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Ausgabe:

1923 Nr. 1

Spalte:

354

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bauch, Gustav

Titel/Untertitel:

Valentin Trozendorf und die Goldberger Schule 1923

Rezensent:

Scheel, Otto

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363

Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 16/17.

354

Bild. Noch schmerzlicher ist, daß K.s immer neue Auseinandersetzung
mit Luther der ihn zugleich anzog und
abstieß, unter den Tisch gefallen ist; damit ist die Frage
„K. und Luther", an die wir Deutsche heran müssen
und nur auf grund der Tagebücher heran können, zugebaut
. Ich glaube auch eine gewisse Tendenz in der
Auswahl herauszuspüren: dies, daß bei K. alle Gedanken
stets auf das persönliche Leben des Menschen bezogen
sind, ist stark abgeschwächt. Immerhin, trotz allem
ist der Band für den, der nicht dänisch kann, unentbehrlich
, und es ist doch auch in so vielen Punkten von
Haecker mit gesundem Gefühl das Richtige getroffen,
daß ein leidliches Bild von K.s Persönlichkeit und Entwicklung
entsteht.

Bei dem Versuch, alle auf deutsch vorhandene Schriften K.s zusammenzustellen
, stieß ich auf eine weitere Übersetzung Haecker's, die mir und
wohl auch anderen bisher entgangen war: S. K., Der Begriff des Auserwählten
, Hellerau 1917. Sie enthält das Buch über Adler;
außerdem die beiden kleineren ethisch-religiösen Abhandlungen
, die jetzt auch im 10. Band der Jenenser Ausgabe
zu finden sind. Beim Buch über Adler ist die erste Oestalt (Papirer
VII B 235), nicht die etwas ausführlichere umgearbeitete Oestalt
(Papirer VIII B 7) zugrunde gelegt worden. Der Titel „Der Begriff
des Auserwählten" ist von Haecker gesetzt; er teilt kurz und bündig
mit, daß er die Verantwortung für ihn übernehme. Unerwünscht war
mir (und es wird jedem so gehen), daß ich mit den etwa 300 S. K.
zusammen noch 100 S. Nachwort kaufen mußte, in denen Haecker
seine persönlichen Ansichten über viele Dinge, vor allem aber Krieg
und Christentum mitteilt. Aber das kann der Verdienstlichkeit des
fleißigen Obersetzers kaum Abbruch tun.

Döttingen. E. Hirsch.

Blätter für württembergische Kirchengeschichte im Auftrag des
Vereins für württb. Kirchcngeschichte herausgegeben von Dr. Julius
Rauscher, Stadtpfarrer in Tuttlingen. Neue Folge XXVII. Jahrgang
. Heft 1/2. Stuttgart: Chrn. Scheufeie.

Das vorliegende Heft gibt unter dem Titel „Theologisches
Studium und Theologische Fakultät in Tübingen
um die Mitte des 19. Jahrhunderts" ein Stück
der leider nur bis zu seiner ersten Anstellung reichenden
Selbstbiographie des 1912 verstorbenen Konsistorial-
präsidenten D. V. Sandberger. Nach einem kurzen Abschnitt
über den Abschluß der nicht ganz befriedigenden
Seminarzeit in Blaubeuren 1849—53 und großer
Anerkennung des letzten Repetenten, des späteren Historikers
Julius Weizsäcker, des Bruders des Kanzlers Karl
Weizsäcker, erhalten wir geistvolle Schilderungen der
damaligen theologischen Fakultät: Chr. Ferd. Baur, Tob.
Beck, Landerer, Ohler, Palmer. Es ist ein wahrer Genuß
, diese feinen Zeichnungen zu lesen. Sandberger
schloß sich ganz an Beck an und wurde erst später
freier in seinem Urteil über Becks Theologie. Wohl
tut die Anerkennung Landerers, der mit seiner Vermittlungstheologie
nicht genügend in der nicht württb. Theo-
logenwelt beachtet wurde, obwohl er eine große wissenschaftliche
Ausrüstung und ein sehr feines Urteil besaß.
Auch Ohler wird trefflich gezeichnet mit seinem konservativ
lutherischen Standpunkt. Palmer hat mit seinen
Büchern mehr in weiten Kreisen gewirkt, als mit seinen
Vorlesungen, da er, wie die Stiftler sagten, mit beleidigender
Klarheit sprach. Baur blieb Sandberger ganz
fremd, bis er im Winter 1860/61 als Repetent die berühmte
Abhandlung über das Johannisevangelium las.
Da kam, wie er schreibt, Baur wie ein Gewappneter über
ihn. Ebenso schildert er die Lehrer der Philosophie, die
ef hörte, wie die Repetenten am Stift. Zugleich gibt er
ein Bild des ganzen Studiengangs der Stiftlers in Philosophie
und Theologie mit den obligaten Aufsätzen und
den Loci, d. h. den Besprechungen der einzelnen Lehrstücke
durch die Repetenten mit den Stiftlern. Gerade
die letztere Seite der Arbeit dürfte auch außerhalb
Württembergs Beachtung verdienen. Sehr schön ist die
Pietät des Sohnes gegen die Eltern, arme Pfarrleute
»n dem damals ganz abgelegenen Franken.

Prälat D. Kolb gibt den ersten Teil seiner Abhandlung
„Zur Geschichte der Disputation", jener eigenartigen
Einrichtung zur wissenschaftlichen Fortbildung

der Theologen in jeder Diözese, und zwar I. die äußere
Einrichtung und Entstehung: 1. Anordnung und Zahl,
2. Zeit, 3. Leitung, Pflicht der Teilnahme. II. Verlauf
der Disputation; lateinisches Ausschreiben durch den
Dekan, Grundlage ein Locus des vorgeschriebenen Kompendiums
, Bestellung des Respondenten zur Verteidigung
der Sätze des Lehrbuchs, die Opponenten, Form lateinische
Sprache und Syllogismus, Verpflichtung zur Teilnahme
bis zum 60. Lebensjahr, Zeugnisse des Dekans
für den Respondenten und die Opponenten. Die Entstehung
dieser Einrichtung geht auf die Reformationszeit
zurück, vgl. die collatio neben synodus in den vom
Ref. herausgegebenen Acta in synodo Sindelfingensi Bl.
f. w. K. G. 12, 31 u. 29. Ihre amtliche Entwicklung bis
auf die Neuzeit schildert Kolb genau nach den Akten des
Konsistoriums und zeigt den überkonservativen Geist
der Behörde und auch der Geistlichkeit in der Einschätzung
dieses alten Instituts. Z. B. Ref. hatte aus
durchschlagenden Gründen in der Landessynode 1894 die
Abschaffung der lateinischen Sprache für die Thesen
beantragt. Trotzdem wurde sie noch bis 1905 behalten.
Leider gibt Kolb nicht an, wer die Schuld dafür trägt.
Im Interesse der auswärtigen Leser wäre es gewesen,
wenn Kolb die Gestaltung der Sache durch den Erlaß
vom 17. Nov. 1910 für die Gegenwart angegeben hätte.
S. 28 Z: 6 fehlt die Jahreszahl.

Stuttgart. G. Bosse rt.

Bau ch , Dr. Gustav: Valentin Trozendorf und die Goldberger
Schule. Berlin: Weidmann'sche Buchhdlg. 1921. (532 S.) gr. 8° =
Monumenta Oermaniae Paedagogica. Band LVII.

Das Buch bietet mehr, als der Titel erwarten läßt:
eine Geschichte der Goldberger Schule von ihren mittelalterlichen
Anfängen bis zu ihrer Auflösung im 17. Jahrhundert
. Die sehr ausführlich vorgelegte Geschichte
bucht mit ungewöhnlicher Gewissenhaftigkeit auch das
abseits vom Wege Liegende. Die führenden Linien der
Entwicklung sind die typischen Linien einer Trivialschule
, die von der spätmittelalterlichen Bewegung zur
humanistischen und reformatorischen übergeht und in
die konfessionalistische einmündet. Die konfessionellen
Streitigkeiten haben in Verbindung mit Feuer und Seuchen
die Schule dem Untergang entgegengeführt. Die
individuellen Geschehnisse haben im wesentlichen nur
ortsgeschichtliches Interesse. Die ungemein reichhaltige
Personalgeschichte ist ein höchst wertvoller Bestandteil
des Buches. Da Trozendorfs nach antikem Muster aufgebauter
, mit einem vollständigen Fiasko endender Schulstaat
jüngst besondere Beachtung gefunden hat (Schulgemeinde
, Schülerrat), mag auf diese humanistische Spielerei
und ihr klägliches Ende besonders hingewiesen werden
. Der Schriftleitung der Gesellschaft für deutsche
Erziehungs- und Schulgeschichte gebührt für die Drucklegung
des Buches ein besonderer Dank. Trotz wiederholten
Aufforderungen hat der Verfasser weder eine
Korrektur noch eine Revision gelesen, sondern stumm
alle Arbeit und Verantwortung der Schriftleitung aufgebürdet
. Sie ist selbstlos genug gewesen, diese ungewöhnliche
, bisher nicht üblich gewesene Arbeitslast auf
sich zu nehmen und in eine Pflicht einzutreten, die eine
Pflicht des Autors gewesen wäre.

Tübingen. O. Scheel.

Hansteen, Carsten: Av det Norske Kristenlivs Psykologi.

Bergen: A. O. Lunde & Co. 1922. (22b S.) = Bibliotheca Nor-
vegiae sacrae I.

Als erster auf norwegischem Sprachgebiet hat Hansteen
den Versuch gemacht, vermittelst eines Frage
Schemas die Psychologie des norwegischen Christenlebens
festzustellen. Die Arbeit, die die Reihe der
„Schriften" des neuen norwegischen kirchengeschichtlichen
Jahrbuchs eröffnet, trägt freilich nur den bescheidenen
Titel: „Aus der Psychologie des norwegischen
Christenlebens". Daß der Verfasser aber mehr hat