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Ausgabe:

1923 Nr. 18

Spalte:

367

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lazarus, L.

Titel/Untertitel:

Zur Charakteristik der talmudischen Ethik. 2., unveränd. Abdruck 1923

Rezensent:

Bischoff, Erich

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367

Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 18.

368

Nachprüfung in den Einzelheiten. Mit Recht tadelt
Büchler, daß Ryle und James in den Salomopsalmen
bei der Sünde, in welche allzu schwere Prüfung führen
könnte, an Übertretung der Reinheitsgebote in beziig auf
Speisen denken, welche in Zeiten des Mangels schwer
zu halten seien. Erstlich sei nicht gewiß, daß die
Frommen jener Zeit überhaupt ihre Speise wie Opferfleisch
betrachtet hätten, und dann sei doch die Sünde,
an die natürlicherweise hier gedacht werden müsse, die
Aufgabe des Vertrauens auf Gott (S. 132 ff.). Nicht
ohne Grund erinnert B. auch an die schönen Worte
Mei'rs, daß der, welcher das Gesetz ohne Nebenabsichten
studiert, ebenso sehr Gott wie die Menschen liebt (S.
15). Aber er schießt über das Ziel hinaus, wenn er
S. 40 betont, nach Aboth V 14 sei der bloße Besuch des
Lehrhauses verdienstlich, weil der Einfluß des dort Gehörten
schließlich den Wandel bestimmen werde. In
Wirklichkeit wird doch dort vorausgesetzt, daß die Erfüllung
des Gebotes, das Gesetz zu beherzigen, seine
eigene Belohnung habe, und es wird nicht zutreffen,
daß nach Hillels Meinung das Hören der halachischen
Gesetzeserläuterung beim gemeinen Mann nur den Zweck
seiner sittlichen und religiösen Besserung habe (S. 27).
Der von B. S. 41 erwähnte Fromme, der auf dem Sterbebett
von keiner anderen Sünde wußte, als daß er gegen
die rabbinische Verordnung eine Ziege gehalten habe,
wäre sicher anderer Meinung gewesen. Beachtung verdient
unter verschiedenen Gesichtspunkten, was S. 147
bis 264 über die öffentlichen Bitten um Regen, die erfolgreichen
Beter und die Voraussetzungen der Gebets-
erhörung gesagt wird. Aber gerade hier wird man am
meisten dessen inne, daß die Frömmigkeit der Jünger
Jesu in Art und Ziel sich in ganz anderen Linien bewegte.

Greifswald. G. Da Im an.

Lazarus, Dr. L.: Zur Charakteristik der talmudischen Ethik.

2., unv. Abdruck. Frankfurt a. M.: M. I. Kaufmann 1922.
(48 S.) 8° Gz< 2.

Zum 100. Geburtstage des Verf. (älteren Bruders von Moritz
Lazarus) hat kindliche Pietät sein 1877er Programm (Breslauer jüd.-
theol. Seminar) unverändert neugedruckt; es behandelt in Auswahl
rabbinische Anschauungen über Gnosis und Praxis, Handlung und Gesinnung
, Tugendlehren und Religionsgesetze, Heiligung und Entheiligung
des göttlichen Namens. Heute würde man m. E. mehr Stoff und
Kritik, weniger Reflexion und Apologetik wünschen.

Leipzig. Erich Bisch off.

Mann, Jacob, M. A.: The Jews in Egypt and in Palestine
under the Fatimid Caliphs. A contribution to their political
and communal history based chiefly on Genizah material hitherto
unpublished. Vol. I. London: Oxford University Press. 1920. (280S.)
gr. 8° 12 sh. 6 d.

Auf Grund von neugefundenen, bis jetzt nicht veröffentlichten
Genisa-Bruchstücken schildert Verf. das Leben der jüdischen Gemeinden
in Ägypten und in Palästina von Beginn der Fatimiden (969) bis
auf die Zeit des Maimonides um 1200; Hauptquelle sind die Stücke
aus der Sammlung Taylor-Schechter der Cambridger Universitätsbibliothek
. Vf. sucht die Entwicklung der jüdischen Gemeinde in den
Rahmen der ägyptischen und palästinisch-syrischen Geschichte jenes
Zeitraumes einzufügen. Bemerkenswert ist das letzte Kapitel, in dem
Verf. die Gemeindeorganisation bespricht, vor allem die Stellung des
Nagid, der dem christlichen Patriarchen verglichen werden kann, die
Bedeutung des Nasi (des Angehörigen des Davidhauses) u. a. Wegen
der Druckkosten, die man allem nach auch in England spürt, veröffentlicht
Verf. zunächst nur die Resultate und behält sich vor, das
Genisa-Material, das die Grundlage der Untersuchungen bildet und
von ihm druckfertig ausgearbeitet ist, später herauszugeben.

Tübingen. P. Volz.

Riggenbach, Prof. D. Eduard: Der Brief an die Hebräer,

ausgelegt. 2. u. 3., vielfach ergänzte und berichtigte Aufl. Leipzig:
A. Deichert 1922. (LIV, 464 S.) gr. 8° = Kommentar zum Neuen
Testament XIV.

Dieser umfangreiche und gelehrte Kommentar zum
Hebr. ist in dieser Zeitschrift bereits 1918, Sp.317 durch
Rudolf Knopf besprochen worden (s. auch Windisch
1917, Sp. 76). Dabei ist auch die Behandlung der sog.

Einleitungsfragen durch R. bereits skizziert worden.
Die neue Auflage ist zwar nur an wenigen Stellen geändert
, aber doch üherall ergänzt. Dabei sind auch Neuerscheinungen
, die dem Theologen ferner liegen, wie
Krellers Erbrechtliche Untersuchungen auf Grund der
Papyri (zu Hebr. 1,2) keineswegs übersehen. Überhaupt
erfüllt die Sorgfalt und Umsicht dieser Erklärung
den Leser immer wieder mit Hochachtung. Ich gebe
zunächst, da es 1918 noch nicht geschehen ist, ein paar
mir bemerkenswert erscheinende exegetische Resultate
R.s im Telegramm-Stil wieder, um dann zwei kritische
Beanstandungen vorzutragen.

5, 7 „Geschrei und Tränen", ein von dem Vf. aus der mündlichen
Überlieferung geschöpfter Zug; evfoiteia „die ehrfurchtsvolle Scheu, mit
der Jesus sich dem göttlichen Willen untergeordnet und in deren Gefolge
er die Erhörung empfangen hat" — 5, 13 koyog dixctioavxrjg
„richtige, normale Rede, wie sie Erwachsenen bei ihrem Verkehr zur
Verständigung dient" - 6, 2 ßanzut/MSx thd'ayr] Belehrungen über die
Eigenart der christlichen Taufe im Unterschied von der Johannestaufe
— 7, 27 irvoiag dxazpecistx: der Vf. fallt das tägliche Opfer mit dem jährlichen
des Versöhnungstages zusammen — 9,4 ft-vyuuzr]niov Räucherpfanne,
nicht Räucheraltar — 10,25 ,uij iyxazuXuTUivzsg zzx inmvyayaiyiji'
kavniix die (zum Gottesdienst versammelte) Gemeinde (aber nicht: die
Versammlung) nicht im Stich lassend - 13,23 Titio&eov cuzoXsXvixevov
„Timotheus abgereist".

Als einen Mangel der Erklärung R.s möchte ich es
bezeichnen, daß er die rhetorischen Probleme zu leicht
I nimmt. Und doch hängt von ihrer Lösung das Gesamtverständnis
des Hebr. zu einem guten Teil ab. Wir haben
im Hebr. das einzige Buch des N. T. vor uns, in dem
der Verf. über die Kürze der Zeit klagt (11,32) und
trotz der Länge des Schriftstücks angibt du) ßoctykov
(13,22) geschrieben zu haben. Wenn man diese sehr
stark literarisch anmutenden Bemerkungen mit seinen
rhetorischen Künsten (Alliteration, Wortspiel) zusammenhält
— freilich sollte davon in einem so ausführlichen
Kommentar mehr stehen als was R. seinen
Lesern S. XVIII verrät —, so erhebt sich die Frage, ob
sich in manchen Partien des Schriftstücks nicht überhaupt
die literarisch-rhetorische Konvention mehr, als
wir im N. T. gewohnt sind, geltend macht. Dann tritt
aber eine ganz andere Erklärungsmöglichkeit des vielumstrittenen
Abschnitts 5,11—6,4 in den Gesichtskreis
des Exegeten. Und von der Lösung dieser Fragen hängt
vieles andere ab: Aktualität der Mahnung, bestimmter
Leserkreis, Präskript (weggefallen oder nie dagewesen?),
Personalnotizen am Schluß. An dieser ganzen Problemstellung
geht R. offenbar innerlich unbeteiligt vorüber,
so wie er auch 13, 9 ff. die Möglichkeit nicht wirklich
in Betracht zieht, daß der Verf. seinen eigenen theologischen
Gedanken in einen überlieferten paränetischen
Stoff eingefügt habe.

Wenn R. schon damit einem nicht eben löblichen
Brauch der Exegeten zu folgen scheint, so tut er es in
noch stärkerem Maß mit der Technik seiner Auslegung.
Denn obwohl er Vers für Vers übersetzt, legt er offenbar
Wert darauf, die Linien des Textes auch in ganz eindeutigen
Fällen noch einmal nachzuziehen. Es ist kein
Wunder, daß die Kraft des Bibelwortes dabei nicht
immer zunimmt, und daß der Leser manche Ausführungen
wie die zu v.ecpa/Miov S. 218 als viel zu breit,
weil zu einem guten Teil selbstverständlich, empfindet.
Ich wenigstens kann solche Bedenken angesichts eines
insgesamt 518 Seiten umfassenden Kommentars zum
Hebr. nicht ganz unterdrücken. Dieser Umfang ließe
sich rechtfertigen, wenn ein religionsgeschichtlicher und
dogmengeschichtlicher Thesaurus zum Hebr. entweder
in das Ganze hineingearbeitet oder in Exkursen ihm
beigegeben wäre. Aber das ist gar nicht die Absicht
des Unternehmens, auch nicht in den beiden kurzen
Exkursen (über das Opfer Christi und über Barnabas im
Catalogus Claromontanus und in dem von De Bruyne
veröffentlichten Catalogus aus einem Codex Ambrosianus
). Und so werde ich die Frage nicht los, ob die
alte Form, der Kommentar-Weisheit, die m. E. aus inneren
Gründen längst einer stilistischen Konzentration
bedarf, nicht auch bei ihren Anhängern nun als diskredi-