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Ausgabe:

1923 Nr. 18

Spalte:

375

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Morin, Dom Germain

Titel/Untertitel:

Mönchtum und Urkirche 1923

Rezensent:

Koch, Hugo

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375

Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 18.

376

Morin, Dom Germain, O.S.B.: Mönchtum und Urkirche. Übersetzt
von Frau Benedikta von Spiegel. München: Theatiner-Verlag
1922. (198 S.) kl. 8° = Der katholische Gedanke. Band III.

Gz. 1,8; geb. 2,4.

Der Titel der französischen Urschrift lautet ,L' ideal
monastique et la vie chretienne des premiers jours' und
drückt besser aus, was der belgische Benediktiner und
Patrologe in diesem Werkchen bietet. Die Erzählung
der Apostelgeschichte (2,37 ff.) von der Wirkung der
Pfingstpredigt Petri zu Grunde legend, zeigt er, wie sich
im benediktinischen Klosterleben das Leben der ersten
Christen spiegeln soll. Die Gedanken, von denen es
getragen sein soll, kommen unter zwölf Punkten zur
Sprache: Zerknirschung des Herzens, Gehorsam, Bußgesinnung
, Taufe und Profeß, apostolisches Leben, Brotbrechen
, das liturgische Gebet, das geistliche Leben des
Mönchs, die klösterliche Armut, weise Maßhaltung und
Weitherzigkeit, die Freude, die Einfalt. Die Sprache
atmet benediktinische Ruhe, Würde und Gemessenheit.
Auch wo eine Mißbilligung ausgesprochen wird, geschieht
es mit Zartheit und Vorsicht. Die Beziehung zum
Urchristentum bringt es mit sich, daß z. B,von Heiligen-
und Marienverehrung nicht die Rede ist. Auf Schritt und
Tritt verrät sich der namentlich die Patristik beherrschende
Gelehrte. Die Behauptung S. 76: ,Petrus ist
es, den Paulus gleich nach seiner Bekehrung aufsucht'
steht freilich im Widerspruch zur eigenen Aussage Pauli
Gal. 1,16 ff. Und bezeichnenderweise können bei der
Erinnerung an den Römischen Stuhl nicht, wie sonst
immer, Belege aus der Regel des Hl. Benedikt geboten
werden. M. schaut aber nicht bloß ins Urchristentum
zurück, er hat auch ein offenes Auge für die Strömungen
und Stimmungen der Gegenwart und weiß feine Beobachtungen
über das Seelenleben einzustreuen. Das
Werkchen ist natürlich von Haus aus für Söhne (und
Töchter) des Hl. Benedikt bestimmt, hat aber jedem
Katholiken, ja jedem, der für religiösen Adel ein Gefühl
hat, etwas zu sagen. Die Übersetzung ist glatt und
fließend, die Ausstattung hübsch. .
München. Hugo Koch.

Schuck, Pfarrer Dr. Johannes: Das religiöse Erlebnis beim
hl. Bernhard von Clairvaux. Ein Beitrag zur Geschichte der
christlichen Gotteserfahrung. Würzburg: C. J. Becker 1922. (111
S.) 8° = Abhandlungen zur Philosophie und Psychologie der Religion
, hrsg. v. D. Dr. Georg Wunderle. 1. Heft.

Begriffsmaterial und Methoden dieser Untersuchung
sind erwachsen in der Schule des Herausgebers, der
dieser ersten Schrift aus seiner neuen Sammlung eine
Einführung vorausgeschickt hat, wonach diese und die
nachfolgenden Arbeiten „auf dem Boden des christlichen
Theismus" „in ihrem Teil dazu beitragen sollen,
dem Problem der Religion in philosophischer und
psychologischer Untersuchung näherzukommen". Dieses
Näherkommen geschieht vorzugsweise im zweiten Hauptteil
der vorliegenden Untersuchung durch formalistische
Zergliederung des Erlebnisaktes. Im ersten Teil werden
nicht minder formalistisch die Inhalte des religiösen Erlebnisses
bei Bernhard in „Zustands-" und „Gegenstandserlebnisse
" zerlegt. Zu den ersteren gehört das
Bekehrungs- und das Erstarrungserlebnis. Dieses ist
nach Ansicht des Verfassers nicht der kürzere „languor"
oder die „inopia devotionis", die den „excessus contem-
plationis" zu folgen pflegt, sondern der längere Erlah-
mungszustanü nach dem guten Anfang der Bekehrung.
Als die Gegenstandserlebnisse werden die Innewerdungen
Gottes als des Weltenlenkers, des Menschenrichters
und des Seelenbräutigams beschrieben. Begreiflicherweise
konzentriert sich das Interesse auf das letztere
, das „Sponsuserlebnis", das in vierfacher Hinsicht
unter dem Innewerden des Seelenbräutigams als des
heilenden Arztes, des tröstenden Weggenossen, des
königlichen Hausvaters und des Bräutigams im eigentlichen
Sinn (spezifisches Sponsuserlebnis) geschildert
wird. Ist schon hier die eigentliche Brautmystik in die

normale Mannigfaltigkeit eines reichen religiösen Lebens
eingegliedert, so wird noch stärker im zweiten
Hauptteil, welcher den Verlauf des religiösen Erlebnisses
bei Bernhard untersucht, durch Anwendung feststehender
psychologischer Schemata die spezifische
Eigenart der Bernhardischen Erfahrungsaussagen nicht
gerade unterdrückt, aber auf dem scholastisch harmonisierenden
„Boden des christlichen Theismus" ins normal
. Katholische eingestellt. Dabei betont zunächst die
Untersuchung der „Elemente" des Erlebnisakts durchaus
mit Recht die Bedeutung des intellektiven Elements
neben den emotionalen; doch mit dem Ziel der Feststellung
: „auch bei dem affektiven Bernhard heißt das
Verlaufsgesetz scire-amare-habere". Auch die Darlegung
der „Prinzipien" des Erlebnisaktes in Nebeneinanderstellung
des göttlichen und menschlichen Prinzips und
die Einstellung des Erlebnisses in das religiöse Gesamtverhalten
des Heiligen kommt schließlich zum Ergebnis
der Widerspruchslosigkeit von Glauben und Wissen,
von Prophetie und Mystik.

Besser würde m. E. dem psychologischen „Näherkommen
" an das Problem der Religion gedient, wenn
die Bernhardinische Mystik in ihrer Eigenart auf der
Quellenbasis scharf gefaßt und mit gleichartigen Erscheinungen
, auch außerhalb des „Bodens des christlichen
Theismus", also sagen wir mit Zinzendorf, der
Bhakti, der persischen Liebesmystik kühn verglichen,
und dabei der gleichartige psychologische Untergrund
mit den ähnlichen Folgeerscheinungen festgestellt
würde. Doch darf nicht verschwiegen werden, daß der
Verf. das reiche bei Bernhard vorliegende Material neu
durchgearbeitet hat und wertvolle Ergänzungen gibt zu
dem an sich schon brauchbaren älteren Buch von Jos.
Ries über das geistliche Leben nach der Lehre des
heil. Bernhard (Freiburg 1906).

Marburg. H. Hernielink.

WInckelmann, Otto: Das Fürsorgewesen der Stadt Straßburg
vor und nach der Reformation bis zum Ausgang des
16. jahrh. Ein Beitrag zur deutschen Kultur- und Wirtschaftsgeschichte
. Leipzig: Verein für Reformationsgeschichte, Vermittlungsverlag
von M. Heinsiiis Nachf., 1922. Zwei Teile in einem
Band. (XVI, 208 u. 302 S.) Lex.-8° = Quellen und Forschungen
zur Reformationsgeschichte, hr9g. v. Verein für Reformationsgeschichte
Bd. 5. Gz. 15.
Nur mit Wehmut nimmt man das stattliche Werk zur
Hand, in dem der kürzlich verstorbene langjährige
Direktor des Straßburger Stadtarchivs dem Fürsorgewesen
der alten deutschen Reichsstadt ein unvergängliches
Denkmal gesetzt hat, ein Denkmal, wie nur er, der
gründliche Kenner der Straßburger Geschichtsquellen,
der Neuordner des reichen städtischen Hospitalarchivs,
es zu schaffen vermochte. W. stellt in demselben die
Geschichte des Straßburger Fürsorgewesens von der
Entstehung der einschlägigen Anstalten im Hochmittelalter
bis zum Ende des 16. Jahrh. quellenmäßig dar,
wobei die Reformationszeit mit ihrer grundsätzlichen
Neuregelung im Vordergrunde steht. Wir erhalten eine
sorgfältige Geschichte des großen Hospitals, das im
Mittelalter nicht der Heilung, sondern nur der Unterbringung
der Kranken dient, des Gutleuthauses für die
Aussätzigen, der Elendenherberge für die armen Pilger,
des zumal für die Findlinge bestimmten Waisenhauses,
schließlich als letzter Gründung des Blatterhauses für
die Syphilitischen. Dann wird die „offene" Armenpflege
geschildert, die in planloser Almosenverteilung, hauptsächlich
durch die kirchlichen Anstalten, besteht. Bettelei
ist selbstverständliches Recht der Armen, Almosengeben
verdienstlich, und die Bettler bilden im 15. Jahrh. eine
wohlorganisierte, anerkannte Zunft. Da noch die geistlichen
Terminierer und die fremden Bettler dazu kommen
, nimmt um die Wende des 15./16. Jahrh. die Bettelplage
dermaßen überhand, daß die, von Geiler besonders
eindringlich erhobene Forderung nach vollständiger Neuregelung
des Armenwesens durch den Magistrat laut
werden kann, aber so lange unerfüllbar bleibt, als die