staehelin nur eine „von Gott ausgehende Krisis"
gelten läßt. Hier wäre eine historische Einstellung
gegenüber der dogmatischen wohl fruchtbarer und auch
gerechter geworden. —

Hierzulande ist gegenwärtig die Jesuitenfrage brennend
, man fürchtet die bei der bevorstehenden Revision
der Bundesverfassung drohende Aufhebung ihres Jesuitenparagraphen
. Da ist das aus einer Vorlesung erwachsene
Buch von Staehelin sehr willkommen. Gerade
weil es eine streng historische Arbeit ist und keine
politische Tagesbroschüre. Es wird die Geschichte des
Jesuitenordens innerhalb der Schweiz und die Wirksamkeit
einzelner schweizerischer Jesuiten vorgeführt, auch
die Stellungnahme des schweizerischen Altprotestantismus
. Im Wesentlichen abschließend (einzelne Ergänzungen
gab C. A. Bernoulli in der Zeitschrift „Wissen und
Leben" 1922). Einzelheiten sind hier nicht zu bringen,
zur Kenntnis der Geschichte der Jesuiten bietet das Buch
einen dankenswerten Beitrag. Dem Schlußvotum des
Verfassers, daß Jesuitismus nicht — Katholizismus ist,
daß andrerseits Verjesuitierung auch ohne die Jesuiten
im Lande zu konstatieren ist, daß der religöse Protestantismus
den Jesuitismus nur durch innere Kräfte überwinden
darf, stimme ich freudig zu. Die Frage wird aber
sicher nicht rein religiös, sondern überwiegend politisch
entschieden werden, und dann verschiebt sich die Sachlage
. Dann gilt es den Kampf des politischen, religiös
sehr oberflächlichen Liberalismus gegen den Konservativismus
. In der Hinsicht ist lehrreich einmal die Opposition
der politisch konservativen Kreise gegen die Aufnahme
des Jesuitenparagraphen in die Bundesverfassung,
sodann der Widerspruch gegen Staehelins Buch von
liberaler Seite her. Vermutlich werden die politischen
Würfel zu Gunsten der Liberalen entscheiden.
Zürich. w. Köhler.

Cardauns, Hermann: Karl Trimborn. Nach seinen Briefen und

Tagebüchern. M. Gladbach: Volksvcrcins-Verlag 1922. (196 S.) 8°
= Führer des Volkes. 31. Bd. QZ- 3 ^0

Der rheinische Politiker, zuletzt Vorsitzender der
Reichstagsfraktion des Zentrums und des Volksvereins
für das katholische Deutschland, unter Prinz Max Staatssekretär
des Innern, 1920 von manchen für den Reichskanzlerposten
in Aussicht genommen (den dann Fehrenbach
erhielt), hätte eine Biographie verdient, die namentlich
seine parlamentarische Tätigkeit eingehend behandelte
. Die hat sein Freund Cardauns nicht geliefert,
durch sein eigenes Alter an umfassenden Vorarbeiten gehindert
; aber ein anschauliches Lebens- und Charakterbild
gibt er. Dem nordostdeutschen Protestanten fehlt
leicht das Verständnis für west- oder süddeutsche Zentrumsleute
. Langbehn hat in „Rembrandt als Erzieher"
den Gegensatz zwischen Konservativen und Demokraten
auf einen Gegensatz der Rasse zurückführen wollen;
man solle einmal langen blonden Männern wie Moltke
und den preußischen Gardeoffizieren die braunen untersetzten
Fortschrittler wie Eugen Richter gegenüberstellen
. Gewiß gibt es im ostdeutschen Stadtbürgertum
einen starken slawischen Einschlag, aber wie gerade
Richter ein Rheinländer war, so gehört zum Verständnis
unserer innerpolitischen Entwicklung überhaupt statt solcher
Rassentheorien vielmehr Einsicht in die geistige
Art und die Geschichte des westdeutschen Bürgertums,
die von der des ostdeutschen recht verschieden ist. Als
Sohn eines Kölner Rechtsanwalts hat Trimborn den Beruf
seines Vaters übernommen. Von den Lehrern seiner
Studentenjahre wird mit besonderer Liebe Sohm gezeichnet
; bei diesem überzeugten mecklenburgischen Lutheraner
hörten Trimborn und Freunde während des Kulturkampfs
in Straßburg Kirchenrecht! Tr.'s öffentliche Tätigkeit
begann im Kölner Stadtparlament; bekannt machte
ihn die in Reichstag und Landtag, wo er namentlich
sozialpolitische Fragen sachkundig bearbeitete. Fleiß,
Rechtlichkeit und Humor verschafften ihm auch bei
Gegnern Achtung. Treuer Katholik, stand er in den

inneren Kämpfen des Zentrums vor dem Kriege entschieden
auf Seiten der Kölner Richtung gegen die strengere
Berlin-Trierer. Während des Kriegs war er in der deutschen
Zivilverwaltung für Belgien tätig; seine Frau war
Belgierin. Daß jemand, der deutschen Patriotismus hat,
aber keinerlei preußischen, nach dem Kriegsende zur Errichtung
einer rheinischen Republik innerhalb des Reichs
neigen konnte, ist zwar begreiflich, aber fördern durfte
diese Pläne ein ernster Politiker nur, wenn sie sicher
in keiner Weise dazu benutzt werden konnten, Deutschland
zu zerstückeln. Da solche Sicherheit nicht zu beschaffen
war, bleibt Tr.'s Verhalten in dieser Frage bedenklich
, und wenn er sich bald zurückhielt, so waren
erst recht bedenklich einige damalige Äußerungen eines
großen Blattes, dessen Name der Herausgeber weggelassen
hat — es ist die Kölnische Volkszeitung.

S. 111 Z. 6 1. Herrnsheim; 117 st. Canisius- 1. Borromäusenzyklika,
178 Z. 5 v. u. st. 1919 wohl 1918.

Kiel. H. Mulert.

Bergsträßer, Prof. Dr. Ludwig: Der polltische Katholizismus.

Dokumente seiner Entwicklung. Ausgewählt und eingeleitet. 2 Bde.
Mit 10 Bildnissen. München: Drei Masken-Verlag 1921 u. 1923.
(314, 396 S.) 8°. = Der deutsche Staatsgedanke II, 3. Oz. je 7.
Die „Dokumentensammlung" über die Zentrumspartei und ihre
Vorläuferin, die „kath. Partei", ist dankenswert, allein es fehlt viel,
daß sie vollwertig und allseitig brauchbar sei. Mängel: 1. Das Fehlen
von Sach- und Personenverzeichnissen; das Inhaltsverzeichnis (Kapitelüberschriften
) ersetzt den großen Mangel in keiner Weise. 2. Bei sehr
vielen Dokumenten fehlt Angabe des Fundortes. 3. Sehr wichtige
„Dokumente" fehlen ganz. So fehlen unter vielen anderen Dokumenten
Hinweise auf die Schriften über Geschichte und Natur des
Zentrums der Abgg. von Savigny, M. Spahn; Windhorsts Bekenntnis
zum Syllabus in der Reichstagssitzung vom 14. Juni 1872; zustimmende
Äußerungen der Zentrumspresse über das päpstliche Wahlverbot
: Non experit und über das „Motu proprio" vom 18. Dez. 1903;
die feierliche Erklärung des Grafen Ballestrem auf der Mainzer Katho-
likenversammlung (Sept. 1892): das Zentrum sei „die Leibgarde Seiner
Heiligkeit in Rom", und dem Papst in „Gehorsam" ergeben; das durch
ein Schreiben des Zentrumsführers Karl Bachem an Bennigsen betonte
gleichsam amtl. Verhältnis zwischen Zentrum und Jesuitenorden;
Windhorsts berühmte Rede zu Köln vom 6. Februar 1887 über das
päpstl. Eingreifen in die Septennatsfrage; auch gibt Verfasser die
beiden Noten des Kardinal-Staatssekretärs Jacobini über die Verpflichtung
des Zentrums, auch in der Septennatsfrage dem Papste zu gehorsamen
nur in sehr abgeschwächtem Wortlaute wieder (vgl.
Archiv für kath. Kirchenrecht, Bd. 58, 128 ff.) und verschweigt ganz
das Verstummen des Zentrums hei der endgültigen Abstimmung über
das Septennat am 9. März 1887; des Zentrumsführers Lieber Erklärung
vom 26. März 1894 über die Abhängigkeit des Zentrums von
Rom bei den Verhandlungen über den deutsch-russischen Handelsvertrag
, eine Erklärung, die ihm fast sein Reichs- und Landtagsmandat
gekostet hätte; die zustimmenden Äußerungen der Zentrumspresse
zum Eingreifen des Wiener Nuntius Galimberti i.J. 1893 in die inncr-
polit. Verhältnisse Oesterreich-Ungarns, das den Sturz des Außenministers
Kalnosky herbeiführte, usw. usw. Alle diese wichtigen Dokumente
sind übersichtlich zusammengestellt in meinen beiden Werken:
„Rom und das Zentrum" und: „das Zentrum ein Fremdkörper im
nationalen und kulturellen Leben" (beide Schriften: Leipzig, Breitkopf
und Härtel). 4. Es fehlt jegliche Literaturangabe, (ein höchst bedauerlicher
Mangel) obwohl die Literatur über Geschichte und Natur des
Zentrums sehr reichhaltig ist. 5. Der Jesuit Pfülf wird unbedenklich
als „Quelle" angeführt, obwohl er von mir wiederholt als Fälscher
erwiesen worden ist. Sollte die „Dokumentensammlung" eine Neuausgabe
erleben, so muß es eine wesentlich verbesserte sein.
Ein lehrreiches Wort über das Zentrum von einem seiner Hauptführer
sei aus der „Dokumentensammlung" angeführt , da es wohl auch
heute noch zutrifft: Graf Ballestrem schreibt am 10. April 1891 an
Freiherrn von Hertling: „Es ist nur eine sehr beschränkte
Anzahl der 10 4 Mitglieder der Zentrumsfraktion des
Reichstags, welche ein tieferes Verständnis für die
eigentl. Zwecke der Z e n t r u m s f r a k t i on und überhaupt
für polit. Fragen hat; die meisten fallen nicht einmal
mit ihrer Stimme ins Gewicht, denn sie sitzen
meistenteils zu Hause" (2, 249).

OrafHoensbroechf.

Berlin-Lichtcrfeldc.

Mackintosh, Prof. H. R,D.D,D. phil.: The Divine Initiative
London: Student Christian Movement 1921. (103 S.) kl. 8"
Eine anspruchslose und doch sehr inhaltreiche vor
allem aber äußerst anregende Schrift. Der Verf — Pro-