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Ausgabe:

1923 Nr. 20

Spalte:

414-415

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Scheftelowitz, Isidor

Titel/Untertitel:

Die Entstehung der manichäischen Religion und das Erlösungsmysterium 1923

Rezensent:

Dibelius, Martin

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Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 20.

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Quellen der hellenist. Aionvorstellung in
den Vorträgen der Bibliothek Warburg 1921/22 Teubner
1923 p. 125 sq. Indirekt werden manche Folgerungen
von Reitzenstein auch durch das gestützt, was W. Jäger
in seinem hervorragenden Buch über Aristoteles
(Berl. 1923) p. 133 sq. über die orientalisierende Strömung
in der alten Akademie auseinander gesetzt hat.
Dieses frühzeitige Interesse für die Lehren der Magier
macht es verständlich, daß gewisse iranische Ideen auf
die Literatur des Westens eingewirkt haben und in diesem
Lichte erscheint dann auch das Interesse der Neuplato-
niker an iranischen Vorstellungen nicht mehr als ein
Bruch mit den Traditionen der Platonischen Schule.

Mit dem Neuplatonismus scheint mir ein für die
Religionsgeschichte des Hellenismus bes. wichtiges Problem
gestellt zu sein. Über die Vorgeschichte des Neuplatonismus
sind wir trotz vereinzelter Ansätze (bes. in
den Aufsätzen von Prächter) noch lange nicht hinreichend
unterrichtet. Es scheint mir z. B. sicher zu sein, daß
eine eingehende Untersuchung des — mit Unrecht so
verlästerten — Maximus Tyrius manche wichtige Ergebnisse
zeitigen würde. Auch über Albinos ließe sich viell.
jetzt mehr ermitteln, als es Freudenthal seiner Zeit gelungen
ist. Es scheint, daß grade Albinos auf christliche
Autoren z. B. Origenes stark eingewirkt hat. In den neu
veröffentlichten Prose Refutations von Ephraem ed. by
C. W. Mitchell vol. II Lond. 1921 p. 7 wird eine Schrift
des Albinos „Über das Unkörperliche" erwähnt, die aus
bisherigen Angaben noch nicht bekannt war. Wie unsicher
selbst die Ergebnisse der Plotinforschung noch
sind, zeigt der Aufsatz von Thedinga über Nume-
nius und Plotin (Hermes Bd. 54 und 57), der sich
bemüht hat in den Enneaden die echten Plotinischen Bestandteile
von den Überarbeitungen zu sondern.

Thedinga hat seine Hypothese ja darum vortragen
können, weil die Enneaden uns bekanntlich vor schwierige
literarhistorische Probleme stellen, die auch durch
M. Wundt's Studien über Plotin noch nicht gemeistert
sind. Im Anschluß an M. Wundt hat dann O s k. Söhngen
: Das mystische Erlebnis bei Plotin.
(Kröner 1923) darzustellen gesucht. Der Titel dieses
Heftes zeigt, daß den Verfasser hauptsächlich ein reli-
gionspsycholog. Interesse geleitet hat, deshalb ist für
das geschichtliche Verständnis Plotins nicht allzu viel aus
dieser Arbeit zu lernen. Im übrigen kann man fragen, ob
diese Form der Religionspsychologie, die durch die
„Gefühlstöne" hindurch die „Persönlichkeit" zu erfassen
sucht, in ihren Ergebnissen wirklich so fruchtbar ist, daß
sich auch sonst die aufgewandte Mühe lohnt. Wenn ich
recht sehe, achten die Erforscher des Neuplatonismus
in der Mehrzahl etwas zu einseitig auf die philosophische
Problemstellung der Neuplatoniker und heben die Zusammenhänge
mit den religiösen Kulten zu wenig hervor
. Und doch würde uns ein Studium des Neuplatonismus
mit Rücksicht darauf, was an Einzelausführungen,
Bildern usw. bei einzelnen Neuplatonikern aus orientalischen
Religionen stammt, manchen wichtigen Fingerzeig
zum Verständnis oriental. Kulte geben können. Es
ist daher sehr zu begrüßen, daß Cumont in einem
Aufsatz: Le culte egyptien et le mysticisme
de Plotin (Momments Piot XXV 1922 p. 78sq.) diese
dringend nötige Aufgabe in Angriff genommen hat.

Für besonders wichtig würde ich es halten, wenn
man speziell dem Verhältnis des Neuplatonismus zur
iranischen Religion nachgehen würde. Es genügt nicht,
daß die „Chaldäischen Orakel" für diese Frage herangezogen
werden, auch die Ausführungen über die Seele
oder über Zeit und Ewigkeit usw. müßten einmal in einen
religionsgeschichtl. Rahmen gestellt werden — erst dann
wird vermutlich der spätere Neuplatonismus für uns
lebendig werden. Und das scheint mir nötig zu sein, denn
die im allgemeinen doch negative Beurteilung der Schüler
Plotins durch die Forschung scheint mir in diesem Umfange
weder sachlich berechtigt zu sein, noch eine adä-
quateWürdigung einer geschichtlich so ungeheuer bedeutsamen
Bewegung darzustellen. Es fragt sich auch, ob
der für die Forschung leitende Gesichtspunkt richtig ist,
der in den späteren Neuplatonikern nur das Leerlaufen
der Gedanken aus der älteren hellenist. Philosophie sieht
oder ob nicht vielmehr hier ein neues — und in seiner
Art großartiges — Weltbild entstanden ist. Man lese
doch nur einmal Jamblichs Buch über Die Geheimlehren
, das Theod. Hopfner in Übersetzung
herausgegeben hat. (Theosophisches Verlagshaus Leipz.
1923), es ist eine in ihrer Art bedeutende Begründung
und Verteidigung der „weißen Magie". Die Übersetzung
von Hopfner, ist zugleich eine Erklärung, denn der
griech. Text ist nicht ganz leicht verständlich, außerdem
hat Hopfner noch einige Anmerkungen beigesteuert.
Einen Eindruck von der Geschlossenheit und Größe
dieser Weltanschauung erhält man auch, wenn man den
Aufsatz von Ritter über Picatrix, ein arab. Handbuch
hellenist. Magie liest, der in den Vorträgen der
Bibliothek Warburg Teubner 1923 p. 94 sq. erschienen
ist. Für das Verständnis der Religionsgeschichte des
Hellenismus ist grade aus diesen späten Quellen noch
manches zu lernen.

Oöttingen. Erik Peterson.

Scheftelowitz.J.: Die Entstehung der manichäischen Religion
und des Erlösungsmysteriums. Gießen: A. Topelmann
1922. (85 S.) 8° Gz. 2.10.

Sch. will nachweisen, daß der Manichäismus ein
äußerst „synkretistisches" Gebilde sei, in dem sich jüdische
und buddhistische Elemente finden, dessen Hauptbestandteile
aber babylonisch-mandäische und christliche
Art verraten, während der Anteil Irans erheblich geringer
sei und überdies oft durch mandäische oder
christliche Vermittlung hindurchführe. Die erste, grundsätzliche
These vom Charakter des Manichäismus wird
kaum jemand bestreiten, und sie wird durch das reiche
Material aufs neue gefestigt, auf das Sch., allerdings
nicht immer in durchsichtiger Gruppierung, Bezug nimmt.
Die eigentliche These des Buches liegt also in der Zurückdrängung
des iranischen Elements. Und damit verbindet
Sch. die Kritik an Reitzensteins Buch über das
iranische Erlösungsmysterium: ein solches Mysterium
gebe es in der Religionsgeschichte Irans nicht; was R.
an manichäischen Urkunden benutze, sei zum größten
Teil nicht iranisch, sondern mandäisch-gnostisch; in dem
Zarathustra-Fragment, von dem R.'s Untersuchung ihren
Ausgang nimmt, sei weder die Erlösungs- noch die
Schlummer-Vorstellung auf Iran zurückzuführen, sondern
einzig der Name Zarahust.

Bei dieser Polemik ist wohl zu unterscheiden zwischen
der Korrektur gewisser Einzelnachweisungen und
der Bekämpfung von Reitzensteins Gesamtposition. Ich
beginne mit dieser letzten Seite der Sache als der wichtigsten
. Hier scheint mir nun Sch. Gegenstand und Richtung
der Diskussion ganz wesentlich verschoben zu
haben. Denn Reitzensteins Absicht war es nicht, eine
Analyse des Manichäismus zu geben, sondern er wollte
unter Benutzung neuentdeckter manichäischer Fragmente
dartun, daß sich in so späten Quellen wie den manichäischen
und mandäischen Reste der altiranischen Volksreligion
erhalten haben. Der Nachweis, daß der Manichäismus
weniger mit der zarathustrischen Religion zu
tun hat, als man gemeinhin dachte, würde — wenn er geglückt
sein sollte — Reitzensteins Hauptthese gar nicht
treffen. Denn Sch. hat bei seiner Polemik nicht beachtet
, daß auch nach R.'s Voraussetzungen der Manichäismus
das altiranische Gut nur in abgewandelter
Form enthalten hat und daß jene altiranische „Mystik",
von der R. spricht, sicher nicht „die orthodoxe Form der
zarathustrischen Religion" ist (s. Reitzenstein S. 150;
trotzdem Scheftelowitz S. 39 f. über Gebete, S. 40 über
Dualismus!).

Es handelt sich m. E. bei der ganzen Diskussion um
zwei große Probleme: Läßt sich eine solche altiranische
Volksreligion überhaupt mit unsern Mitteln nachweisen?