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Ausgabe:

1923 Nr. 20

Spalte:

415-416

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Aufhauser, Joh. B.

Titel/Untertitel:

Christentum und Buddhismus im Ringen um Fernasien 1923

Rezensent:

Frick, Heinrich

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415

Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 20.

416

und: Läßt sich die gnostische Erlösungsvorstellung (die
im fremden Erdenreich gefesselte Seele wird von dem
aus der oberen Welt entsandten Erlöser wieder in ihre
obere Heimat zurückgeführt) mit Wahrscheinlichkeit auf
Iran zurückführen? Durchaus nicht alles, was R. anführt
, um die erste Frage zu bejahen, halte ich für beweiskräftig
. Aber gewisse Vorstellungen, wie ich sie jetzt
in meinem Hermas-Kommentar näher untersucht habe,
scheinen mir in der Tat am ehesten in iranischem Volksglauben
ihre Erklärung zu finden, so eine gewisse Dämonologie
(s. meinen Kommentar S. 487 f. 517 ff. und
Bousset Archiv f. R.W. 1915, 134 ff.) und vor allem der
Glaube an den himmlischen Repräsentanten und Mentor
(S. 494 ff. meines Kommentars). Dieser letzte scheint
mir darum ein gutes Beispiel zu bieten, weil die entsprechende
iranische Vorstellung von der Daena, die
dem Toten begegnet, so abstrakt theologisiert ist, daß
sie gewissermaßen über sich selbst zurück auf ein zu
konstruierendes primitiveres Urbild weist. Wenn Sch.
diesen Glauben im Manichäismus auf die Mandäer zurückführt
, so ist das nur eine Verschiebung, keine Lösung
des Problems, denn Stellen aus Hermas und der Apostelgeschichte
erweisen ihn als älter. Die zweite Frage, nach
dem Ursprung der gnostischen Erlösungsvorstellung,
wird von Sch. ähnlich behandelt; er führt ihn auf die
Essener zurück (S. 31 f.). Aber erstens wissen wir von
den wirklichen Essenern — nicht von dem, was Philo und
Josephus aus ihnen machen — noch zu wenig, um sagen
zu können, ob der spezifisch gnostische (pessimistische)
Dualismus ihnen geläufig war, und zweitens ist das
Essenertum ein so vieldeutiges Gebilde, daß mit
einem Hinweis auf die Essener der religionsgeschicht-
fliche Ort einer Vorstellung noch nicht bestimmt ist. Daß
jener Dualismus nicht einfach aus dem wesentlich optimistischeren
Zarathustra-Glauben stammt, braucht kaum
bewiesen zu werden; die Wahrscheinlichkeit, daß er
mit iranischen Vorstellungen zusammenhängt, hat Sch.
m. E. nicht zu entkräften vermocht.

Viel weniger anfechtbar als die weitgespannten religionsgeschichtlichen
Ausführungen dürften die korrigierenden
und ergänzenden Einzel-Nachweise der Arbeit
von Sch. sein. Zu ihrer Diskussion fehlt mir, soweit ich
da überhaupt zuständig bin, der Raum. Aber auf eine Gefahr
, die bei der Deutung solcher Einzelbelege weder
von Sch. noch von seinem Gegner Reitzenstein vermieden
wird, möchte ich abschließend hinweisen. Sie liegt darin,
daß man wieder einmal Zusammenhänge konstruiert, wo
doch nur selbstverständliche Parallelitäten vorliegen.
Wenn Reitzenstein das Bild vom Schlummer, weil es im
Zarathustra-Fragment und in der „abgekürzten Totenmesse
" vorkommt, für iranisch hält, so ist das ebenso
unzulässig, wie wenn Sch. es für mandäisch erklärt. Wir
wollen doch nicht wieder auf den Standpunkt der Babel-
Bibel-Debatte vor 20 Jahren kommen, in der jeder Forscher
die in seinem Spezialgebiet beobachtete Parallele
für das Ursprüngliche zu halten geneigt war. Sch. scheint
mir in der Tat den sekundären Charakter z. B. gewisser
rabbinischer Vorstellungen wesentlich zu unterschätzen.
Deswegen verliert das von ihm beigebrachte Material
noch nicht seinen Wert. Wo es aber um das große religionsgeschichtliche
Problem geht, das für uns mit dem
Namen Iran jetzt verknüpft ist, wollen wir uns nicht an
solche Zufallsparallelen halten, die nur Analogien bezeugen
, sondern die Hauptfrage im Sinn der Genealogie
— nach dem Ursprung der gnostisch-dualistischen Erlöseridee
— mit allem Nachdruck stellen.

Heidelberg. Martin Dibelius.

Aufhauser, Prof. D. Dr. Jon. B.: Christentum und Buddhismus
im Ringen um Fernasien. Bonn : Kurt Schroeder 1922. (XII, 401 S.)
kl. 8° = Bücherei der Kultur und Geschichte Bd. 25.

Gz. 3—; geb. 4.50.

An der Disposition soll man bereits ein Buch erkennen. Danach
wäre dieses wunderlich; denn seiner Anlage nach enthält es eigentlich
eine Geschichte der kath. Mission von Jesus an und besonders in

Ostasien, in die hinein mitteninne eine Abhandlung über den Buddhismus
und seine Verbreitung über die fernöstliche Welt eingeschoben
ist. Auch in den einzelnen Paragraphen hätte eine strengere
Durchgliederung das Werk zugänglicher gemacht, als es jetzt der
Fall ist. Denn die Fülle des Stoffes, die weitschichtige Verarbeitung,
die Vielseitigkeit der Gesichtspunkte machen das Studium des Werkes
lohnend. Um so bedauerlicher ist jener Mangel. Allerdings muß zu
seiner Erklärung und Entschuldigung mit Nachdruck betont werden
, daß es sich hier um ein ganz neues Programm handelt. Denn
die organische Verbindung von Religionswissenschaft und Missionskunde
in demselben Werk erfordert einen eigenen Stil, der als solcher
erst noch herausgearbeitet werden muß. Indessen kann das von
Aufhauser geübte Verfahren der bloßen Addition religionsgeschichtlicher
und missionarischer Bestandteile nicht als Lösung angesprochen
werden. Noch an einem Beispiel soll das gezeigt werden: der Anhang
3 behandelt den „Buddhismus in Europa". Den Darmstädter berührt
es zum mindesten merkwürdig, in einer wissenschaftlichen Arbeit
Keyserlings Reisetagebuch derart ernst genommen zu sehen, daß es
nicht mehr bloß als symptomatisch für gewisse moderne Strömungen
auftritt, sondern sogar als Zeugnis gegen die buddhistische Mission
im Abendland aufgerufen wird. Uberhaupt ist der Anhang 3 mehr ein
Stimmungsbild als exakte Zeichnung. Und doch hätte gerade dieses
Thema organisch und gründlich in das Gesamtwerk eingearbeitet
werden müssen! Aber diese Erwägungen dürfen den Dank für die
gehaltreiche Arbeit nicht schmälern. Vielleicht erfüllt der Verfasser
doch noch den Wunsch, der sich mit den ursprünglichen Plänen des
verdienten Verlages deckt, daß er ein katholisches Gegenstück zu der
in derselben Sammlung von mir veröffentlichten ev. Missionsgeschichte
(Band 26) schreiben solle. Denn das vorliegende Werk beweist auf
jeden Fall, daß sich sein Verfasser als berufen zu historischen Darstellungen
fühlen darf. >

Gießen. Heinrich Frick.

Weidner, Ernst F.: Die Assyriologie 1914—1922. Wissenschaftl.
Forschungsergebnisse in bibliogr. Form. Leipzig: J. C. Hinrichs
1922. (X, 192 S.) 8° Gz. 4.70.

Meißner, Prof. Dr. Bruno: Die Keilschrift. Mit 6 Abb. 2., verb.
Aufl. Berlin: Walter de Gruyter & Co. 1922. (112 S.) 16 = Sammlung
Göschen 708. Gz. 1—.
Wie notwendig Weidners Bibliographie ist, die — soweit überhaupt
erreichbar — die gesamte in- und ausländische Keilschriftliteratur
der Kriegs- und ,,Friedens"zeit verzeichnet (vom 1. 8. 14 bis
31. 7. 22), bedarf keiner besonderen Erwähnung. Aufgenommen sind
alle selbständig, sowie in Zeitschriften erschienenen Publikationen
mitsamt den wichtigsten Besprechungen darüber, im Ganzen 1833
Nummern nebst einigen Nachträgen. Vermißt habe ich bei meiner bisherigen
Benutzung noch nichts. Wo der Titel der Arbeiten nicht
schon selbst auf den Inhalt schließen läßt, ist eine knappe Angabe
darüber gemacht, bisweilen einfach durch Mitteilung der Kapitelüberschriften
. Eine solche mühevolle Arbeit kann der Dankbarkeit jedes
Benutzers sicher sein. — Meißners kleine Einführung in die Sprachen
(akkad. u. sumer.) und die Schrift der Keilschriftliteratur liegt in
2. Auflage vor. Verbessert ist — wie es ja selbstverständlich ist —
der Abriß über die sumerische Grammatik.

Bonn. F. Horst.

Lewy, Dr.Julius: Studien zu den altassyrischen Texten aus

Kappadokien. Berlin : Selbstverl. d. Verf. 1922. (85 S.) 4°
In dem Hügel Kül-tepe bei Qaisarije in Kleinasien ist seit den
achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine ziemlich große
Anzahl von Keilschrifturkunden zu Tage gekommen, die Kontrakte und
Briefe einer den Assyrern nahe stehenden Bevölkerung aus der zweiten
Hälfte des 3. vorchristlichen Jahrtausend enthalten. Nachdem das
Material, um dessen Verständnis sich besonders Delitzsch und
Jensen bemüht hatten, lange Jahre nur recht spärlich geblieben
war, ist die Forschung jetzt auf eine neue Basis gestellt durch 3 Veröffentlichungen
der im Louvre und im British Museum befindlichen
sog. kapadokischen Tafeln. Auf dieser Basis baut Lewy seine Studien
zu den altassyrischen Texten aus Kappadokien auf und gibt zuerst
grammatische Untersuchungen zu den dativischen Verbalsuffixcn und
dem Demonstrativpronomen, bespricht dann das Vorkommen und die
Schreibung des Gottesnamens Sin in den Eigennamen und setzt sich
schließlich mit Weidner über die Stellung der altassyrischen Sprache
und die Anfänge Assyriens auseinander. Am wertvollsten ist die im
Anhange gegebene Umschrift und Übersetzung von 13 kappadokischen
Urkunden, die das Verständnis dieser schwierigen Texte wesentlich
fördern. — Um auf diesem Gebiete erfolgreich weiterarbeiten zu
können, ist es vor allem nötig, daß die noch in Berlin und Philadelphia
befindlichen kappadokischen Texte möglichst bald der Wissenschaft
zugänglich gemacht werden.

Berlin. Bruno Meißner.