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Ausgabe:

1923 Nr. 19

Spalte:

392-393

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jirku, Anton

Titel/Untertitel:

Altorientalischer Kommentar zum Alten Testament 1923

Rezensent:

Gressmann, Hugo

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Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 19.

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jahwistischen Werkes darstellt, in der für den
Gottesdienst oder noch wahrscheinlicher für den Unterricht
einzelnes „verbessert", versöhnende Bemerkungen
eingeschoben oder vereinzelt bei bedenklichen Stücken
eine Variantenerzählung für den Gebrauch dargeboten
wurde. Vielfach geht aber die scheinbare Wiederholung
schon auf den ersten Erzähler zurück. Die Erkenntnis
Gunkels u. A., daß der große Erzähler zugleich Sammler
war, daß er alles Volksgut sammelte, was er erreichen
konnte, daß er die alten Erzählungen schonend behandelte
— dieser Fortschritt der Pentateuchkritik darf nicht
wieder aufgegeben werden, wie Smend oder Eißfeldt geneigt
sind. War aber J nicht bloß großer selbständiger
Darsteller, sondern zugleich bewußt Sammler, dann erklärt
sich leicht, daß der Jahwist, der manche Erzählung
in zweifacher, vereinzelt in mehrfacher Form hörte, diese
Varianten mit großer Liebe in sein Werk aufgenommen
hat. Wir müssen hierin viel freier und lebendiger denken
lernen, als wir von unserer peinlichen, sauberen Gelehrsamkeit
aus zu urteilen gewohnt sind. Auch P ist kein
eigentlicher Erzähler, und eine solch urwüchsige, prächtige
Geschichte wie Gen. 23 geht gewiß nicht auf ihn,
sondern auf den Jahwisten zurück. Der Raum verbietet
die nähere Beweisführung.

Der zweite Fehler der Methode, gegen den ich mich
wende, ist die Zerreißung der Kapitel in einzelne Verse
und Verssplitter. Hier macht gegen die bisherige Forschung
schon das skeptisch, daß jeder Forscher im einzelnen
ganz verschieden urteilt; ja der einzelne selbst,
wie z. B. Eißfeldt, wandelt sich während der Forschung
fortwährend, Eißfeldt sogar während der Drucklegung
des Opus, so daß zwischen Einleitung, Synopse und
Anmerkungen bedenkliche Unstimmigkeit herrscht.
Würde man die andern Bücher des A. T. mit der gleichen
Peinlichkeit, wie sie dem Pentateuch widerfahren ist,
durcharbeiten, so würde man auch dort für die gleiche
Gelehrtenmethode viel Grund finden (vgl. z. B. Siegfrieds
Behandlung des Kohelet); umgekehrt ist vielmehr
die Methode, die wir bei andern Büchern des A. T., z. B.
bei den Propheten, gebrauchen, auf den Pentateuch anzuwenden
. Die offenkundigen Wiederholungen, Widersprüche
und anderen Schwierigkeiten der Pentateuch-
kapitel müssen durch andere Mittel als bisher erklärt
werden. Vor allem muß die biblische Erzählungsweise
einmal von einem Kundigen mit der übrigen antiken
und besonders der orientalischen Erzählungsweise, auch
mit der heutigen palästinischen Erzählung verglichen
werden. Überhaupt wäre der Erzählungsstil als solcher
noch näher zu untersuchen. Es wird sich zeigen, daß sich
manche Wiederholung dadurch erklärt, daß die schriftliche
Erzählung aus der mündlichen herausgewachsen
ist, daß der Erzähler absichtlich den einen oder andern
Satz wieder aufnimmt, um etwas Neues oder Besonderes
an ihn anzuknüpfen (unser „wie schon gesagt"). Weiter
muß bedacht werden, daß das Erzählungsbuch im Unterricht
verwertet wurde, mancher Satz sich als Überschrift
oder dgl. erklärt. Endlich muß die Textkritik stärker
herangezogen werden, um einzelne Widersprüche, Wiederholungen
, Einschübe und Zusätze, ähnlich wie bei den
Prophetenschriften, aufzuhellen.

Ich würde gerne meine These näher begründen und
an Kapiteln wie Gen. 28,10—22; 15; 27; 37 Ex. 19 und
vielen andern zeigen, daß ich die Schwierigkeiten der
Kapitel durchaus nicht verkenne, aber die Verteilung der
einzelnen Verse auf verschiedene Erzähler für unnötig
und methodisch unrichtig halte, daß sich die Schwierigkeiten
meist restlos auf andere Weise erklären und beheben
lassen, daß bei dem bisherigen Verfahren der
Quellenscheidung und Quellenzerreißung Schönheiten
der Erzählung geradezu zerstört werden (z. B. die sich
steigernde Spannung in Gen. 27, 30 ff., der Eindruck des
Unheimlichen durch die gehäuften Verbote der Annäherung
in Ex. 19 und dgl.1).. Der Umfang einer Rezension
verbietet diese positive Gegenausführung, die ich mir
vorbehalten darf.
Tübingen. P. Volz.

Jirku, Prof. D. Dr. Anton: Altorientalischer Kommentar zum
Alten Testament. Leipzig: A. Deichert 1923. (XIV, 254 S.)
gr. 8° Gz. 9, - .

Ebenso wie in dem von Alfred Jeremias herausgegebenen
Werk „Das Alte Testament im Licht des
Alten Orients" wird hier das altorientalische Material
nach der Reihenfolge der biblischen Stellen behandelt.
Durch die Anordnung wird vielfach Zusammengehöriges
auseinandergerissen, obwohl Verweise und (ungenügende
) Register über diese Schwierigkeit hinwegzuhelfen
suchen; diesem Nachteil steht andererseits der Vorteil
gegenüber, daß sich auch abgerissene Einzelheiten wie
Nomina propria bequem unterbringen lassen. Soweit
stimmen beide Werke überein; dennoch unterscheiden
sie sich grundlegend: Während bei Jeremias die Hypothesen
vorherrschen, so hier die Stoffe; die Quellen, nur
mit kurzen erläuternden Bemerkungen versehen, reden
selbst zu dem Leser und ermöglichen ihm ein eigenes
Urteil. Dort überwiegt eine oft zuchtlose Phantasie,
hier dagegen eine nüchterne Sachlichkeit. Zweitens hat
Jirku die neuesten Texte benutzen können, nicht nur für
das Hethitische, sondern auch für das sumerisch-Akka-
dische. So findet man hier die Schöpfungs- und Sintflutmythen
in der gegenwärtig uns bekannten Form;
leider fehlt der Dilmunmythus (gestreift S. 23 Anm. 1),
über dessen Aufnahme sich freilich streiten läßt. Besonders
ausführlich, übersichtlich und dankenswert sind die
Auszüge aus den sumerisch-akkadischen, alt-assyrischen
und hethitischen Gesetzbüchern, soweit sie Gegenstücke
zum mosaischen Gesetz enthalten. Gelegentlich hat Jirku
auch aramäische und südarabische Texte herangezogen;
und wenn ihm Einzelheiten entgangen sind, wie z. B.
die aramäischen Inschriften aus Sardes oder arabische
Inschriften aus Dedan, die uns Wichtiges lehren, so
bietet er dafür Anderes, was nicht jedem Mitforscher
bekannt sein dürfte. Auch das ägyptische Material fehlt
nicht, aber während der Verf. sonst überall auf die
Quellen selbst zurückgehen konnte, mußte er sich hier
begnügen, aus zweiter Hand zu schöpfen. Dabei ist er
nicht immer glücklich gewesen. An sich ist gegen seine
Autoritäten nichts einzuwenden, da er neben Erman vielfach
die Übersetzungen Rankes in den von mir selbst
herausgegebenen „Texten und Bildern" zitiert; aber diese
Texte sind 1909 erschienen, und seitdem sind die Ägypto-
logen nicht müßig gewesen. So hätte er die ägyptischen
Weissagungen des Neforrohu, die seitdem von Goleni-
scheff, Gardiner (und jetzt auch Erman) neu behandelt
worden sind, nicht in der veralteten Fassung Rankes abdrucken
dürfen. Wieviel weiter wir gekommen sind, wird
sich zeigen, wenn die von uns jetzt vorbereitete
neue Auflage der „Texte und Bilder" im nächsten Jahre
erscheint. Leider fehlen an vielen Stellen die unbedingt
notwendigen wissenschaftlichen Literaturangaben; wer
dem unkundigen Leser Handreichung tun will, darf
ihm nicht nur die Texte bieten, sondern muß ihn auch mit
der wichtigsten oder wenigstens der neuesten Bearbeitung
bekannt machen. So durfte z. B. S. 51 trotz
aller gebotenen Kürze bei der Zusammenstellung der
ägyptischen 'apr/-Texte die Bemerkung nicht fehlen,
daß von Böhl (und Anderen) die Deutung auf die Hebräer
nicht ohne Grund bestritten wird. Das Literaturverzeichnis
im Eingang des ganzen Buches (S. IX—XII)
ist kein genügender Ersatz, da der Leser nicht weiß, daß
und wo er suchen soll. Das grundlegende Buch von
Dussaud über die kanaanitischen Opfer hätte dem Verfasser
nicht unbekannt sein dürfen, da er dann sein Urteil
über das Verhältnis zum babylonischen Opferwesen gewiss
anders formuliert, wenn nicht ins Gegenteil verkehrt
hätte. Bilder fehlen ganz; gelegentliche Beschreibungen
können die Anschauung nicht ersetzen. Das
religionsgeschichtliche und archäologische Material ist
so dürftig, daß es besser gestrichen worden wäre, z. B.
über die Lade (S. 99), die türhütenden Dämonen (S.
100), die Esel (S. 80), die Adler (S. 86 f.), die Stiere
(S. 100f.), die Schweine (S. 104f.) usw.; Hinweise auf
die Arbeiten Andrer wären wertvoller gewesen. Aber