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Ausgabe:

1923 Nr. 19

Spalte:

399

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Volk, Paulus

Titel/Untertitel:

Der Liber ordinarius des Lütticher St. Jakobs-Klosters 1923

Rezensent:

Lempp, Eduard

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399

Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 19.

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nischen und katholischen Briefe sowie die Genesis in
seine Muttersprache übertragen hat. Selbst in der lateinischen
Übersetzung von P. kann man belangreiche Varianten
zum Bibeltext entdecken. Nachdem Georgius
Christentum in der protestantischen Welt s o unbeachtet
geblieben war, wie die paar über die R. Enc. von Hauck
verstreuten Notizen es veranschaulichen, wäre ein Aufleben
des Verständnisses für diese verlorene Ecke, wie
es Peeters' Publikationen ermöglichen, — und gerade
jetzt, wo die Zeitereignisse den georgischen Staat weithin
bekannt gemacht haben — recht angebracht.
Marburg. Ad. Jülicher.

V o 1 k, P. Dr. Paulus, O. S. B.: Der Liber Ordinarius des Lütticher
St. Jakobs-Klosters. Münster: Aschendorff 1923 (LXXIX, 155 S.)
gr. 8° = Beiträge z. Geschichte d. alten Mönchtums u. d. Benediktinerordens
. Heft 10. Gz. 6,-.
Als Liber Ordinarius wird eine Sammlung klösterlicher
Gewohnheiten bezeichnet, die man als Kommentar
zur Ordensregel ansehen kann und die das ganze tägliche
Leben des Mönchs von seinem Eintritt ins Kloster
bis zum Tod umfaßt. Der vorliegende Liber Ordinarius,
den V. aus einer Pariser und einer Löwener Handschrift
mit philologischer Genauigkeit herausgegeben
hat, stammt aus dem 1015 gegründeten Lütticher Kloster
S. Jakob und ist 1284—87 entstanden. V. weist nach,
daß nach einander Kluniacenser, Zisterzienser, Prämon-
stratenser und Dominikaner Einfluß auf die klösterlichen
Gewohnheiten des Benediktinerklosters und demzufolge
auf den Liber Ordinarius gehabt haben. Seine Bedeutung
wird besonders darin gefunden, daß dieser lib. ord. bei
der Abfassung der Statuten der Bursfelder Kongregation
ausgiebig benutzt worden ist. Die Arbeit, aus einer
Dissertation erwachsen, ist ein Zeugnis neuzeitlicher,
bis ins Kleinste sorgfältiger Benediktinischer Gelehrsamkeit
.

Stuttgart. Ed. Lempp.

Delius, Rudolf von. Gedichte des Grafen Zinzendorf. Berlin:
Furche-Verlag 1920. (70 S.) kl. 8° Gz. 2,-.

In chronologischer Ordnung sind hier in feiner Ausstattung 35
Stücke aus Zinzendorfs Lyrik zusammengestellt worden und zwar
nicht zu Erbauungszwecken, sondern zum Zweck der persönlichen
Charakteristik Zinzendorfs, sodaß man gerade die persönlichsten Gedichte
bevorzugt hat und diese nicht in der geglätteten, „verbesserten"
Form (etwa im Nachdruck von Albert Knapp, 1845), sondern in der
Originalgestalt bietet, wie sie in den ältesten Herrnhuter Drucken begegnet
. Die Auswahl vermittelt in der Tat einen treffenden Eindruck
von Zinzendorfs bis zur Hochspannung gesteigertem Gefühl, seiner
stofflich-realistischen Frömmigkeit, seiner anschmiegenden Weichheit
und Zartheit. Wegen ihrer Reizbarkeit, Empfindlichkeit, Oberschwäng-
lichkeit, Aufgeregtheit empfindet v. D. in seiner kurzen Einleitung
Zinzendorfs Kunst als eine „moderne" Kunst, die von den Heutigen
besser verstanden werden dürfte als von den Früheren.

Breslau. L. Zscharnack.

Bahrdt, Carl Friedrich: Geschichte seines Lebens, seiner Meinungen
und Schicksale. Mit 1 [Titel-JBildn. d. Verf. Hrsg. von
Felix Hasselberg. Berlin: Dom-Verlag 1922. (558 S.) 8° =
Der Domschatz. Bd. 7. Gz. 5,- ; Lwbd. 8,-

Als Kulturbild aus dem Jahrhundert der Aufklä-.
rung und wegen der darin enthaltenen rückhaltlosen
Lebensbeichte hat der „Domschatz" inmitten seiner sonst
zumeist Dichtwerke enthaltenden Bücherreihe Bahrdts
zuerst 1790 f. veröffentlichte Selbstbiographie in verkürzter
Fassung neu herausgegeben. Romanhaft genug
hat Bahrdt ja auch sein Leben zu schildern gewußt, und
seine großsprecherische Art hat Dichtung und Wahrheit
arg durcheinander zu mengen verstanden, um, wie
er selbst gelegentlich gestand, „damit dem Buche einen
Schwung zu geben"! Daraus folgt freilich, daß dieses
als Persönlichkeitsbild in der Tat überaus charakteristische
Werk doch nur mit großer Vorsicht als Kulturbild
des 18. Jahrh., speziell als Photographie der theologischen
Aufklärungsbewegung auf deutschem Boden benutzt
werden kann. Nicht nur daß Bahrdts Person schon
an sich „eine wüste Karikatur aller Kritik und Aufklärung
" ist, — so hat Erich Schmidt ihn treffend genannt
; sondern in seiner Selbstzeichnung wächst diese

Karikatur noch über die unerfreuliche Wirklichkeit hinaus
. Bahrdts Schattenseiten kennt auch der neue Herausgeber
, wie sein Nachwort (S. 533 ff.) zeigt. Aber er
hätte dann doch über den „Quellenwert" dieser Biographie
(S. 534; trotz S. 537?) noch vorsichtiger urteilen
müssen und hätte vor dem unbefangenen Leser noch
mehr Warnungstafeln aufrichten können, als er dies in
seinen Anmerkungen (S. 541 ff.), mehr auf Grund zeitgenössischer
Gegen- oder Parallelschriften (Laukhard,
Pott u. A.) und durch Hinweise auf den Bahrdtschen
Briefwechsel und Ähnliches als durch Berücksichtigung
der neueren Literatur getan hat. Diese fehlt wenigstens
für die theologischen Partieen des Buches ganz; allerdings
sind auch diese Partieen selbst am meisten zusammengestrichen
worden. Es hängt damit zusammen, daß
das Interesse des Herausgebers offenbar allgemein-kulturell
eingestellt ist, vor allem sittengeschichtlich (daher
das Festhalten an den Bahrdt prostituierenden sexuellen
Schilderungen, trotz sonstiger Kürzung der Biographie!),
und dann speziell pädagogisch (daher die meist ungekürzte
Wiedergabe der Schul- und Universitätserlebnisse
und der eigenen pädagogischen und akademischen Tätigkeitsberichte
Bahrdts, wenn auch ohne die Bahrdtschen
,,Meinungen"schilderungen). Diese verkürzte Neuausgabe
schließt übrigens mit Bahrdts Ankunft in Halle;
das 4. Buch des ursprünglichen Textes wird (abgesehen
von Kap. 1) durch ein kurzes Referat (S. 538 f.) ersetzt,
in dem die Behauptung auffällt, Semler habe sich in
seiner „Antwort auf das Bahrdtsche Glaubensbekenntnis"
(1779) „orthodoxer, als er war", gegeben (vgl. dazu
meinen „Lessing und Semler", 1905, S. 347ff.). Das
hinzugefügte Personenregister ist dankenswert.

Breslau. L. Zscharnack.

Bonwetsch, Prof. D. G. N.: Aus vierzig Jahren deutscher
Kirchengeschichte. Briefe an E. W. Hengstenberg. 2. Folge.
Gütersloh: C. Bertelsmann 1919. (150 S.) gr. 8° = Beiträge zur
Förderung Christi. Theologie 24. Bd. 1. 2. Heft. Gz. 3,-.

Zu den Briefen der in Th L Z. 1918, Sp. 230 angezeigten
1. Folge treten im vorliegenden Schlußband die
der Briefschreiber von L bis Z, darunter Julius Müller,
Philippi, Karl von Raumer, Rudelbach, Sartorius,
Scheurl, Hnr. Thiersch, Tholuck, Vilmar, Rudolf Wagner,
Wuttke mit je mehreren Briefen. Die Editionsart ist dieselbe
wie beim 1. Heft; auch hier gibt B. Auszüge,
wenn auch wörtliche Auszüge, und verzichtet auf eine
Auswertung der mitgeteilten Texte für die kirchenhistorischen
Ereignisse oder die Zustandsbeschreibungen, die
in ihnen neben dem vielen Persönlichen, Habilitationsund
Berufungsfragen und dergleichen begegnen. Nur
daß dem 2. Heft außer seinem Namenverzeichnis nun ein
knappes Sachregister für beide Hefte beigegeben ist.
Für zahlreiche Briefstellen und in weiteren Kreisen unbekannte
Persönlichkeiten wünschte man doch einige erläuternde
Hinweise und zeitgeschichtliche Fußnoten, mit
denen B. als Herausgeber zu sparsam ist. Vieles bezieht
sich auf Hengstenbergs Evangelische Kirchenzeitung,
deren Gefahren J. Müller am deutlichsten sieht, wenn er
in so manchen ihrer Aufsätze „gefühlige Verschwommenheit
, so viel bloße unbestimmte Begeisterung ohne verständige
Besonnenheit, . . . soviel stehende christliche
Terminologie, . . . das völlige Aufgeben aller Wissenschaft
, die Verachtung, mit der ihre Ansprüche zuweilen
behandelt werden", mit Wehmut feststellt (S. 11), während
anderseits z. B. Thiersch (S. 82) mit der Stellung der
Kirchenzeitung zur altlutherischen Separation garnicht
einverstanden ist und der Hoffnung Ausdruck gibt, daß
— im Gegensatz zu der auch von anderen Briefschreibern
gelegentlich gerügten cäsaropapistischen Tendenz auf
Seiten der Gegner Scheibeis — „demnächst alle Gläubigen
von der Staatskirche sich werden trennen müssen"
(er bezeugt seine Sympathie mit Vinets Kirchenprogramm
). Die Bedrückung der schlesischen Altlutheraner
bzw. die Frage der Separation und der Union ist
überhaupt die am häufigsten im Briefwechsel behandelte
Frage, daneben die Frage der Abwehr des Rationalismus
verschiedenster Observanz mit Einschluß von Schleier-