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Ausgabe:

1923 Nr. 19

Spalte:

407-408

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Richert, Hans

Titel/Untertitel:

Die deutsche Bildungseinheit und die höhere Schule 1923

Rezensent:

Schuster, Hermann

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407

Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 19.

408

tätigung der Frömmigkeit. Die „Verfassung", so gesteht
M. selber, dient oft der Frömmigkeitspflege nur mittelbar
. Er erklärt sie deshalb den andern Disziplinen gegenüber
nicht für „gleichartig". Die Innere Mission will
er nur als Hilfsmittel der Seelsorge in die Poimenik mit
aufnehmen. Sie kommt in dem Buch ganz unverdient
zu kurz. Die Ableitung des kirchlichen Handelns aus
dem Charisma lehnt M. ab. Ich bemerke nur, daß ich sie
nicht so wie Lauterburg als Grundlage des Ganzen
gewählt habe, sondern nur als Ansatzpunkt für die volle
Entfaltung kirchlicher Tätigkeit. Dies Beispiel zeigt
auch, wie die kurzen Hinweise auf einzelne Autorennamen
zu zahlreichen Mißverständnissen Anlaß
geben können. Der empirischen Einstellung stimmt auch
M. zu. In den einleitenden Ausführungen über die religionspsychologische
, volkskundliche und christliche Einstellung
der P. T. sind* die in neueren Arbeiten betonten
Gesichtspunkte übersichtlich bearbeitet, wenn auch alle
hur andeutungsweise. In § 16 ist von der „konfessionellen
Haltung der Frömmigkeitspflege" die Rede. Es
ist mit Recht betont, daß eine Gemeinsamkeit im Verständnis
des Evangeliums Voraussetzung für gemeinsames
kirchliches Handeln ist. Dies gemeinsame
Verständnis des Evangeliums liegt aber für die Gegenwart
nur sehr unvollkommen in den geschichtlich fixierten
„Bekenntnissen". M. warnt hier mit Recht vor
Unterschätzung und Überschätzung, aber er sagt nicht
deutlich genug, daß für die heute notwendige Gemeinsamkeit
hier nur der geschichtliche Anknüpfungspunkt
gegeben ist.

In den einzelnen technischen Disziplinen ist Grundsätzliches
, Geschichtliches und Methodisches in guter
Auswahl dargeboten. Nur in der Liturgik hätte der Abschnitt
über die altkirchliche und die katholische Grundlage
doch wohl etwas ausführlicher ausfallen müssen, j
Auch ist das altkirchliche Katechumenat für kirchliche ;
Erziehungsfragen grundsätzlich so wertvoll, daß man es |
ungern vermißt. Daß das „Abendmahl" unter den
„Nebengottesdiensten" behandelt wird ist auch dann
nicht richtig, wenn man wie M. mit Recht für seine
Selbständigkeit eintritt. Doch ist das nur eine mißverständliche
Ausdrucksweise der Überschrift. Besser hieße
es: Sonntäglicher Gemeindegottesdienst — selbständige
gottesdienstliche Feiern.

Die Innere Mission kommt eigentlich nur zur Geltung
in der Lehre von der Seelsorge unter der Überschrift
: „Die Erreichung schwer erreichbarer Gruppen" u.
„Entfernung versuchlicher Anlässe und Gemeinschaftspflege
." Sie bedarf aber gerade für den Studenten
genau so einer gesonderten Darstellung nach Geschichte
und Theorie wie die äußere Mission. Auch
sie bedarf besonderer Regeln nicht nur in der Poimenik
sondern auch in der Organisation, der Katechetik und
Homiletik, vor allem einer selbständigen Darstellung
ihres grundsätzlichen Ausgangs- und Zielpunkts, sowie
ihrer Geschichte. — Diese Ausstellungen sollen aber das
Gesamturteil nicht einschränken, daß wir es mit einem
guten Grundriß zu tun haben, der interessante Einblicke
gewährt in die Gesamtarbeit und Lehrtätigkeit
des Verfassers und der kundigen Lesern eine willkommene
Zusammenfassung bietet. Studenten werden
aber das Buch nur mit Nutzen gebrauchen, wenn ihnen
Vorlesung und andere Literatur die nötige Ergänzung
und nähere Aufklärung bietet. Mag die Not der Zeit noch
so groß sein, geistige Verarbeitung erfordert Zeit- und
Raumentfaltung.

Greifswald. Ed. von der Goltz.

Richert, Realgymn. Dir.,M. d. L. Hans: Die deutsche Bildungseinheit
und die höhere Schule. Ein Buch v. deutscher Nationalerziehung
. Tübingen : J. C. B. Mohr 1920. (VII, 266 S.) gr. 8° Gz. 1,80.
Ich bedaure ungemein, daß die Anzeige dieses Buches sich so arg

verspätet hat. Aber sie darf nicht unterbleiben und kommt auch nicht

zu spät; denn Richerts Buch ist von bleibendem Wert und wird
hoffentlich noch vielen Erziehern, und nicht nur ihnen, starken Anstoß
geben. Es sollte von recht vielen gelesen und innig behcrzigl
werden (ich vermeide mit Absicht die üblich gedankenlose Ober-
treibung, es darf niemand daran vorbeigehen, der . . .), die um
unseres Volkes Zukunft sich sorgen und mühen. Denn es behandelt die
weitaus dringlichste Frage, ohne deren Lösung alle andern Lösungen
auf die Dauer nutzlos sind: wie kommt unser so vielfach zerrissenes
und zerklüftetes Volk zur inneren Einheit. Der Verf. erblickt mit
Recht in unserer politischen, sozialen, ästhetischen und religiösen Zerrissenheit
die Wunde, auf deren Heilung alles ankommt. Er weiß genau
, daß keine Gewalt von links oder rechts diese Einheit erzwingen
oder vortäuschen kann. Er weiß auch, daß kein Schema äußerer Organisation
uns hilft — die Einheitsschule darf keine Einerleiheitsschule
sein, der Reichtum deutschen Geistes würde im romanischen Schematismus
ersticken, der Bildung zur Mannigfaltigkeit in der Einheit ist
daher sein Schlußkapitel gewidmet. Hilfe kann uns nur werden aus,
der Besinnung auf den echtdeutschen Geist, und dieser Geist, der alle
Formen unseres Volkslebens durchdringen und innerlich einen soll,
kann nur der Geist des deutschen Idealismus sein, in dem der
deutsche Genius, befruchtet durch Antike und Christentum, bereichert
durch die neuere westeuropäische Bildung seine klassische Form gefunden
hat.

Richert ist ein in langer, mannigfaltiger Praxis erfahrener
Schulmann, ein in politischer Arbeit gereifter Kenner unseres Volkes,
vor allem ein Mann von ungewöhnlicher reicher und gründlicher philosophischer
Durchbildung. So erfreut er den Leser auf jeder Seite mit.
den schönen Früchten seiner erstaunlichen Bclesenheit und mit feinsinnigen
Beobachtungen. Insbesondere offenbart er ein eindringendes,
liebevolles Verständnis der jugendlichen Psyche. Nur zwei Beispiele.
Die Bildungsstoffe sollen der Jugend nicht als etwas Fremdes aufgedrängt
, sondern als ihrem eigenen Wesen entsprechend nahe gebracht
werden, also nationale Ideen und nationale Heroen, in ihnen wird
die Jugend freudig dankbar ihre eigene Sehnsucht, ihr bestes Wollen
verkörpert finden. Die Nationalität ist gewissermaßen das „Schema",
das die Anwendung der Bildungsstoffe auf die Jugendseele ermöglicht
. R. bespricht bei dem Problem der Erziehung zur Lebensgemeinschaft
die moderne Jugendbewegung. Die Kirche hat vielfach versagt in
der Aufgabe, das starke Gemeinschaftsbedürfnis der Jugend zu befriedigen
. So sind aus der Not bedrängter Jugendseele merkwürdige
Formen der Selbsthilfe entsprungen. Richert hat zweifellos recht gesehen
. Wir dürfen nun in seinem Sinne hinzufügen: Auch das Elternhaus
hat versagt, es pflegt Gesellschaft, aber war keine Gemeinschaft
mehr. Da hat die Jugend sich selbst geholfen und dem pflichtvergessenen
Elternhaus die verdiente Quittung gegeben.

Uns fesselt natürlich am meisten das Kapitel über die Erziehung
zur Einheit in der Religion. Im Anschluß an Troeltsch schildert R.
überzeugend die eigentümliche Spannung zwischen Staat und Kirche, die
einander nicht ertragen und auch nicht entbehren können. Er warnt vor
der anscheinend einzig rationellen Lösung, der glatten Trennung von
Staatsschule und Religion und dem Ersatz des Rel.Unt.s durch Moral-
Unterricht. Die sittlichen Konfessionen stehen sich noch unversöhnlicher
gegenüber als die religiösen (Natorp). Gewissensfreiheit für das Kind
heißt, ihm keine seinem Genius entsprechende Entwicklungsmöglichkeit
verschließen. Auslieferung des Rel.-Unt.s an die Religionsgemeinschaften
heißt vielfach: Auslieferung der Kinder an sektenhafte Verengung
, heißt Auslieferung unseres Volkes an immer tiefere religiöse
Zerklüftung. Der staatliche Rel.-Unt. dagegen hat die Tendenz, Religion
und Kultur zu harmonisieren, die Religion als eine wertvolle
seelische Funktion in das gesamte System der Werte einzuordnen
Die Gruppierung der Volksgenossen in bewußt religionslose und in
nur religiös orientierte Gruppen wäre die Sprengung der Volkseinheit
Dagegen kann der staatliche Rel.-Unt. auch die verschiedenen Konfessionen
einander näher bringen. Jhm stehen drei starke Mittel zur
Verfügung. 1. Kenntnis der andern, religionsgeschichtliches und reli-
gionspsychologisches Verständnis. 2. Hinwendung zur Lebenspraxis
(Liebestätigkeit, soziale Gesinnung und Betätigung). 3. Die nationale
Tendenz, Hervorhebung des christlichen Einschlags in unserer gesamten
nationalen Kultur, in der auch die dem „Christentum" entfremdeten
Volksteile wurzeln und weben, Wertung und Pflege christlich
deutscher Sitte (Weihnacht!).

Das ist alles wichtig und wertvoll. Aber es ist doch wesentlich
von der Seite des Staats und der Schule gesehen. Man muß dagegen
doch fragen, ob die Konfessionen sich diese Relativierung durch die
Schule, wie R. sie selber nennt, werden gefallen lassen, ob die Religion
mit dieser Versetzung in die gemäßigte Zone der Kulturgüter wird zufrieden
sein.

Endlich eine Bitte für eine Neuauflage. Der Verfasser möge
nicht bloß Namen sondern auch die Werke nennen, damit seine Leser
nachschlagen und weiterarbeiten können.

Hannover-Kleefeld. Schuster.

Die nächste Nummer der ThLZ erscheint am 6. Oktober 1923.
Beiliegend Nr. 22 des Bibliographischen Beiblattes.

Verantwortlich: Prof. D. E. Hirsch in Göttingen, Nikolausberger Weg 31.
Verlag der J. C. Hinrichs'schen Buchhandlung in Leipzig, Blumengasse 2. — Druckerei Bauer in Marburg.