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Ausgabe:

1923 Nr. 20

Spalte:

425-426

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Briefmappe, 2. Stück

Titel/Untertitel:

enthaltend Beiträge v. A. Bigelmair, St. Ehses, J. Schlecht u. Fr. Thurnhofer 1923

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 20.

426

bürg II 1, III S. VI Nr. I. Was soll der Titel: „Philipp
Melanchton (!), von dem freien Willen 1525" bedeuten
? Die Ringerkunst 1539 (S. 77) ist nicht von
Lukas Cranach dem Ä., sondern dem J. (Dodgson S. 339
Nr. 1). Hätte sich doch M. etwa die Monographie von
A. v. Dommer über die ältesten Drucke aus Marburg
oder die von K. Schottenloher über Georg Erlinger in
Bamberg zu Mustern genommen! Gleichwohl möchte
ich den Verf. ermutigen, nun auch die andern Wittenberger
Drucker der Reformationszeit ähnlich eingehend

zu behandeln.

Zwickau i.S. O. C lernen.

Briefmappe, 2. Stück, enthaltend Beiträge v. A. Bigelinair St. Ehses,
J. Schlecht, Fr. X. Thurnhofer. Münster: Aschendorff 1922.
(III, 159 S.) gr. 8° = Reformationsgeschichtl. Studien und Texte.
Hrsg. v. Albert Ehrhard, Heft 40. Gz. 4.1.

Das neue Stück der Briefmappe bringt 9 Briefe und
Akten, die Emsers Schmähgedicht auf die Schweizer und
dessen Folgen bei den beleidigten Schweizern betreffen
aus der Feder von F. Thurnhofer. Überraschend ist,
daß als Heimat Emsers Wydenstetten d. h. Weidenstetten
bei Ulm angegeben ist, während sie in der Tübinger Matrikel
Gaildorf heißt. Ebenso erfahren wir, daß sein Vater
nicht Wilhelm, sondern Johannes hieß und 1502 Kanzler
des Abts Konrad von St. Ulrich und Afra in Augsburg
war. Er muß früher Ulmer Amtmann in Weidenstetten
gewesen sein. J. Schlecht gibt 25 Briefe aus der Zeit
von 1509 bis 1526. Die wichtigsten sind 1. der Bericht
des Bremer Kanonikus Dr. Martin Gröning an Johann
Reuchlin vom 12. Sept. 1516 über die Verhandlungen in
Rom in dem Prozeß, den Hochstraten gegen Reuchlin
angezettelt hatte. Man lernt die Gegner und Freunde
Reuchlins unter den hohen Geistlichen in Rom kennen,
aber auch die Anstrengungen Hochstratens, dann das
päpstliche Gebot des Stillstands des Prozesses, der
schließlich zum Sieg Hochstratens führte. 2. Den hochmütigen
Brief Joh. Tetzeis an den Mansfeldischen Rat
Johann Rühel vom 27. Jan. 1517. 3. Den Bericht Ecks
über seine Disputation mit Karlstadt an seine Ingolstadter
Kollegen Hauer und Burkhard vom 1. Juli 1519. Man
sieht hier die klägliche Rolle, die der unbehilfliche Karlstadt
Eck gegenüber spielte, wie er kein Gedächtnis hatte
für seine Zitate und immer Zettel brauchte, die er las,
statt wie sichs gehörte, frei zu reden. Sehr bezeichnend
für den Charakter Ecks, der sich rühmte, fast der erste
Feind der Ketzerei gewesen zu sein (Nr. 23), ist der
Schluß seines Briefes an seine Ingolstadter Freunde: Hic
sunt Venereae Veneres, est omnino charitum ciuitas. Man
wird unwillkürlich an die „löbliche papistische Theologa
" erinnert, die sich Eck zum Religionsgespräch in
Worms aus Mainz verschrieb (Kawerau, Justus Jonas
Briefwechsel 1,423). Die Invektive, welche Ulrich von
Hutten unter dem Namen Franz von Sickingen kurz vor
seinem Tod gegen den Kurfürsten Ludwig von der Pfalz
in lateinischer Sprache richtete, und die bisher unbekannt
war. Schlecht bespricht eingehend das Verhältnis
dieser Arbeit zu der von Szamatolski im Familienarchiv
der Freiherrn von Hutten gefundenen deutschen Bearbeitung
. Man merkt dem neugefundenen Schriftstück
ganz den Feuergeist Huttens, wie seinen Haß gegen das
Papsttum an. 5. Nr. 21. 22. 23 betreffen Ecks geplante
Disputation mit Zwingli, der nur in Zürich mit Eck disputieren
wollte, während Eck Baden im Aargau oder
Luzern verlangte. In Nr. 26—35 gibt A. Bigelmair
den Briefwechsel Ökolampads mit Veit Bild in Augsburg
von 1518 bis 13. Okt. 1524. In letzterem Brief
spricht ökolampad über seine Abendmahlslehre und das
Verhältnis von Leib und Blut Christi zu den Elementen
und zeigt Bild auf dessen Frage, daß das Fegfeuer
Leinen Grund in der Schrift habe. Endlich gibt St.
Ehses in Nr. 36—40 den Briefwechsel des Kardinals
Morone und des Bischofs Stelle vom Jahr 1562, der für
die plenitudo potestatis des päpstlichen Stuhles und
straffe Wahrung der monarchischen Regierungsform eintrat
. Die Ankunft des Kardinals von Lothringen und
französischer Bischöfe in Trient brachte Bewegung in
die Beratung des Konzils. Der Streit drehte sich um die
Residenzpflicht. Noch verdient Nr. 16 der große Ablaßbrief
für die Klosterfrauen zu Bergen bei Eichstätt
vom 2. Mai 1517, den Paul Phrygio als Subkommissar
des Kardinals Albrecht von Mainz, damals Domprediger
in Eichstätt, abfaßte, Beachtung.

Die Texte sind vortrefflich bearbeitet und durch
reichhaltige historische und biographische Anmerkungen
erläutert. Die Reichsstadt S. 101 Anmt 1 ist nicht Oppenheim
, sondern Weißenburg, nach der die Pfälzer lang
trachteten.

Einige Korrekturen der Handschriften sind zweifelhaft. Z. B.
S.63 Anm.b ist alta unpassend, alte der Hs ist ganz richtig. Es
bedeutet weither. Ganz falsch ist S.67 Anm.d die Korrektur erga
statt ergo der Hs. Romam erga hieße Rom gegenüber, was nicht in
den Text paßt, ergo aber heißt also und bezieht sich resümierend
auf summum pontificem drei Zeilen vorher. Unnötig ist S. 81
Anm.a ocius durch das gleichbedeutende citius ersetzt?
Stuttgart. G. Bossert.

Scheel, Prof. D. Dr. Otto: Die nationale und übernationale
Bedeutung Dr. Martin Luthers. Wittenberg: Verlag der Luther-
Gesellschaft. (27 S.) 8° Gz. 0.20.
Diese packende mannhafte Rede, die Scheel am 4. Mai 1921 in
Eisenach über das Nationale und Ubernationale bei Luther in ihrer
Eigentümlichkeit und gegenseitigen Verbindung gehalten hat, wendet
sich mit Erfolg gegen eine Reihe von unrichtigen Vorstellungen, wie
sie in unserer Zeit auch bei Historikern verbreitet sind, und zeigt
Luther, wie er wirklich war. Es ist erklärlich, daß schließlich jedes
Wort im Hinblick auf die Gegenwart gesagt ist und gezeigt wird, was
Luther uns ist und sein kann. Möchten solche Äußerungen über
Luther die weiteste Verbreitung finden; die Luther-Gesellschaft, die
die Rede gedruckt hat, kann sich hier ein großes Verdienst erwerben
Denn wir müssen aus der leidigen Gewohnheit heraus, die selbstverständlich
dem ehrenwerten Streben nach Objektivität entsprungen
ist, bei Luther immer nur zu sagen, was wir an ihm und seiner Wirksamkeit
vermissen, und nicht das Große, Überwältigende, Zeitlose,
Ewige hervorzuheben, was wir ihm verdanken und was wir heute
nötiger als je brauchen.

Kiel. G. Ficker.

Holl, Karl: Gesammelte Aufsätze zur Kirchengeschichte.
I. Luther. 2. u. 3. verm. u. verb. Aufl. Tübingen: J. C. B. Mohr
1923. (XI, 590 S.) gr. 8° Gz. 12; geb. 15.

Die 1. Aufl. von H.s Lutherbuch ist ThLZ. 1921 Sp.
317 ff. von mir ausführlich besprochen worden. Der tiefe
Eindruck, den es gemacht hat, zeigt sich nun auch darin,
daß schon nach wenig mehr als anderthalb Jahren (und
was für Jahren) eine neue Aufl. nötig geworden ist. Das
Werk ist in ihr von VIII, 458 S. auf XI, 590 S., d. h. um
nahezu ein Drittel seines ursprünglichen Umfangs, gewachsen
. Die Vermehrung ist zum kleinerenTeil im Hinzukommen
eines ganz neuen Aufsatzes („Luther und die
Schwärmer", S. 420—64) begründet, hauptsächlich aber
in einer erneuten Durcharbeitung der schon der 1. Aufl.
angehörenden Aufsätze.

Diese Durcharbeitung bedeutet weit mehr, als die
genaue Berücksichtigung sämtlicher in der Zwischenzeit
erschienenen Literatur erfordert hätte. Das Meiste
und Beste der Erweiterungen und Bereicherungen verdankt
das Buch einer neuen Vertiefung H.s in die
Sache. Dem entspricht, daß es sich fast durchgehend
um schärferes und deutlicheres Ausziehen von Linien
handelt, die schon in der 1. Aufl. skizziert waren, nur in
ganz seltenen Ausnahmen (die wichtigste wird unten
notiert werden) um Selbstberichtigungen. Die Eigentümlichkeit
von Holl's Lutherdeutung tritt so noch schärfer
und schöner heraus als bisher; die Abgrenzung gegen
andere Auffassungen (z. B. gegen Troeltsch) ist noch
überzeugender und unmißverständlicher durchgeführt.

Überall ist e i n m a 1 die Frage „Luther und Augustin"
neu und tief angepackt worden; die darüber gegebenen
Ausführungen stellen eine Ergänzung zu H.s Akademieabhandlung
über „Augustin's innere Entwicklung" (1922)
dar. Auch sonst sind die dogmengeschichtlichen Ausfüh-